Sonntag, 20. Juni 2021 | Predigt | Musikalischer Abendgottesdienst

Das ganze Leben eine „Göttliche Komödie“? – Religion und Poesie verbündet

„Die göttliche Komödie in der modernen Literatur“

Musik: Bläserkreis Hannover, Ltg.: Martin Conrad | Predigt: Pastor Dr. Stephan Goldschmidt

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In  diesem Jahr jährt sich zum 700. Mal der Todestag Dante Alighieris. Das Zusammenspiel von Religion und Poesie in seinem die Zeiten überstrahlenden Werk der „Göttlichen Komödie“ ist die Inspiration zu dieser Gottesdienstreihe.

Capriccios – musikalische Scherze – und Musik der iberischen Halbinsel werden uns anlässlich des 20. Geburtstags der Spanischen Orgel im Jahr 2021 begleiten.

Predigt von Dr. Stephan Goldschmidt

1
Die Göttliche Komödie in der modernen Literatur
Liebe Gemeinde,
Dantes göttliche Komödie lebt. Sie lebt weiter in der zeitgenössischen Literatur. Gern auch in der Kriminalliteratur. Ich gebe zu, ich habe anfangs überlegt, heute auf Dan Browns „Inferno“ einzugehen mit der dort beschriebenen fantastischen Bilderwelt. Aber dann habe ich das „Pfingstwunder“ von Sibylle Lewitscharoff gelesen. Und da wusste ich: Ich werde mich beschränken müssen. Die moderne Literatur ist ja ein zu weites Feld für einen Abendgottesdienst und eine Predigt. Also: Die göttliche Komödie in der modernen Literatur: exemplarisch dargestellt anhand des 2016 erschienenen Romans „Das Pfingstwunder“ von Sibylle Lewitscharoff. Das passt auch kirchenjahreszeitlich gerade noch – vier Wochen nach Pfingsten.
34 Danteforscher treffen sich zu einem Kongress in einer alten Villa des Malteserordens auf dem Anventim, einem der sieben Hügel Roms. Thema ist – natürlich – Dantes göttliche Komödie. Die Professorinnen und Professoren gehen die Komödie Abschnitt für Abschnitt durch. Am Ende sind 33 von ihnen auf wundersame Weise verschwunden. 33 von 34 Forscherinnen. Keine zufällig gewählte Zahl. Wie Sie längst wissen: Die göttliche Komödie ist in dreimal 33 Gesänge und einen Prolog gegliedert. 33 Wissenschaftlicherinnen sind spurlos verschwunden, nur einer bleibt übrig: Gottlieb Elsheimer, Professor für Romanistik in Frankfurt. Er ist noch da. Aber das ist kein erfreulicher Zustand. Im Gegenteil: Er kommt sich aussortiert und zurückgelassen vor. Verstört und betrübt sitzt er in seiner Frankfurter Wohnung. Dort versucht er, sich erst einmal zu sammeln. Und vom Schrecken zu erholen. Vor allem aber will er das Unbegreifliche begreifen. Ich zitiere aus einem seiner vielen Selbstgespräche: „…wo um Gottes willen sind … die sechsunddreißig Menschen geblieben, dreiunddreißig Wissenschaftler und drei Leute vom Personal, die sich vor meinen Augen aufgemacht haben in Richtung – wasweißich?“1.
1 Sybille Lewitscharoff: Das Pfingstwunder, Berlin (Suhrkamp) 2016, 15.
2
Ist die Commedia mehr als ein gewöhnliches Buch? Hat sie Bedeutung für das Hier und Jetzt und darüber hinaus?, fragt sich Gottlieb: „Komme ich womöglich selbst in diesem außerordentlichen Gedichtreigen vor und habe es nur noch nicht entdeckt?“2 Er beschließt, seine Erinnerungen über den Kongress aufzuschreiben. Und erhofft sich dadurch der Erklärung für das Unerklärliche wenigstens ansatzweise auf die Spur zu kommen. Und so werden wir mitgenommen auf eine abenteuerliche Reise mitten durch die göttliche Komödie. Wir begleiten Dante, der vom antiken Dichter Vergil durch die Tiefen der Hölle und durch das Purgatorium geführt wird. Am Ende nähern wir uns mit Dante sogar dem Paradies.
