Sonntag, 7. August 2022, Predigt | Bach um fünf Kantatengottesdienst

Bach um fünf Kantatengottesdienst zu Pfingsten „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ BWV 140 (neu) | Chor: Cappella Santa Croce (Bremen), Leitung: JH | Predigt: Pastor Dr. Jan Holzendorf, Ltg.: Pastorin Martina Trauschke

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Auch im 15. Jahr Bach um fünf gibt es noch einige Kantaten aus Johann Sebastian Bachs reichem kompositorischen Schaffen, die noch nicht in der Neustädter Kirche erklungen sind. Freuen Sie sich auf Schätze, die es zu entdecken gilt. 

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Predigt:
Für einen kurzen Moment in dieser Weltzeit stand einmal der Himmel offen und die Hiesigkeit des irdischen Lebens war vor aller Augen eingespannt in die Jenseitigkeit der göttlichen Wahrheit: Da glaubte man die Stimme zu hören, die Jerusalems Erwachen zu einer Stadt des Friedens und der Freiheit versprach. Da glaubte man, was kaum zu glauben ist: Dass die alten Verheißungen endlich Wirklichkeit werden. Dass die Versprechen für dieses geschundene, geschlagene, unterdrückte Volk Israel endlich eingelöst würden, dass ihr Schmerz und ihre Qualen ein Ende hatten, endlich. So groß war diese Verheißung und so klein die bittere Wirklichkeit dieses Volk, dass es zu schön war, um wahr zu sein. Und doch: Für einen kurzen Moment in dieser Weltzeit stand einmal der Himmel offen und da glaubte man die Stimme der göttlichen Wahrheit hineinrufen zu hören in die Hiesigkeit des irdischen Lebens, wie es beim Propheten Jesaja steht:

Wach auf, wach auf, Zion, zieh an deine Stärke! Schmücke dich herrlich, Jerusalem, du heilige Stadt! Schüttle den Staub ab, steh auf, setz dich auf den Thron, Jerusalem! Mach dich los von den Fesseln deines Halses, du gefangene Tochter Zion!

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Für einen kurzen Moment in dieser Weltzeit stand einmal der Himmel offen und die Hiesigkeit des irdischen Lebens war vor aller Augen eingespannt in die Jenseitigkeit dieser göttlichen Wahrheit: Da glaubte man nämlich, diese Stimme laut zu hören, die Jerusalems Erwachen zu einer Stadt des Friedens und der Freiheit versprach. Denn da war ein Mann, der ganz so redete, als wäre es nun so weit. Da war der Gott als Mensch, so sagten manche, da war er nun also und versprach was kaum zu glauben ist: Dass die alten Verheißungen endlich Wirklichkeit werden. Mehr tat Jesus nicht, aber dies tat er in aller Größe und Würde, dass er hinging und versprach, dass er hinging und zeigte, dass er in schlichter Schönheit und in schöner Schlichtheit dies den Menschen bedeutete: Das Versprechen wird nun wahr werden. Gott befreit sein Volk, und was versprochen ist, das wird gleich passieren, das wird kommen, ganz sicher, und es wird allen Menschen gelten. Es wird Gottes Volk gelten in aller Klarheit, aber es wird auch allen anderen Menschen gelten, weil alle Menschen gefangen sind in dieser Welt und in sich selbst. Wach auf, wach auf, Zion, zieh an deine Stärke! Schmücke dich herrlich, Jerusalem, du heilige Stadt! Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes!

Für einen kurzen Moment in dieser Weltzeit stand also einmal der Himmel offen und die Hiesigkeit des irdischen Lebens war vor aller Augen eingespannt in die Jenseitigkeit der göttlichen Wahrheit: Da glaubte man diese Stimme zu hören, die Jerusalems Erwachen zu einer Stadt des Friedens und der Freiheit versprach. Denn da war ein Mann, der ganz so sprach, als wäre es nun so weit: Dass die alten Verheißungen endlich Wirklichkeit werden. Und dann lebte er eine kurze Weile und versprach dies, und dann lebte er eine kurze Weile und zeigte, was das heißen könnte, wenn Gott wirklich da ist und wir wirklich frei. Dann lebte er eine kurze Weile, bevor jemand ihn und damit alle Menschen verriet. Dann lebte er eine kurze Weile, und dann starb er am Kreuz, hing dort, und die Nägel durchbohrten die Hoffnungen der Menschen so wie sein Fleisch. Was er sagte und wie er es sagte, es hatte einen eigenen Zauber und eine Eindringlichkeit, die zu Kopf und Herzen gleichermaßen ging, und in den Worten erkannte man sich und die Welt einmal ganz neu, in nicht gekannter Tiefe, weil man darin Gott erkannte; und dann alles vorbei, mit einem Mal. Vielleicht eine Verdichtung dieses Gefühls, die bei Gottfried Benn zu finden ist:

Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich –
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

