Sonntag, 10. Oktober 2021 | Predigt | Gottesdienst

Gottesdienst | Orgel: Michael Čulo | Liturgie: Pastor Arend de Vries

Predigt

Arend de Vries
Geistlicher Vizepräsident i.R. – Prior des Klosters Loccum
Predigt Jesaja 28, 9-20
am 19. Sonntag nach Trinitatis – 10. Oktober 2021
Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis
Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er krank gewesen
und von seiner Krankheit gesund geworden war:
Ich sprach: In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren,
zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre.
Ich sprach: Nun werde ich nicht mehr sehen den HERRN,
ja, den HERRN im Lande der Lebendigen,
nicht mehr schauen die Menschen,
mit denen, die auf der Welt sind.
Meine Hütte ist abgebrochen
und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt.
Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber;
er schneidet mich ab vom Faden.
Tag und Nacht gibst du mich preis;
bis zum Morgen schreie ich um Hilfe;
aber er zerbricht mir alle meine Knochen wie ein Löwe;
Tag und Nacht gibst du mich preis.
Ich zwitschere wie eine Schwalbe
und gurre wie eine Taube.
Meine Augen sehen verlangend nach oben:
Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!
Was soll ich reden und was ihm sagen?
Er hat’s getan!
Entflohen ist all mein Schlaf
bei solcher Betrübnis meiner Seele.
Herr, davon lebt man,
und allein darin liegt meines Lebens Kraft:
Du lässt mich genesen
und am Leben bleiben.
Siehe, um Trost war mir sehr bange.
Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen,
dass sie nicht verdürbe;
denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.
Denn die Toten loben dich nicht,
und der Tod rühmt dich nicht,
und die in die Grube fahren,
warten nicht auf deine Treue;
sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute.
Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.
Der HERR hat mir geholfen,
darum wollen wir singen und spielen,
solange wir leben, im Hause des HERRN!
Liebe Gemeinde,
längst nicht jede Krankheit führt zum Tode. Gott sei Dank. Und es macht einen Unterschied,
ob eine Krankheit uns in der Mitte des Lebens befällt oder in hohem Alter. Manche Krankheit,
die ein junger Mensch leicht überwindet, kann das Leben eines alten Menschen gefährden.
Das haben wir in Zeit von Corona manchmal bitter erfahren müssen.
Viele Menschen beten, wenn sie erkrankt sind. Manche sprechen auch ein Dankgebet,
wenn sie wieder gesund geworden sind. Die Gebete während einer Krankheit sind anders
als die Gebete nach einer Krankheit. In einer Krankheit kann es sehr schwerfallen, Worte
zu finden für das Leid und den Schmerz, die einen überfallen haben. Wenn ich wieder gesund
bin, kann ich eher in Worte fassen, was mich in Zeiten der Krankheit hat verstummen
lassen.
Das Gebet der noch jungen Königs Hiskia, das uns von dem Propheten Jesaja überliefert ist,
dieses Gebet steht heute im Mittelpunkt unseres Gottesdienstes. Wir haben es vorhin als
Lesung gehört.
Hiskia war noch jung, als er König des Südreiches Juda wurde. Das Nordreich Israel war von
den Assyrern besetzt. Von Hiskia wissen wir, dass er eine große Kultreform durchführte: die
vielen heidnischen Tempel und Altäre auf den Bergen des Landes wurden zerstört, das Volk
kehrte um zur Anbetung des einen Gottes, dem Gott der Väter und Mütter. Und nun erkrankt
der junge König und ringt und hadert mit seinem Gott. Er hört die Stimme Gottes:
„Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben“.
Sterbensangst. Todesangst.
Hiskia wendet sich im Bett und schaut nur noch zur Wand und weint und fleht. Da schickt
Gott den Propheten Jesaja zu dem jungen König und lässt ihn ausrichten: Ich habe dein Weinen
gesehen und dein Flehen gehört. Ich will deinem Leben noch fünfzehn Jahr dazu geben.
