Sonntag, 19. September 2021 | Predigt | Musikalischer Abendgottesdienst

Das ganze Leben eine „Göttliche Komödie“? – Religion und Poesie verbündet

„Die Differenzierung und Verfeinerung der Sinne zur Wahrnehmung des Göttlichen“

Musik: BKKB Streichquartett | Predigt: Pastorin Martina Trauschke

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In  diesem Jahr jährt sich zum 700. Mal der Todestag Dante Alighieris. Das Zusammenspiel von Religion und Poesie in seinem die Zeiten überstrahlenden Werk der „Göttlichen Komödie“ ist die Inspiration zu dieser Gottesdienstreihe.

Capriccios – musikalische Scherze – und Musik der iberischen Halbinsel werden uns anlässlich des 20. Geburtstags der Spanischen Orgel im Jahr 2021 begleiten.

Predigt

Predigt am 19. September 2021 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Dantes Purgatorium

Liebe Gemeinde,

in der vergangenen Woche am 14. September war der 700. Todestag Dante Alighieris und aus diesem Anlass gab es am Freitagabend eine Lesung mit dem hannoverschen Schauspieler Dieter Hufschmidt, der Abschnitte aus den drei teilen der Göttlichen Komödie gelesen hat. Es war ein bemerkenswertes Ereignis; drei Stunden lang konnten wir der Poesie Dantes lauschen und am Ende wußte ich, warum der Dichter selbst es eine Komödie genannt hat. Eine Art Begeisterung, eine erhobene Stimmung hatte sich der Zuhörer bemächtigt. Es kommt nicht oft vor, daß ein literarisches Werk, das über den Menschen handelt, am Ende die Hörerinnen in Hochstimmung versetzt. So aber war es mit der Comedia, obwohl sie dem Leser nichts erspart beim Durchgang durch die Hölle. Das meiste Interesse und auch die meisten Vorbehalte löst dieser erste Teil des Inferno aus.

Wie kann man die Geduld für ein Werk aufbringen, das die Hölle ernst nimmt? Das ist zuerst einmal eine berechtigte Frage und doch zeigt sie gleichzeitig den engen Horizont der unter uns geläufigen Vorstellungen. Wie finden die zerstörerischen Taten, die wir böse nennen, eine Grenze und Strafe? Diese Frage ist lebendig wie je. Damit unsere Gesellschaft von zerstörerischen Taten nicht überwältigt wird, haben wir ein Rechts-, ein Gerichts- und Strafsystem.

Dante Alighieri war ein Mensch, der sich nicht damit zufriedengab, sein eigenes Dasein in der Welt auf der innerweltlichen und zwischenmenschlichen Ebene zu verstehen. Er sieht den Menschen in der Weite des Ganzen, in Vergangenheit und Zukunft, im Sichtbaren und Unsichtbaren, im Materiellen und Geistigen. Die Comedia ist ein riesiges, komplexes Bild, um das Ganze des menschlichen Kosmos vorstellbar zu machen und das Gedachte anschaulich werden zu lassen.

Nach der Wanderung durch das Inferno gelangt der Pilger Dante mit Vergil ins Purgatorium, auf den Läuterungsberg. Hier herrscht eine ganz andere Atmosphäre; in der Hölle war jeder mit sich und seiner bösen Tat beschäftigt, ja darauf fixiert. Auf dem Läuterungsberg sind die Seelen in Gespräch und Bezogenheit. Die Atmosphäre wird leichter, das Gehen und Steigen wird leichter, da hier alles von einer aufwärtsstrebenden Sehnsucht durchdrungen ist.

