Sonntag, 21. November 2021, Predigt | Musikalischer Abendgottesdienst

Das ganze Leben eine „Göttliche Komödie“? – Religion und Poesie verbündet

„Ein Bild des Ewigen – Welt des Lichtes“

Musik: Vokalensembles St. Johannis | Michael Čulo, Orgel | Predigt: Pastorin Martina Trauschke

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In  diesem Jahr jährt sich zum 700. Mal der Todestag Dante Alighieris. Das Zusammenspiel von Religion und Poesie in seinem die Zeiten überstrahlenden Werk der „Göttlichen Komödie“ ist die Inspiration zu dieser Gottesdienstreihe.

Capriccios – musikalische Scherze – und Musik der iberischen Halbinsel werden uns anlässlich des 20. Geburtstags der Spanischen Orgel im Jahr 2021 begleiten.

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Predigt am Ewigkeitssonntag in der Reihe „Das ganze Leben eine „Göttliche Komödie“? Religion und Poesie verbündet – in der Neustädter Hof– und Stadtkirche am 21. November 2021                                                     

Pastorin Martina Trauschke

Ein Bild des Ewigen – Welt des Lichts

Liebe Gemeinde,

am Ewigkeitssonntag stehen wir mehr als sonst vor den Rissen unseres geläufigen Weltbildes, wenn wir unserer Verstorbenen gedenken, um sie trauern, sie vermissen und in dem allen doch mit ihnen leben – wenn auch nicht mehr in ihrer körperlichen Gegenwart. Sie gehören dennoch weiter zu uns und wir leben in einer Art Verbundenheit. Wie passt das zu der geläufigen Vorstellung: es bleibt nichts? Das naturhafte Vergehen sei alles, was zu sagen bleibe.

Nicht so die Bibel. Die innere, geistige Welt ist so unendlich viel reicher, auch wenn oft die Sprache dafür fehlt, und es uns schwer fällt, uns auszudrücken.

Vor einigen Tagen war ich als Zuhörerin bei einer Podiumsdiskussion, bei der Helga Schubert, eine Schriftstellerin vormals der DDR, gesprochen hat. Sie hat eindrücklich die Bedeutung von Kirche und christlichem Glauben in ihrer Lebensentwicklung dargestellt indem sie sagte. In der Kirche gab es einen Ort, der dem Wahrheits- und Absolutheitsanspruch des Staats etwas entgegenzusetzen hatte und damit diesen Anspruch relativieren konnte. Diese Erfahrung änderte alles. Nicht daß das Leben dadurch einfacher wurde – wir wissen wie schwer es vielen gemacht wurde. Aber mit dieser inneren Erfahrung war es möglich einen unabhängigeren Standpunkt dem Absolutheitsanspruch des Staates gegenüber einzunehmen.

Diese von Helga Schubert geäußerte Erfahrung hat mir geholfen, den dritten Teil von Dantes Göttliche Komödie zu lesen, die Sphäre des Paradieses. Es ist ein gesteigertes Leben, in dessen Dynamik das Alltägliche in eine Aufwärtsrichtung kommt. Dante Alighieri hat für sein Paradiso als einer Sphäre des Geistigen die farbigsten Bilder gefunden wie wir es den gemeinsam gesprochenen Worten entnehmen konnten.

Zunächst und zuallererst ist das Paradies eine einzige zielgerichtete Aufwärtsbewegung. In Gang gesetzt wird die erhebende Dynamik für Dante durch seine Beziehung zu Beatrice; sie war zunächst seine Jugendliebe, die früh mit 25 Jahren verstarb, aber die innere Bezogenheit zu und auf Beatrice hat niemals aufgehört. Vielmehr schuf sie sich ständig erweiternde Dimensionen. Die Erfahrung, einen bestimmten Menschen zu lieben, war so tief, so weltöffnend, so geistbeseelend, daß sich für Dante eine kosmologische Vision wie aus dem Keim der Liebe entwickelte.

Der Pilger Dante begegnet Beatrice im Paradies, sie wird seine Führerin durch die Sphären. Das Paradies hat bei ihm zunächst eine räumliche Gestalt in den kosmischen Sphären, die in seiner Vorstellung in großen Kreisen die Erde umgeben in einer Abfolge der Planeten. Durch eine Aufwärtskraft getragen bewegen sich Beatrice und Dante und begegnen vielen unkörperlichen, aber in ihrer Identität erkennbaren Personen in dieser Welt des Lichtes.

