Sonntag, 20. Februar 2022, Predigt | Musikalischer Abendgottesdienst

Kirchenfenster mit Blumenkranz von 1669

Blumenpredigten – von der wirkenden, schöpferischen Natur

Die Mandelblüte

Musik: Matthias Romanus, Flöte | Predigt: Pastorin Martina Trauschke

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Es ist mir eine Freude, das Thema der Blumenpredigten für 2022 anzukündigen. Ein wunderbarer Grund ist das Hochzeitsfenster mit dem vielfältig, farbenfreudigen Blumenkranz, das Herzog Johann Friedrich bei seiner Hochzeit mit der Herzogin Benedicte 1669 der Hof- und Stadtkirche stiftete. Ein zweiter Grund ist die Entdeckung der Tradition der Pflanzenpredigten in der evangelischen Kirche, die Schönheit der Blumen wurde zur Inspiration ihrer symbolischen Bedeutung. Lassen Sie sich von Blumen und Blüten überraschen, ihrer sinnenhaften Schönheit und ihrem symbolischen Sinn. Inspiration zu dieser Gottesdienstreihe.

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GOTTESDIENST feiern wir – gemeinsam auf Abstand! Wir haben momentan 208 Sitzplätze in der Kirche. Bitte setzen Sie sich nur auf die zugewiesenen Plätze! Bitte betreten Sie die Kirche nur mit Mundschutz! Bitte halten Sie Abstand zueinander!

AKTUELLE CORONA-HINWEISE
Die elektronische Anmeldepflicht erstrecken wir auf alle Gottesdienste. Bewährt und einfach geht das über den Link: https://hofundstadtkirche.gottesdienst-besuchen.de. Mit der Anmeldung haben Sie eine Zusage für einen oder zwei Sitzplätze. Eine bestimmte Platzreservierung ist damit nicht verbunden.
Erforderlich ist weiterhin das Tragen einer medizinischen Maske (nach Möglichkeit einer FFP2 Maske, sonst auch einer OP-Maske) für den gesamten Gottesdienstbesuch, also auch am Sitzplatz. Nur so darf auch während des Gottesdienstes mitgesungen werden.

Um die nötigen Abstände zu wahren, sind viele Stühle mit Bändern gesperrt. Sie können sich leider nur auf einen Stuhl ohne Bänder setzen! Links im Kirchenschiff befinden sich Einzelplätze. Auf der rechten Seite jeweils zwei Plätze für Personen aus demselben Haushalt. Auf der Empore markieren grüne Zettel die verfügbaren Sitzplätze.
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PREDIGT:

Predigt am 20. Februar 2022 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche in der Reihe der Blumenpredigten

Pn. Martina Trauschke

Die Mandelblüte

Liebe Gemeinde,

jetzt gegen Ende Februar sind wir noch wirklich im Winter und doch liegt eine Ahnung, daß es nicht mehr lange dauern kann, in der Luft, aber mit Ungewißheit. Wird es nochmal kalt, gibt es noch Fröste? Das Erwarten der Frühlingserscheinungen wird durch die Ungewißheit nicht gebremst.

Die Mandelblüte, die wir heute betrachten wollen, ist durch viele Jahrhunderte als zu dieser gerade beschriebenen Atmosphäre gehörig aufgefasst worden. Die Mandelblüte steht für die Ungeduld, für Hast und Eile. Denn der Mandelbaum ist der erste, der vor dem Ende des Winters zu blühen beginnt. Darum wurde er zum Symbol für die Ungeduld und die Hast und Eile einerseits. Er dehnt seine Blüten schon, wenn andere Pflanzen sich zur Winterruhe bereiten. Es kann leicht passieren, daß die ersten Blüten vom Frost überrascht werden, die Blütenblätter halten dem stand und vor allem entfaltet der Mandelbaum seine Blüten hingestreckt über einen Monat, so daß immer neue Blüten nachkommen, wenn die ersten zu viel Frost bekommen haben.

Darum erstreckt sich die symbolische Bedeutung auch weiter und die Blüte des Mandelbaums steht für Wachsamkeit, besonders in den biblischen Texten, für Wiedergeburt, für die Erneuerung, die durch Christus in die Welt gekommen ist. Diese Spannweite in der Bedeutung können wir unschwer in Van Goghs blühenden Mandelzweigen wiederfinden, die auf dem Gottesdienstblatt gezeigt sind. Die grün-blaue Färbung zeigt uns die Kälte eines Wintertags an. Die Zweige aber stehen gegen den kühlen Himmel in allererster Blüte; die ersten Zeichen des Beginns der Blüte, auch gegen den Widerspruch des Winterhimmels. Van Gogh hat dies Gemälde im Januar 1890 seinem Neffen und Namensvetter Vincent Willem gewidmet zu dessen Geburt. 1890 ist auch das Todesjahr des Malers; die blühenden Mandelzweige ist eins der heitersten Gemälde, die Van Gogh geschaffen hat.

