Sonntag, 11. Juli 2021, 11 Uhr | Gottesdienst

Gottesdienst | Orgel: Michael Čulo, Chor: Seniorenkantorei St. Johannis | Liturgie und Predigt: Geistlicher Vizepräsident i. R. Arend de Vries

anschließend singt der Chor der Johann-Gottfried-Leibniz-Universität, Ltg.: Tabea Fischle auf dem Neustädter Marktplatz

und die Eismanufaktur „Birne & Beere“ ist mit dem Eisfahrrad vor Ort.

Predigt

Arend de Vries
Geistlicher Vizepräsiden i.R. – Prior des Klosters Loccum
Predigt zu Jesaja 41,1-7
am 11. Juli 2021 – 6. Sonntag nach Trinitatis
Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hlg.
Geistes sei mit euch allen. Amen.
„Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst,
ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“
So, liebe Gemeinde, haben wir es eben in der alttestamentlichen Lesung gehört an diesem
Sonntag, der das Motiv der Taufe aufnimmt, auch wenn damals, fünf Jahrhunderte vor der
Geburt Christi die Taufe noch nicht im Blick war. Der Textabschnitt aus dem Buch des
zweiten Jesaja ist so eindrücklich, dass ich ihn noch einmal lese:
So spricht der Herr, der dich erschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte
dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist
mein!
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen; und
wenn du durch Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht
versengen. Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.
Weil du in meine Augen so wertgeachtet und auch herrlich bist, und weil ich dich lieb
habe. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.
„Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist
mein.“
Wie oft habe ich dieses Bibelwort schon gesagt:
ausgesprochen über Menschen und zu Menschen.
Oft bei der Taufe: ausgesprochen über einem kleinen Menschen, der noch ganz und gar
hilflos ist und ohne eigenen Willen.
Und dann wieder oft am Sterbebett und am Sarg eines Menschen, zu Menschen und über
Menschen, die ganz und gar hilflos sind, nicht mehr über sich selbst verfügen können.
Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist
mein.“
Ein Wort für den Anfang und ein Wort für das Ende. –
Ein Wort für ausgelieferte, hilflose Menschen,
ein Wort gegen unsere Hilflosigkeit? – Ganz gewiss!
Und doch noch mehr. Was am Beginn des Lebens in unserer Hilflosigkeit Bestand hat und
was am Ende unseres Lebens in unserer Hilflosigkeit Bestand hat und hilft, das muss auch in
der Mitte des Lebens Bestand haben, das muss auch gelten für Menschen, die gerade
anfangen, nach Gott zu fragen. Und für Menschen, die dabei sind, das Leben in allen
Facetten und Farben zu entdecken und die vielen Möglichkeiten und Wege, aber auch
Irrwege kennen lernen, so wie es jungen Menschen ergeht. Und für Menschen, die etwas im
Leben erreicht haben und nun fragen, was jetzt kommt oder ob alles so bleibt, wie es ist.
Und für Menschen, die Angst haben, dass das Leben an ihnen vorbeigeht, weil sie vieles
versäumt haben und manches falsch gemacht haben. Und für Menschen, die wissen, dass
die Zeit verrinnt und schon fast zerronnen ist, die ihnen gegeben ist. – Was am Anfang und
am Ende Bestand hat und trägt, das muss auch in der Mitte des Lebens gelten und Halt
geben.
Wir Menschen – und da kann sich keiner ausnehmen – wir stehen immer schon in einer
Beziehung zu Gott. Wir mögen das wollen oder nicht, wir mögen das glauben oder nicht: wir
sind seine Geschöpfe. Er hat uns geschaffen und so stehen wir zu ihm in einer Beziehung und
