Sonntag, 10. Mai 2020 | Predigt

(c) Foto: Jens Schulze

BACH UM FÜNF Kantaten-Gottesdienst „Wir müssen durch viel Trübsal“ BWV 146  

Die Bach-Kantate „Wir müssen durch viel Trübsal“ wird in Teilen von Solisten aufgeführt werden. | Orgel: KMD Lothar Mohn | Predigt: Lsn i. R. Oda-Gebbine Holze-Stäblein, Liturgie: Pn Martina Trauschke

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GOTTESDIENST feiern wir jetzt – gemeinsam auf Abstand

Unter den Bedingungen, die das Land Niedersachsen am 6. Mai 2020 beschlossen hat!

Wir haben momentan 48 Sitzplätze in der Kirche sowie bei geöffnetem Leibnizsaal 20 weitere Plätze. Bitte setzen Sie sich nur auf die zugewiesenen Plätze! Bitte betreten Sie die Kirche nur mit Mundschutz!

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Ach! Wer doch schon im Himmel wär!

Predigt über Bachkantate BWV 146 für den Sonntag Jubilate: „Wir müssen durch viel Trübsal“ am 10. Mai 2020 – Sonntag Kantate* – in der Reihe „Bach um fünf“ der Neustädter Kirche, Hannover

* wegen der Corona-Krise wurde die Kantate vom 3.5. auf den 10. 5. 2020, Sonntag Kantate, verschoben und in reduzierter Form aufgeführt.

Liebe Gemeinde!

Leipzig im Jahre 1726. Es ist der Sonntag Jubilate, der Sonntag also, den wir am 3. Mai gefeiert hätten – wenn hier ein Gottesdienst stattgefunden hätte. Der Sonntag Jubilate ist in der auch damals schon bedeutenden Messestadt Leipzig immer auch der Auftakt der Ostermesse. Während dieser  Messe lässt „eine wahre Flut von Besuchern – Buchhändlern, Handwerkern, Straßenhändlern und Handelsreisenden aus dem Ausland die Bevölkerungszahl auf etwa 30 000 anschwellen“. Das schreibt der britische Dirigent John Eliot Gardiner in seiner 2013 erschienenen Bach-Biographie. In der Zeit der Messe ist auch besonders beeindruckende Musik gefragt, „da frembde Leute und vornehme Herren in den Hauptkirchen etwas gutes zu hören gedenken“: so Bachs Vorgänger an der Thomaskirche, Johannes Kuhnau. – Die Zeiten haben sich doch nicht sehr geändert, weder in Leipzig noch in Hannover: zu Messezeiten muss es etwas Besonderes sein. – 

Bach nutzt die Chance, den Zuhörern genau das zu bieten. Wir können die Kantate BWV 146 heute wegen der Corona-bedingten Umstände nicht so aufführen, wie sie es verdiente. Aber ich will wenigstens erzählen, was sich hinter den einleitenden Angaben im Programm, „Sinfonia“ und „Coro“, verbirgt.

Es gibt ein sehr bekanntes und äußerst temperamentvolles Konzert für Cembalo und Orchester, ursprünglich wohl ein Violinkonzert: das Konzert für Cembalo 

d-moll, BWV 1052. Dieses Cembalo-Konzert hat Bach für die Orgel umgearbeitet und als Sinfonia an den Anfang der Kantate gesetzt. Orgel und Orchester! Wenn Sie den Anfang hören könnten, würden Sie es sofort wiedererkennen! So steht also am Anfang dieser Kantate ein Stück, das man wegen der Dominanz der Orgel eigentlich auch fast als Orgelkonzert interpretieren kann: sehr ungewöhnlich für eine Bachkantate! Und nicht nur das: auch den zweiten Satz dieses Konzerts für Cembalo und Orchester hat Bach in diese Kantate eingearbeitet: er hat daraus einen vierstimmigen Chorsatz über den Vers aus der Apostelgeschichte 14, 22, „Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen“ gemacht. Im Kontrast zum schwungvollen und beinahe heiteren Charakter der Sinfonia ist das nun ein ganz langsamer und schwermütiger Satz geworden, beinahe ein Trauermarsch! Auf Schritt und Tritt spürt man, dass das Leben der Christen in der Nachfolge des auferstandenen Christus wirklich ein mühsames Wandern durch viel Trübsal, durch Anfeindung und Verfolgung ist. 

