Sonntag, 2. Oktober 2022 | Predigt | Bach um fünf Kantatengottesdienst

Bach um fünf Kantatengottesdienst „Ärgre dich, o Seele, nicht“ BWV 186 | Chor: Kammerchor Hannover, Leitung: Nicol Matt | Predigt: Pastor Dr. Stephan Goldschmidt, Ltg.: Pastorin Martina Trauschke

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Auch im 15. Jahr Bach um fünf gibt es noch einige Kantaten aus Johann Sebastian Bachs reichem kompositorischen Schaffen, die noch nicht in der Neustädter Kirche erklungen sind. Freuen Sie sich auf Schätze, die es zu entdecken gilt. 

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Predigt zur Bachkantate „Ärgre dich, o Seele, nicht“ und Markus 8,1-9
Erntedank-Gottesdienst am 2. Oktober 2022 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannes, Hannover
Pastor Dr. Stephan Goldschmidt

Lesung:
Als wieder eine große Menge da war
und sie nichts zu essen hatten,
rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen:
2 Mich jammert das Volk,
denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus
und haben nichts zu essen.
3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe,
würden sie auf dem Wege verschmachten;
denn einige sind von ferne gekommen.
4 Seine Jünger antworteten ihm:
Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde,
dass wir sie sättigen?
5 Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr?
Sie sprachen: Sieben.
6 Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern.
Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie
und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten,
und sie teilten sie unter das Volk aus.
7 Sie hatten auch einige Fische;
und er sprach den Segen darüber
und ließ auch diese austeilen.
8 Und sie aßen und wurden satt.
Und sie sammelten die übrigen Brocken auf,
sieben Körbe voll.
9 Es waren aber etwa viertausend;
und er ließ sie gehen.
1.
Die Menge ist groß. Die Männer und Frauen und Kinder kommen, weil sie Jesus sehen und hören wollen. Jesus spricht zu ihnen mit lauter Stimme. Er ist von allen, die da sind, gut zu hören. Auch wenn an die viertausend Menschen da
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sein sollen. Jesus spricht über Gott und seine Liebe zu uns Menschen. Er stellt Gottes Reich auf überraschende Weise dar. Seine Gleichnisse sind überzeugend. Sie machen aus den Hörenden Liebhaber des Gottesreiches. Mit seinen Gleichnissen zieht Jesus die Leute direkt hinein in das Reich Gottes. Auf eine Weise, der sich die Leute kaum entziehen können. Weil hier alles anders ist als im normalen Leben. Und andere Regeln gelten. Hier sind alle willkommen – ganz gleich, wer sie sind und was sie getan haben. Oder wie viel sie leisten. Auch Zöllner und Sünder sind eingeladen. Und Blinde und Lahme. Frauen wie Männer. Und natürlich Kinder. Zu Gott und auch zu Jesus dürfen alle kommen. Jesus nimmt sie an. Und er spricht auf eine Weise, dass alles andere dahinter zurücktritt. Die Leute vergessen alles. Nichts ist ihnen wichtiger als Jesu Wort. Dabei sieht Jesus aus wie andere Menschen auch. Er unterscheidet sich kaum von den jungen Männern, mit denen er durch das Nordreich zieht.
Dass er ein besonderer Mensch ist, sieht man Jesus nicht an. Das ärgert und irritiert manche. Dass Jesus, in dem wir Gottes Sohn sehen, als Mensch unter uns lebt, ist ja auch ein kühner Gedanke. Jesus, der von Gott Gesandte als Normalo, als völlig normaler Mensch. Das lässt manche daran zweifeln, dass er von Gott gesandt ist. Manche lässt das gar verzweifeln. Doch „Ärgre dich, o Seele, nicht, dass das allerhöchste Licht, Gottes Glanz und Ebenbild, sich in Knechtsgestallt verhüllt.“ So beginnt die Kantate, die heute im Mittelpunkt dieses Gottesdienstes steht. Und die ich ihnen im Dialog mit dem Evangelium für den heutigen Erntedanktag auslegen will. Weil der Kantatentext allein nicht leicht zu verstehen ist. Und uns theologisch an Grenzen führt, vielleicht sogar zu Widerspruch anregt. Zum Glück gibt es die Musik, die den schwerverständlichen und manchmal spröden Text annehmbar macht. Wie so oft bei Johann Sebastian Bachs Kantaten.
