Elegie auf den Tod der Königin Sophie Charlotte

Königin Sophie Charlotte von Hannover
Elegie auf den Tod der Königin Sophie Charlotte
von Gottfried Wilhelm Leibniz

1. Der Preußen Königin verlässt den Kreis der Erden,
Und diese Sonne wird nicht mehr gesehen werden;
Des hohen Sinnes Licht, der wahren Tugend Schein,
der Schönheit heller Glanz soll nun erloschen sein.


2. Was übermenschliches erschien in ihren Gaben,
Die ein gekröntes Haupt nie größer könnte haben,
Dergleichen Süd und Nord, dergleichen Ost und West
Dem klugen Reisenden nun nicht mehr sehen lässt.


3. Erstaunende Gestalt, Entzückungs volle Strahlen!
Wie ein Apelles je möchte eine Göttin malen.
Der Sterne Überschuss, der Elemente Macht
Hat bei den Menschen nichts Vollkommners fürgebracht.


4. Und was die Sterne nicht, noch Elemente bringen,
Verstand, der aus dem Schoss der Gottheit muss entspringen,
Kann schwerlich höher sein hienieden angestimmt:
Ein Engel muss es sein, der Fleisch und Beine nimmt.


5. Gott hat zwar Friedrichen sonst große Dinge geben;
Die selbst gebildte Kron ziert sein glorwürdig Leben;
Doch Szepter mit der Kron kam bei der Königin,
Gleich wie der Schatte geht bei einem Leibe hin.


6. Konnt auf dem Throne wohl je etwas schöners prangen,
Als dieses Auges Blitz, die Freundlichkeit der Wangen,
Daraus der edle Geist die süßen Worte bließ.
Glückselig Friedrich, dem Gott dieses überließ!


7. Empfindlichster Verlust, mit keinem Wert zu schätzen,
Den diese Welt nicht kann in seiner Art ersetzen!
Wann ihre Blüt´ uns gab vollkommne Sicherheit,
Da rafft ein Augenblick die Zierde dieser Zeit.


8. Erinnerung allein soll unsern Schmerz versüßen.
Ja wohl! Erinnerung macht unsre Tränen fließen.
Erinnerung allein ist, was uns übrig bleibt.
Erinnerung allein ist, was uns Seufzer treibt.


9. Könnt so die Königin uns in Gedanken schweben,
Dass man nicht dächt´ dabei, wie sie nicht mehr im Leben, 
so wär der süße Traum noch unser Seelen Lust,
Da nun der tiefe Schmerz durchdringt die schwere Brust.


10. Wie? Lebt sie gar nicht mehr? Ist alles dann verschwunden,
Gleich wie der Rauch dahin, wie die verflossnen Stunden?
Ist Gottes Ebenbild, das Kunststück seiner Kraft,
So wenig als ein Traum im Schlafe dauerhaft?


11. Wirkt Gott dann gar nichts aus, das immer kann bestehen
Muss dann ein Geist sowohl als wie ein Leib zergehen?
Wenn sein Erkenntnis gleich tief in die Gottheit sieht,
Und aus der Ewigkeit den Wahrheits-Faden zieht.


12. Hat die Notwendigkeit Gott Fesseln angeleget,
Von dem doch alles ist, und alles wird gereget?
Dass ihn der Tod besiegt in allem, das er tut,
Dass er nichts halten kann, und wär es noch so gut.


13. Ist denn kein Bürger-Recht, so Gott den Seinen gibet,
Ist´s eines, ob man ihn verachtet oder liebet?
Wo bleibt die Weisheit dann, die alles so gericht´,
Dass was man untersucht, leid keinen Tadel nicht.


14. Die Weisheit lässet sich in allen Dingen spüren,
So oft Betrachtung uns bis auf den Grund kann führen;
Wie dies in Maß und Zahl und in Bewegung blickt,
Dass eine Ordnung ist, die alles wohl geschickt.


