Sonntag, 20. März 2022, Predigt | „Blumenpredigten – Von der schöpferischen Natur“ Musikalischer Abendgottesdienst

Blumenpredigten – von der wirkenden, schöpferischen Natur

Die Mimose

Musik: FrauenChor Hannover, Ltg.: Biljana Wittstock | Orgel: Jonath. Hiese | Predigt: Dr. Anke Klose, Psy., Ltg.: Pn Martina Trauschke

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Es ist mir eine Freude, das Thema der Blumenpredigten für 2022 anzukündigen. Ein wunderbarer Grund ist das Hochzeitsfenster mit dem vielfältig, farbenfreudigen Blumenkranz, das Herzog Johann Friedrich bei seiner Hochzeit mit der Herzogin Benedicte 1669 der Hof- und Stadtkirche stiftete. Ein zweiter Grund ist die Entdeckung der Tradition der Pflanzenpredigten in der evangelischen Kirche, die Schönheit der Blumen wurde zur Inspiration ihrer symbolischen Bedeutung. Lassen Sie sich von Blumen und Blüten überraschen, ihrer sinnenhaften Schönheit und ihrem symbolischen Sinn. Inspiration zu dieser Gottesdienstreihe.

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GOTTESDIENST feiern wir – gemeinsam auf Abstand! Wir haben momentan 208 Sitzplätze in der Kirche. Bitte setzen Sie sich nur auf die zugewiesenen Plätze! Bitte betreten Sie die Kirche nur mit Mundschutz! Bitte halten Sie Abstand zueinander!

AKTUELLE CORONA-HINWEISE
Die elektronische Anmeldepflicht erstrecken wir auf alle Gottesdienste. Bewährt und einfach geht das über den Link: https://hofundstadtkirche.gottesdienst-besuchen.de. Mit der Anmeldung haben Sie eine Zusage für einen oder zwei Sitzplätze. Eine bestimmte Platzreservierung ist damit nicht verbunden.
Erforderlich ist weiterhin das Tragen einer medizinischen Maske (nach Möglichkeit einer FFP2 Maske, sonst auch einer OP-Maske) für den gesamten Gottesdienstbesuch, also auch am Sitzplatz. Nur so darf auch während des Gottesdienstes mitgesungen werden.

Um die nötigen Abstände zu wahren, sind viele Stühle mit Bändern gesperrt. Sie können sich leider nur auf einen Stuhl ohne Bänder setzen! Links im Kirchenschiff befinden sich Einzelplätze. Auf der rechten Seite jeweils zwei Plätze für Personen aus demselben Haushalt. Auf der Empore markieren grüne Zettel die verfügbaren Sitzplätze.
Wenn Sie keinen Zugang zum Internet haben sollten, bringen Sie bitte einen bereits ausgefüllten Anmeldezettel mit Namen, Anschrift und Telefonnummer mit. Sie finden diese in der Kirche zum Mitnehmen für Ihren Besuch.
Die Anmeldungen werden entsprechend den Datenschutzbestimmungen nur für Nachfragen des örtlichen Gesundheitsamts aufbewahrt und zu keinem anderen Zweck verarbeitet. Sie werden nach drei Wochen vernichtet.


PREDIGT:

Blumenpredigt über die Mimose
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm
Vater und dem Herrn Jesus Christus
Liebe Gemeinde,
als mir Frau Pastorin Trauschke kurz vor Weihnachten erzählte, dass sie für
das kommende Jahr Blumenpredigten plant, war ich sofort begeistert von
dieser sehr schönen Idee. Ich liebe Blumen, weil mich ihr Anblick genau wie
Musik auf einer anderen Ebene als der Verstandesebene erreicht. Ich
glaube, der Anblick von Blumen rührt an meine Seele. Wegen ihrer Vielfalt,
ihrer bunten Farben, ihrer Einzigartigkeit, ihrem Einfach-Sein, ihrer Schönheit
und Vollkommenheit.
Blumen sind genau wie wir Menschen Teil der Natur und wir sind als
Lebewesen alle miteinander verbunden. Wir sind Teil von Gottes
grossartiger Schöpfung und damit ist jeder Mensch auch einzigartig, schön
und vollkommen. Leider sind wir Menschen uns dessen oft gar nicht mehr
bewusst. Ich sehe es als Psychotherapeutin als meine Aufgabe an,
Menschen, die sich mir anvertrauen ,dabei zu helfen, ihre Vollkommenheit
und Schönheit zu entdecken und zu entfalten. Es gibt eine Gruppe von
Menschen, die gar nicht so klein ist, nämlich etwa 20 % der
Gesamtbevölkerung, die wegen einer besonderen intuitiven Begabung spürt,
dass Leben und Liebe genau das bedeuten.
Diese menschliche Gruppe möchte ich Ihnen gerne näher bringen und auch
ihr Pendant in der Welt der Blumen: die Mimose.
Zunächst stelle ich Ihnen die Mimose vor. Die Mimose ( Mimosa pudica),
auch Schamhafte Sinnpflanze genannt ist eine tropische Pflanzenart in der
Unterfamilie der Mimosengewächse. Oft werden auch als Ziergehölze
kultivierte Akazien ( Acacia) als „ Mimosen“ bezeichnet. Letztere sind
bedornte Ziersträucher, Bäume oder Kletterpflanzen mit einem großen
Verbreitungsgebiet von Afrika, Kleinasien über Indien bis in den Himalaya, in
Mittelamerika, vor allem jedoch in Australien. Das Laub ist sommergrün, aber
es gibt auch immergrüne Arten. Die Blüten sind alle gelb oder weiss mit
runden oder ovalen, feinen, meist wohlduftenden Quastenblütchen. Die
Standorte sind fast alle subtropisch bis tropisch..
Mimosa pudica ist in Brasilien beheimatet und blüht rosa bis hellviolett.
Es gibt kaum eine Blumengattung, die so anpassungsfähig an komplizierte
Standorte ist wie die Mimose.
Die sensible Mimosa pudica, die bei leichter Berührung schon ihre feinen
Fiederblätter schließt, ist die Attraktion jedes botanischen Gartens. Genau
wie die Acaciablüten reagieren die Blüten der Mimosa pudica sehr
empfindlich auf Abschneiden und trockene Luft. Karl Krolow hat sie exakt
porträtiert:“ Aber bitte, dieses Gelb oder Rosa ist so erschrocken, weil es
blüht. Es genügt eine Kleinigkeit für eine Sensitive. Der Reiz ist immer zu
heftig. Ich lebe erschrocken. Ich kann nicht anders: auf der Flucht vor
Berührung durch Leben, das stärker ist. Es genügt ein Augenblick und mein
eigenes stirbt vor Empfindung.“
Alles begann für den berühmten Harvard-Professor und Angstforscher
Jerome Kagan mit Baby 19. Es ist 1989 und der Forscher hat Mütter mit
ihren 4 Monate alten Kindern zu einem Besuch in sein Labor eingeladen.
Einzeln werden die Babys, ohne Blickkontakt zur Mutter, in einen
videoüberwachten Raum gebracht. Plötzlich knackt es merkwürdig aus
einem Lautsprecher und eine Stimme ertönt, die fragt: „ Hallo Baby, wie geht
es dir denn heute?“ Dann wird ein Mobile vor den Augen des Kindes
aufgehängt und wäre das alles nicht schon verwirrend genug, betritt auch
noch ein Versuchsassistent den Raum und tröpfelt dem Säugling ein wenig
Zitronensaft auf die Zungenspitze. Als der Versuch abgeschlossen ist, zieht
sich Professor Kagan mit den Videoaufnahmen zurück. Die ersten 18 Bänder
zeigen ähnliche Bilder: brabbelnde Babys, die interessiert beobachten, was
um sie herum geschieht. Doch als Kagan das 19.Band einschiebt, erscheint
auf dem Bildschirm ein Kind, das sich ganz anders verhält. Baby 19 ist ein