sind auf ihn bezogen – ob wir es wissen oder nicht, oder wir es wollen oder nicht. Wenn Gott
spricht, dann tut er das als Schöpfer, als unser Schöpfer, der immer schon mit uns zu tun hat:
„So spricht der Herr, der dich erschaffen hat…“
Aber nun geschieht mehr: nun kommt zur Erschaffung die Erwählung. Dass wir Menschen
von Gott erwählt, auserwählt sind, das ist viel mehr als das geschaffen sein. Ein Geschöpf
war Abraham auch schon vor seiner Erwählung, bevor Gott ihn berief, Stammvater des
Volkes Israel zu werden. Dazu hat Gott ihn erwählt, auserwählt.
Wenn Gott uns erwählt, dann ist das der Ruf mit Namen: „Ich habe dich bei deinem Namen
gerufen…du bist mein.“
Dass Gott mich will, dass er mich anredet, das ist meine Erwählung. ICH werde für Gott zum
DU. Dass er mich anspricht, das gibt mir erst meine Identität.
„Dich will ich“, sagt Gott, Dich, nicht irgendeine – nicht irgendeinen.“
Was Gott damals dem ganzen Volk Israel in der bedrückenden Lage der Verbannung in
Babylon zugesagt hat, das sagt er heute seiner Gemeinde, sagt er einem jeden von uns heute
Morgen hier zu:
 Ich habe dich bei deinem Namen gerufen
 Ich bin bei dir
 Für dich habe ich viel hingegeben
 Du bist mir viel wert
 Du bist mein, du gehörst zu mir,
und das alles: weil ich dich liebhabe.
Vielleicht regt sich Widerspruch bei uns, vielleicht sträubt sich unser menschliches
Empfinden gegen solches Erwählen. Wir meinen, Gott müsse doch alle Menschen
gleichbehandeln.
Und die einen erwählt er – und die anderen nicht?
Das muss aber nicht unsere Sorge sein; auch deshalb nicht, weil wir wissen, dass Gott alle
will, weil er will, dass jedem Menschen geholfen werden soll. Gott will sie alle, indem er
jeden besonders will: „Du bist mein“. Und das sind heute Morgen wir, nicht die anderen, die
heute nicht hier sind, sondern wir.
Ein jeder, eine jede: „Du bist mein!“
Und so, wie wir das hören, so hat er das längst zu uns gesprochen. Bei unserer Taufe,
damals, als die meisten von uns noch gar nichts wahrnehmen konnten, da hat er das schon
über uns ausgesprochen: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“
Viele Eltern, die ihr Kind zur Taufe bringen, erhoffen sich und meinen, dass die Taufe so
etwas sein kann wie eine Garantie für ein unfallfreies Leben, für ein müheloses Schicksal, für
eine behütete Kindheit, für ein Leben ohne Krankheit.
Aber das alles ist noch nicht Taufe, so wie sie gemeint ist. In der Taufe wird das, was schon
immer gilt, mir zugesprochen. Und dann wird aus dem allgemeinen Satz, dass Gott alle
Menschen liebhat, der Satz „Gott hat mich lieb“. Und aus dem Satz „Jesus für alle
dahingegeben“ wird der Satz „Für mich gegeben.“
Und aus dem Glaubensbekenntnis „Auferstanden von den Toten“ wird dann „Für mich
auferstanden „
„Für dich“ – das sind die entscheidenden Worte des Evangeliums. „Mit goldenen Buchstaben
muss man diese Worte aufschreiben“, hat Martin Luther gesagt:
„Für dich. Wer das nicht glaubt, der ist kein Christ.“
Zu glauben, dass es einen Gott gibt, das mag manchen noch leichtfallen. Aber zu glauben,
dass es Gott für mich gibt, das ist oft schwerer. Und weil es uns oft so schwerfällt, uns nur
auf Worte zu verlassen, darum hat Gott uns die sichtbaren Zeichen, die Sakramente,
gegeben:
Die Taufe, meine und deine Taufe als Zeichen dafür, dass diese Worte für mich und für dich
gesagt sind – dass ich und dass du gemeint bist: „Fürchte dich nicht; ich habe dich bei deinem
Namen gerufen, du bist mein.“
