Sonntag, 24. Mai 2020 | Predigt

Predigt: Jer 31, 31-34 von Dr. Friedrich Ley am 24. Mai 2020 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis, Hannover

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Gottesdienst | Orgel: KMD Lothar Mohn | Liturgie und Predigt: Dr. Friedrich Ley, Oberkirchenrat der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

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Ich will mein Gebot in ihr Herz geben

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gebot in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. 

Soweit der erste Teil des Predigttextes aus dem Jeremia-Buch, liebe Gemeinde. Gott und sein Volk. Gottes Gebot und die ewig wiederkehrende Erfahrung, dass die Gebote zwar da sind, die Menschen sich aber meistens nicht daranhalten. Immer wieder wortreich vermittelt, mal freundlich-väterlich, mal drohend-insistierend. Gottes Gebote für uns, liebe Menschen. Bitte einhalten! Ja sicher, so die Antwort, das nehmen wir uns zu Herzen. Ja, von wegen! Schnell gesagt – und schnell vergessen. Das finden wir nicht nur in der Bibel so, sondern auch in unserem ganz alltäglichen Leben:

„Wie oft muss ich das eigentlich noch sagen? – Immer wieder dasselbe: es ist klipp und klar geregelt, wie es gehen soll. Und dennoch: kaum gesagt, ist alles vergessen. Spätestens um 19.00 Uhr, haben wir abgemacht, geht der Fernseher aus, 45 Minuten Medienzeit am Tag, mehr nicht. Wir haben das mehrmals miteinander besprochen und uns darauf verständigt. Warum klappt das jetzt nicht? – Menschenskinder!“

Aber man braucht gar nicht nur auf die Kinder zu blicken, bei uns erwachsenen Menschen ist es doch dasselbe, wenn wir ehrlich sind: Heute besprochen, morgen gebrochen: „Ja, meine Liebe, am nächsten Wochenende koche ich, versprochen. Schon richtig, jaja, das musst nicht immer du machen.“

Mann vergisst schnell (man in diesem Falle mit zwei N geschrieben). Es gibt jede Menge Beispiele. Eines noch: „Schatz, diesmal hältst du dich zurück mit dem Alkohol, wenn wir bei den Nachbarn sind, okay? Nicht wie letztes Mal: „Ein Bier noch, Liebling, gleich.“ Die Krügers von gegenüber haben schon so merkwürdig geguckt. Ich will nicht, dass es peinlich wird. Versprochen?“

Ja, versprochen. Versprechen geht leicht. Aber was dann am Ende daraus folgt, steht auf einem anderen Blatt. Und auch, wenn die angeführten Beispiele eher fiktiver Natur sind oder sich auf Menschen beziehen, die heute nicht unter uns sind. Das Grundmuster kommt mir sehr bekannt vor. Ich entdecke darin auch ein Stück von mir selbst. Wie oft passiert es, dass ich umsteuern möchte, jetzt und grundsätzlich; und am Ende bleibt alles beim Alten. 

Grundsätzlich wäre es doch gut, auf Produkte mit Palmöl zu verzichten. De facto sehe ich aber schon wieder den Lieblingsschokoladenaufstrich auf dem Frühstückstisch stehen. „Wo kommt der denn her? Ich dachte, wir hätten damit aufgehört?“ „Ja schon, aber die Kinder finden, die neue Nougatcreme schmeckt nicht.“ Aha, so schnell geht das.

Immer wieder dasselbe. Das Auto nicht mehr für Kurzstrecken nutzen, lieber mit dem Rad fahren. Mineralwasser nicht mehr in Plastik-, sondern in Glasflaschen kaufen. Abgemacht. Das nehmen wir uns zu Herzen. – Wer´s glaubt, wird selig, möchte man sagen.

Ich will mein Gebot in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den anderen lehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Was ist das für ein Gott, der nach all diesen Erfahrungen immer noch guter Hoffnung ist, dass die Menschen seine Gebote begreifen als das, was sie sind: eine dem Leben dienende Orientierung und Richtschnur. Gerade nicht als Einengung, Entmündigung und Begrenzung gedacht, sondern als ein Instrument der Freiheit.

Es rührt an den Kern unseres Wesens, die menschliche Natur. Von Kind an ist es ein Lernprozess, langwierig und herausfordernd: das Lust-Unlust-Prinzip kann jeder Hobby-Anthropologe und -pädagoge an seinen eignen Kindern beobachten. Impulskontrolle ist eine wesentliche Kulturleistung und muss über Jahre eingeübt werden. Nicht gleich beim ersten Gedanken ans Spielen mit den Freunden die Schularbeiten liegen lassen; die Mediennutzung begrenzen, auch wenn die gerade gestartete Sendung „mich sehr interessiert, Papa“. „Ja, mein Kind, ich weiß, aber nach dieser Folge kommt dann noch eine – und die findest du sicherlich auch sehr interessant. Irgendwann muss es gut sein. Morgen ist auch noch ein Tag.“ „Oh man, das sagst du immer!“