Gleichzeitig aber befinden wir uns in Rom auf einer außergewöhnlichen Tagung. Sie unterscheidet sich von anderen Tagungen, weil die Komödie abzufärben beginnt. Die Forscherinnen reden nicht nur über Dantes Dichtung. Sie lassen sich von ihr ergreifen. Die für Kongresse manchmal typische Langeweile kommt gar nicht erst auf. Und die üblichen Rivalitäten und Rechthabereien fehlen bei dem Kongress fast ganz. Er ist stattdessen geprägt von einer inspirierenden und immer ausgelasseneren Stimmung. Und die anfängliche Ahnung steigert sich langsam zur Gewissheit: Das Verschwinden der 33 Wissenschaftlerinnen ist ein Wunder – ein Pfingstwunder. Die Wiederholung der Ereignisse, als Jesu Jüngerinnen und Jünger in Jerusalem vom Heiligen Geist ergriffen werden, in fremden Sprachen sprechen und gleichzeitig von allen verstanden werden.
Gottlieb beschreibt, wie die Grenze zwischen Geistig-Seelischem und Körperlichem sich aufzulösen beginnt. So werden beispielsweise die wundersamen, mit neuen Bedeutungen gefüllten Wörter materialisiert. Sie gleichen Schaumflocken und schweben sichtbar durch den Raum. Gottliebt ist fasziniert. Auf das Spiel der Wörter kann er sich noch einlassen. Als aber bald die Körperlichkeit seiner Kolleginnen und Kollegen fluide zu werden beginnt, geht er auf Distanz. Er schlüpft in die Rolle des Beobachters. Und schon gehört er nicht mehr dazu. An der wundersamen Verwandlung der anderen nimmt er nicht teil: Später
2 A. a. O, 18.
3
bedauert er seine Mutlosigkeit: „Ich blieb Leib, sie waren bereits in hohem Grade Seele.“3.
Als er allein zurückbleibt, fühlt sich Gottlieb aussortiert, alleingelassen, sogar bestraft. Als Einziger kann er sich nicht auf das einlassen, was vor seinen Augen geschieht. Er bleibt kritisch auf seinem Platz im Vortragssaal sitzen. Während die anderen leichter und leichter werden, fühlt sich sein Körper bleischwer an. Durch die geöffneten Fenster fliegen bald schon die ersten hinaus Richtung Himmel.
„Es war ungeheuerlich“, beschreibt Gottlieb den Vorgang. „Einer nach dem anderen klettern sie auf die Fensterbretter. Eleni [eine griechische Danteforscherin] hatte erst Angst, sie hielt ihre steife schwarze Tasche umklammert, ich dachte, die traut sich nie und nimmer, aber dann flog sie ganz frei, gar nicht mal schlecht“4. Nach und nach fliegen alle davon – 33 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und drei Angestellte. Sogar ein Hund ist unter den Glücklichen.
Gottliebs Gedanken kreisen: „Natürlich können Menschen ohne technische Hilfsmittel nicht fliegen. Ein Grundsatz der Physik. Anziehungskraft der Erde. Körper fallen. Sie steigen nicht von allein. Von einem leichten Federchen mal abgesehen. Das dachte ich auch. Ich denke es sogar jetzt wieder. Aber ich schwöre bei allem, was mir teuer ist: sie sind geflogen. Stracks nach oben, immer stracks nach oben. Niemand ist runtergefallen. Keiner von den oft so selbstverliebten Professoren… … Unsere hagestolzen Seelen waren jung und auffangsam geworden, bereit für alle Sprachen, um einen Höhenflug ins Reich des Göttlichen zu unternehmen“5.
Gottlieb braucht Zeit – das ganze Buch hindurch –, um sich einzugestehen, dass seine Kolleginnen und Kollegen nur an diesem einen Ort sein können: Im von Dante beschriebenen Paradies. Sie sind befreit nach oben gestiegen – nach Dantes Logik ein klares Zeichen. Wären sie im Fegefeuer oder gar in die Hölle gelandet, hätten sie abstürzen oder heruntersinken müssen.