Der Aufstieg Dantes durch die Himmelsphären wird zu einer Überwältigung durch das Licht und dabei einer Erweiterung seines Sehvermögens. Das Licht ist das Symbol für die Geisteshelle. Doch zur Schönheit und Überzeugungskraft der Vision gehört das Zusammenspiel der Kräfte, das immer gewahrt bleibt. Eine Stärkung der Sehkraft des Geistes hat auch eine Zunahme an Liebesfähigkeit und Willensbewegung zur Folge.

In der höchsten Sphäre, dem Empyreum, in der Sphäre Gottes sind Raum und Zeit aufgehoben.

„Nicht in die breite und nicht in die Höhe

Verlor mein Blick sich, alles faßte er:

Der ganzen Himmelsfreude Maß und Art.

Näh und Ferne machen dort nichts aus,

denn wo der Herrgott unvermittelt waltet,

hat keine Geltung das Naturgesetz.“

Die höchste Sphäre zeigt sich Dante in Gestalt einer weißen Rose:

„Ins gelbe Mittel jener ewgen Rose,

die sich ausdehnt, abstuft und Lobesdüfte

zur Sonn‘ enthaucht, die immerdar im Lenz steht,

zog mich, wie den, der schweigt und sprechen möchte,

Beatrice hin…“

Raum und Zeit sind außer Kraft gesetzt, aber die Wahrnehmungsfähigkeit der Sinne ist ins Kosmische gesteigert: Lobesdüfte werden zur Sonne gehaucht. Wir bewegen uns mit Dante in einer spirituellen unanschaulichen, köperlosen Welt und doch sagt der Dichter das in sinnenhaften Bildern. Das Abstrakte, das Geistige erscheint ihm in der Kleidung farbiger Bilder.

Es gibt einen bemerkenswerten Moment in seiner Aufwärtsreise, in dem Dante einen Blick auf die Erde von außen wirft:

„Durch alle sieben Sphären lief zurück

mein Blick: und winzig sah ich diesen Erdball

und mußte lächeln über seine Ärmlichkeit.“

Und 700 Jahre später denken wir an die Äußerungen der Astronauten, die die Erde vor sich gesehen haben. Diese außerordentliche Erfahrung hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Von der Beobachtung, daß kein Gott auf dieser Reise zu finden war bis zu einer Art Andacht in emotionaler Bewegung über die Verletzlichkeit und Schönheit der Erde.

Mit dem Gottesdienst heute endet der Predigtweg durch die Divina Comedia. Wenn ich benennen soll, was mich an dieser Reise in die unsichtbaren geistigen Reiche am tiefsten beeindruckt hat, ist es der heiße Kern, der Schlüssel, das Samenkorn dieser Dichtung und Vision: das ist die Beziehung und Verbundenheit zwischen zwei Menschen, einem Mann und einer Frau, zwischen Dante und Beatrice. Sein Beziehungsvermögen hat seine bildnerische Dichterkraft angestachelt, herausgefordert, befeuert. Seine Beziehungsfähigkeit in der Liebe zeigt sich in dem ungeheuren Entfaltungsreichtum, der die Bewegung durch kosmische Sphären umfaßt. Die Verbundenheit zwischen zwei Liebenden wird zum Band zwischen Himmel und Erde. In der Gegenseitigkeit der zwei zeigt Beatrice Dante die Sphären, die erst in der Bezogenheit auf sie ihm zugänglich werden.

Der Keim, das Feuer der Liebe waren die Begegnungen in Florenz. Das Wunder dieser Liebe war die Entfaltung, als Beatrice schon verstorben war. Die echte Verbundenheit umfaßt auch die Toten, die einst am Gespräch teilnahmen und mit denen wir verbunden bleiben können. Im Sprechen, in der Sprache reichen wir über unser begrenztes Leben hinaus in ein unbekanntes Reich. In dieser ausstrahlend tiefen, schönen Liebe öffnet Dante uns die Worte aus dem Johannesevangelium:

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Oder auch die Worte des Paulus aus dem 1. Korintherbrief:

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Über 700 Jahre leuchtet bis zu uns wie ein Dichter in der Leidenschaft seiner Liebe für eine Frau nicht eher ruhte bis seine Fassungskraft in Verstand und Gefühl sich so geweitet hatte, daß er uns die göttliche menschliche Komödie gegeben hat.

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