Für einen kurzen Moment nur in dieser Weltzeit stand einmal der Himmel offen und die Hiesigkeit des irdischen Lebens war vor aller Augen eingespannt in die Jenseitigkeit der göttlichen Wahrheit: Da glaubte man die Stimme zu hören, die Jerusalems Erwachen zu einer Stadt des Friedens und der Freiheit versprach. Denn da war ein Mann, der ganz so sprach, als wäre es nun so weit: Dass die alten Verheißungen endlich Wirklichkeit werden; auf einmal also ein Wort, ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, ein Flammenwurf ein Sternenstrich noch in den grauesten Seelen – und dann hing er am Kreuz und nichts wurde Wirklichkeit davon. Und wieder Dunkel, ungeheuer, im leeren Raum um Welt und Ich – so schwebten die Seelen weiter durch die Welt, so schwebten sie auch zu Zeiten Bachs noch durch die Welt und riefen und wollten, dass Gott nochmal käme, dass er endlich käme, doch vergeblich. So blieb ihm, Bach, nichts als damit fertig zu werden. Fertig werden mit diesem Leben und den Menschen und mit sich, mit der Endlichkeit der Dinge, mit der Heillosigkeit der Welt: Damit fertig werden durch die Musik. Fertig werden damit, dass es ihm noch ging wie den zehn Jungfrauen. Auch er kannte weder den Tag noch die Stunde, da der Bräutigam kommt, da das Himmelreich kommt, da Jerusalem endlich zur Friedensstadt wird für alle Völker. Er kannte die Stunde nicht und hat sie nicht erlebt, und so hat er uns diese Kantate geschrieben, ihm selbst und uns, die genau davon erzählt: Von der Sehnsucht, dass der Himmel offen steht und die Hiesigkeit des irdischen Lebens vor aller Augen auf Dauer in die Jenseitigkeit der göttlichen Wahrheit eingespannt ist. Erzählt von der Sehnsucht, dass es irgendwann so sein kann, bald, gleich, jetzt: Dass ein Wort, ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, ein Flammenwurf, ein Sternenstrich geschieht und unser Dasein einen Sinn ergibt, der uns übersteigt. Bei Bach schon Wirklichkeit geworden, bildreich inszeniert das Gespräch zwischen Gott und seiner Stadt, dereinst. „Wann kommst du, mein Heil?“ „Ich komme, dein Teil.“ Entgegen allem Anschein entwirft uns Bach dieses Bild vom letzten Zugehen Gottes und seiner Stadt, deren Vereinigung im Duett eine kleine Weile Wirklichkeit wird und dann, mit dem letzten Ton, wieder verklingt.

Denn für einen kurzen Moment in dieser Weltzeit stand zwar einmal der Himmel offen und die Hiesigkeit des irdischen Lebens war vor aller Augen eingespannt in die Jenseitigkeit der göttlichen Wahrheit: Da glaubte man wirklich die Stimme zu hören, die Jerusalems Erwachen zu einer Stadt des Friedens und der Freiheit versprach. Da glaubte man wirklich, Gott im Duett mit seiner Stadt zu hören, vereint. Aber wir sind in derselben Situation wie Bach. Wir hören die Musik, wir hören auf den alten Bibeltext und können uns nur fragen, wann es endlich so sein wird. Wann der Bräutigam kommt und seine Braut Jerusalem zum Ort des Friedens für die Welt macht. Wann er diese neue Welt erwecken wird aus den Trümmern der unseren. Wir hören die Musik, wir hören auf den Text und können uns fragen, jetzt, hier, heute in diesem durch Krisen geschüttelten Sommer: Wo wäre eine Stimme, auf die zu achten sein müsste? Kann es denn wirklich sein, dass der Himmel uns offen steht, irgendwann und jetzt, kann es denn sein, dass Jerusalem schon erwacht, nur eben langsam, immer mehr, bis irgendwann ganz? Das wäre jedenfalls gegen den Anschein der gepeinigten Welt zu glauben. Wenn an einem einzelnen Tag nur, an einem einzigen dieser unserer Sommertage der Raum um Welt und Ich nicht leer wäre, sondern gefüllt mit einem noch so fragilen Frieden, dann wäre das ein Ausblick auf das, was noch aussteht. Und wir wären gespannt und wachsam auf der Seite der klugen Jungfrauen. Unnachahmlich festgeschrieben bei Peter Handke ist dieses Gefühl, in seinem Versuch über den geglückten Tag. Dort heißt es:

„Im Garten sein, auf der Erde sein. Der Gang der Erdrotation ist unstet, so daß die Tage verschieden lang sind, vor allem je nach dem Widerstand gegen die Winde an den Gebirgszügen. Das Glücken des Tages und das Lassen; und das Lassen als Tun: Er ließ vor dem Fenster den Nebel ziehen, er ließ hinter dem Haus das Gras wehen. Auch jenes Von-der-Sonne-sich-bescheinen-Lassen war eine Tätigkeit: jetzt lasse ich sie mir die Stirn wärmen, jetzt die Augäpfel, jetzt die Knie – und Zeit für die Pelztierwärme dann zwischen den Schulterblättern! Kopf der Sonnenblume, der nichts tut, als dem Licht des Tages nachzugehen. Vergleiche den geglückten Tag mit dem Tag Hiobs. Statt „den Augenblick würdigen“ sollte es lieber heißen „beherzigen“. Der Lauf des Tages, gerade mit seinen Engen, bewußtgemacht – ist das nicht schon eine Art von Verwandlung? –, kann mir, wie nichts sonst, bedeuten, wie ich bin! Innehalten in deiner ewigen Unruhe, und es kommt zur Ruhe auf der Flucht. Und indem es zur Ruhe kam auf der Flucht, kam es zum Hören. Hörend bin ich auf der Höhe.“

Amen.

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