Sonntag, 25. Juli 2021 | Predigt | Gottesdienst mit Taufe

Gottesdienst | Orgel: Michael Čulo, Chor: Seniorenkantorei St. Johannis | Liturgie und Predigt: Geistlicher Vizepräsident i. R. Arend de Vries

Arend de Vries
Geistlicher Vizepräsiden i.R. – Prior des Klosters Loccum
Predigt zu Matthäus 5,13-15
am 25. Juli 2021 – 8. Sonntag nach Trinitatis
Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis
Liebe Gemeinde,
Von Salz und Licht haben wir vorhin in der Lesung gehört. Von Salz und Licht hat Jesus
gesprochen, als er die Menschen anredete, die ihm nachfolgten und zuhörten.
Wenn Jesu Worte erklingen, verstehen es Kinder. Kinder noch am leichtesten. Und die
einfachen Leute, die nicht aus Universitäten kamen, sondern aus Fischerhütten, aus
Handwerker – und Bauernhäusern.
Nun sollen Pastoren in der Predigt über das Evangelium reden und nicht Märchen erzählen.
Ich gestatte mir heute mal eine Ausnahme und erzähle Ihnen ein Märchen. Ein slowakisches
Märchen, macht nicht nur den Kindern klar, wie nötig es ist, das Salz.
Es war einmal… ein König, der seine Töchter fragte, wie lieb sie ihn hätten. Die erste
antwortete: „So lieb wie meinen schönsten Edelstein!“ Die zweite antwortete: „So lieb
wie meine schönste Perle!“ Maruschka, die Jüngste, aber antwortete: „So lieb wie das
Salz in unserem Fass!“ Über diese Antwort ward der König zornig und schrie: „Geh,
mir aus den Augen, du undankbares Mädchen! Ich will dich erst dann wiedersehen,
wenn den Menschen Salz wertvoller als Gold und Edelsteine erscheinen wird. Dann
komm zurück!“
Weinend ging Maruschka fort, kam in ein fremdes Land und fand Zuflucht bei einer
alten, weisen Frau in einem Häuschen am Waldesrand. Es war eine gute Fee. Sie
lehrte das Mädchen, einen Haushalt zu führen. In der Zwischenzeit lebten die älteren
Schwestern in Saus und Braus, hatten Schmuck aus Gold und Edelsteinen und Tanz im
Sinn. Da erkannte der König, was ihm fehlte: die Liebe seiner jüngeren Tochter.
Eines Tages kam der Koch in großer Aufregung: „Das Salz ist uns ausgegangen“,
klagte er. Auch im ganzen Reich fehlte bald das Salz. Mensch und Tiere wurden krank.
Die weise Frau, bei der Maruschka war, wusste aber, was geschehen war. Salz war
wertvoller als Gold und Edelsteine geworden. „Deine Stunde ist gekommen. Da du das
Salz so sehr geschätzt hast, soll es dir daran niemals fehlen“, sagte die gute Fee und
schickte das Mädchen wieder nach Hause mit einem Vorrat von Salz. Der König war
überglücklich über die Gabe des Salzes und auch alle, die darum baten, bekamen Salz
aus ihrem Beutel, der nie leer wurde.
Salz ist ein unentbehrliches Element ist, wichtiger als Perlen und Diamanten. Nur mit Salz
bleiben wir gesund. Mit Salz als Konservierungsmittel konnte man früher, als es noch keine
Kühlschränke gab, sogar sehr reich werden, was man an den Namen vieler Städte ablesen
kann, die vom Salzhandel lebten: Salzburg, Salzgitter, Salzwedel, Salzuflen. Salz wurde mit
Bernstein, ja sogar mit Gold bezahlt.
Ohne Salz schmeckt das Essen nicht. Ohne Salz können wir nicht leben. Und erst recht nicht
die Leute, die körperlich schwer arbeiten. Und Menschen, die in großer Hitze wohnen,
lecken Salz so gerne wie bei uns die Kinder Eis.
Und das Licht: Ohne Licht können wir nichts sehen. Die Natur nicht mit ihren Schönheiten.
Und mit ihren lebensnotwendigen Gütern nicht. Die Menschen nicht. Ohne Licht geht die
Natur zugrunde und selbst kleine Kinder brauchen schon das Sonnenlicht, um genügend
Vitamin D zu haben.
Salz und Licht. Beides unbedingt nötig zum Leben!
Schon eine Prise Salz reicht zum Würzen und Konservieren.
Schon ein Strahl Licht lässt uns im Dunkel sehen.
Und jetzt sagt Jesus zu allen, die ihn hören:
„Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.“
So nötig wie Salz und Licht ist, so nötig braucht euch die Welt.