15. Und man, so oft sich lässt das Innerste verstehen,
Wie dass Verbesserung nicht möglich, muss gestehen;
Der Leiber Orgelspiel so kunstreich ist gefasst,
Dass aller unser Witz vorm kleinsten Tier erblasst.


16. Sind denn die Geister nur allein vergessen worden?
Die Geister, die da stehn mit Gott in einem Orden,
Um deren willen doch, weil sie´s verstehn allein,
Das ganze Weltgebäu so geistreich müssen sein.


17. Der Geist ein Wesen ist, so durch Empfindlichkeiten
In einem Eins gefasst, was sonst verteilt im Weiten.
Gleich wie der Mittel-Punkt nimmt alle Strahlen ein,
So kann, was einfach ist reich ohne Teile sein.


18. Aus diesem auch entstehn zusammgesetzte Sachen,
Als wollt´ man eine Zahl aus vielen Einen machen.
Was viel, zergeht in Teil! Eins bleibt ohn Unterlass;
Ein einfach Wesen ist Gott selbst, doch ohne Mass,


19. Der andern Lichter Quell, die von ihm Mass empfangen,
Dass zur Vollkommenheit sie Schritt vor Schritt gelangen,
Sie reichen nimmer dran und nähern immer sich,
Wo ihnen ihre Schuld nicht worden hinderlich.


20. Die Geister ohne Zahl bestehn in einem Heere,
Dem Herrscher allesamt sie bringen Lob und Ehre.
Und geben, wenn sie gut. Er gibt den Trieb der Welt,
Den Geistern aber ist ihr eigner Will bestellt.




21. Da jedem seine Welt besteht in seinen Sinnen,
Dass er das Äußre fühlt, so wie er´s fühlt von innen,
Und macht sich bös und gut, da kann kein Ende sein, 
Sonst träf in jedem nicht die ganze Stimmung ein.


22. Ein jeder Geist stellt vor den ganzen Bau der Dinge,
Als ob die Fernung sich in einen Spiegel bringe,
Nach jedes Augenpunkt, verdunkelt oder klar,
Er ist ein Bild, wie er ein Zweck der Schöpfung war.


23. So viel Welt-Bilde nun als Geister sind zu finden,
Die machen Gottes Reich, das seine Sätze binden.
Wo Weisheit mit der Macht im höchsten Grade steht,
Das gibt ein Regiment, da nichts verloren geht.


24. Die Seelen, die mit Gott in Innung können treten,
Die fähig ihr Verstand gemacht, ihn anzubeten,
Die kleine Götter sein und ordnen was wie Er,
Die bleiben seines Staats Mitglieder immer mehr.


25. Und werden nimmermehr, was sie nun sein, vergessen,
Sonst wären sie dem Lohn und auch der Straf entsessen.
Wo nicht Vergeltung mit dem Tun die Waage führt,
So wird vollkommen nicht in Gottes Reich regiert.


26. Drum wenn wir ihn zum Zweck in unser Ordnung machen,
Wenn er das Hauptstück ist und Regel unser Sachen,
Da gibt die Harmonie die größte Süßigkeit,
Der Tugend wird ihr Preis aus ihrem Lauf bereit.


27. Was ist die wahre Lieb´, als dass man sein Ergötzen,
In des Vollkommenheit, so man geliebt, muss setzen,
weil Liebe dann in Gott die stärkste Probe tut, 
Entsteht die größte Freud´ auch aus dem höchsten Gut.


28. Nun so erhebet euch, o ihr bedrückte Sinnen,
Lasst eure Traurigkeit in dieser Freud verrinnen;
Denkt, unverbesserlich sei das, so Gott getan:
Erkennt man´s gleich noch nicht, soll man´s doch beten an


29. Und zwar man kennt es schon in kindlichem Vertrauen;
Man sieht, dass Gott ist gut, eh man ihn selbst kann schauen.
Dass Lieb und Licht und Recht ursprünglich aus ihm fließt,
Wie Wärm und Glanz die Sonn in Erd-Geschöpfe gießt.