Andachtimpuls zur aktuellen Lage – Mai 2020

Andachtimpuls „Zwischen den Zeiten“ von Dr. Friedrich Ley, Oberkirchenrat, Leitung Referat 36 (Seelsorge) der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers | Andacht am 25. Mai 2020 im Landeskrichenamt Hannover

Zwischen den Zeiten

Es sind außergewöhnliche Zeiten. Etwa 80 % der Nachrichtenmeldungen lassen sich unter ein einziges Schlagwort sammeln. Das Leben in seiner ganzen Breite variiert seit Wochen nur ein Thema. Selbst die geduldigsten Gemüter zeigen hin und wieder leichte Ausfallerscheinungen. Es nervt. Der Wunsch nach einem „ganz normalen“ Alltag wird teilweise so drängend, dass die Normalität, so scheint es, erzwungen werden soll – oft gegen besseres Wissen. Freunde treffen, die Himmelfahrtstour, Eis essen gehen mit den Kindern. In Erinnerung an eine Welt, in der das ganz normale Alltagsbetätigungen waren. Ohne schlechtes Gewissen und besondere Vorsicht möchten wir uns für einen Augenblick hineinfallen lassen in die vertrauten Routinen und in eine kurze Zeit der Sorglosigkeit. 

Doch ein fader Beigeschmack bleibt. Und die innere Unzufriedenheit mit den Um-ständen wird durch die kleinen Ausbrüche ins Vertraute gerade nicht gemindert, sondern um so spürbarer.

Schnell ein paar Brötchen vom Bäcker holen, um dann in Ruhe zu frühstücken. Auf halbem Weg dann die Erkenntnis: „Mist, Maske vergessen!“ Wieder zurück nach Hause und erst dann im zweiten Anlauf wird es etwas mit den Brötchen. 

Morgens mit dem Fahrrad ins Büro. Ein „ganz normaler“ Arbeitstag steht bevor. Aber dann vor Ort angekommen stelle ich fest: nichts ist normal. Die Kolleginnen sind im Homeoffice, ich selbst fast allein auf dem Flur.

Endlich geht die Schule wieder los! Verkehrte Welt: die Kinder gehen fröhlich aus dem Haus. Aber dann am nächsten Tag … erneutes Homeschooling, mit allem, was das heißt. Es ist eine gebrochene Form von Normalität. Alles andere ist gerade nicht verfügbar. So bleibt zum einen die Erinnerung an eine vermeintlich unbeschwerte Vergangenheit und zum anderen die Hoffnung auf eine Zukunft, in der diese Vergangenheit erneut als Gegenwart zelebriert werden kann. Aber ich ahne bereits, dass an dieser Vorstellung auch wieder irgendetwas nicht Bestand hat. „Ganz normal“, wovon genau träume ich da eigentlich? Was soll das sein? Normal. Hat es das überhaupt je gegeben?

Mir scheint, dass jedes Bild vom eigenen Leben innere Ambivalenzen aufweist, die wir nicht loswerden. Denn jedes feste Bild ist statisch. Aber unser Leben und die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, ist alles andere als das. Niemals statisch, sondern permanent in Bewegung. 

Vielleicht ist das der Grund für die leise Spur von Traurigkeit in uns, dass die Routinen unseres Alltags, über die wir uns ein kleines Stück Normalität suggerieren können, zurzeit nicht greifen. Im Strom der Zeit und in allen Veränderungen, denen wir unterliegen, einen kleinen Teil der Wirklichkeit konstant zu halten, das scheint der Wunsch hinter unserem Normalitätsanspruch. Kein Tag ist wie der andere. Und gerade, weil ich das weiß, ist es mir wichtig, die Tage auf eben meine Weise zu beginnen oder zu beenden. Gleiches gilt für die Woche oder das Jahr im Ganzen. 

Ein Stück der Zeit festhalten, indem wir es in der Routine bändigen, einhegen gewissermaßen. Der lineare Lauf der Zeit, der ungebremst und unaufhaltsam voranschreitet, wird in unserem zirkulären Zeitverständnis dem menschlichen Bewusstsein verträglich und annehmbar gemacht.

Solange wir einmal im Jahr Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten feiern, bewegen wir uns im normalen Kreislauf. Wir erkennen ein Stück der Vergangenheit in der Gegenwart wieder und dürfen mit guten Gründen davon ausgehen, dass auch nächstes Jahr wieder diese Markierungen in der Zeit erreicht werden – wenn auch die genauen Umstände zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht feststehen. 

