Sonntag, 14. Juni 2022 Predigt | Gottesdienst

Altarraum der Neustädter Hof- und Stadtkirche

PREDIGT:

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Dr. med. Thela Wernstedt, MdL
Predigt am 14. Juni 2020
in der Neustädter Hof- und Stadtkirche
Pandemie 2020 –
Nachdenken über Sünde, Gleichheit und Verletzbarkeit
Liebe Gemeinde,
die Pandemie hat die Welt im Griff, wenn auch weniger strikt als noch vor
wenigen Wochen. Über Seuchen und Plagen weiss die Bibel manches zu
sagen. In der Lesung haben wir aus dem alten Testament aus dem Buch
Ezechiel gehört.
Im Jahr 597 v.Chr. wurde der Prophet Ezechiel zusammen mit König
Jojachin von Juda und vielen Bewohnern Jerusalems von König
Nebukadnezar nach Babylon deportiert.
Ezechiel interpretierte die Ereignisse der zweimaligen Eroberung und dann
völligen Vernichtung Jerusalems wie wir auch schon gehört haben
eindeutig:
„Weil ihr noch aufsässiger gewesen seid als die Völker rings um Euch, weil
ihr nicht nach meinen Gesetzen gelebt und meine Rechtsvorschriften nicht
befolgt habt, ja weil ihr nicht einmal nach den Bräuchen der Völker ringsum
gehandelt habt, darum – so spricht Gott, der Herr:
Nun gehe ich gegen Dich (Jerusalem) vor…
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Ich werde ein Strafgericht über dich abhalten und werde die Menschen, die
in dir noch übrig sind, in alle Winde zerstreuen…
Ein Drittel deiner Einwohner wird an der Pest sterben und durch den
Hunger in der Stadt zugrunde gehen.
Ein anderes Drittel wird vor deinen Mauern durch das Schwert umkommen.
Das letzte Drittel werde ich in alle Winde zerstreuen…
Um euren Hunger zu vergrößern, entziehe ich euch den Vorrat an Brot.
Hungersnot und wilde Tiere schicke ich gegen dich, damit sie dir deine
Kinder rauben.
Pest und Blutvergießen sollen über dich kommen.
Ich bringe das Schwert über dich. Ich, der Herr, habe gesprochen.“
Das ist eine brutale Rede.
Analysiert man sie auf ihre Argumente, so ist die Eroberung Jerusalems
selbstverschuldet. Belagerung der Stadt, Zerstörung des Umlandes, Hunger,
gewaltsamer Tod vieler Einwohner durch die Babylonier und begleitende
Krankheiten: das alles ist die eigene Schuld der Menschen in Jerusalem. Sie
haben sich nicht an die Vorschriften Gottes zu einem guten und gerechten
und gottesfürchtigen Leben gehalten, haben gesündigt. Die Strafe ist
fürchterlich und bezieht alle mit ein: Männer, Frauen und Kinder.
Der Prophet Ezechiel hatte eine enorme Bedeutung für den Zusammenhalt
der verschleppten Israeliten nach Babylon. Im babylonischen Exil hat sich
die Überzeugung durchgesetzt, dass die Ausübung der Religion nicht
ortsabhängig ist, sondern überall dort, wo eine Gemeinde
zusammenkommt, Gottesdienst gefeiert werden kann. Der Glaube und der
Zusammenhalt der Gemeinde festigte sich, und das war letztlich die
Voraussetzung dafür, dass nach der Eroberung Babylons durch Kyros von
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Persien die Gemeinde schließlich zurückkehren und Jerusalem
wiederbeleben konnte.
An diesem Text wird deutlich, dass wir Menschen unabhängig vom
Zeitalter, dem politischen System und der Kultur Erklärungen brauchen, um
Ereignisse, denen wir ausgeliefert sind, einzuordnen und mit ihnen zu
leben.
Es ist eine Menschheitserfahrung: wenn viele Menschen in kriegerischen
Auseinandersetzungen getötet werden, folgen ansteckende Krankheiten, an
denen wieder viele Menschen sterben und es folgt Hunger, weil die Vorräte
vernichtet oder gestohlen werden und zu wenige Arbeitskräfte da sind, um
die Felder zu bestellen. Diese Zusammenhänge gelten bis heute und sind
auch bei uns in Deutschland nach den Weltkriegen noch im kollektiven
Gedächtnis.
