Sonntag, 16. Januar 2022, Predigt | Musikalischer Abendgottesdienst

Kirchenfenster mit Blumenkranz von 1669

Blumenpredigten – von der wirkenden, schöpferischen Natur

Einführung in die ‚Blumenpredigten‘

Musik: Bläserkreis Hannover | Predigt: Pastorin Martina Trauschke

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Es ist mir eine Freude, das Thema der Blumenpredigten für 2022 anzukündigen. Ein wunderbarer Grund ist das Hochzeitsfenster mit dem vielfältig, farbenfreudigen Blumenkranz, das Herzog Johann Friedrich bei seiner Hochzeit mit der Herzogin Benedicte 1669 der Hof- und Stadtkirche stiftete. Ein zweiter Grund ist die Entdeckung der Tradition der Pflanzenpredigten in der evangelischen Kirche, die Schönheit der Blumen wurde zur Inspiration ihrer symbolischen Bedeutung. Lassen Sie sich von Blumen und Blüten überraschen, ihrer sinnenhaften Schönheit und ihrem symbolischen Sinn. Inspiration zu dieser Gottesdienstreihe.

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PREDIGT:

Predigt in der Neustädter Hof- und Stadtkirche am 16. Januar 2022

Einführung in die Reihe der „Blumenpredigten“

Pastorin Martina Trauschke

Liebe Gemeinde,

seit einigen Jahren gehört es zum allgemein verbreiteten Bewusstsein, daß unser Verhältnis zur Natur auf dem Prüfstand steht – wie unterschiedlich die Meinungen im einzelnen dazu auch sein mögen. Nach Jahrzehnten der Unbesorgtheit und Erfolgssicherheit über die wirtschaftliche Effektivität der Landwirtschaft, den immer weiteren Steigerungen dessen, was aus dem Boden herauszuholen ist, drängen sich jetzt die folgen in unsere Wahrnehmung, die niemand wollte.

Natur, Boden, Erde, Schöpfung: ein Reichtum, der gegeben ist, aber nicht als ein Ding, aus dem soviel wie möglich herausgeholt werden kann. Die Natur, der Boden ist ein in sich wirksamer Kosmos und nicht reine Verfügbarkeit für menschliche Wünsche.

Von der wirkenden, schöpferischen Natur – diesen Aspekt wollen wir in diesem Jahr in der Reihe der Blumenpredigten bewußter in den Blick nehmen. Was hat es damit auf sich? Die meisten unter uns fühlen sich von Blumen angesprochen, haben Lieblingsblumen oder auch die, die sich ausstehen können. Denn neben Form und Farbe der Blumen ist es der Duft, der uns entzückt. Immer haben wir einen Blumenstrauß auf dem Altar und oft auch Blumen am Leibnizgrab. Blumen schmücken und erfreuen. Es gibt eine Blumensprache. So steht die rote Rose für die Liebe, um das unumstrittendste Beispiel zu nennen.

Ich bin aber auf eine noch andere Blumensprache in unserer evangelischen Tradition gestoßen. 16. Jahrhundert bald nach der Reformation waren Pflanzenpredigten beliebt. Sie standen so hoch im Kurs, daß sie gesammelt als Bücher veröffentlicht wurden. Philip Melanchthon hat hierin den Ton angegeben. In Wittenberg unterrichtete er die Theologiestudenten und hielt sie an erstens verständlich und zweitens anschaulich zu predigen. Pflanzen, Bäume, Blumen hatten alle vor Augen. Jeder kennt Stiefmütterchen und Vergißmeinnicht. Und aus dem Mittelalter waren die Beschreibungen von Pflanzen- und Kräutersammlungen bekannt wie zum Beispiel Hildegard von Bingen sie überliefert hat.