Die meisten Menschen feiern Ostern ja eher als Frühlingsfest und als ein Ereignis, das zwei Tage dauert. Nach zwei Tagen Ostern werden die bunten Ostereier wieder von den Zweigen abgenommen und verpackt, so wie nach Weihnachten die Sterne und Kugeln und die Krippen auch wieder auf den Dachboden oder in den Keller wandern. Dass den Osterfeiertagen eine 50tägige österliche Freudenzeit folgt, die mit der Ausgießung des Geistes an Pfingsten endet, das ist auch vielen  kirchen-gewohnten Christen kaum noch bewusst. Und wenn doch, dann hören wir eigentlich an den Sonntagen nach Ostern eher von Jubel und Freude. 

Zu Bachs Zeit war das anders: das ‚Jubilate‘ des 3. Sonntags nach Ostern kam nicht so sehr aus der österlichen Freude über das Osterereignis. Es meinte die erst noch kommende Freude auf die Zeit der neuen Schöpfung, die mit Christus schon begonnen hat. Die Zeit der neuen Welt Gottes, das Reich Gottes, in dem wir schon jetzt im Glauben beheimatet sein dürfen. Der Weg dahin ist aber kein freudiger Weg, den man im Tanzschritt zurücklegt. Alle drei Bachkantaten für den Sonntag Jubilate, die Bach geschrieben hat, sind auf einen  überwiegend düsteren Ton gestimmt. Sie schauen voraus auf eine schwere Wegstrecke, die die Christen bewältigen müssen: „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“, BWV 12, unsere Kantate BWV 146 und die Kantate „Ihr werdet weinen und heulen“ BWV 103. Am Ende wird Gott mit der Welt zu seinem Ziel kommen, und wir werden,  aus dem Fragmentarischen unseres Lebens befreit, das Ganze schauen, die ganze Herrlichkeit Gottes. Dann erst kann gejubelt werden!

Vor diesen schweren Weg der Christen hat Bach also ein ausgedehntes Vorspiel von Orgel und Chor gesetzt. Ein festliches Tor hat er gebaut. Wenn man  dieses Tor durchschritten hat, warten erst einmal die Mühen des Weges auf den Christen. – Ich kann mir denken, dass Bach den vielen Zuhörern, die zur Ostermesse zu  erwarten waren, mit der Sinfonia als ‚Eingangstor‘ auch etwas besonders Virtuoses und Prächtiges bieten wollte.

Unsere Kantate setzt dann aber noch einen besonderen Akzent. Im Eingangschor hieß es noch wie im Zitat aus der Apostelgeschichte: „Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen“. Wir als Gemeinde, als Kirche, sind gemeinsam unterwegs, als ‚wanderndes Gottesvolk‘, so der Neutestamentler Ernst Käsemann. In der dem Eingangschor folgenden Alt-Arie konzentriert und verengt sich nun aber alles auf das Ich des gläubigen Christen: 

„Ich will nach dem Himmel zu. 

Schnödes Sodom, ich und du 

sind nunmehr geschieden. 

Meines Bleibens ist nicht hier, 

denn ich lebe doch bei dir 

nimmermehr in Frieden.

Und so geht es nach der Altarie auch mit dem Rezitativ des Soprans weiter:

Ach! Wer doch schon im Himmel wär!

Und am Schluss:

    Ach! Wenn ich doch, mein Jesu, heute noch bei dir im Himmel wär!

„Ich will nach dem Himmel zu:“ das ist Todessehnsucht! Da klingt eine Choralzeile an: „Welt ade, ich bin dein müde, ich will nach dem Himmel zu.“ Sie wird Johann Georg Albinus zugeschrieben, der zeitweilig Pfarrer in Naumburg war und 1669 starb. Bach zeichnet die barocke Todes- und Himmelssehnsucht musikalisch in einer Aufwärtsbewegung nach, so, als ob man gleich abheben und eine ganz private, ganz individuelle Himmelfahrt veranstalten könnte. 