An dieser Stelle noch einen Hinweis zur Entstehung der Kantate. Es gibt zwei Fassungen: die Weimarer Version aus dem Jahr 1716 auf einen Text von Salomon Franck, der manch andere Textgrundlage von Bachs Kantaten schrieb. Uraufgeführt am 3. Advent, am 13. Dezember 1716. Und zweitens gibt es die heute hier in diesem Gottesdienst aufgeführte Leipziger Fassung aus dem Jahr 1723, die Bach umarbeitete und vor allem um vier Rezitative erweiterte und damit an die Trinitatiszeit anpasste.
„Ärgre dich, o Seele, nicht, dass das allerhöchste Licht, Gottes Glanz und Ebenbild, sich in Knechtsgestallt verhüllt“, hat der Chor uns eben zugesungen. Wir sollen uns nicht darüber ärgern, dass sich Jesus Christus entäußerte, Knechtsgestalt annahm und ein Mensch wurde wie wir. Jesus lebt in Armut.
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Not und Mangel treffen nicht nur uns, heißt es im zweiten Stück, dem ersten Rezitativ. Dieser Gedanke ist gerade hochaktuell. Not und Mangel sind heute für viele deutlich spürbar. Durch die Inflation und den Preisschub bei Gas und Strom. Doch wir müssen uns in dieser Welt nicht allein mit dem Mangel zurechtfinden. Auch Jesus ist arm. „Er will … selbst arm und elend sein.“ Er hat nur das, was er am eigenen Leib trägt und bei sich hat. Mehr nicht. Kein Haus, nicht einmal einen Rucksack, keinerlei Besitz. Erst recht besitzt er keinen Reichtum. Im Rezitativ klingt es, als ob Jesus Reichtum völlig ablehnt. Denn Reichtum ist des Satans Angel, mit der er uns Menschen anlockt und einfängt. Das hat Jesus erlebt. In der Versuchungserzählung, als er von Gottes Gegenspieler in der Wüste angesprochen wurde. Und der ihm alles Mögliche verspricht, um ihn auf seine Seite zu ziehen.
Reichtum und Armut. Ein Thema, das die Kantate „Ärgere dich, o Seele, nicht“ von Anfang bis Ende durchzieht. Reichtum wird in der Kantate kritisch gesehen. Als das Äußere, das dem Kern des Lebens entgegensteht. Auch Körper und Seele werden hier nicht zusammengedacht. Sondern wie Gegensätze einander gegenübergestellt. Im 4. Stück, dem zweiten Rezitativ, wird der Körper mit einem Kleid verglichen, das nur geborgt ist. Auf das wir bloß nicht zu viel Sorge legen sollen. Sinnvoller scheint es, das Heil der Seele zu suchen, das in Jesus liegt.
2.
Die Menge, die sich seit drei Tagen um Jesus versammelt, sucht ihr Heil bei Jesus. Allein bei Jesus. Die viertausend Leute sind begeistert von ihm als Person und von dem, was er tut. Vor allem aber sind sie erfüllt, von dem, was er sagt. Sie hören seine Worte, seine Gleichnisse. Und vergessen daneben fast alles andere. Selbst der Bedarf nach Essen und Trinken tritt in den Hintergrund. Weil Jesu Botschaft sie anspricht und begeistert. Dass Gott uns Menschen liebt, wie wir sind. Und uns einfach annimmt trotz unserer Fehler. Dass Gott uns zu seinen Kindern erklärt. Das ist spürbar in der Begegnung mit Jesus. Weil er ganz anders ist als die Schriftgelehrten, als die Priester. Jesus setzt sich mit den gesellschaftlichen und religiösen Außenseitern an einen Tisch. Er isst mit ihnen und trinkt mit ihnen. Es ist, als ob das Reich Gottes bei ihm schon begonnen hätte.