Ein weiteres starkes Argument: In der Bibel sind nicht selten Blumen zum Gleichnis genommen. Die Lilien auf dem Feld in der Bergpredigt Jesu sind sprichwörtlich geworden; oder der Weinstock mit seinen Reben, von dem wir im Evangelium gehört haben. Auch Martin Luther hat die Sprache der Blumen in der Vermittlung des Gotteswortes geschätzt. Seine sinnenhafte Erdverbundenheit ist aus dem Blick geraten. Um seine Zuhörer zu ermutigen Texte aus der Bibel sorgfältig zu bedenken, wählt er das Bild des Schafs:

„Ein Christ gedenkt täglich sein Vater unser oder Stücke des Evangeliums, das kauet er wiederum wie die Schafe tun, und schleust’s in sein Herz, aus solchen werden rechte Leute.“

Das Kauen und Wiederkäuen der Schafe und unser Auswendiglernen haben etwas Vergleichbares im Wiederholen der Worte und den Bewegungen des Mundes. Hinzu kommt ein zweites: das Bild des Geißblatts, das auch bekannt ist unter Jelängerjelieber. Das Geißblatt ist eine Kletterpflanze, die von Mai bis Juli blüht. Sie hat eine gefiederte Blüte, aus vielen einzelnen zarten Röhrchen, die sich zum Ende hin öffnen und einen betörenden Duft verströmen. In Luthers Predigt ist es nicht der anziehende Duft, sondern der Geschmack der Rinde des Geißblattes.

Mit der Rinde des Geißblattes verhalte es sich wie mit dem Wort Gottes. Die Rinde schmecke süß, wenn man sie kaue, zunächst süßlich; je länger man sie im Munde behalte, desto angenehmer ihr Geschmack: man kaut sie je länger je lieber. So versteht man wie die Pflanze zu ihrem Namen kam. Je mehr das Wort Gottes studiert werde, desto süßer, desto angenehmer ist sein Geschmack, desto heller und klarer das Verstehen.

In einer anderen Predigt sind es dann doch die Blüten, die zur Mitteilung werden: Der angenehme Duft, den die Blüten des Geißblattes am Abend verströmen, erquicken ein Herz und mit dem lieblichen Geruch werde neue Lebenskraft geweckt. Das sind anmutige Vergleiche, die sich mir leicht erschließen. Den Duft der Blüten habe ich genauso schon oft eingesogen. Das Kauen der Rinde habe ich noch nicht probiert, das wäre etwas für das kommende Frühjahr.

Luther bleibt nicht bei den einfachen Vergleichen stehen. Es sind nicht allein äußere Entsprechungen zwischen den Eigenschaften, dem Aussehen der Pflanzen und den Wirkungen des Gotteswortes. Er kommt zum Kern seiner Auffassung wenn er das Äußere, uns materiell und sinnenhaft Umgebende und das Geistige, das Innere wie der Glaube zusammengehören und als eins betrachtet werden können. Wir kennen es aus seinem Abendmahlsverständnis: Christus ist gegenwärtig in Brot und Wein. In seinen Worten über den Symbolcharakter der Blumen: „Denn Christus bedeutet nicht diese Blume, sondern er ist eine Blume. Doch eine ander Blume, als die natürliche.“

Christus habe das Wesen einer Blume und nicht nur die Bedeutung einer Blume bei der Wahrung des Unterschiedes von natürlicher Blume und dem geistigen Gehalt einer Blume, in der Christus sich mitteilt. Wir finden bei Luther ein Naturverständnis, dem es sich lohnt nachzugehen. Da ist eine Naturspiritualität in schönster Gestalt zu entdecken, weil hier nicht die religiöse Seite gegen die leibliche Seite unserer Existenz ausgespielt wird. Christus wird nicht gebraucht, um die Ansprüche und Rechte der Erdhaftigkeit der menschlichen Existenz zu schmälern, noch wird die Erdhaftigkeit der Existenz sich selbst trostlos überlassen. Das Erdhafte, sinnenhaft körperliche Leben und die Sphäre des Inneren und Geistigen sind in voller Unterschiedlichkeit eins.

Wie das Teilen von Brot und Wein, daß wir jetzt so lange entbehren, die Zusammengehörigkeit von uns Menschen in Christus ist, so für einen niedergeschlagenen Menschen, der Aufmerksamkeit für den Duft des Geißblattes aufbringen kann, diese Begegnung eine Aufrichtung und Belebung der Lebenskraft. Nicht die natürliche Blume ist heilig, Christus und das Heilige sprechen auch durch Blumen.

Verborgen in der Geschichte des evangelischen Glaubens finden wir eine Naturspiritualität, die uns von innen her ändern kann zu einem erneuerten Verhältnis zur Erde, zur schöpferischen Natur. Wir stehen mitten in dieser großen, notwendigen und schönen Aufgabe und die Blumenpredigten mögen helfen, es uns ins Herz zu spielen.