Gehört haben wir vorhin das Lied Hiskias, sein Gebet, als er wieder gesund geworden war.
Ich erzähle einige sehr persönliche Erinnerungen an drei Menschen, die alle sterbenskrank
waren, deren Krankheit zum Tode führte. Ihre Geschichte nahm eine andere Wendung als
die Geschichte des Hiskia. Und doch stehen sie nicht im Widerspruch zu dem Gebet des Hiskia,
das wir vorhin gehört haben.
Claus. Ein Freund aus Jugendzeiten. Die Musik hat uns verbunden. Claus konnte wunderbar
auf der Querflöte improvisieren. Wenige Jahre nach der Geburt seiner Tochter, meiner Patentochter,
entdeckten die Ärzte einen nicht operablen Hirntumor. Alles ging langsamer. Das
Reden. Das Denken. Das Zuhören und Begreifen. „Sprich langsamer“, sagte Claus zu mir,
„damit ich mitdenken kann.“ Und beim Erinnern: „Hast du Bilder davon? Dann weiß ich, was
du meinst“.
Hiskia: In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren, zu des Totenreichs Pforten
bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre. Ich sprach: Nun werde ich nicht mehr sehen
den Herrn, ja, den Herrn
im Lande der Lebendigen, nicht mehr schauen die Menschen, mit denen, die auf der
Welt sind. Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten
Zelt. Zu Ende gewebt habe ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom
Faden.
Sein Lebensfaden war nicht mehr lang. Mit 32 ist Claus gestorben. An seinem Sterbebett
haben wir eines seiner Lieblingslieder gesungen:
Der Tag vergeht und kommt nie mehr zurück,
nichts bleibt bestehn.
Die Sonne sinkt und mancher Traum vom Glück
Wird bald vergehn.
Doch was du nimmst und was du gibst
Bestätigt nur, dass du uns liebst,
wenn wir dich, Herr, so oft auch nicht verstehn.
Heute und morgen bin ich geborgen,
wie auch die Zeit verrinnt.
Hoffnung und Leben wirst du mir geben,
Herr, denn ich bin dein Kind.
(Text: Johannes Jourdan, Melodie: Siegfried Fietz)
Ulrich. Kennengelernt haben wir uns als Landesjugendpastoren, er in Karlsruhe, ich in Hannover.
Später war Landesbischof der Badischen Kirche. Freundschaft ist entstanden seit der
ersten Begegnung. Wir haben viel miteinander gesungen. Beide liebten wir Bachkantaten
und wir haben unsere Kantatenpredigten ausgetauscht – bis letztes Jahr. Auch bei ihm ein
Hirntumor. Nach einem Jahr nicht mehr im Wachstum aufzuhalten.
Hiskia: Tag und Nacht gibst du mich preis. Ich zwitschere wie Schwalbe und gurre wie
eine Taube. Meine Augen sehen verlangend nach oben: Herr, ich leide not. Tritt für
mich ein!
Als Ulrich in einem Interview gefragt wurde nach Todesangst, sagte er:
Ganz ehrlich: ich habe nicht einmal gefragt „Warum ich?“. Genauso gut hätte ich Gott
70 Jahre lang fragen können: „Warum habe ich nie etwas ganz Schlimmes erlebt?“
Ich habe unverdient so viel Schönes erfahren, dass es ungerecht wäre, Gott
jetzt anzuklagen… Ich habe vor dem Tod keine Angst. Ich weiß, dass ich bei allem, was
noch kommen kann, geborgen bin. So habe ich es auch bei meiner Gehirn-OP erlebt:
Man begibt sich in die Hände eines Arztes und muss sich darauf verlassen, dass er es
gut macht. Ich kann beten, dass Gott ihm Konzentration und eine ruhige Hand
schenkt. Nach der OP wachte ich auf, erkannte meine Frau wieder und freute mich.
