10. April 2020 – Karfreitag | Predigtbrief

Pastorin Martina Trauschke, Porträt

Predigt zum Karfreitag am 10. April 2020 von Pastorin Martina Trauschke

Liebe Mitglieder und Freunde der Neustädter Hof- und Stadtkirche,

wir haben ein entbehrungsreiches Frühjahr zu durchleben. An Entbehrungen sind wir nicht übermäßig gewöhnt. Emotionale Entbehrungen haben wir zu ertragen, weil wir uns nicht treffen können mit Menschen, die uns am Herzen liegen außer in der engsten Familie. Geistige Entbehrungen haben wir tragen, da wir unserem Glauben keinen Ausdruck in der Gemeinschaft der Gemeinde geben können. Geistig-seelische Entbehrungen sind nicht leicht greifbar. Wir spüren es in einer Unruhe oder weil wir nicht so gut schlafen oder anders träumen als sonst. Die elementarste Ausdrucksform unserer Hoffnung und unseres Glaubens, der gemeinsame Gottesdienst, steht uns in diesem Jahr nicht offen. Glücklicherweise ist die seelisch-geistige Dimension eine schöpferische; sie erfindet einen neuen Ausdruck des Glaubens, zu dem wir vorher nicht genötigt waren. Am Karfreitag um 15 Uhr wird Kirchenmusikdirektor Lothar Mohn Passionslieder auf der Barockorgel spielen bei offenen Kirchenfenstern. Die Klänge mögen zu Ihnen in die Straße und Wohnungen reichen.

Aus dem Predigttext für den Gottesdienst am Karfreitag 2. Korinther 5,14-21 greife ich Vers 15 auf: „Und Christus ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde.“ Der Gedanke der Stellvertretung ist auf das engste mit dem Kreuz Jesu verbunden, das „für uns“, wie wir es in jeder Abendmahlsfeier sprechen. 

Eine der neuen Erfahrungen in diesen Tagen ist das vermehrte Allein- oder Für-sich-sein. Im Für-sich-sein kann sich ein inneres Zwiegespräch entwickeln, ein Reflektieren und Bedenken in mir, als ob ich mit einem Gegenüber spreche. Der Raum zum inneren Zwiegespräch ist etwas Kostbares. Ich komme zu mir selber. Paulus macht im Predigttext einen Vorschlag, das innere Zwiegespräch auf eine bestimmte Weise zu halten. Christus ist das Gegenüber in mir. Meine Gedanken kann ich spiegeln und prüfen im Gegenüber seiner Person. Wie leicht beklage ich mich, wie leicht kommen die Beschwerden über andere mir in den Sinn, die nicht aufmerksam genug für mich waren. Wie anders wird diese Selbstbegegnung, wenn ich sie öffne zu dem, der liebend die Welt bestanden hat, um uns mit der Großzügigkeit seiner Seele anzustecken.  

Am 10. April vor 350 Jahren hat der Hofprediger Justus Gesenius die Neustädter Hof- und Stadtkirche für die öffentliche Predigt und den Gemeindegottesdienst eingeweiht. Einige Familien, die damals den Neubau der Kirche unterstützt haben, vertreten durch die Calenberg-Grubenhagensche Landschaft, pflegen noch heute die Verbundenheit. Justus Gesenius war gleichzeitig ein Liederdichter und hat das erste hannoversche Gesangbuch herausgegeben. An eins seiner Lieder, das den Gedanken der Stellvertretung Christi ausdrückt, möchte ich heute erinnern:

„O Wunder ohne Maßen, wenn man’s betrachtet recht: es hat sich martern lassen der Herr für seinen Knecht; es hat sich selbst der wahre Gott für mich verlornen Menschen gegeben in den Tod.

Laß mich an andern üben, was du an mir getan; und meinen Nächsten lieben, gern dienen jedermann ohn Eigennutz und Heuchelschein und, wie du mir erwiesen, aus reiner Lieb allein.“

Im Niedersächsischen Staatsarchiv sind die Predigt, die Lesungen und Gebete des Gottesdienstes zur Einweihung der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis vom 10. April 1670 erhalten. Welch lebendiger Spannungsbogen über die 350 Jahre hinweg, den wir uns erschließen können.

Gelesen wurde aus dem Text, der von der Einweihung des Tempels Salomos erzählt aus dem 1. Könige 8. Dazu gehört der Vers: „Da sprach Salomo: Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt; er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen. So habe ich nun ein Haus gebaut dir zur Wohnung, eine Stätte, dass du ewiglich wohnest.“ Ein Gebet vom 10. April 1670 finden Sie im Folgenden.

„Die Verse und Collecten, so zum Beschluss vorgelesen worden sind folgende:

Wir danken dir, Herr unser Gott, von ganzem Herzen und ehren deinen Namen ewiglich, Halleluja. Denn deine Güte ist groß über uns und du hast unsere Seele errettet aus tiefen Höllen, Halleluja.

Allmächtiger Gott himmlischer Vater, von dem wir ohne Unterlass Gutes ganz überflüssig empfangen und noch täglich vor allem Übel gnädig behütet werden. Wir bitten dich, gib uns durch deinen Geist mit ganzem Herzen im Glauben deine milde Güte und Barmherzigkeit zu erkennen. Dafür danken wir und loben dich durch deinen Sohn Jesus Christus.

Herr, lass uns deine Hilfe nach deinem Wort uns widerfahren. Und nimm ja nicht von unserm Munde das Wort der Wahrheit, darauf wir hoffen.

O ewiger barmherziger Gott und Vater, wir danken dir herzlich, dass du dein heiliges Evangelium uns hast geoffenbart und uns treue Diener desselben uns gegeben und bitten aufrichtig, stärke und regiere uns durch deinen heiligen Geist, damit dein liebes Wort in uns viel Frucht schaffe und wir in Erkenntnis deines Willens in der Liebe, Geduld und Sanftmut täglich zunehmen.

Weise uns Herr deinen Weg, dass wir wandeln in deiner Wahrheit. Erhalte unser Herz bei dem Einigen, dass wir deinen Namen fürchten.

Herr, du heiliger und gerechter Gott, der du gesagt hast, du wollest dein Gesetz in unser Herz geben und in unsern Sinn schreiben, gib dass wir dich allezeit herzlich fürchten und in allen deinen Geboten untadelig einher gehen. Behüte uns, o Gott vor Heuchelei und aufschneiderischem Handeln. Herr, der du ins Verborgene siehst und Herzen und Nieren prüfst, erleuchte uns durch deinen heiligen Geist, dass wir allezeit redlich, aufrichtig und ohne Falsch vor deinem Angesicht wandeln und in all unserm Tun und Lassen nicht auf Menschen, sondern auf dich, den Richter aller Gedanken sehen auf dass wir dir wohlgefallen und an jenem herrlichen Tage Freudigkeit haben und nicht zu Schanden werden mögen um deines lieben Sohns Jesu Christi unsers Herren willen, Amen.“

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