Auf die implizit gestellte Frage: „Woher kommt all das?“,
antwortet Ezechiel: „Von Gott“.
Er straft die Menschen. Das ist eine eindeutige Aussage. Sie ist schrecklich,
hilft aber beim Einordnen des Geschehens.
Sie enthält auch implizit eine Hoffnung: wenn die Menschen gottesfürchtig
leben, nicht sündigen, kommen keine Eroberer, keine Seuchen und kein
Hunger. Die Menschen können etwas dafür tun.
Die Ursache der furchtbaren Ereignisse und Hoffnung, dass so etwas nicht
mehr geschehen kann, wird von Ezechiel dem menschlichen Verhalten
zugeordnet. Der Wertmassstab aber liegt im Transzendenten, dem
Menschen nicht Zugänglichen, im Willen Gottes.
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Ezechiel bemüht eine transzendent begründete Moral, um Krieg, Seuchen
und Hunger und damit den vielfachen menschlichen Tod zu erklären und
nutzt ein wirkmächtiges Instrument, das es ihm erlaubt, seinen Einfluss auf
die exilierte Gemeinde zu festigen und zu stärken.
Heute sagt niemand mehr so krass in der Öffentlichkeit: ihr seid selbst
schuld an der Corona-Pandemie, weil ihr nicht gottesfürchtig gelebt habt.
Aber wir finden Varianten der Strafe Gottes und der Hoffnung durch
besseres Verhalten schlimme Zustände vermeiden zu können, wenn wir in
die Zeitungen, Leserbriefe und Kommentare der Medien sehen.
Die „Natur“ ist in den letzte Jahrzehnten im Bemühen um mehr Schutz für
Pflanzen, Tiere, ganze Ökosysteme, des Wassers, jüngst in der Variante des
Klimas für viele Menschen nicht nur ein politisches Anliegen, sondern zu
einer Art Ersatz für Gott geworden. Für Christinnen und Christen bedeutet
dieses Bemühen die Bewahrung der Schöpfung.
Durch unseren modernen Lebensstil, Reisen, globalisierte Warenströme,
Arbeitsmigration, offene Grenzen, Ausbeutung der Natur,
Umweltverschmutzung, ungezügeltes Wirtschaftswachstum,
Zurückdrängen der letzten Naturreservate – die Liste läßt sich beliebig
verlängern – bedrängen wir die Natur, die Schöpfung, so sehr, dass sie
gewissermassen mit ihren kleinsten Nicht-Ganz-Lebewesen, den Viren,
zurückschlägt. Diese Überlegungen waren jetzt oft in Leserbriefen zu
finden. Ganz leise hört man aus dem Buch Ezechiel durchklingen, dass
durch sündiges Verhalten eine Katastrophe entstanden ist. Auch heute
brauchen die Menschen einen Erklärungszusammenhang.
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Ein weiteres Beispiel: Vor etwa 6 Wochen wurde von der
Bundesumweltministerin der Bericht zum internationalen Artenschutz
vorgestellt.
Der Öffentlichkeit wurde vermittelt, dass durch Ausweitung von
Ackerflächen oder anders von Menschen genutzten Flächen, Wildtiere
weniger Platz haben, damit Wildtiere und Menschen enger
aneinanderrücken und dadurch die Gefahr von Infektionen, die von Tieren
auf Menschen übergehen, wie jetzt beim SARS-Virus, größer wird. Implizit
ist dort die Aussage enthalten: die Menschen rücken der Natur zu Leibe und
die Natur schlägt zurück. Also sind die Menschen selber schuld, sie können
aber etwas tun, indem sie anders mit Wildtieren bzw. der Natur umgehen.
Es steckt ein politisches Kalkül in einer solchen Aussage. Gebt Euch mehr
Mühe mit dem Artenschutz, mit dem Naturschutz, mit dem Klimaschutz,
dann verringert ihr die Wahrscheinlichkeit von Pandemien und damit
Erkrankung und Tod von lieben Menschen, wirtschaftlichem Niedergang
mit allen Folgen von Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Schulden. Damit
erringt ein Ministerium die öffentliche Aufmerksamkeit und im besten Falle
ein höheres Jahresbudget, um die eigenen Projekte besser vorantreiben zu
können. Das ist nicht verwerflich, aber es ist ein Kalkül.