In den Strichen und Farben hat William Blake (1757-1827) diese Stimmung dargestellt. Um 1825 erhielt Blake von seinem Verleger den Auftrag, die ‚Göttliche Komödie‘ zu illustrieren. Er schuf über einhundert Zeichnungen und Aquarelle. Drei Illustrationen zu den Stationen des Läuterungsberges haben Sie vor sich. Ausschnitte der Szene, die im ersten Aquarell gezeigt ist, habe ich vorhin gelesen. Die aufsteigende Bewegungslinie der Seelen, ihr schattenleib, zeigt die körperlichen Umrisse ohne materielle Substanz und Schwere. Etwas erhöht auf einem Felsvorsprung stehen rechts Vergil und Dante, der an dem roten Gewand zu identifizieren ist. Die aufwärtsstrebenden Seelen fragen die beiden nach dem Weg, worin Dante ihnen aber nicht weiterhelfen kann, da auch ihm alles neu und unbekannt ist.

Das ist eine der Szenen des beginnenden Aufstiegs auf den Läuterungsberg. In den Seelen, die Dante begegnen, erkennt er die je besonderen Fehlhandlungen und Sünden, sie werden zu Fragen an ihn selbst. Der Neid scheint ihn nicht gequält zu haben, stolz und Hochmut dagegen sind ihm bekannt. Die letzte Läuterung ist ein Feuer, wiederum von William Blake im Aquarell dargestellt. Davon wird im 27. Gesang des Purgatoriums erzählt. Als Dante mit Vergil an der Feuerwand ankommen, ergreift den Pilger äußerste Angst. Er will nicht weiter. Ein Engel tritt ihnen entgegen und spricht:

‚Nicht weiter, eh das Feuer, euch, fromme Seelen,

nicht ganz durchglüht‘, tretet hinein

und horcht dem Sang, der euch von drüben tönt.‘

So sprach er, als wir näher ihm gekommen.

Da ward mir so, wie ich wohl sagen hörte,

daß einem ist, den man ins grb gelegt.

Ich beugte mit gerungnen Händen mich nach vorn

und starrt‘ ins Feuer, und im Geist erblickt‘ ich

menschliche Leiber, die ich brennen sah.

Es sprach zu mir Vergil: „Mein lieber Sohn,

hier kann es Qual nur geben, nicht den Tod.

Glaube nur fest, wenn in dem Feuerofen

der Flamme hier du tausend Jahre lägst,

sie könnte dir kein einzges Haar versengen.

Und wenn du etwa glaubst, ich will dich täuschen,

geh hin zur Flamme, laß dich überzeugen

mit eignen Händen an dem Saum des Kleides.

Leg endlich ab, leg ab ein jedes Bangen,

wende dich um und geh getrost hinein.‘

Doch ich blieb starr und trotzte dem Gewissen.

Als er noch immer starr und steif mich sah,

sprach er, verwundert schier: ‚Sieh doch, mein Sohn,

von Beatrice trennt dich diese Mauer!.‘

So löste sich in Weichheit meine Härte,

zum Führer wandt‘ ich mich, als ich den Namen hörte,

der ewig jung in meinem Geiste sprießt.

Da schüttelt‘ er das Haupt und sprach: ‚Nun also,

wollen wir diesseits bleiben?‘ Und er lächelt‘

mir zu wie einem Kind, das man mit Früchten lockt.

Dann schritt er mir voran ins Feur hinein.

Als ich nun drin war, hätt‘ in siedend Glas

Ich mich geworfen, um mich abzukühlen,

so ohne alles Maß war diese Glut.

Der holde Vater mein, um mich zu trösten,

sprach immerzu von Beatrice mir:

‚Schon scheint mir, ich könnt‘ ihre Augen sehen.‘

Wir folgten einer Stimme, die von drüben

Erklang, und aufmerksam ihr lauschend,

gelangten wir hinaus zum Fuß des Aufstiegs.

Das ist eine köstlich erzählte Szene; mit Selbstironie schildert Dante seine Angst und erst die Ankündigung, daß er Beatrice begegnen wird, wenn er das Feuer durchschritten hat, löst die Angst. Wie ein verstehender gütiger Vater spricht Vergil auch im Feuer von Beatrice, um dem Pilger Dante das Durchhalten zu erleichtern. Beatrice war einst die geliebte und verehrte junge Frau, die früh verstarb. Jetzt soll er sie wiedersehen. Es folgt dann die Nacht und ein Traum und eine Rede von Vergil an Dante, die ihm eine geheilte, gekrönte Menschlichkeit zuspricht.