Ist das nicht etwas vermessen, wenn die Kirche, wenn eine Gemeinde für sich in Anspruch
nimmt, Salz der Erde, Licht der Welt zu sein? Sind es heute nicht ganz andere, die das
Geschehen bestimmten, die im Rampenlicht stehen, die sagen, wo es lang geht, wo es etwas
zu holen gibt, was das Leben interessant und lebenswert macht? – Kirche? Gemeinde?
Doch Halt. Diesem Missverständnis sollten wir nicht erliegen.
Es sind nicht Menschen, die von sich sagen: Wir sind Salz der Erde, Licht der Welt. Das kann
keine Kirche, keine Gemeinde von sich sagen. Und wäre sie noch so attraktiv, hätte sie ein
noch so gutes Programm, gäbe es noch so attraktive Veranstaltungen. Das kann niemand
von sich sagen.
Vielmehr ist es Jesus, der es den Menschen, die bei ihm waren, die mit ihm auf dem Weg
waren, zuspricht. Das ist wie mit einem Kompliment: Ich kann nicht sagen, dass ich gut
aussehe oder dass ich ein liebenswerter Mensch wäre. Wer würde mir da schon glauben? –
Nein, so wie ich mir das nur sagen lassen kann – und es dann gerne höre – so ist das auch
mit diesen Worten, die Jesus sagt: Wir können uns das nur zusagen lassen: „Ihr seid das Salz
der Erde, ihr seid das Licht der Welt!“. Aber als Zusage Jesu erreicht es uns nun.
Es fällt uns vielleicht nicht leicht, das zu glauben, es anzunehmen – aber es macht uns
wertvoll. Und uns wird etwas zugetraut, was wir uns vielleicht selbst nicht zutrauen.
Das gilt zunächst jedem Einzelnen und jeder Einzelnen von uns. Sie, die Sie sich von Gott
geliebt wissen, Sie sind seine Botschafterinnen und Botschafter dort, wo Sie leben. In Ihren
Häusern, in der Nachbarschaft, in den Vereinen, in der Stadt. Sie sind es, die an Jesu statt ein
Auge haben auf die, die Hilfe brauchen, auf die, die einsam sind und mit ihrem Leben nichts
mehr anfangen können. Sie sind es, die sich einsetzen dafür, dass kleine Menschen und alte
Menschen zu ihrem Recht kommen.
Salz und Licht sind wir. In der Nähe und Ferne Zeichen setzen für die Güte Gottes. Wo
anfangen, werden Sie selbst entdecken.
Aber die Welt wird merken durch uns, dass Gott gütig und freundlich ist.
„Die Stadt auf dem Berge kann nicht verborgen bleiben“.
Und so können Sie Licht sein, Licht für andere.
Im Eintreten für Gerechtigkeit und gute Nachbarschaft.
Licht für die Kolleginnen und Kollegen, die Ihnen täglich begegnen.
Licht für die Nachbarn, auch wenn Sie sich die nicht ausgesucht haben.
Licht für ein Migrationskind, das hier im Land schwer Fuß fasst.
Licht für die, die heimatlos geworden sind.
Licht für die, die in ihrem Leben keinen Sinn mehr finden.
Und das alles, ohne dass wir uns selbst Druck machen – oder unter Druck gesetzt fühlen.
Es ist also nicht gemeint:
Passt gut auf, dass das Licht nicht ausgeht.
Oder: Dreht kräftig am Dimmer, damit es heller wird.
Oder: Strengt euch gefälligst an,
dann könnt ihr Licht der Welt werden.
Sondern einfach: Ihr seid es!
Lasst leuchten!
Die Einzige, was man nicht machen sollte:
Einen Topf („Scheffel“) drüber stellen.
Das ist ja klar, das wäre unsinnig.
Weiß jeder. Und sagt Jesus auch selbst:
Licht anmachen, Topf drüber – das macht kein Mensch.
Nicht verstecken – nichts verbergen. –
Also: Wir – Sie und ich: Licht der Welt.
Weil wir in einer Lichterkette stehen.
Am Anfang dieser Kette steht Gott,
der bei der Schöpfung zuerst an das Licht denkt,
Erster Schöpfungstag, damit geht alles los, und siehe es war sehr gut.
Dann ist das Licht verbunden mit Gottes geliebtem Volk Israel,
und dann verdichtet, gebündelt in Jesus Christus, dem Licht der Welt.
Die, die von Christus hören, seit 2000 Jahren – Wir:
Wir reflektieren das Licht, geben es so weiter an andere.
Als lebendiger Teil in der Lichterkette.
Wobei uns das nie vollkommen gelingt,
dem Einzelnen, der Einzelnen nicht,
und uns allen als Kirche auch nicht,
sondern es ist klar, dass es neben dem Licht auch viel Schatten gibt.
Davon spricht Jesus aber nicht.
Die Schattenseiten behandelt er anderer Stelle.
Hier heißt es nur: Ihr seid das Licht der Welt.
Das dürfen wir, das dürfen Sie sein.
Sie sind es.
Amen.