Sonntag, 17. Juli 2022, Predigt | „Blumenpredigten – Von der schöpferischen Natur“ Musikalischer Abendgottesdienst

Blumenpredigten – von der wirkenden, schöpferischen Natur

Die Rose

Musik: FrauenVokalEnsemble St:Michael Hildesheim KMD Angelika Rau-Čulo, Leitung und Klavier | Orgel: Jonathan Hiese | Predigt: Landessuperintenden i. R. Oda-Gebbine, Ltg.: Pastorin Martina Trauschke

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PREDIGT:

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Predigt zur Blume „Vergiss mein nicht“
Kennen Sie eine Pflanze, eine Blume, die in ihrem Namen ein ganzes Lebensprogramm enthält? Wie das Vergissmeinnicht? Als mich Martina Trauschke bat, mich an der Reihe „Blumenpredigten“ zu beteiligen, wählte ich die Blume mit dem lateinischen Namen Myosotis. Zu Deutsch: Vergissmeinnicht. Sie ist eine schlichte Blume. Weniger eine Zierpflanze wie manche anderen in dieser Reihe dargestellten Blumen. In der Regel wächst sie frei in der Natur, auch auf sumpfigem oder feuchtem Boden. Sie blüht in der Regel im Frühjahr. Meist blau. Und kommt in ganz Europa vor, aber auch in Asien und Nordamerika. Das Besondere an dieser Blume ist ihr Name: Vergissmeinnicht. Wäre er nicht zusammengeschrieben, wäre er eine Aufforderung. Ein Imperativ, den oder die nicht zu vergessen, der oder die uns die Worte zuspricht: Vergiss mein nicht!
Darum gilt das Vergissmeinnicht an vielen Orten dieser Welt als Liebessymbol. Und als Blume der Erinnerung. Eine ganze Lebenseinstellung können wir in den drei Wörtern erkennen, die den Namen dieser Blume bilden: Vergiss mein nicht! Gilt die dahinterstehende Aufforderung nur in der partnerschaftlichen Liebe? Oder in jeder Liebesform? Also auch in Gottes Liebe, die ja die Grundlage der Liebe ist, die sich zwischen uns Menschen auf sehr unterschiedliche Weise ereignet? Zwischen Partnerinnen und Partnern, zwischen Eltern und Kindern? Zwischen Freundinnen und Freunden? Ich bin davon überzeugt, dass das Vergissmeinnicht diese verschiedenen Ausprägungen der Liebe anspricht.
Als Predigttext lese ich einen Abschnitt aus dem 49 Kapitel des Propheten Jesaja:
Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden. Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen. Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.
Jesaja 49,13-16a
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Liebe Gemeinde,
ist hier nicht das Lebensprogramm der Blume Vergissmeinnicht ausgeführt? Hier kommt doch genau das vor, was wir mit dieser Blume verbinden: Eine Gruppe fühlt sich übersehen. Und ruft ihrem Gesprächspartner zu, das zu ändern. Sie möchten nicht verlassen und vergessen sein. Ein nachvollziehbarer Anspruch, den jeder von uns mitgehen kann. Und dann die tröstliche Zusage an diese Gruppe, nicht übersehen zu sein und keinesfalls vergessen zu werden. Und schließlich das großartige Bild, sogar in die Hände des Anderen eingezeichnet zu sein.
Lassen Sie uns dieses Gespräch und den Prozess, der dahinter liegt, nun nach und nach bedenken. Wir beginnen mit dem Vorwurf, nicht recht wahrgenommen zu werden. Und einfach vergessen zu sein.

