17. Mai 2020 | Predigt

Historischer Altarraum der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Calenberger Religionsgespräche – Musikalischer Abendgottesdienst

„Jüdisch-christliches Religionsgespräch heute“

Orgel: KMD Lothar Mohn | Predigt (s.u.): Pn Inken Richter-Rethwisch, Liturgie: Pn Martina Trauschke

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GOTTESDIENST feiern wir jetzt – gemeinsam auf Abstand

Unter den Bedingungen, die das Land Niedersachsen am 6. Mai 2020 beschlossen hat!

Wir haben momentan 48 Sitzplätze in der Kirche sowie bei geöffnetem Leibnizsaal 20 weitere Plätze. Bitte setzen Sie sich nur auf die zugewiesenen Plätze! Bitte betreten Sie die Kirche nur mit Mundschutz!

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Denn Gottes Geist weht, wo er will

Predigt von Pastorin Inken Richter-Rethwisch

Liebe Gemeinde,

jüdisch-christliches Religionsgespräch – es ist unser Thema heute in der Neustädter Hof- und Stadtkirche. An einem Ort, wo unmittelbar in der Nähe eine Synagoge stand – hier in der Roten Reihe – ein paar Meter weiter. Und sie brannte lichterloh am 9. November 1938. Die Straße der Religionen – sie hat die Zeiten der Intoleranz gesehen und will daran erinnern, dass wir Toleranz üben, mehr noch miteinander sprechen, dem Gespräch der Religionen immer wieder Leben einhauchen.

Jüdisch-christliches Religionsgespräch heute am 17. Mai 2020 – erste Versammlungen der Religionen in der Corona-Zeit. Die Fragen der positiven Ausübung der Religionsfreiheit waren empfindlich berührt. Für uns alle – Juden, Christen, Muslime. Wir waren und sind in einem Boot bei der Frage: Wieviel Gemeinschaft brauchen unsere Religionen? Wie kommen sie durch diese Zeiten? Werden unsere Konzepte weiter tragen? Stärkt es womöglich die individuellen Formen des Glaubens? Wenn wir sehen, wie jüdische Familien Schabbat feiern oder Christen aus Sehnsucht nach dem Abendmahl es womöglich im kleinen Kreise zu Hause in der Familie feiern. Aber was ist dann mit denen, die alleine sind …?

Jüdisch-christliches Religionsgespräch heute – es steht (religionsgeschichtlich betrachtet) inzwischen unter so anderen und positiven Vorzeichen; denn die Erklärung der orthodoxen Rabbiner vom 3. Dezember 2015 war in vielfacher Hinsicht eine Sensation gewesen. Diese Erklärung trägt den besonderen Titel „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun: Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen“ und sie ist ein Meilenstein und hat eine lange, mühsame Vorgeschichte: Sie spricht (von jüdischer Seite aus) erstmalig dezidiert von „christlichen Brüdern und Schwestern“. Sie verwendet das Bild, dass die angebotene Hand der christlichen Geschwister ergriffen wird. Und sie lässt am Horizont eine mögliche Partnerschaft zwischen den beiden Religionen aufscheinen. So die offizielle Erklärung. Und sie lädt bis heute dazu ein, sie zu befüllen mit Leben und mit Austausch. Sie lädt dazu ein, in die Tiefe zu gehen, auf der Suche nach authentischen Gesprächen und Begegnungen, in denen man sich auf Augenhöhe begegnet, in denen man sich verändern lässt durch den anderen und gleichzeitig das Eigene versteht und durchdringt.