Vielleicht hat ein politisches Kalkül auch bei Ezechiel eine Rolle gespielt,
dem Propheten, der unter so unendlichen schweren Bedingungen den
Glauben an den einen Gott bewahren und festigen wollte. Unter den
traumatischen Erfahrungen des Todes von Familienmitgliedern, Nachbarn
und Freunden in Jerusalem, der Vertreibung aus der Heimatstadt und einer
völlig ungewissen Zukunft bei nachlassenden Bindungen innerhalb der
Gemeinschaft.
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Betrachten wir das Geschehen mit den Augen der Wissenschaft, die auch
nach Erklärungen sucht, aber diese Erklärungen auf Modelle stützt, die
widerlegbar sind, sehen wir anders. Menschen und Tiere leben seit
Jahrtausenden mit der Sesshaftwerdung und dem Beginn des Ackerbaus in
enger Gemeinschaft. Infektionsforscher sagen, dass in dieser Gemeinschaft
das Risiko gegeben ist, dass Tierkrankheiten auf den Menschen übertragen
werden und umgekehrt. Es kann auch mehrmals hin- und hergehen. Das hat
man beim Grippevirus anhand von Stammbäumen, die über Jahrhunderte
nachverfolgt wurden, belegt.
Die Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney hat in ihrem Buch zur
Spanischen Grippe umfassend aufgearbeitet, wie sich die Grippe durch die
Demobilisierung der Soldaten nach dem 1. Weltkrieg, Handel und Reisen
global in mehreren Wellen verbreitet hat
Das Phänomen der Pandemie ist alt. Handelsbeziehungen haben Menschen
bereits in der Steinzeit gepflegt. Die Pandemie ist keine Erscheinung der
industriellen Revolution oder gar der Globalisierung im 21. Jahrhundert.
Wir hören heute oft, dass die Europäer, den nord- und südamerikanischen
Einwohnern den Tod nicht nur durch Eroberungszüge brachten, sondern
auch durch ihre Erkrankungen und die Europäer damit eine unabweisbare
Schuld für alle Zeit auf sich geladen haben, eine entsetzliche Sünde. Die
Europäer brachten die Grippe, die Diphterie, die Masern.
Die Pestpandemie von 1348/49 ist nach wie vor im Gedächtnis. Damals
starb ein Drittel der Bevölkerung Europas. Die infizierten Ratten fuhren in
den Handelsschiffen mit, die Erreger wurden via Flöhe auf Menschen
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übertragen und übertrugen sich dann von Mensch zu Mensch erst in den
dicht besiedelten Städten, dann auch auf dem Land.
Die Pest kam aus China. Dort ist sie bis heute endemisch. Sie tötete 1348/49
ein Drittel aller Europäer und kehrte häufig zurück. Die Cholera kam aus
Indien und hat ebenfalls hunderttausende Europäer getötet.
Die Liste läßt sich fortsetzen.
Wissenschaftlich gesehen werden Krankheitserreger schlicht durch Handel,
Reisen, Militärbewegungen und auch Klimaveränderungen verbreitet und
werden für diejenigen Bevölkerungen gefährlich, die sich noch nicht mit
dem Erreger auseinandersetzen konnten. Es ist zunächst mal gleichgültig,
welche Hautfarbe eine Bevölkerung hat, was für eine Kultur sie pflegt und
was die eine über die andere denkt. Dass sich Krankheitserreger verbreiten,
hat zunächst nichts mit Sünde zu tun. Wer keine Immunantwort hat, ist
verletzlich.
Heute sind internationale Kontakte auf all den genannten Ebenen ungleich
viel häufiger. Damit können neue Krankheitserreger oder bekannte mit
neuen Eigenschaften schneller weiter verbreitet werden als früher. Das
liegt ursächlich begründet in der Art wie wir leben.
Dass wir leben liegt in Gottes Hand, aber wie wir leben, liegt an uns.
Dieses Globalisierungsrad, das sich so schnell dreht mit Warentransport,
Arbeitskräftewanderungen, Reisen zu jeder Jahreszeit überall hin, bietet
beste Verbreitungswege für Entitäten, die noch nicht einmal die Kriterien
des Lebens erfüllen, für Viren.