Mädchen, das verzweifelt schreit und aufgeregt mit Armen und Beinen
zappelt. Warum reagiert dieses Kind so vollkommen anders als die anderen?
Schließlich wurden Baby 19 genau die gleichen Reize präsentiert. Die
Stimme, das Mobile, der Zitronensaft, all das weckte in den anderen Kindern
Neugier. Baby 19 hingegen erlebte die blanke Angst.
Professor Kagan und sein Team führten den oben beschriebenen Versuch
mit Hunderten weiterer Säuglinge durch und stellten bei der Auswertung fest,
dass sich rund 20% der Kinder wie Baby 19 verhielten. Kagan nennt sie
„ High Reactives“ , hochreaktive Typen. Kagan konnte zeigen, dass sich
Kinder im Alter von 4 Monaten stark in ihren Angstreaktionen
unterscheiden.In ihrem kurzen Leben kann das Umfeld noch keine allzu
große Rolle gespielt haben. Damit hatte Kagan das Temperament der Angst
entdeckt- die angeborene Tendenz, sich von Unbekanntem stark
abschrecken zu lassen. Alle Kinder wurden bis zum Alter von 18 Jahren
immer wieder aufgesucht. Dabei stellte sich heraus, dass schon im Alter von
4 Jahren die Wahrscheinlichkeit ängstlicher und vorsichtiger zu sein vier mal
höher ist als bei den Low-Reactives. Bis zum achten Lebensjahr hatte fast
die Hälfte aller Hochreaktiven Angstsymptome wie Schüchternheit in der
Schule oder Angst vor Dunkelheit entwickelt. Auch erweist sich das mit vier
Monaten entdeckte Temperament als sehr beständig. Im Alter von 11 Jahren
haben nur 5% „ die Seiten gewechselt“. Als die ehemaligen Babys 2007
volljährig wurden, untersuchte der Harvard-Psychiater Carl Schwartz 76 von
ihnen im Hirnscanner. Baby 19 war auch dabei. Sofort fiel ihre Amygdala
( der Mandelkern im limbischen System des Gehirns) auf, die im Vergleich
mit den anderen deutlich aktiver ist. Hochreaktive Kinder haben als
Erwachsene eine Amygdala, die wie ein sehr sensibler Feuermelder schon
beim kleinsten Funken den Angstalarm schlägt.
Angst gilt heute als eine negative Kraft, die es zu überwinden gilt.Kinder
werden zu breiter Brust und zu Selbstbewusstsein ermuntert. Mutig möchten
wir sein! Angst ist Schwäche und stört damit in einer Gesellschaft, die
Leistung und Erfolge erwartet. Das unangenehme Gefühl passt nicht in das
Konzept von Menschen, die sich immer gut fühlen wollen. Bekämpfe und
besiege deine Angst raten deshalb Selbsthilferatgeber und Lifecoaches. Den
Angstfreien winkt ein besseres Leben!
Aber ist das wirklich so? Ich denke „ Nein“.
Waren Ihnen die Informationen über Mimosen bekannt, die ich Ihnen gerade
vorgelesen habe? Mir nicht. Ich wußte nur, dass es Mimosen gibt und dass
diese Pflanzen keinen besonders guten Ruf haben, weil sie so
überempfindlich sind. Der eine oder andere von Ihnen kennt vielleicht
Aussprüche von den Eltern oder vom Partner: „ Warum bist du eigentlich
immer so eine Mimose?“ oder „Reiß dich einfach mal zusammen und
benimm dich nicht wie eine Mimose!“
Die meisten Menschen, die diese Sätze sagen, sind ganz sicher keine
Gärtner oder andere Pflanzenexperten und sie wissen nicht, welch
wunderbare komplexe Blumen Mimosen sind. Sie kennen nur eine einzige
Eigenschaft, nämlich die grosse Empfindlichkeit gegenüber Aussenreizen.
Wenn sich ihr Kind empfindlich zeigt, wenn es Angst hat, weint oder wütend
wird, kann das Eltern überfordern und an ihre Grenzen bringen. Vor allem,
wenn sie selbst nie gelernt haben, bei sich Gefühle zuzulassen.
Alle Kinder und ganz besonders hochsensible Kinder nehmen sich die
Reaktionen ihrer Eltern sehr zu Herzen und denken: „ Wenn meine Mutter
mit mir schimpft, wenn ich Angst habe und mich eine Mimose nennt, dann ist
es besser, ich habe keine Angst mehr und zeige sie vor allem nicht.“ Sie
lernen dadurch, ihre Gefühle zu unterdrücken. Die Eltern von Baby 19
verhielten sich anders. Sie nahmen die Angst und die große Empfindsamkeit
ihres Kindes ernst, verurteilten ihre Tochter vor allem nicht und brachten ihr