Von einer tiefgreifenden Begegnung haben wir auch eben in der Lesung des Evangeliums gehört: Das nächtliche Gespräch zwischen Nikodemus, dem jüdischen Gelehrten und Jesus, dem Juden, der Gottes Liebe konkrete Gestalt verleiht. Die Erzählung hat es in sich, so wie nächtliche Gespräche es manchmal eben in sich haben. Nikodemus, der Gelehrte und Mitglied des hohen Rates, sah in Jesus einen besonderen Lehrer. Seine Zeichen schienen so wirkmächtig und besonders, dass er doch gottgesandt sein müsse. Und so zieht es Nikodemus in der Nacht zu Jesus. Er spricht von den Zeichen Jesu, die über ihn als Menschen hinausweisen und von einem weiteren Horizont sprechen. Wer solches tut, da muss Gott mit im Spiel sein. Und Jesus reagiert auf diese Offenheit: Wer Gott dahinter sieht, der ist wie neugeboren, der sieht neu, versteht neu, blickt mit anderen Augen auf die Dinge, er blickt womöglich mehr von oben auf die Dinge, die vor uns liegen. Als wäre für einen Moment der Schleier gelüftet, der Himmel stünde offen und die Wahrheit blitzt auf. Doch Nikodemus hält dagegen: Wie soll das physisch möglich sein? Ein alter Mensch, der neugeboren wird, nochmal ganz neu die Dinge zu sehen, von oben. Doch im Nachdenken darüber: Vielleicht meinte Jesus gar nicht das physische ALTSEIN, sondern vielmehr das Vertraut-Sein in klaren Lehren und Aussagen über Gott. Und wenn eben jenes Vertraut-Sein plötzlich durchkreuzt wird von besonderen Zeichen, die uns andere Einsichten vermitteln. Für einen Moment wird der Schleier gelüftet und wir müssen vermeintlich vertraute Dinge neu überdenken, auch unsere Gedanken über Gott.

Zwei ganz unterschiedliche Beispiele aus Berlin dazu: Das eine ist das „House of One“ in Berlin. Ein gemeinsames Gotteshaus drei unterschiedlicher Religion – gedacht als ein Haus mit unterschiedlichen Räumen der jeweiligen Religion: Christen, Juden und Muslime. Sie versammeln sich zu je eigenen Veranstaltungen und sind doch auch gemeinsam im Gespräch zu den verschiedensten Themen. Corona durchkreuzte unsere Wege und in unserer Unsicherheit bleibt uns manchmal nur eines: zu beten. „Im House of One“ treffen sie sich derzeit allabendlich um 18.30 Uhr virtuell zum Gebet für die Menschen, die an der Corona-Situation besonders leiden. Gemeinsam beten. Da weht ein neuer Geist!

Das andere ist die Stiftungsprofessur für den jüdisch-christlichen Dialog an der Humboldt-Universität in Berlin. Eine gemeinsame Bemühung der evangelischen Kirchen in Deutschland, um den Dialog aktuell und seine Weiterentwicklung zu erforschen und in Bildungseinrichtungen der evangelischen Kirche hineinzutragen. Die neue Professorin Karma Ben Johanan beginnt in diesen Tagen und wir dürfen uns sicher freuen auf spannende neue Impulse. In einem Vorbericht erzählt die junge Israelin, dass sich die Öffnung für den jüdisch-christlichen Dialog weiterverbreitet, auch in Gruppierungen eher orthodoxer Gemeinschaften hinein. Diese Entwicklung schien bis vor wenigen Jahren noch undenkbar. Da weht ein neuer Geist!

So findet das nächtliche Gespräch von Nikodemus und Jesus seinen Weg in unsere heutige Zeit. Jeder und jede schaut je aus ihrer Perspektive auf Gott. Doch: Welche Kraft geht davon aus, wenn wir einander begegnen, gemeinsam und auf Augenhöhe, als verschwisterte Religionen die Herausforderungen dieser Zeit zu besprechen, zu bedenken, zu be-beten. Wohlwissend, dass unsere tastenden Schritte, die Schuld der Vergangenheit kennen, und nach neuen Wegen suchen. Wohlwissend, dass es wesentlich ist, den eigenen Glauben hinterfragen zu lassen, vermeintliches Wissen über Gott noch einmal neu zu durchdenken, frischen Wind durch die Gedanken wehen lassen.  Denn Gottes Geist weht, wo er will. 

Amen.

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