Die Zukunft ist offen, sagen wir – und hoffen zugleich, dass die konkrete Ausgestaltung des Kommenden uns nicht zu sehr überfordern wird. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, sagte meine Großmutter immer. Ich habe den Satz immer für etwas trivial gehalten, doch nun erkenne ich in ihm weit mehr als eine vermeintliche Veränderungsunlust. Der Mensch ist auf wiederkehrende Erlebnis-kontexte angewiesen, um sich in der Welt zuhause fühlen zu können. Das gilt für das räumliche ebenso wie für das zeitliche Empfinden. 

Es braucht einen Begriff von Normalität, um das, was abweicht, darin einordnen zu können. Die Dinge im Grundsatz zu verstehen, gibt Sicherheit. Es tut gut zu wissen, wo wir gerade stehen in Raum und Zeit. 

Die Erfahrung, innerhalb des Jahreskreises aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen zu dürfen, gibt uns Stabilität im Fluss der Dinge. Vielleicht auch nur eine trügerische Sicherheit. Immerhin, eine so gravierende Intervention wie zuletzt durch das Coronavirus hat es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Das tief in unserem Bewusstsein eingeschriebene Wissen, dass nichts im Leben jemals sicher ist, wird durch die jüngste Entwicklung eindrucksvoll belegt. Es ist, als wären wir vorübergehend aus der Zeit gefallen. 

Mögen die vergangenen Jahre in ihrer Planbarkeit und Vorausschaubarkeit schon beinahe langweilig erschienen sein, was dieser Tage passiert, bedeutet eine so grundlegende Erschütterung für unser modernes Selbst- und Weltverständnis, dass wir uns „die gute alte Zeit“ fast sehnsüchtig zurückwünschen. Viele haben genug vom Social Distancing. Und wieder blitzt in mir ein weiterer Alltagsspruch meiner Großmutter auf: „Der Mensch ist ein Herdentier“. Auch damit hat sie recht. 

Gerade das religiöse Leben ist auf Gemeinschaft angelegt, ebenso wie auf feste Zeiten, die dann wiederum als Festzeiten gemeinsam begangen werden. So war es für viele von uns in diesem Jahr eine besondere Herausforderung, zu Ostern keine Gottesdienste besuchen zu können. Ohne Gemeinschaft, ohne die vertrauten Texte, Riten und Zeichen, die nur teilweise im Privaten und Digitalen substituiert werden konnten. Ein radikaler Bruch mit der Tradition, ein Verlust der vertrauten Routine. 

Aber dafür ist mancherorts etwas Neues entstanden. Neue Medien, neue Formen, um das, was wir über die Zeit hinweg als bedeutsam erkannt haben, noch einmal ganz neu zum Ausdruck zu bringen. Die Erfahrung von Kreativität, ohne die kein Glaube in der Zeit bestehen wird, wiegt einen Teil des Verlustes auf und macht Lust auf eine Zukunft, in der Veränderung ebenso ihren Platz hat wie Gewohntes. Letztlich ist es ja genau das, was uns die Feste im Osterfestkreis sagen sollen: Neues wird! Neues muss werden. Ostern markiert den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Ostern eröffnet eine völlig neue Dimension, die mit allem bisher Gekannten bricht: eine Vorstellung vom Leben, die den Tod (den unerbittlichen Begrenzer alles Zeitlichen) relativiert und allem Sterblichen ewiges Leben verheißt.

Zwischen den Zeiten bewegen wir uns. „Schon jetzt und noch nicht“, hat Paulus es genannt. In der Gegenwart, so möchte ich es übersetzen, sind Spuren des Zukünftigen präsent. Ebenso wie unsere Gegenwart stets die Signatur der Vergangenheit in sich trägt, ist auch die Zukunft in jedem Augenblick mit präsent. Neues wird! Neues muss werden. Dies zeigt sich auch in der Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Jesus verlässt die Jünger, entschwindet in eine andere Sphäre, in die hinein diese nicht folgen können. Aber etwas Neues entsteht daraus. Eine Gemeinschaft unter denen, die sich zunächst zurückgelassen fühlten und nun begreifen, dass sie beauftragt und imstande sind etwas Großes auf den Weg zu bringen. Nicht aus sich heraus, sondern bewogen von einer Zukunft, die in der Gegenwart bereits ihre Wurzeln schlägt. Nicht aus eigenem Vermögen, sondern aus der Kraft Gottes. In allen Veränderungen und Erschütterungen steht jemand an unserer Seite. Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. (Hebräer 13, 8) Amen.

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