Das ist mehr als ein leichtfertig dahingesagtes Wort, das ist mehr als ein belangloses Wort.
Das ist die Liebeserklärung Gottes.
Und noch mehr: Das ist die machtvolle Behauptung eines Anspruchs. Gott beansprucht dich:
„Du gehörst nicht mehr irgendeiner Macht des Bösen, die dich gefangen halten will. Ich, dein
Gott, habe meine Hand auf dich gelegt; du gehörst zu mir.“
Das ist uns zugesagt – mit unserer Taufe. Da ist es uns besiegelt.
Eine einfache Kopie von einer Urkunde ist nicht viel wert. Aber wenn eine Urkunde gesiegelt
ist, wenn eine Amtsperson mit einem Siegel bestätigt, dass es seine Richtigkeit hat, dann gilt
eine Kopie so viel wie das Original. Ein solches Siegel ist die Taufe: sie versichert uns, dass
das für uns gilt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“
Das geschieht einmal in unserem Leben – in unserer Taufe. Aber weil wir so oft ins Zweifeln
geraten, weil wir manchmal nicht wissen, ob das noch gültig ist, weil wir dann ins Fragen
kommen, ob das denn ein Leben lang gilt, weil wir befürchten, dass wir uns manchmal zu
weit von Gott entfernt habe, als das er uns noch nahe sein könnte: darum gibt es das andere
sichtbare Zeichen in unserer Kirche, das zweite Sakrament.
Zur Taufe tritt das Mahl. Im Abendmahl werden wir versichert, befestigt: In Brot und Wein
und in der Gemeinschaft der Glaubenden. Und wieder heißt es: „Für dich. Für dich gegeben –
für dich vergossen. – Du bist mein.“
Die Taufe und das Mahl – beides sind keine Zaubermittel. Und beide versprechen nicht
glückhaftes, unversehrtes, glatt verlaufendes Leben.
Den Verbannten des Volkes Israel, denen dieses Wort zuerst zugerufen wurde, ihnen wurde
keine unbeschwerte Heimkehr in die Heimat versprochen. Ihnen wurde nicht gesagt, dass es
keine gefährlichen Wasser geben wird, durch die sie hindurchmüssen, ihnen wurde nicht
gesagt, dass es keine versengenden Feuer geben würde. Nein, es gehört zu unserer
menschlichen Existenz dazu, dass wir durch Wasser und Feuer hindurchgehen müssen.
Am Volk der Juden hat sich das auf das Schrecklichste bewahrheitet: zusammengetrieben in
Kammern, die als Duschen kaschiert waren und das Gift aus den Wasserhähnen kam, und
dann zu Tausenden und Hunderttausenden in das Feuer der Verbrennungsöfen geschoben.
Es ist uns Christen, den Getauften und Erwählten nicht verheißen, das wir verschont bleiben,
dass wie vor allem bewahrt bleiben. Aber zugesagt ist uns, dass wir in aller Gefahr und
Gefährdung bewahrt bleiben.
„Wasser und Feuer“ – das ist alles, was uns gefährlich werden kann und was unser Leben
bedroht. Und das kennen wir, dass uns das den Atem nehmen kann und uns den Hals
zuschnürt, dass wir das Gefühl haben, die Wellen schlagen über uns zusammen, die Wogen
von Schmerz und Trauer, der Verzweiflung und der Ohnmacht. Und dass in uns die
Sehnsucht brennt und dass wir verzehrt werden von dem Sehnen nach Liebe und
Anerkennung, und das Heimweh nach einem geliebten Menschen brennt wie Feuer. Davon
ist keine Glaubende, keine Getaufte, kein im Mahl Gestärkter ausgenommen – keiner davon
verschont.
Aber ein Glaubender, eine Getaufte, ein im Mahl Gestärkter darf gewiss sein: die Wogen
werden nicht über ihn zusammenschlagen, das Feuer wird ihn nicht verzehren. Er kann
aushalten, weil er zu dem gehört, der ihn geschaffen hat und erwählt, der mir und dir das
zugesagt hat: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Ich will bei dir sein.
Denn ich bin der Herr, dein Gott. Darum fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir.“
Amen.