Als wir die ganze Stiege unter uns

gelassen und zur letzten Stufe angelangt,

da heftete auf mich den Blick Vergil

und sprach: ‚Das zeitliche und auch das ewge Feuer

hast du gesehn, mein Sohn, und bist am Ort,

wo ich durch eigne Kraft nicht weiterblicke.

Ich hab‘ dich hergeführt mit Geist und Klugheit;

Nimm dir zum Führer jetzt des Herzens Trieb.

Die steilen, engen Pfade liegen hinter dir.

Sieh dort, die Sonne strahlet dir ins Antlitz;

Sieh auch die Gräser, Blumen und die Sträucher,

die diese Erde ganz aus sich erzeuget.

Bis froh die schönen Augen sich dir nahen,

die weinend mich zu dir gerufen haben,

magst du dich setzen oder dich ergehen.

Nicht harr‘ mehr meines Winks noch meines Wortes,

frei, heil und aufrecht ist dein Wille jetzt,

falsch wär’s, nach seinem Sinne nicht zu handeln.

So krön‘ ich dich zu deinem eignen Papst und Kaiser.‘

Diese Rede ist ein geistiges und emotionales Mündigkeitsversprechen. Dante kann jetzt allein entscheiden, den inneren Impulsen des Herzens und des Geistes kann er vertrauen. ‚Nimm dir zum Führer jetzt des Herzens Trieb‘. Das Bild der Krönung mit Mitra und Krone bekräftigt die freie Menschlichkeit.

Auf dem dritten Aquarell sehen wir Dante im roten Gewand rechts an einer Flußbiegung stehen. Er kommt in diese wunderschöne Landschaft, die er anmutig beschreibt; es ist der Garten Eden. Dante fühlt sich angezogen von der Frauengestalt auf der anderen Seite des Flußes, fragt sie nach der Bewandtnis der Situation. Auf seiner Seite heißt der Fluß Lethe und er muß darin untertauchen, um alle seine Fehlhandlungen, von denen er schon gereinigt ist, auch zu vergessen.

Auf der anderen Seite erblickt er eine im hereinbrechenden Licht festliche Prozession. Einen von einem Greif gezogenen Triumphwagen, voran prächtige siebenarmige Leuchter und einen langen Zug von Seelen, die alle beschreiben werden in Auftreten und Bedeutung. Das ist eine Vision, die gespeist ist aus den Bildern der Offenbarung des Johannes. Um den Wagen schweben Engel, die Blake schemenhaft in den Bogen um Beatrice eingetragen hat. Die Worte erklingen: Gesegnet er, der da kommt. Das sind die Worte, mit denen Christus bei seinem Einzug in Jerusalem gegrüßt wird. Beatrice wird hier als eine Christusgestalt begrüßt und Dante zeigt im Auftreten Beatrices sein Konzept der Liebe. Zuerst ist sie die junge Frau, die er in den Straßen von Florenz traf und die in ihm eine nie verlöschende Bewegung ausgelöst hat. An diese frühe Zeit erinnert das rote Kleid, das sie damals trug und das sie jetzt trägt. Jetzt in den Himmelssphären ist sie auch eine Repräsentantin der Christusgestalt. Die erotische Liebe und die überpersönliche Liebe feiert Dante hier in einer Gestalt und seinem Verhältnis zu ihr.

In der Comedia haben wir das Werk eines Dichters vor uns, der sinnliche Wahrnehmung, sinnliche Erkenntnis und die abstraktere Welt der Gedanken, die so leicht sich trennen und verschiedene Wege gehen, zusammengehalten und in eine Einheit geschmolzen. Das gilt auch für seine Vorstellung wie und was die Liebe ist. Es ist nicht die erotische Liebe, die erlöst, sondern die Erweiterung der persönlichen in die überpersönliche Liebe, die für Dante das höchste bewegende Prinzip des Lebens ist. Damit gibt er uns zu denken.

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