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Das hat zu tun mit einer auf maximalen Gewinn ausgerichteten
ökonomischen Rationalität. Diese Rationalität hat Lagerhaltung für
ineffektiv erklärt. Effektiv ist nur, was sich unmittelbar in Profit verwandeln
läßt. Liegende Rohstoffe, lagernde Waren wurden abgeschafft. Wer daran
dachte, etwas zu lagern, wurde für ökonomisch dumm erklärt, ja für
verantwortungslos.
Das hat zur Folge, dass wir keine Medikamentenlager haben. Das hat zur
Folge, dass wir keine Schutzausrüstungen zur Verfügung hatten. Das hat
auch dazu geführt, dass keine Pandemieplanung auf Ebene der Länder und
der Kommunen gemacht wurde. Niemand wollte an diese Vorhaltekosten.
Kosten aus Steuermitteln für Lagerhaltung. Für den Ernstfall.
Jetzt sehen wir, dass diese Form ökonomischer Rationalität
zusammenbricht, wenn ein noch nicht mal lebendiges Ding um die Welt
geht. Jetzt sehen wir, dass es Billionen von Euro kostet, die Wirtschaft
wieder in Gang zu bringen und damit auch Lebensperspektiven von
Millionen von Menschen. Jetzt sehen wir, dass es Leben rettet, wenn wir
Lager mit Schutzausrüstung haben. Und wir sehen, dass ein gut
ausgestattetes Gesundheitssystem eine Katastrophe verhindern kann.
Wie wir leben liegt an uns. Wir haben Gründe vieles in unserer Gesellschaft
zu überdenken und politisch anders zu machen. Wir haben gute Gründe,
mehr Planung und Geld in die Daseinsvorsorge zu investieren und es nicht
schlechtzureden als inaktive Posten, die keinen Effekt bringen. Manchmal
muss man 10 Jahre warten, um zu sehen, dass Vorsorge helfen kann.
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Es wäre doch gut, wenn wir bei der nächsten Pandemie, schneller und
gezielter reagieren können, uns vielleicht einen Lockdown ersparen, damit
unsere besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppen weiter unterstützen
können und trotzdem weniger Kranke und Gestorbene haben?
Wenn wir uns innerhalb Europas durch gut durchdachte Absprachen
gegenseitig helfen und genug Material zu Verfügung haben.
Es wäre doch gut, wenn wir eine international aufgestellte Helfertruppe
hätten, die andere Länder in Afrika, Südamerika oder wo auch immer
gezielt bei einer Epidemie wie mit dem Ebolavirus unterstützen könnten?
Der Respekt vor dem menschlichen Leben im Angesicht der Pandemie kann
die Radikalität des neoliberalen Wirtschaftens zurückdrängen. Es gibt
Bereiche, in denen Zusammenarbeit mehr hilft als Konkurrenz. Permanente
globalisierte Waren- und Rohstoffströme garantieren keine Verfügbarkeit
von Schutzmasken und Beatmungsgeräten. Es braucht eine durchdachte
Lagerhaltung und belastbare internationale Absprachen.
Wir haben es in der Hand, wie wir leben. Und obwohl gerade
Infektionskrankheiten einerseits die großen Gleichmacher sind, denn jeder
kann krank werden und sterben, egal ob wohlhabend oder
Transferleistungsempfänger. Es erkranken aber mehr Menschen und damit
sterben auch mehr Menschen, die in einem Land mit schlecht ausgebautem
Gesundheitssystem leben und wenig Geld haben. Und so zeigt uns der
große Gleichmacher gleichzeitig im Brennglas die Ungerechtigkeiten in
unseren Gesellschaften.
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Eine Rede wie Ezechiel sie vor der jüdischen Gemeinde hielt, geht heute
nicht mehr. Auch wenn der Zusammenhang von Sünde und Katastrophe in
den Kommentaren vieler Zeitgenossen zumindest durchklingt, wenn es
nicht ein politisches Kalkül ist.
Aber die freiwillige Einsicht im Sinne des Aufklärers Kant darf wachsen,
dass ein Zusammenleben im Respekt vor der Einzigartigkeit menschlichen
Lebens Daseinsvorsorge und nicht nur rastloses Produzieren braucht.
Amen.