Es rührt an den Kern unseres Wesens, die menschliche Natur. Sich selbst begrenzen, mit Rücksicht auf andere hinter die eigenen Wünsche zurücktreten, sich in andere hinein– und sich selbst nicht absolut setzen. Das ist wirklich schwer, aber das zeichnet uns aus, uns Menschen. Wo es gelingt, macht es uns einzigartig und unterscheidet uns grundsätzlich von allen Mitgeschöpfen in der Natur. Während im Tierreich die Instinkte als quasi-automatische Mechanismen greifen, sind wir Menschen mit der Vernunft begabt, mit dem Wissen um uns selbst, mit dem Wissen um ein Morgen, um Zukunft, ja, auch mit dem Wissen um unseren eigenen Tod. Das unterscheidet uns von fast allen anderen Lebewesen. Es macht uns besonders – in der Welt und vor Gott. 

Deshalb ist es auch nur verständlich, wenn Gott im Alten Testament mit den Menschen einen Bund schließt, der ihnen gegenüber eine besondere Erwartung (aber auch eine besondere Verheißung) formuliert: sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.

Es geht um Beziehungsfähigkeit. Die Beziehung, die Gott mit uns Menschen eingeht, zieht Beziehungsfähigkeit unter den Menschen nach sich. Wir sind frei. Von den Instinkten, vom Reiz-Reaktions-Schema. Frei von einer Versklavung unter die Gesetzmäßigkeit der Natur, in die wir jedoch gleichwohl hineingestellt bleiben – und für die wir Verantwortung tragen, eben weil wir frei sind (anders als etwa die meisten Tiere, die permanent in ihrem Instinktrahmen und Reiz-Reaktions-Schematismus gebunden sind). Freiheit ist ein Geschenk Gottes. Sie macht uns einzigartig – in Chancen und Risiken.

Die Möglichkeit es Scheiterns ist real. Freiheit zum guten Leben bedeutet zugleich: Leben kann misslingen. Wenn nicht im Ganzen, so doch im Konkreten. Wir können das Gute verfehlen, an einander und vor Gott schuldig werden. Wir können das Gute aber auch tun und einander zum Segen werden. Gerade die letzten Wochen haben das gezeigt. Nachbarn, die füreinander einkaufen. Ältere Menschen, die besonders gefährdet sind, erfahren Unterstützung und tätige Hilfe. Andere wiederum nähen Masken, schreiben Postkarten, malen Bilder. Viel Kreativität und viel Gutes. 

Umgekehrt jedoch auch viel Leid und Not. Etliche Haushalte, in denen die Energien durch die Decke schießen sodass vor allem Frauen und Kinder gefährdet werden. Gewalt gegen Schutzbefohlene – eine der größten Verfehlungen, die ich mir denken kann. Fehlende Impulskontrolle, Auswüchse des Bösen, Überforderung, fehlende Dialog- und Beziehungsfähigkeit. 

Die Sünde ist der Preis der Freiheit. Und umso mehr müssen wir die Freiheit wertschätzen, indem wir uns ihre Grenzen bewusstmachen.  Die Grenzen der Freiheit sind in Geboten formuliert. „Du sollst nicht stehlen“, zum Beispiel, „du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ und ähnliches. In Theorie und Praxis bin frei das zu tun, zu stehlen, die Ehe zu brechen, Gewalt zu üben gegen andere oder sogar zu töten. Aber es ist nicht Gottes Wille, dass dies geschieht. Es dient nicht dem Leben und es ist falsch – und wir wissen das. 

Wir wissen es alle. Die Grenze unserer Freiheit, so haben es die großen Denker formuliert, endet dort, wo die Freiheit des anderen anfängt. Das ist die Trennlinie und manchmal Grauzone, über die wir uns gemeinsam verständigen und vor Gott verantworten müssen. Es gibt ein intuitives Wissen über all dies. Es ist in unser Herz geschrieben, was richtig ist und was falsch. Wir brauchen einander in dieser Sache nicht zu belehren. Aber wir brauchen Gottes Vergebung immer wieder und seinen Zuspruch, damit wir die Verheißung, die auf unserem Leben liegt, nicht mit den Füßen treten.

Das ist der Zuspruch dieses Sonntags, liebe Gemeinde. Gottes Zusage gilt, sein Bund mit uns Menschen hat Bestand (nach wie vor und allen negativen Erfahrungen zum Trotz):

Sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den anderen lehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere menschliche Vernunft, 

bewahre unsere Herzen und Sinne 

in Christus Jesus. 

Amen

___________ GOTTESDIENST feiern wir jetzt – gemeinsam auf Abstand Unter den Bedingungen, die das Land Niedersachsen am 6. Mai 2020 beschlossen hat! Wir haben momentan 48 Sitzplätze in der Kirche sowie bei geöffnetem Leibnizsaal 20 weitere Plätze. Bitte setzen Sie sich nur auf die zugewiesenen Plätze! Bitte betreten Sie die Kirche nur mit Mundschutz! ___________

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