Sonntag, 16. Oktober 2022 | Predigt | „Blumenpredigten – Von der schöpferischen Natur“ Musikalischer Abendgottesdienst

„Blumenpredigten – Von der schöpferischen Natur“ Musikalischer Abendgottesdienst: „Das Gras“ | Musik: Seniorenkantorei Hannover | Predigt: Geistl. Vizepräsident i. R. Arend de Vries, Ltg.: Pastorin Martina Trauschke

Gottesdienst am 18. Sonntag nach Trinitatis      16. Oktober 2022
Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis
In der Reihe „Blumenpredigten“:  „Das Gras“
Geistlicher Vizepräsident i.R. Arend de Vries 



Der 23. Psalm 
(Übersetzung: Martin Buber, Buch der Preisungen) 

ER ist mein Hirt,
mir mangelts nicht.
Auf Gras-Triften 
lagert er mich,
zu Wassern der Ruh
führt er mich.
Die Seele mir
bringt er zurück,
er leitet mich 
in wahrhaftigen Gleisen
um seines Namens willen. – 
Und wenn ich auch gehen muss
durch die Todesschattenschlucht,
fürchte ich nicht Böses,
denn du bist bei mir,
dein Stab, deine Stütze – 
die trösten mich. 
Du rüstest den Tisch mir
meinen Drängern zugegen,
streichst das Haupt mir mit Öl,
mein Kelch ist Genügen. 
Nur Gutes und Holdes
verfolgen mich nun
alle Tage meines Lebens,
ich kehre zurück
zu Deinem Haus
für die Länge der Tage.


Predigt
Liebe Gemeinde,
es gibt häufig Dinge, die gehören zu dem, was wir sehen oder hören oder schmecken, so selbstverständlich dazu, dass wir sie erst wahrnehmen, wenn sie plötzlich fehlen. Dabei sind sie unverzichtbar und typisch für den Gesamteindruck. 
Das kann bei einem Aquarellbild die Grundierung sein. Bei einem rockigen Musikstück das Schlagzeug. Bei einer Pasta-Sauce Zwiebeln und Knoblauchzehen. In einer Kirche die Kerzen auf dem Altar und in einer Küche der Herd. 
So ist es wohl auch mit dem Gras. Oder können Sie sich eine Landschaft ohne Gras vorstellen? 
-	der Innenhof des Landeskirchenamtes hier gleich gegenüber
-	der eigene Garten hinter dem Haus
-	Wiesen, auf denen Kühe im wahrsten Sinne des Wortes grasen
-	die Leine, die sich von Hannover bis Neustadt durch die Landschaft schlängelt 
-	Deiche an der Nordsee
-	die weiten Flächen auf der Schwäbischen Alb. 

All das ist ohne Gras nicht vorstellbar. Das Gras bildet die Grundierung der Natur. Grüne Grundierung. 
Das war wohl auch der Grund, warum das Gras zu den frühen Schöpfungswerken gehört. Ganz am Anfang heißt es: „Und Gott sprach: es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut… und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut… Und Gott sah, dass es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.“ 
Das Gras - erschaffen noch vor den Gestirnen am Himmel, vor allen Tieren in Wasser, Luft, Feld und Wald. Und vor den Menschen. 
Gras bildet die Lebensgrundlage für die nachfolgenden Schöpfungswerke. Wir haben es im Psalmgebet schon ausgesprochen: „Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutzen den Menschen, das du Brot aus der Erde hervorbringst und der Wein erfreue des Menschen Herz.“ 

Haben Sie Erinnerungen, wie Sie einmal im Gras gelegen haben? Als Kind, als Jugendliche oder sogar als Erwachsener? Dabei in den Himmel schauend? Den Geruch in der Nase? 
Wer auf dem Dorf, in der Landwirtschaft großgeworden ist oder gearbeitet hat, kennt diesen Geruch vom Mähen, bevor das getrocknete Gras zu Heu wurde. Und erinnert sich vielleicht auch daran, wie Kühe oder Schafe auf eine neue Weide gelassen wurden und sie gar nicht aufhören wollten mit dem Fressen. 

Auch davon singt ein Psalm: „Singet dem Herrn ein Danklied… der den Himmel mit Wolken bedeckt und Regen gibt auf Erden, der Gras auf den Bergen wachsen lässt, der dem Vieh sein Futter gibt.“ 

Grüne Auen. – Im übertragenen Sinne bringt das auch der Psalm 23 zum Ausdruck. Dieser Psalm, der davon spricht, dass sich ein Mensch umfassend von Gott versorgt, ernährt, behütet weiß: 
-	er weidet mich auf einer grünen Aue
-	er führet mich zum frischen Wasser
-	er erquickt meine Seele
-	er führt mich auf rechter Straße
-	ich fürchte kein Unglück, auch nicht im Tal des Todes
-	er tröstet mich
-	selbst angesichts meiner Feinde ist für mich gesorgt
-	ich werden bleiben – immerdar. 