Ich denke, so wird es auch eines Tages sein, wenn es ans Sterben geht…
Unser Leben hier ist begrenzt. Aber es ist nicht alles. Wer denkt, dass nach
dem Tod alles aus ist, der hat es schwer. Er muss in diesem Leben alles vollbracht haben.
Als Christi kann ich sagen: Was ich nicht alles vollbracht habe, kann ich lassen –
in der Hoffnung, dass Gott aus den Fragmenten meines Lebens etwas Neues zusammenfügen
wird. Johann Sebastian Bach hat an seinem Lebensende „Die Kunst der Fuge“
geschrieben. Sie endet mit dem Choral „Vor deinen Thron tret‘ ich hiermit“. Bach
starb noch während der Arbeit an dem Zyklus, das Werk blieb unvollendet – aber Bach
trat vor den Thron Gottes.“
Ulrich starb im Herbst letzten Jahres. Bei unserem letzten Telefongespräch sprachen wir
auch über die Kantate „Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben“, die im November
letzten Jahres hier in der Kirche erklungen ist, als Ulrich schon nicht mehr lebte.
Hans-Wilhelm. Er war 20 Jahre älter als ich. Wir wurden trotzdem Freunde. Er war in jungen
Jahren der letzte persönliche Referent von Landesbischof Lilje. Alt geworden nun. Er hatte
viel zu erzählen aus der Geschichte unserer Landeskirche. Und doch ganz auf der Höhe der
Zeit. Jung geblieben in seinem Denken. Einer Zigarre und eine, guten Wein nicht abgeneigt.
Vor einem Vierteljahr im Krankenhaus wegen eines leichten Leidens. Dabei wurde die Diagnose
gestellt, die das nahe Ende ankündigte. Nach der Untersuchung sagte ihm der Arzt: „Ich
werde Sie nicht mehr operieren.“
Hiskia: Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten
Zelt. Zu Ende gewebt habe ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom
Faden.
Hans-Wilhelm wusste, dass er nur noch wenig Lebenszeit hatte. Aber es hat ihn nicht in Panik
versetzt. Im Rückblick auf 87 Lebensjahre blieb er gelassen. Fast heiter in den letzten
Lebenswochen. Wir saßen an einem sonnigen Spätsommertag auf dem Balkon, mit einer
Tasse Kaffee, er rauchte seine Zigarre. Und konnte sagen, dass er glücklich sei in diesem
Moment.
Als er sich vor acht Wochen in der Gemeinde, wo er noch regelmäßig predigt, verabschiedete,
sagte er:
„Der Bibeltext für meine Beerdigung steht im 1. Johannesbrief:
Gott ist Liebe, und wer in dieser Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
In der Liebe Gottes eine Bleibe haben, das ist doch ein wunderschönes Bild
für die Ewigkeit. In der Liebe Gottes eine Bleibe haben.“
Vorgestern ist Hans-Wilhelm eingeschlafen.
Der Lebensfaden ist abgeschnitten.
Ich habe immer nur einen Teil dieses Fadens in der Hand. Nur einen Teil, nicht den Anfang
und auch nicht das Ende. Mit dem, was ich in der Hand habe, kann ich etwas machen. Befühlen,
ertasten, etwas hineinweben, etwas herausreißen, etwas anknüpfen. In diesen Lebensfaden
ist immer schon ein Faden eingewoben, sozusagen der rote Faden, der sich durchzieht
von Anfang bis zum Ende: es ist der Liebesfaden Gottes zu uns. „Ich habe dich bei deinem
Namen gerufen, du bist mein!“
Claus, Ulrich, Hans-Wilhelm.
Alle drei sind gestorben. Auch wenn viele für ihre Genesung gebetet haben, vielleicht auch
sie selbst.
Hiskia: Meine Augen sehend verlangend nach oben:
Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!
Alle drei sind gestorben – anders als Hiskia.
Gestorben in und mit einem tiefen Gottvertrauen.