4
„Mich jammert das Volk“, sagt Jesus zu seinen Jüngern, „denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen.“ Er will sie nicht hungrig wegschicken. Jesus denkt an die Leute. Er will, dass sie satt werden an Leib und Seele. Fast wie es der Tenor in der Arie (im 5. Stück der Kantate) gesungen hat:
„Mein Heiland lässt sich merken In seinen Gnadenwerken. Da er sich kräftig weist, Den schwachen Geist zu lehren, Den matten Leib zu nähren, Dies sättigt Leib und Geist.“
Jesus will, dass die Leute, die zu ihm kommen nicht nur geistige Nahrung bekommen. Auch der Leib braucht Speise, braucht Brot. „Sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen.“ Eine Feststellung. Die Jesu Jünger als Aufforderung hören. Und die ihnen einen Schrecken einjagt. Irritiert fragen sie Jesus: „Woher sollen wir Brote nehmen? Hier, mitten in der Einöde? Weit und breit entfernt vom nächsten Dorf.“ Jesus aber bleibt cool. Er fragt nach: „Wie viele Brote habt ihr denn?“ Traurig geben die Jünger zurück: „Sieben. Nur sieben Brote. Wie soll das reichen für die vielen Menschen? Für die Viertausend?“ Es ist wie im dritten Rezitativ, dem 7. Stück der Kantate. Die Welt wirkt wie eine Einöde, wie eine endlose Wüste. Die Erde wird zu Eisen. Wo kein Kraut wachsen kann und erst recht kein Getreide. Alles scheint trostlos. Mitten in der Einöde kann man den Mangel nur beweinen. Aber dann wendet sich das Blatt: Jesus spricht über die sieben Brote das Dankgebet, bricht sie und gibt sie seinen Jüngern, die das Brot austeilen. Und über Fische, die sich nun auch finden, spricht der den Segen. Und lässt sie verteilen. Alle essen. Und alle werden satt. Alle Männer, Frauen und Kinder. Viertausend sollen es sein. Und am Ende bleiben noch sieben Körbe voller Brotstücke übrig.
Es ist wie im dritten Rezitativ, dem 7. Stück der Kantate. Auch dort bilden der Mangel und der fehlende Nahrungssegen einen dunklen Hintergrund für ein Wunder. Dass des Heilands Wort – trotz allem Mangel – als höchster Schatz vernommen wird. Und Jesus sich über das Volk erbarmt und über sie den Segen spricht:
„Ja, jammert ihn des Volkes dort, So muss auch hier sein Herze brechen Und über sie den Segen sprechen.“
5
Schluss:
Am Ende werden alle auf wundersame Weise satt. Die Viertausend müssen sich jetzt schon fühlen, als seien sie im Reich Gottes. Alles nimmt seinen Ausgang bei Jesus. Bei seinem Wort, seinem Gebet und seinem Segen über den Broten und Fischen. Es ist wie im letzten Rezitativ, dem 9. Stück der Kantate. Keine Angst vor dem sich abzeichnenden Mangel: „In Jesu Wort liegt Heil und Segen“. Sein Wort ist wie ein Licht auf unseren Wegen. Wer diese Wege geht – selbst wenn sie mitten durch die Wüste oder das finstere Tal führen – wird von Jesu Wort gestärkt. Jesus hält für alle, die sich auf sein Wort verlassen, eine lohnende Zukunft bereit: „Nach vollbrachtem Lauf, setzt er den Gläubigen die Krone auf“.
Am Ende öffnet uns der Heiland die Himmelspforte und lässt uns ein ins Paradies. Vielleicht überspitzt die Kantate hier. Weil sie – typisch für die Barockzeit – das ewige Leben gegen das irdische Leben in Stellung bringt. Das würden heute die wenigsten von uns so sehen. Oder glauben. Wir suchen heute die Auferstehung durchaus schon mitten im Leben. Und haben die Befürchtung, dass die Verheißung des Jenseits lediglich eine Vertröstung sein kann. Und doch ist es gut, mitten im Leben immer wieder daran zu erinnern, dass das Erdenleben begrenzt ist. Und auch unser Leben ein Ende haben wird. Und es danach weitergeht oder weitergehen kann. Und uns durch Christus eine Zukunft verheißen ist: Das Reich Gottes, in dem wir nicht mehr unter Gewalt, Krankheit und Schmerz oder Mangel leiden müssen. Sondern die Krone des Lebens tragen. Die wir von Jesus Christus aufgesetzt bekommen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Amen.