Unsere Antependien

Historischer Altarraum der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Die Antependien der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis

von Pastorin Martina Trauschke

Eine überraschende, wunderschöne Entdeckung brachte im Jahr 2008 die hundert Jahre alten Altartücher ans Licht. Eingewickelt in festes braunes Packpapier mit kräftigem Bindfaden umschlossen lagen zwei große Bündel hoch oben auf einem alten Aktenschrank im Archivraum der Kirche. In diesen verstaubten Bündeln verbargen sich zwei in Seide gearbeitete Altartücher, in den liturgischen Farben grün und purpur. Aus der Geschichte der Hof- und Stadtkirche auf der Neustadt in Hannover von 1920, verfasst von Pastor August Kranold, wissen wir über die Entstehungszeit der Antependien: Im Zusammenhang einer Renovierung des Innenraums der Kirche 1899 haben Frauen der Gemeinde das Geld für die wertvollen Altarbehänge gestiftet und eine Werkstatt in Berlin konnte beauftragt werden. 

Den beiden verstaubten Bündeln lag ein handgeschriebener Notizzettel des damaligen Küsters Wloka bei. Vermerkt war das Datum des letzten Gottesdienstes im Saal des Gemeindehauses im Rosmarinhof, wo vor der Wiedereinweihung der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis am 1. Advent 1958 der Gottesdienst der Gemeinde gefeiert wurde. Für die wiedererrichtete Kirche waren neue, schlichtere Altartücher angeschafft worden. Küster Wloka rollte die wertvollen Seidentücher mit der Vorderseite nach innen, um sie in der Lagerung so gut wie möglich zu schützen, legte Mottenkugeln bei und verschloss die Antependien bis zur glücklichen Wiederentdeckung. 

Der Kirchenvorstand beauftragte die Textilrestauratorin Andrea Knüpfer in Halle mit einer Reinigung und vorsichtigen Sicherung des insgesamt sehr guten Zustandes. 

Die Wiederentdeckung der jetzt hundertundzwanzig Jahre alten Antependien war dem Kirchenvorstand ein Anlass den fehlenden weißen Altarbehang für die Christfeste in Auftrag zu geben. Die Textilkünstlerin Josefine Cyranka aus Halle konnte für diese Arbeit gewonnen werden. 

Das weiße Antependium

Das weiße Antependium für die Christusfeste: Der Blick in den Himmel. Das Altartuch ist aus weißer Seide gearbeitet und trägt eine Seidenstickerei. Der gestalterische Hauptgedanke ist der Blick in den Himmel. Die Christusfeste gewähren uns symbolisch gesprochen diesen Blick in den Himmel. Dieser Blick in den Himmel läßt einen Blätterwald erscheinen; wie wenn wir bei Sonnenschein durch das Geäst einer Buche in den Himmel schauen. Die Blätter leuchten golden, das Geäst grau-silbern. Die Konstellation der Blätter bildet in der rechten Hälfte eine Form des Kreuzes, das nicht mittig, sondern im goldenen Schnitt platziert ist. An der Oberkante ist das Kreuz angeschnitten und ragt gewissermaßen über die Abmessung des Altartuchs hinaus. 

Das purpurne Antependium

Das purpurne Antependium für die Advents- und Passionszeit und für Pfingsten: Das Lamm auf dem Buch mit den sieben Siegeln. Dieses Altartuch ist aufwendig und farbenreich bestickt. In der Mitte ist ein Lamm mit der Siegesfahne gestickt, das Symbol für den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Es lagert auf einem großen Buch mit goldenen Deckeln und sieben Siegeln. Das Motiv des Buches mit den sieben Siegeln stammt aus dem Buch der Offenbarung des Johannes Kapitel 5, 1-9. Es ist die Vision über ein Buch, in dem die Geschichte der Menschheit und der Welt geschrieben stehen, das aber niemand würdig ist zu öffnen als allein Christus, der in dem Bild des Lammes erscheint. Das Mittelfeld ist von Akanthusblättern umrankt. Eine goldfarbene Bordüre ist über die purpurfarbene Seide in Linien gelegt, so daß Rauten entstehen. Neben den dekorativen Ranken gibt es das Motiv der Weintrauben, das an die Abschiedsrede Jesu in Johannes 15 erinnert, in der der Weinstock mit seinen Reben und Trauben als Bild für den Zusammenhang der Christen mit Christus dargestellt ist. Auf grauem Grund finden wir Blüten an roten Zweigen. Diese Pflanze gehört zu den Frühblühern, die die Blüten vor den Blättern austreiben und ein Symbol der vorscheinenden Hoffnung ist.

Das grüne Antependium

Das grüne Antependium für die Sonntage ab Trinitatis: Das Kreuz und die Dreifaltigkeit Gottes. Die grüne Seide dieses Altartuches ist übersäet mit dem eingewebten Motiv des Granatapfels, dessen Kerne sichtbar sind. In der Mitte mit Goldfaden aufgestickt ist das Kreuz sichtbar, von dem Strahlen ausgehen. Das ganze Tuch ist umrankt mit einer Blätterrebe von Akeleiblättern, die in ihrer Dreiblättrigkeit die Dreieinigkeit Gottes symbolisieren.  Auf den grünen Feldern rechts und links des Kreuzes gibt es ornamentale Goldstickerei mit verstreuten Mandelblüten, die zu den frühesten Blüten gehören, die nach dem Winter erscheinen und ein Bild der Hoffnung auf neuaufkeimendes Leben sind. Am Sonntag nach dem Pfingstfest beginnt die Zeit der Sonntage für das grüne Antependium bis zum Ende des Kirchenjahres.