  1. Sich vergessen fühlen
    Den Namen Vergissmeinnicht trägt unsere Blume schon seit dem 15. Jahrhundert. Kein Wunder, dass es zahlreiche, sehr unterschiedliche Sagen und Legenden gibt, die sich um den Namen unserer Blume ranken. Wie dieser Name entstanden ist. Meist geht es um die große Liebe. Oder um die Mahnung zur Treue, an die die Blume erinnern soll. Aber vor allem steckt in der Aufforderung, nicht vergessen zu werden, zunächst eine große Lebensangst: Die Angst, übersehen oder – noch schlimmer – vergessen zu sein.
    Die Worte „vergiss mein nicht“ tragen also ein Stück Zweifel in sich, die Sorge, trotz allem Schönen im Hintergrund zu stehen. Und immer mehr vergessen zu werden oder bald schon ganz und gar vergessen zu sein. Bei Jesaja wird dies sehr deutlich, wenn Zion, also die Stadt Jerusalem diese Angst auf Gott überträgt. Sie spricht: „Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.“ Hier wird aus dem Vergissmeinnicht geradezu eine Klage. Eine Klage an Gott, dass er nicht das tut, was er in unseren Augen tun soll. Und was die Beter von ihm erwarten. Statt achtsam auf die Seinen zu blicken, scheint Gott seine Stadt, in der sein Tempel steht, allein zu lassen. Als ob er die Seinen vergisst. Und sie in die Hand der mächtigen Feinde aus dem Zweistromland gibt.
    Wir merken: „Vergiss mein nicht“ ist eine Aufforderung innerhalb einer wie auch immer gearteten Beziehung. Es gibt die, die die Worte „vergiss mein nicht“ aussprechen. Der oder die sich vergessen vorkommen. Der oder die
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    darunter leiden, dem Gegenüber unwichtig zu werden. Die Angst, dass der Andere die Augen verschließt. Oder sie einem anderen zuwirft. Zion sucht nach Resonanz, nach Rückmeldung von oben. Die Bewohner der Stadt Jerusalem wollen spüren, dass Gott bei ihnen ist. Sie wollen eine Antwort auf ihren Glauben an den einen Gott. Und vor allem wollen sie merken, dass er sie nicht alleinlässt oder gar vergisst. Das ist ein großer Wunsch an Gott, der sich – wie viele unter uns wissen werden – immer nur punktuell erfüllt. Vielleicht ist die Zeit, in der Gott abwesend wirkt, das Übliche. Vielleicht ist dieses Gefühl gerade heute die Normalität. Und so wird der Name unserer Blume zu einer geradezu existenziellen Aufforderung an Gott, uns nicht zu vergessen. Uns nicht allein zu lassen trotz Krieg in Europa. Oder in der immer noch vorhandenen und gerade wieder anwachsenden Pandemie.
  2. Nicht vergessen sein
    Doch auch, wenn wir Menschen uns in den Krisen unseres Lebens und unserer Welt von Gott immer wieder alleingelassen fühlen, ist das eine einseitige Sichtweise. Aus Gottes Perspektive sieht das komplett anders aus: Gott lässt uns nicht im Stich. Er steht zu uns. Jesaja vergleicht Gott mit einer Mutter, die stets zu ihrem Kind hält. Egal, wie es sich verhält. Selbst wenn das Kind etwas Dummes oder Böses tut, als Mutter wird sie immer auf seiner Seite stehen, ihr Kind weder vergessen noch allein lassen.
    Und selbst wenn der unwahrscheinliche Fall geschehen sollte, dass eine Mutter ihr Kind vergisst: Gott wird uns nie vergessen, sagt Jesaja. Gott bleibt bei uns, was auch kommen mag. Er vergisst uns Menschen nicht. Am wenigsten die, die sich auf ihn verlassen, die ihm vertrauen und an ihn glauben. Genau dafür gibt Jesaja uns ein Bild: Gott hat die Seinen in seine Hände gezeichnet. Er kann uns gar nicht vergessen. Weil die Stellen in seinen Händen ihn immer wieder an uns erinnern.
    Nun mag sich der eine oder die andere vielleicht fragen, ob wir dieses Bild auf uns beziehen können und beziehen dürfen. Natürlich wissen wir, dass wir zu Gott gehören. Dass wir die Seinen sind. Aber bei Jesaja ist das Bild vom Zeichnen in die Hände ja Gottes Antwort auf Zion, auf die Stadt Jerusalem, deren Einwohner sich von ihm verlassen und vergessen fühlen. Damals vor mehr als zweieinhalb Tausend Jahren. Und tatsächlich gilt diese Zusage zuerst dem ersterwählten Volk Gottes.
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    Als Christen sind wir aber überzeugt, dass auch wir von Gott erwählt sind. Und dass Gott die Seinen in seine Hände gezeichnet hat – als Beweis für seine immerwährende Treue: Ist das nicht ein Bild, das gerade für uns Christen eine Verbindung herstellt zu Jesus und seinen gezeichneten Händen? Die ans Kreuz genagelt werden? Und die noch nach seiner Auferstehung in den weiterhin sichtbaren Wundmalen zeigen, wie wichtig wir ihm sind? Als habe uns Jesus am Kreuz in seine Hände gezeichnet. Und wir darum niemals vergessen sind. Nicht von ihm und nicht von Gott, der wie eine Mutter zu uns hält.
    Schluss:
    Die Blume Vergissmeinnicht zeigt uns ein ganzes Lebensprogramm. Die drei Worte, aus denen ihr Name gebildet ist, sind eine Aufforderung. Ein Imperativ, den oder die nicht zu vergessen, die die Worte zu uns spricht: Vergiss mein nicht. Heute mag es anders sein als zur Zeit Jesajas. Dass nicht die notgeplagten Bewohner Jerusalems zu Gott sagen: „Vergiss mein nicht!“, sondern dass es Gott ist, der diese Worte sagt und an uns richtet. Wir leben ja in einer Zeit, die manche als gottvergessen bezeichnen. In der Gott immer mehr vergessen wird. Und wenn wir ehrlich zu uns sind, dann leben selbst wir Christen heute manches Mal so, als gäbe es Gott nicht. Oder als bräuchten wir ihn nicht.
    Wenn nun Gott zu uns spricht: „Vergiss mein nicht!“, wie antworten wir? Überhören wir seinen Ruf? Oder antworten wir ihm? Und machen uns die Antwort, ihn nicht zu vergessen zu unserem Lebensprogramm? Nicht perfekt, sondern so einfach und schlicht wie die Blume Vergissmeinnicht. Die keine Zierpflanze ist, sondern frei in der Natur wächst, auch auf einfachem, sumpfigem Boden. Und die nicht das ganze Jahr über blüht, aber doch regelmäßig im Frühjahr. Herrlich blau. Blau wie der Himmel.
    Amen.