Ja, natürlich sollen und dürfen Christen sich die Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde ganz persönlich aneignen und gesagt sein lassen. Aber der irdische Weg durch viel Trübsal ist ja nicht nur mein persönliches ‚Corona‘. Christen haben Verantwortung in der Welt und für diese Welt. Christen tun in der Nachfolge Jesu das, was er selbst getan hat: sie tragen nicht nur ihr persönliches Schicksal; sie teilen auch das Leid anderer und helfen ihnen tragen. „Geht nach Galiläa!“ sagt der Engel am leeren Grab den Frauen. „Dort werdet ihr den Auferstandenen sehen.“ ‚Galiläa‘ steht für die Welt. Wir finden den auferstandenen Christus im Alltag der Welt! In diesem Alltag sollen wir ihm nachfolgen, nicht der Welt hingegeben, aber ihr zugewandt. Dieser Bezug fehlt hier völlig. 

„Ich will nach dem Himmel zu. Schnödes Sodom, ich und du sind nunmehr geschieden.“ 

Hier wird Distanz geschaffen, auch musikalisch. Ich – und – du – sind – nunmehr – geschieden. Social distancing würde man das heute nennen. Hier wird Abstand gehalten, auf Distanz gegangen, zu einer Welt, die pauschal zum „schnöden Sodom“ erklärt wird.  Sodom und Gomorrha: diese beiden Städte sind durch Schwefel und Feuer vernichtet worden, die, so steht es in der Erzählung Genesis 19, 24-28, Gott vom Himmel herabregnen ließ, als Strafe für ihre Sünden. 

„Ich will nach dem Himmel zu.“ Offenbar empfindet dieses ‚Ich‘, das hier singt, die Leiden dieser Zeit und Welt als so unerträglich, dass die Jenseits-Sehnsucht alles übersteigt. Die größte Freude: der Textdichter wagt es kaum auszusprechen: ach Gott! Das fällt mir schwer: die größte Freude wäre, bei Jesus im Himmel zu sein.

Es gibt ganz sicher Situationen im Leben von Menschen, die so schwer sind, dass man sie kaum ertragen kann. Der Text des Rezitativs nennt solche Situationen, unter denen Menschen zu leiden haben: Nachstellungen. Hass gegen den Schuldlosen. Verlassenheit. Verachtung. Ausgrenzung. Schutzlos sein. Von niemandem Hilfe erfahren. Todes-drohungen. Wenn man die alte Sprache in unsere moderne Ausdrucksformen übersetzt, dann merkt man, wie nah uns das ist. 

Und es gibt eine Fülle anderer Situationen, die Menschen heute erleben; Situationen, die kaum auszuhalten sind: einen Menschen durch Corona verlieren; keinen Kontakt haben dürfen zu denen, die dringend Kontakt und Hilfe brauchen. Nicht Abschied nehmen können. Arbeiten bis zur Erschöpfung und auch das Gegenteil: eine Lebensleere und eine Einsamkeit  aushalten müssen, die man vorher nie gekannt hat. Sich überfordert fühlen durch die  Verantwortung, die man zu tragen hat. Und die kaum fassbare Angst vor dem, was man nicht sieht, nicht schmeckt, nicht riecht; vor dem man sich kaum schützen kann: die Bedrohung durch ein unsichtbares Virus. 

Aber ist die Lösung, die Antwort wirklich Flucht? Wohin? In einen Himmel? Zu Jesus? Vielleicht. Manchmal. Am Ende: ja. Am Ende ist es gut, das eigene Ende in eine Geborgenheit hinein glauben zu können. Auf ein Ankommen in einem „Haus aus Licht“ (Marie Luise Kaschnitz) hoffen zu können. „Denn Gott trägt keinen nicht mit Händen in den Himmel“ heißt es im Tenorrezitativ. Das ist ein bisschen umständlich formuliert und meint doch ganz schlicht: Gott lässt uns nicht fallen. Er trägt uns. Auch in den Abgründen, in die wir fallen können.  Aber das passiert nicht irgendwann am Ende, sondern jeden Tag neu, mitten in dieser Welt und nicht nur für das werte eigene Ich, sondern für uns alle. „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab … (Johannes 3,16)! Das ist der Glaube, der das Böse, auch das „Sodomitische“ in uns,  und das Leid überwindet. 

