Sonntag 8. Januar 2023 | Predigt | Zu Johann Kuhnaus Kantate „Wie schön leuchtet der Morgenstern“

PD Dr. Verena Grüter, Direktorin der Evangelischen Akademie Loccum

Liebe Gemeinde,

am Anfang dieses neuen Jahres feiern wir Gottesdienst im Licht der Erscheinung Gottes. Epiphanias – Erscheinungsfest. Für die meisten orthodoxen Mitchrist*innen auf der Welt ist es bis heute das eigentliche Weihnachtfest. In der dunkelsten Zeit des Jahres, in der auf der Nordhälfte der Erde die Tage ganz kurz sind, feiern wir Gottes Licht. Der Wendepunkt des alten zum neuen Jahr ist eine Schwelle, die wir überschreiten, und dieser Schritt führt ins Ungewisse. Was wird das neue Jahr bringen?! In dem zu Ende gegangenen Jahr scheinen sich unsere Zukunftshoffnungen hinter dunklen Wolken verborgen zu haben. Eine Krise überlagert die nächste: Corona ist noch nicht ganz vorbei, da werden wir plötzlich von Kriegslärm erschreckt, der uns darüber hinaus unsere Verstrickungen in politische Abhängigkeiten und unsere Mitverantwortung für die unwiderrufliche Ausbeutung fossiler Ressourcen auf´s Gewissen legt. Unbefangener Zukunftsoptimismus war gestern. Ungewissheiten machen sich breit. Das Morgen scheint in banges Dunkel gehüllt.

An der Schwelle zum neuen Jahr, mitten hinein ins Ungewisse erklang gerade eine strahlende Musik. Sie führt uns zurück in Zeiten, die auch nicht heller waren als die unsere. Und doch strahlt von ihnen ein Licht bis in unsere Tage. Ich lese aus dem Buch Jesaja im 60. Kapitel die Verse 1 bis 6:

°Steh auf, werde licht, denn dein Licht kommt und der °Glanz Gottes strahlt über dir auf!

2 Schau nur: Finsternis bedeckt die Erde und dunkle Wolken die Völkerschaften,
aber über dir wird Gott aufstrahlen, Gottes Glanz wird über dir sichtbar.

3 Die °fremden Völker werden zu deinem Licht gehen, königliche Herrschaften zu dem Lichtschein, der über dir aufstrahlt.

4 Erhebe deine Augen ringsum und schau! Sie alle sammeln sich, kommen zu dir!
Deine Söhne werden aus der Ferne kommen und deine Töchter werden sicher an deiner Seite sein.

5 Da wirst du schauen und strahlen,
dein °Herz wird erbeben und weit werden,
denn zu dir hin wenden sich die Schätze der Meere, der Reichtum der fremden Völker kommt zu dir.

6 Scharen von Kamelen werden dich bedecken, junge Kamele aus Midian und Efa.
Aus Saba werden alle kommen, Gold und Weihrauch werden sie bringen, die Ruhmestaten Gottes verkündigen sie.

Die ganze Szene ist hell erleuchtet. Es wimmelt nur so von internationaler Politprominenz. Die Augen der ganzen Welt sind auf diesen einen Ort gerichtet. Denn hier wird jetzt Weltgeschichte geschrieben. Königliche Herrschaften, fremde Völker machen sich auf den Weg. Beladen mit Geschenken, machen sie den Menschen in Israel ihre Aufwartung. Ein Staatsempfang – ja, für wen? Für Menschen, zurückgekehrt aus dem Exil, die sich nach ihrer Heimat gesehnt haben und sie aus den Trümmern wieder aufbauen wollten. Doch der Aufbau ging schleppend, edle Materialien, wie sie früher im Tempel verbaut waren, mussten durch billigere Rohstoffe ersetzt werden. Und die Lebenswirklichkeit der Rückkehrer aus dem babylonischen Exil fand nicht recht zusammen mit derjenigen der Menschen, die im Land die babylonische und persische Fremdherrschaft erduldet hatten.