bei, dass Empfindsamkeit eine Gabe ist und wenn sie zum Leiden wird, wie
sich das Mädchen und später die junge Frau schützen kann. Aus Baby 19
wurde eine sehr selbstbewußte Frau, die in Harvard studierte und dann an
die Wall Street ging, an einen der forderndsten Arbeitsplätze, den man sich
vorstellen kann.
Hochsensible Menschen fühlen sich durch vieles, das uns allen im Alltag
begegnet regelrecht bedroht: z.B. durch Lärm, viele Menschen, zu helles und
grelles Licht, aggressive und laute Menschen.
Im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen haben wir Menschen ein
Bewusstsein und sind in der Lage, uns an die Erfordernisse unserer Umwelt
anzupassen. Das ist in manchen Fällen gut. Wenn man aber als sehr
sensibler Mensch seine Gefühle und seine Empfindsamkeit unterdrückt,
kostet das nicht nur sehr viel Energie, sondern die grossartigen Fähigkeiten
der sensiblen Menschen wie Empathie, Kreativität, Intuition, Phantasie,
Hilfsbereitschaft werden nicht gelebt.
Die Eigenschaften, die in den Seligpreisungen angesprochen werden wie
Barmherzigkeit, Friedfertigkeit, Hunger und Durst nach Gerechtigkeit,
Sanftmütigkeit kann man bewussten hochsensiblen Menschen zuschreiben.
Ich könnte mir vorstellen, der Aufruf „ Selig sind…“ soll uns ermutigen, uns
anzunehmen, wie wir sind. Uns wertzuschätzen mit allen unseren
Wesensanteilen, auch denen, die unsere Eltern nicht mochten und die wir
deshalb an uns ablehnen und unterdrückt haben. Unsere Empfindsamkeit für
uns und andere und damit auch unsere Verwundbarkeit zu entdecken und
sich entfalten zu lassen, macht unser Menschsein aus, läßt uns wie die
Mimose blühen und leuchten. Genau wie wir diese Empfindsamkeit zulassen
dürfen, dürfen wir uns unserer Schutzstrategien bewusst werden. Leider
vernachlässigen viele Hochsensible diesen Aspekt ihrer Persönlichkeit. Sie
sind immer hilfsbereit, immer empathisch und zugewandt, immer mehr für
andere als für sich selbst da. Ein solches Verhalten geht nicht lange gut. Es
geht auf Kosten der Blühkraft und des Leuchtens und führt im Extremfall in
eine Krankheit.
Besonders an dieser Stelle können wir von den Mimosen lernen. Sie
schützen sich vor Überreizung von außen durch Zusammenklappen ihrer
Blätter, durch eine Robustheit der äußeren Schale und durch giftige
Substanzen in einigen Pflanzenteilen.
Auf uns Menschen übertragen, könnte das bedeuten: um unsere Blühkraft,
unsere Empfindsamkeit, unsere Energie zu bewahren, dürfen wir uns die
Erlaubnis geben, uns zurückzuziehen, kraftvoll aufzutreten und manchen
Menschen gegenüber auch giftig zu reagieren.
Der Evolutionsforscher Charles Darwin fand heraus: es überleben nur die
Arten, die sich an Umweltbedingungen flexibel anpassen können ( survival of
the fittest).
Am besten lebensfähig sind also die Menschen, die sich all ihrer
Wesensanteile, mit denen Gott sie ausgestattet hat, nach und nach bewusst
werden, sie nach außen zeigen, zum Blühen bringen und sie auch vor Zugriff
von außen schützen. Wir können selbst diesen Bewusstwerdungsprozess
wie gute Gärtner bei uns begleiten, hegen und pflegen.
Wir dürfen das tun im Vertrauen auf Gottes Hilfe wie uns bei Mt.6 zugesagt
wird. „ Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: was werden wir essen, was
werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Denn euer himmlischer
Vater weiss, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich
Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. So wird euch das alles zufallen.“
Abschliessen möchte ich mit einem Gedicht von M.P.Mondwinkel:
Lebenskraft
Unter der Erde
ein Keim.
Strebend zum Licht.
Er muss erst durchbrechen
die schwere Last,
die ihn begräbt.
Wie ein Gefühl,
das damals begraben
allmählich sich befreit.
Durch tonnenschwere Last sich bohrt,
um irgendwann zu blühen.
Aufgeben?
Nein, leben will ich !
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen
und Sinne in Christus Jesus. Amen