In der Bergpredigt ist es die Anstiftung zum sorglos-Sein, wenn Jesus das Gras zum Vergleich heranzieht: „Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? - Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?“ 

Gibt es das in Ihrem Leben, diesen Urgrund, der Vertrauen und Zutrauen schafft, der Ihnen Fundament ist und Sicherheit gibt, dass Sie in allem, was Ihnen widerfährt, aufgehoben und bewahrt sind? 
Das kann man sich nicht antrainieren – das wächst. Dieses Grundvertrauen in Gott, dieses sich-sicher-Wissen ist wohl die Summe der Erfahrungen, die wir ein Leben lang mit Gott, mit unserem Glauben machen. Das Gehalten-Werden, das Geborgen-Sein. „In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet?“ 

So führt das Nachdenken über das so unscheinbare Gras uns zu dem unbedingten Vertrauen in Gott, dem ich mich anvertrauen darf und in dessen Hand mein Leben ganz und gar geborgen ist. Dieses Grundvertrauen zu haben ist aber auch nötig, denn am Gras wird auch die andere Seite der menschlichen Existenz sichtbar.

Das grüne Gras, der Rasenteppich, die fruchtbaren Auen – das ist nur die eine Seite. Viel häufiger begegnet uns in der Bibel das Gras in der Form, die genau das Gegenteil von all dem ist: das verdorrte Gras. Wir haben das in diesem Sommer vielfach sehen müssen: der ausbleibende Regen, die langanhaltende Trockenheit haben an vielen Stellen das Gras verdorren lassen. Und wieviel häufiger kommt das vor in Gegenden, wo es schon immer zu trocken und zu heiß ist. 

Und so wird das verdorrende Gras in der Bibel zum Bild für die Endlichkeit, Vergänglichkeit, ja auch Hinfälligkeit des menschlichen Lebens: „Alles Fleisch – also alles menschliche Leben - ist Gras, und all seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt…“

Denn auch das gehört ja untrennbar zu unseren Grunderfahrungen: die ganze Strecke unseres Lebens, unser Lebenslauf, er läuft unentrinnbar zu auf ein Ende. Wir können dank der Medizin das Ende vielleicht verzögern, ein wenig hinausschieben. Aber das Ende ist uns sicher. Mein theologischer Lehrer in Tübingen, Eberhard Jüngel, hat es so formuliert: „Man kann mir alles nehmen, man kann mir sogar das Leben nehmen. Aber den Tod kann mir keiner nehmen.“ So ist der Tod das Ureigene eines jeden Menschen. 

Mit den Worten des 90. Psalms: Die Menschen… “Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.“

Das ist die Grundbefindlichkeit des Menschen. Und es ist letztlich auch nicht eine Frage des Alters. Zwar heißt es im Psalm „Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hochkommt, so sind es achtzig.“ Und es können auch neunzig werden oder mehr. Aber manchmal sind es eben auch nur sechzig oder fünfzig oder noch weniger. 
Der Tod endet das Leben – aber er gehört nicht zum Leben. Er ist der letzte Feind. 

Aber das ist zum Glück nicht alles, was die Bibel sagt:
„Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.  Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“  
So beginnt der Psalm 90. Wir sind endlich - Gott ist es nicht.
Und all unser Nachdenken ist ein Nachdenken von dieser Seite des Todes und es haftete ihm die Erdenschwere noch an. 

Niemand von uns kennt Gott. Jedenfalls nicht so, wie wir einen Nachbarn oder wie einen Familienangehörigen kennen. Wir wissen nicht einmal, ob es Gott gibt. 
Wir glauben Gott. 
Und so lange wir glauben können, müssen wir nicht wissen. 

Gott, der Schöpfer Himmels und der Erde, der Urgrund des Lebens ist die Quelle allen Lebens. Jeder Mensch, von Ewigkeit her gewollt, geliebt und ins Dasein gerufen.
Über jedem von uns in der Taufe ausgesprochen und zugesagt: Du bist von Gott. Du bist von Ewigkeit gewollt und geliebt. Und hinter allem - selbst hinter der dunklen und traurigen Grenze des Todes - haben die Güte und Liebe Gottes, das letzte Wort. 

Wissen tun wir das nicht. 
Aber wir müssen nicht wissen, so lange wir glauben können.
Glauben, dass einer, dass Christus vorausgegangen ist, durch den Tod und aus dem Tod in ein neues Leben – wie immer das aussehen mag. Vielleicht wie grüne Auen, mit frischem Wasser. Auf jeden Fall so, dass ich dort bleiben kann – für immer. 

Diese Bilder sind wichtig. Dann sonst möchte man fast depressiv werden bei all den anderen Bildern vom verdorrten Gras, das uns die Bibel vermittelt. 
Martin Bubers Übertragung von Psalm 23, die wir vorhin gehört haben, ist das Bild, dass begleiten möge: 
„Auf Gras-Triften lagert er mich, zu Wassern der Ruh führt er mich.“
Amen.