Über diesen ernüchterten, verzagten Menschen sieht der Prophet Gottes Glanz erscheinen. In seiner Vision stehen diese Leute plötzlich im grellen Licht der politischen Weltbühne. Er sieht sie strahlen vor Freude.

Johannes Kuhnau nimmt das Bild von der Völkerwallfahrt zum Zion in seiner Kantate auf – und deutet es um:

Arie Tenor: Kommt ihr Völker, kommt in Haufen,/ kommt und huldigt diesem Kind./ Himmel, Erde, zu den Heiden/ soll sein Szepter ewig weiden/ weil sie dessen Eigen sind.

Inspiriert von Jesajas Vision lässt Kuhnau die Völker in schnellen Sechzehntelläufen herbeieilen. Dabei durchmessen sie die Höhen und Tiefen von Himmel und Erde – und kommen nicht auf dem Berg Zion, wohl aber bei dem Kind in der Krippe an:

Arie erklingt

Szenenwechsel:
Internationale Prominenz erscheint in Jerusalem, Astrologen suchen die Zukunft in der Zentrale der Macht, im Palast des Königs Herodes. Wir haben es in der Lesung aus dem Matthäusevangelium gehört. Wo sonst sollten die Zukunftsforscher auch den Thronfolger suchen, auf dessen Geburt der Stern sie hingewiesen hatte?! Sie wollen dem Kind huldigen, dessen Szepter – so jedenfalls schmückt Kuhnau die Szene aus – Himmel und Erde regiert.

Doch ihr Ansinnen löst keine Freude aus. Im Palast weiß man nichts von der Geburt eines Thronfolgers. Die Nachricht erschreckt Herodes, er sieht die Erbfolge bedroht und die Axt an seinen Thron gelegt. Er beschließt, den Aufstand im Keim zu ersticken.

Für einen Moment scheint es, als wären die Astrologen auf der falschen Spur – ein Phänomen, das sich bis in unsere Tage wiederholt. So sehr wir uns wüschen und mit allen Mittel der Forschung und des Erfahrungswissens den Vorhang über der Zukunft ein bisschen lüften möchten – Zukunftsprognosen bleiben meist ungewiss, das hat uns gerade das zu Ende gegangene Jahr ganz besonders eindringlich vor Augen geführt.

Der Evangelist Matthäus korrigiert jedoch den Irrtum der Astrologen mithilfe einer Weissagung aus der Thora und lässt den Stern weiterwandern, fort vom Zentrum der Macht in den kleinen Ort Bethlehem. Die Sterndeuter finden ein Neugeborenes und seine Mutter, einfache Leute in niedrigen Verhältnissen. Hier wird die Weltgeschichte umgeschrieben. Sie wird nicht mehr erzählt aus der Perspektive der Mächtigen.

Sie wird bewegt von einem verletzlichen Kind. Oder vielleicht besser: Sie wird auf dieses Kind hin bewegt.

Die Umkehr von oben und unten, die Verwandlung von Macht in die Verletzlichkeit eines Neugeborenen und schließlich in den freiwillig ertragenen gewaltsamen Tod lässt Kuhnau in seiner Kantate staunend besingen:

Rezitativ Tenor: Allein, heut wird der Große klein,/ der Sohn, aus Gott geboren,/ wird heut ein Menschensohn,/ als hätt der Himmelsherr sein Himmelreich verloren./ Er wird ein rechtes Opferlamm,/ weil er als Davids höchster Stamm,/ in Davids eigner Stadt/ nur einen Stall zur Wohnung hat.

