Sonntag, 15. Mai 2022, Predigt | „Blumenpredigten – Von der schöpferischen Natur“ Musikalischer Abendgottesdienst

Blumenpredigten – von der wirkenden, schöpferischen Natur

Die Hortensie

Musik: BläserkreisHannover | Orgel: Jonath. Hiese | Predigt: Dr. Karoline Läger-Reinbold., Ltg.: Pn Martina Trauschke

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PREDIGT:

Dr. Karoline Läger-Reinbold
Predigt an Kantate 15. Mai 2022, Neustädter Stadt- und Hofkirche Hannover
In der Reihe der Blumenpredigten: Die Hortensie
Liebe Gemeinde,
üppiges Violett in allen Schattierungen.
Zartes, aber auch kräftiges Blau.
Dunkle Rosé-Töne, knalliges Pink, dazu Weiß und Crème-Töne in allen Nuancen.
Mich fasziniert sie, die Blüte der Hortensie.
Riesige Dolden in Schneeball- oder Kugelform, eine opulente Pracht an großen Sträuchern, eine Augenweide für den ganzen Sommer, wenn sie genügend Wasser bekommt.
Ich erinnere einen Urlaub in der Bretagne, in dem ich mich nicht daran sattsehen konnte, mit dem Handy unterwegs immer wieder Fotos machte, wenn ich an einem Garten vorbeikam, in dem eine oder gleich mehrere Hortensien blühten. Die Färbung der Blüten ist abhängig vom pH-Wert des Bodens und des Gießwassers, kundige Gärtnerinnen und Gärtner helfen also manchmal etwas. Und selbst die getrocknete Blüte ist noch wunderschön.
Mit den Worten von Rilke:
So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
Und dann diese Namen! „Candlelight“, „Endless Summer“, „Forever and ever“, „You and me“. Eine Einladung um Träumen.
Auch die Herkunft und botanische Bezeichnung beflügelt die Fantasie: Ursprünglich stammt sie aus Südostasien, 1739 wurde sie durch den Botaniker Jan Frederik Gronovius als „Hydrangea“, Wasserkrug, bezeichnet und 1753 von Carl von Linné so katalogisiert.
Der Name „Hortensie“ lässt sich herleiten von Lateinisch „Hortus“, dem Garten. Dieser Name geht auf den französischen Botaniker Philibert Commerson zurück, der damit vielleicht auch seine Herzensdame ehren wollte – entweder die französische Mathematikerin und Astronomin Nicole-Reine ‚Hortense‘ Lepaute oder seine Geliebte und Lebensgefährtin, Jeanne Baret, eine französische Naturforscherin. Diese begleitete ihn – als Mann verkleidet – von 1766-68 auf der Weltumsegelung von Louis-Antoine de Bougainville, bei der es darum ging, neu entdeckte Tier- und Pflanzenarten zu benennen. Zusammen sammelten sie rund 6000 Proben. Als Baret in Tahiti als Frau enttarnt wurde, verbarrikadierte sie sich anschließend auf dem Schiff und ging dann zusammen mit Commerson in Mauritius von Bord.
Üppig und verschwenderisch, vielfältig und schön. So präsentiert sich die Blüte der Hortensie von Beginn des Sommers bis in den Herbst, anspruchslos und pflegeleicht, bis auf den Wunsch nach Wasser praktisch unberührt von den Unbilden der Zeit. Aber dass uns in diesem Frühjahr der Regen fehlt, das haben inzwischen nicht nur die Gärtnerinnen und Gärtner unter uns bemerkt.
Die Hortensie will also nicht nur in ihrer Ästhetik gesehen werden. Sie ist, wie jede Pflanze, auch Teil unseres Ökosystems, theologisch gesprochen: der Schöpfung. Dekorativ eingehegt in die Lebensräume der Menschen, ist sie mehr als ein Schmuckstück – ein lebendiges Wesen, kein Objekt. Und schon sind wir mitten in den Widersprüchen, die so kennzeichnend sind auch für das Barock: Der ewige Kampf von Ordnung und Chaos, im Garten der Widerstreit von Kultur und Natur, der Traum vom Sieg des Gestaltungswillens über die Kraft und den Eigensinn des ungezügelten Wachstums der Pflanze.
Der Schönheit Geltung zu geben, das heißt: Sich einzulassen, auch auf ihre mitunter kapriziöse Art. Eine gute Übung, finde ich, in diesen seltsamen Zeiten. So viele Gegensätze! Es ist Krieg in Europa. Die einen bangen jeden Tag um ihre Existenz – und Anderen geht es so gut wie niemals zuvor.
Für die einen ist die Pandemie längst vorbei, die andern sehen sich tagtäglich mit ihren Auswirkungen konfrontiert:
Die Arbeitskollegin, die nach ihrer Covid-Infektion nur langsam wieder auf die Beine kommt. Die alten Eltern im Pflegeheim, die sich aus Furcht vor Ansteckung noch unverändert isolieren. Die Geschäftsfrau, deren kleines Business nach all den Einschränkungen noch immer am Boden liegt.
Wie bekomme ich das logisch zusammen? Wie gelingt gutes Leben, ohne dass es uns völlig zerreißt?