Im Grunde ringt diese Kantate mit der einen Frage: Wie gehen wir mit dem Leiden um? Hat Leiden einen Sinn, und wenn ja: welchen? Das sind Fragen, auf die wir Menschen von Anbeginn an nach Antworten suchen, und es dürfte keine Antwort geben, die nicht schon irgendwann erprobt wurde. Zwei Antworten kommen in dieser Kantate nicht vor, auf die  fromme Christen immer wieder zurück gegriffen haben, wenn auch sie nicht weiter wussten. 

Die erste Antwort: Gott prüft uns, indem er uns leiden lässt. Prüfung durch Auferlegung von Leiden: diese Deutung von Leiden gibt es auch in der Bibel. Ich kann mit dieser Deutung nicht leben. Die Distanz zwischen Gott und mir ist mir zu groß. Ist Gott ein Oberlehrer, der prüft, ob wir die Lektionen des Lebens auch gelernt haben und können?  Der uns Zensuren gibt und uns eventuell auch durchfallen lässt? Das ist ein ziemlich unerträglicher Gedanke! Und der andere Gedanke ist genau so schlimm: Gott straft uns. Corona ist das Strafgericht Gottes über die Sünden der Welt. Wir alle sind Sodom … Ja, auch dieser Gedanke findet sich in der Bibel, vom Brudermord an Abel durch Kain, über die Sintflut und die Sünden Ninives bis zum letzten Buch der Offenbarung, in dem die Bösen der Verdammnis preisgegeben werden. Und auch in dieser Kantate gibt es Anklänge: „Am Ende freut sich mein Herz, und die Welt wird ohne Tröster weinen“, heißt es im Rezitativ des Tenors. Das sind die Rachegelüste der Frommen!

Stärker als solche Töne ist aber ein anderer: Alles hat seine Zeit. Auch das Leiden. Auch die trübseligen und mühseligen Zeiten im Leben. Aber sie sind nicht das Ganze. Das Leiden ist endlich und vergänglich. Es gibt ein Danach. Nach einer schweren Prüfung durch die Widrigkeiten des Lebens. Nach einem herzzerreißenden Abschied. Nach einer Katastrophe. „Nach Meeresbrausen und Windessausen leuchtet der Sonne gewünschtes Gesicht“, so hat Paul Gerhardt gedichtet. Vielleicht ist es so einfach, so schwer zu ertragen – und dann auch so schön, so voller Trost!  Wir müssen das Auf und Ab des Lebens und auch die Schrecken des Sterbens und des Todes nicht mit gottes-, menschen- und lebensfeindlichen Konstruktionen be-frachten. Unter solchen Lasten kann der eigene Lebenskahn auch untergehen. 

Es gibt in dieser Kantate eine Arie, die einen anderen Ton anschlägt. Sie ist für mich das Herzstück dieser Kantate:

Ich säe meine Zähren

mit bangem Herzen aus.

Jedoch mein Herzeleid

wird mir die Herrlichkeit

am Tage der seligen Ernte gebären.

Dahinter steht wohl der Psalm 126: 

Die mit Tränen säen, 

werden mit Freuden ernten. 

Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Mit Tränen säen, das kann man sich vorstellen. Aber Tränensäen? „Ich säe meine Zähren mit bangem Herzen aus …“ Und doch gefällt mir dieses Bild und dieser Gedanke. Unsere Tränen: eine Saat, aus der neues Leben wächst. Sie lassen etwas heranreifen. Aus ihnen   erwächst die Ernte des Lebens. Leid hat seine Zeit, ja. Leid ist irgendwann ausgelitten. Aber es ist mehr als eine Zeit, in der das Leben brachliegt und in der nichts wächst. Es wachsen oft ganz neue Gedanken und Sichtweisen, es kann auch in der Zeit der Leiden neues Handeln entstehen. Wir selber verändern uns. An uns wird etwas neu. Wir merken es gerade jetzt, in der Corona-Krise: es entsteht gerade viel Neues! Es werden Erfahrungen gemacht, die wir ohne die Leiden dieser Zeit nicht gemacht hätten. Man kann so etwas nicht suchen, nicht von vornherein einkalkulieren. Aber man kann es entdecken und daraus Hoffnung und Trost schöpfen. Nicht erst am Ende. Schon jetzt und schon hier.

Amen

Landessuperintendentin i.R.

Oda-Gebbine Holze-Stäblein

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