Szenenwechsel:

Unna im Jahr 1599. In der westfälischen Stadt wütet die Pest. Von den ca. 2.500 Einwohner*innen fallen ihr binnen kurzer Zeit rund 1.400 Menschen zum Opfer. Pfarrer an der Stadtkirche ist Philipp Nicolai, ein strammer Lutheraner und Kämpfer gegen Katholiken und Reformierte. Das schreckliche Erleben der Pest lässt ihn Trost suchen in einem mystisch gewendeten Glauben. Mit seinem Buch Freudenspiegel des ewigen Lebens will er seine Zeitgenossen einladen, in dieser schweren Zeit Trost zu finden in der Hoffnung auf Erlösung durch Christus. Er schreibt:

Es überfiel die Pest mit ihrem Sturm und Wüten die Stadt wie ein unvorhergesehener Platzregen und Ungewitter, ließ bald kein Haus unbeschädigt, brach endlich auch zu meiner Wohnung herein, und gingen die Leute meistenteils mit verzagtem Gemüt und erschrockenem Herzen als erstarrt und halb tot daher (…). Wie denn auch mir eitel traurige Zeitungen und traurige Botschaft zu Ohren kamen von etlichen meiner Schwestern, Blutsfreunden und Schwägern, durch die Pest erwürgt und hingerissen – welches mir meine Bekümmernis vermehrte und so viel mehr Anlass gab, all mein Datum, Herz und Gedanken von der Welt abzuwenden.

In dieser dunklen Zeit sucht und findet Nicolai Trost in der Meditation Christi als des göttlichen Lichtes. Sein Lied Wie schön leuchtet der Morgenstern schlägt den Bogen von den Verheißungen des Ersten zum Ende des Zweiten Testaments. In der Johannesapokalypse findet sich das Christuswort: „Ich bin die Wurzel und die Nachkommenschaft Davids, der leuchtende Morgenstern.“ (Apok. 22,16) Sein von Trauer und Todesangst geplagtes Herz findet Zuflucht in der Betrachtung der Freundlichkeit des Morgensterns Christus.

Johann Kuhnau, als Philosoph, Jurist und Komponist einer der großen Universalgelehrten des 18. Jahrhunderts, wird 1701 Thomaskantor in Leipzig. Er greift Nicolais Lied auf und gestaltet es als Kantate für den Festgottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag. Dessen innige Frömmigkeit weitet er zu einem kosmischen Erlösungsbild, das Himmel und Erde umfasst. Und dabei spannt Kuhnau den Himmel in einem weiten musikalischen Bogen über uns aus:

Arie Tenor: O Wundersohn,/ dein überirdisch Wesen/ hat sich zum Thron/ den ird´schen Leib erlesen/ damit der Mensch, die Erde/zu deinem Himmel werde.

An der Schwelle zum neuen Jahr hören wir von dem Licht Gottes, das in dunklen, ungewissen Zeiten Trost und Hoffnung schenkt. Vor zweieinhalb tausend Jahren sprach der Prophet es den ernüchterten und verzagten Menschen in Israel zu und ermutigte sie, ihre Zukunft anzupacken. Seit der Wende der Zeit lenkt es unseren Blick fort von den Zentren politischer und wirtschaftlicher Macht hin auf ein Neugeborenes aus einfachen Verhältnissen. Und in den Todesschrecken der Pest verbreitete es Trost und Hoffnung.

Uns wird Gottes Licht hier und heute zugesagt in den Worten der Schrift und zugesungen mit Stimmen und Instrumenten in der Musik Johann Kuhnaus, die in unseren Herzen weiterklingt. So hält sie die Verheißung des göttlichen Lichtes wach und lebendig, das auch in unser persönliches Leben und in diese ungewisse Zeit hineinleuchtet. Edith Stein, Philosophin und Ordensfrau, fasste diese Erfahrung in ein Gebet:

Wer bist du, Licht,
das mich erfüllt
und meines Herzens Dunkelheit erleuchtet?
Du leitest mich
gleich einer Mutter Hand
und ließest du mich los,
so wüsste keinen Schritt
ich mir zu gehen.

Amen.