Da wird die Politikerin dafür kritisiert, dass sie mit der Familie über Ostern Urlaub macht. Ja, vielleicht hätte sie es nicht so an die große Glocke hängen sollen, keine Fotos auf Instagram, das sowieso nicht. Aber es ist so einfach, sich zu empören.
Ist Erholung nicht gerade auch in anstrengenden Zeiten ein gutes Recht für jeden arbeitenden Menschen? Ich werde den Eindruck nicht los, dass diese Art von Debatten uns nur vom Eigentlichen ablenken wollen. Uns in die Irre führen, die Menschen gegeneinander auf- und nicht zusammenbringen.
Und ich frage mich: Geht es nicht vielmehr um die Kunst, das eine über dem anderen aus dem Blick zu verlieren? Da ist gerade so viel Schweres und Schwieriges, das unsere Aufmerksamkeit und Kraft braucht. Erst recht, wenn wir Verantwortung tragen, in der Politik, im Beruf, oder in der Familie.
Je anstrengender das Leben wird, desto größer wird die Sehnsucht nach dem Schönen und Guten, nach dem Erhabenen – oder manchmal auch nur nach dem Leichten und Seichten. Die Ukraine feiert ihren Sieg im ESC. Wunderbar, und ganz Europa feiert mit! Lasst uns die Freude nicht verlieren an dem, was uns Spaß macht, was uns guttut und gefällt. Lasst uns die schönen Dinge nicht verloren geben, nur weil die Welt fies ist und hässlich und grau.
Die Lesung aus dem Kolosserbrief erinnert die Gemeinde an einen achtsamen und rücksichtsvollen menschlichen Umgang:
Kol 3,12-1: So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Ein einziger Aufruf zum guten Benehmen. Das beginnt schon mit der Anrede: Liebe Gemeinde – ihr seid doch nicht irgendwer! Ihr seid die Auserwählten Gottes, seine Heiligen und Geliebten. Und nicht aus euch selbst seid ihr so – sondern weil Christus euch dazu gemacht hat.
So seht euch an, mit Gottes Augen und durch die Brille der Liebe. Ertragt euch. Vertragt euch. Ihr haltet es aus, wenn ab und zu einer daneben ist. Demut, Sanftmut, Geduld, mit diesen altmodischen Tugenden kommt ihr weiter als mit Krawall und Geräusch. Denn der Glaube

verbindet euch nicht nur mit Gott, er verbindet euch auch mit den anderen.
„Über alles aber zieht an die Liebe“ – sie ist der Schlüsselbegriff dieses Textes, das Band der Vollkommenheit. Die Liebe zum anderen, die bedeutet, dass mir sein Schicksal nicht egal ist. Eines der berührendsten Bilder dieser Woche war ein Foto, das Außenministerin Baerbock in Kiew zeigt. Sie umarmt ihren ukrainischen Kollegen Kuleba wie einen alten Freund, den sie lange nicht gesehen hat. Diese Umarmung, nur ein paar Sekunden, in denen deutlich wird: Ich sehe, wer du bist, und was ihr hier mitmacht. Eine Lösung, eine Antwort auf die Probleme und Sorgen hat nach wie vor niemand griffbereit. Wir werden uns vielleicht auch nicht in allem einig. Aber für diesen kurzen Moment ist es gut.
Das Gute, das Schöne, das Positive zu sehen und zu würdigen. Sich zu freuen an dem, was gelingt, und sei es doch „nur“ eine prächtige Blume. Das Leben feiern, da, wo es schön ist. Das ist kein Eskapismus, keine Flucht in die Banalität, es ist die Kunst, den Augenblick zu loben.
Und es ist nötig, hilfreich und richtig, Gottes zu gedenken in diesen Momenten, ihn mit einzubeziehen. Ihm dankbar zu sein, zu feiern, zu singen. Sich zu freuen an der Schönheit der Gärten, an der Blüte der Hortensie, am Gesang der Vögel, am Klang der Musik. Die Perspektive wechseln, weg von den negativen Meldungen, hin zu dem, was uns stark macht und Hoffnung gibt. Der Auferstehung glauben, nicht dem Grab. Für Christinnen und Christen eine ständige Übung. Der Blick in die Gärten kann helfen dabei:
„Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen in einer von den Dolden, und man sieht ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.“
(Rilke, Blaue Hortensie)
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus. Amen.