3 A. a. O., 40.
4 A. a. O. 342.
5 A. a. O., 243.
4
Warum ist Gottlieb allein übriggeblieben? Sein Name, der ihm stets peinlich war, trägt doch die Verheißung in sich, dass er zu den Auserwählten hätte dazugehören können – zu denen, die Gott lieb sind. Vielleicht ist er zu lau und unentschlossen, denkt er. Im entscheidenden Moment fehlt ihm der Mut, die Begeisterung. Stattdessen bleibt er einfach sitzen. Und betrachtet die Ereignisse in Halbdistanz. Ist er deshalb ein Kandidat fürs Purgatorium? Oder gehört er gar in die Hölle? Gottlieb kann sich beides vorstellen. Nach der Logik der Commedia gäbe es in seiner Vergangenheit für beides genügend Gründe.
Am Ende erweist sich für Gottlieb das Verlassenwerden als innerweltliches Fegefeuer, in der das Unterste zuoberst gekehrt wird: „Vorher – Nachher, das verbindet sich nicht mehr“, bekennt er. „Vorher führte ich das Leben eines Professors, der sich einbilden durfte, seine Studenten würden ihn verehren und erheblich jüngere Frauen sich für ihn interessieren. Vorher war mein Denken geprägt von einem modernen zeitgenössischen Realismus… Jetzt nicht mehr. Der Kongreß hat alles verändert. Bis in die Haarwurzeln hinein fühle ich mich als ein anderer, mir fremd gewordener Mensch“6. Ihm ist jede Lebensenergie entzogen. Er lässt sich gehen, verlässt seine Wohnung kaum mehr. Ist nicht mehr in der Lage, seinen Pflichten als Professor nachzukommen.
Dabei ist das Aussortiert-Werden bereits ein Thema der Commedia. Bei Gottlieb wiederholt sich eine besondere Szene, in der Dante seinen treuen Begleiter und väterlichen Freund Vergil verlassen muss. Vergil bleibt das Paradies verschlossen, genauso wie Gottlieb. Die scholastische Theologie, derer sich Dante bedient, ist an dieser Stelle strickt: Auch dem gebildeten, bewunderten Heiden bleibt der Zugang ins Gottesreich verwehrt.
Wer bin ich? Und wohin gehöre ich? Diese Fragen durchziehen den Roman von vorne bis hinten. Ohne die Kolleginnen und Kollegen ist sich Gottlieb selbst fremd geworden. Er kann sich kaum mehr annehmen. Er misstraut sich, seinen Erinnerungen und Einschätzungen. Vor allem aber ist ihm der Weg zurück verbaut. Das Pfingstwunder ist so einmalig und
6 A. a. O., 9.
5
besonders, dass alles andere, was ihm einmal wichtig war, trivial und unbedeutend erscheint:
„Unsere Geschichte, meine Geschichte, meine Not, sie beginnt in Rom, oder vielmehr … sie begab sich zu Rom, nicht irgendwann, nicht irgendwie, sondern zu Pfingsten im Jahre 2013. Präziser gesagt: in dem Moment, da die Glocken des Petersdoms einsetzten, um das Pfingstfest einzuläuten. Was auf dem Aventin geschah, ist so irrsinnig, daß es mein Hirn bewimmelt. …
Es begann also mit Glockengeläut. Ziemlich laut, als würden wir während unseres Kongresses alle geweckt, oder besser gesagt: erweckt“7.
Fast wie damals in Jerusalem, als der Pfingsttag gekommen war.
Da waren Jesu Jüngerinnen und Jünger alle beieinander an einem Ort.
Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel
wie von einem gewaltigen Sturm
und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer,
und setzten sich auf einen jeden von ihnen,
und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist
und fingen an zu predigen in andern Sprachen,
wie der Geist ihnen zu reden eingab.
Amen.
7 A. a. O., 12.

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