Diese heitere liebliche Zuversicht der Mandelzweige Van Goghs haben einen Widerhall in den zwei Versen aus dem ersten Kapitel des Jeremia, die wir in der Lesung gehört haben. Das Buch Jeremia beginnt mit der berühmten Zaghaftigkeit des Propheten, der vorbringt: Ich bin zu jung, ich kann nicht reden. Den Auftrag für Gott zu sprechen, bekommt er dennoch. Es ist das erste Bild, das in ihm, vor ihm erscheint: ein blühender Mandelzweig. Er wird hier zum Symbol für das Wort Gottes. Jeremia bekommt die Zusage, daß Gott über seinem Wort, das Jeremia zu verkündigen hat, wachen wird. Er wird es zum Blühen und zur Entfaltung bringen, selbst vordüsterem Hintergrund. Im christlichen Kontext hat sich diese Bedeutung durchgehalten vom Alten Testament, der Hebräischen Bibel bis zu Christus Deutungen. Auch auf unserem purpurfarbenen Parament finden wir die Mandelblüte in dieser Bedeutung; auf dem violetten Parament – bei uns ist es eher purpurfarben –, das in der Passionszeit den Altar schmückt, sind die Mandelblüten die Boten, die mitten in der bitteren und harten Zeit des Leidens und des Verzagens uns erinnern an die Wirksamkeit des Gotteswortes bis zur Auferstehung.

Wir sehen die gestickten weißen Blüten an den rötlichen Zweigen. Die jungen Zweige des Mandelbaums haben diese rötliche Farbe, die Vorjahreszweige sind gräulich-braun. So wie jetzt schon die ersten Frühblüher am Boden wie die Winterlinge, Schneeglöckchen und Krokusse die Wintergeister vertreiben und unsere Freude auf das Frühjahr hervorbringen, so soll es sein, wenn in zwei Wochen die Passionszeit beginnt und wir unser Leid im Spiegel des Leidens Christi sehen, und dabei die Mandelblüten nicht vergessen.

Neben der Blüte ist auch die Frucht des Mandelbaums ein sprechendes Symbol. Schon im frühen Christentum des 4. Jahrhunderts hat Ambrosius in Mailand in seinen Predigten die Mandel symbolisch zum Sprechen gebracht. Er teilte sie auf in Haut, Schale und Kern. Die grüne, bitter schmeckende Haut bedeute das Fleisch Christi, das die Bitternis der Passion erfahren hat. Der wohlschmeckende Kern hingegen bedeute die Süßigkeit der Gottheit, der man nur teilhaftig wird, wenn man die harte Schale durchbricht. Die harte Schale deutete Ambrosius als Holz des Kreuzes. Da sie zwischen grüner Haut und dem Kern liegt, trennt sie innen und außen. Das Holz, also das Kreuz Christi, verbinde, was irdisch und was himmlisch ist. Am Beginn der Ausprägung christlicher Theologie im 4. Jahrhundert sind mit den theologischen Begriffen zugleich die Bilder entstanden, abstraktes Denken und sinnliche Wahrnehmung sich gegenseitig unterstützend.

Luther und Melanchthon haben darauf zurückgegriffen. Zum süßen, schmackhaften nahrhaften Mandelkern gelangt man nur, wenn man sich die Mühe macht, die grüne pelzige und die harte holzige Schale zu öffnen. Wer einmal versucht hat eine Mandel mit Hilfe eines Nußknackers von der Schale zu befreien, hat ein Bild von der anstrengenden Arbeit an sich selbst, um dieser inneren Befriedung durch und in Christus teilhaftig zu werden.

Der Mandelzweig ist ein passendes Symbol für den Propheten Jeremia, denn er muß zuerst das Bittere und Harte seinem Volk nahebringen und darf sich nicht scheuen, Schmerzliches zu sagen. Der Mandelzweig ist ein Bild für den Zusammenhang, den wir im Glauben ausdrücken. Es ist unter uns eine weit verbreitete Angewohnheit zu wünschen: ein schönes Wochenende, einen guten Tag, ein gutes neues Lebensjahr. Wünschen ist leicht und tut niemandem weh und ist eine Gewohnheit, die den Umgang im Täglichen geschmeidiger macht. Darum heißt es im Märchen: die guten, alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat. Der Mandelzweig ist ein Symbol für Lebenszusammenhänge, die uns nicht so leicht eingehen, weil er das Bittere und Schmerzliche miteinbezieht bis wir zum süßen und nahrhaften Kern kommen können. Der tiefe Zusammenhang zwischen Leid und Auferstehung im Leben Jesu und in unserem Leben wird annehmbar. Auch Luther konnte sich der zauberisch schönen Ausstrahlung der Mandelblüten nicht entziehen, und sah darin die Kraft der Auferstehung sich zeigend. Und mit ihm können wir in diesem Jahr im Zeichen des Mandelzweigs den Weg bis zum fest der Auferstehung gehen.

Sie haben noch eine zweite Kopie eines gemalten blühenden Mandelbaums bekommen. Es ist von Pierre Bonnard im Winter 1946 gemalt, nur wenige Wochen vor seinem Tod. Er starb am 23. Januar 1947. Der ganze Baum steht in Blüte. Er zeigt nicht das Filigrane der einzelnen Blüte, sondern eine Wolke aus Blüten in den zarten Farbnuancen zwischen rosa und weiß. Auch hier ist das Blau des Himmels noch eins der kälteren Jahreszeit. Es gibt nahezu kein Grün in dem Stück Natur, nur vereinzelte grüne verschwimmende Flecken, der Frühling ist definitiv noch nicht da. Am Boden sind noch die Herbsttöne zu sehen. Ein Bild für das, was wir hinter uns lassen wollen, wenn wir uns nach geistig-seelischer Entschlackung von den Lasten und verkrampfenden Anstrengungen in Gefühlen und Gedanken sehnen. Im Zeichen des blühenden Mandelzweigs können wir diesen Weg gehen.