Noch einmal Ulrich in seinem letzten Interview:
„Ich habe mir ins Krankenhaus meine Bibel und mein Gesangbuch mitgenommen und
viel darin gelesen und vor mich hingesungen: ‚Befiehl du deine Wege‘, ‚Was Gott tut,
das ist wohlgetan‘, ‚Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Not‘…
Und eine Episode erzähle ich ihnen noch. Mein Krankenzimmer hatte die Nummer

  1. Und das ist im Gesangbuch unserer Landeskirche das Lied ‚Meine Zeit steht in
    deinen Händen.‘ Ich fühle mich bei Gott gut aufgehoben.“
    Hiskia ist wieder gesund geworden. Nach seiner Genesung spricht er das Gebet, von dem wir
    gehört haben. Dort heißt es am Ende:
    Hiskia: Die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht,
    und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue,
    sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute.
    Darum sollen wir singen und spielen, solange wir leben
    im Hause des Herrn.
    Ein Bild zum Schluss:
    Charlie Brown, der immer leicht depressive kleine Philosoph unter den Peanuts, sitzt mit
    dem weisen Hund Snoopy auf dem Steg am Wasser und sie schauen über den weiten See.
    Charly Brown: „Eines Tages werden wir sterben.“
    Darauf Snoopy: „Sicher. Aber an allen anderen Tagen nicht!“
    Amen.
    Lied (Evangelisches Gesangbuch 383)
    Herr, du hast mich angerührt. Lange lag ich krank danieder,
    aber nun – die Seele spürt: Alte Kräfte kehren wieder.
    Neue Tage leuchten mir. Gott, du lebst. Ich danke dir!
    Dank für deinen Trost, o Herr, Dank selbst für die schlimmen Stunden,
    da im aufgewühlten Meer sinkend schon ich Halt gefunden.
    Du hörst auch den stummen Schrei, gehst im Dunkeln nicht vorbei.
    Aus der Finsternis wird Tag. Tau fällt, um das Land zu schmücken.
    Sonne steigt und Lerchenschlag, meinen Morgen zu beglücken.
    Lobgesang durchströmt die Welt. Du hast mich ins Licht gestellt.
    Langer Nächte Unheilsschritt muss mich nun nicht mehr erschrecken.
    Um mich her das Schöpfungslied soll sein Echo in mir wecken.
    Neue Quellen öffnen sich. Gott, du lebst. Ich lobe dich!
    Text: Jürgen Henkys 1982 nach dem norwegischen »Herre, du har reist meg opp« von Svein Ellingsen (1955) 1978
    Melodie: Trond Kverno (1968) 1978
    Gebet
    Wir beten mit Worten des Dichters Ulrich Tietze:
    Zu dieser Welt gehört das Leiden,
    Gehört der Tod, der nahe ist.
    Lasst Hoffnung uns in Worte kleiden,
    dass du, Gott, uns Begleiter bist.
    So häufig sind wir die Erschrocknen
    Und wissen weder aus noch ein.
    Doch einmal werden Tränen trocknen,
    und Gott wird uns ganz nahe sein.
    Ein Lächeln mag uns dann begleiten
    und Gottes hingestreckte Hand
    inmitten aller Dunkelheiten
    auf unserm Weg ins Hoffnungsland.
    Gott wird mit Leid uns nicht verschonen
    auf dieser Welt. Oft trifft es hart.
    Doch einmal wird er bei uns wohnen,
    berührbar und als Gegenwart.
    Wir leben jetzt noch im Dazwischen,
    und wahrer Trost ist oft weit fort.
    Doch einst die Tränen abzuwischen,
    verspricht uns Gott. Und er hält Wort.
    Das Leben wir uns neu umfassen
    im andern Raum, mit neuer Zeit.
    Gott wird dann nie mehr uns verlassen
    Und gibt für immer uns Geleit.
    (Ulrich Tietze)

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