26. Januar 2020 | Predigt

Was Gott rein macht, das darfst du nicht unheilig machen

Predigt zu Apostelgeschichte 10,1 – 11,19 von Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident im Landeskirchenamt am 3. Sonntag nach Epiphanias – 26. Januar 2020 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis

Liebe Gemeinde,

Ich möchte Sie mitnehmen nach Palästina in die Zeit nach Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten. Zwei Personen stehen heute im Mittelpunkt: Kornelius und Petrus.

Kornelius war ein Heide, also kein Jude. Er kam aus Rom und war Soldat, ein Hauptmann über eine Hundertschaft, stationiert in Cäserea. Aber er war ein Verehrer von Israels Gott, den er im Kreis der Jesus-Bewegung kennengelernt hatte. Und er wollte nichts lieber als zu diesem Kreis zu gehören – was aber nicht möglich war, denn das waren alles Juden.

Er als Römer und Soldat war nicht beschnitten, konnte nicht die jüdischen Gesetze befolgen, mit den Speisegesetzen kam er beim Militär nicht klar, die festen Gebetszeiten konnte er nicht einhalten. Er konnte sich nicht taufen lassen.

Wie gerne wollte er dazugehören, aber er war ein Heide, ein Glaubender zweiter Klasse. Manchmal dachte er darüber nach, was Jesus wohl selbst dazu gesagt hätte, dieser Jesus, der mit Zöllnern und mit Prostituierten am Tisch gesessen hatte, der Kontakt hatte mit den heidnischen Samaritanern, der die Speisegesetze der Juden zwar geachtet hate, aber sie nicht für seligmachend hielt. Hatte dieser Jesus nicht einen viel weiteren Horizont gehabt als die, die ihm nachfolgten? Darüber hätte Kornelius gerne mal mit den Verantwortlichen in der Jesus Bewegung gesprochen.

Kornelius hört eine Stimme. „Kornelius“, sagt ein Bote Gottes. Es war um die neunte Stunde.

Kornelius war ins Gebet vertieft und sah in einer Vision einen Boten Gottes.

Die neunte Stunde, drei Uhr nachmittags, das ist Gebetszeit. Er war auch die Todesstunde Jesu, die Stunde, in der er für Juden und Heiden alles vollbrachte, die Stunde, als der Hauptmann unter dem Kreuz Gott verherrlichte und sagte: „Wahrlich, dieser Mensch ist eine Gerechter.“

„Kornelius“, sagt der Bote Gottes.

„Was ist Herr?“, fragt Kornelius erschrocken.

„Deine Gebete und deine Sorge für die Armen machen im Himmel von sich reden. Du sollst deine Männer in die Stadt Joppe schicken, um einen gewissen Simon zu dir kommen zu lassen, Simon, der den Beinamen Petrus hat. Er ist zu Gast bei Simon, dem Gerber, in einem Haus am Meer. Mit ihm kannst du über deine Fragen und dein Verlangen reden.“

Kornelius kannte diesen Simon Petrus überhaupt nicht, doch offensichtlich war der Himmel der Ansicht, Kornelius könne nach ihm schicken; der Himmel würde schon dafür sorgen, dass er käme. Also sandte Kornelius zwei seiner Knechte nach Joppe, und dazu noch einen frommen Soldaten aus seiner Leibwache.

Doch war Petrus wirklich der Richtige, um über Dinge wie eine größere Offenheit Israels gegenüber der heidnischen Völkerwelt zu reden? Heiden waren und blieben im Verständnis Israels unrein, allein schon wegen der unreinen Speisen, die sie zu sich nahmen. Und es durfte doch kein Mensch eigenmächtig an Gottes Weisungen für Israel rühren, man konnte nicht einfach die Gebote und Gesetze, die Gott seinem Volk vor vielen Jahrhunderten durch Mose gegeben hatte, außer Kraft setzen. War Petrus der richtige Gesprächspartner?

Petrus befand sich wie gesagt in der Küstenstadt Joppe in Aufregung. Die drei Männer, die Kornelius zu ihm geschickt hatte, waren auf dem Weg, ein Fußmarsch von etwa 50 Kilometern. Sie waren im Anmarsch – aber Petrus wusste noch nichts von ihnen und ihrem Anliegen.

Es war um die sechste Stunde, ebenfalls eine Gebetszeit.

Petrus stieg auf das flache Dach im Haus von Simon, dem Gerber, um zu beten.

Unten in der Küche wurde das Mittagsmahl zubereitet, die Düfte stiegen dem Petrus in die Nase – und er hatte Hunger. Aber erst beten. Und als er betete, hatte auch er eine Vision: er sah ein großes Leinentuch, das auf die Erde herabgelassen wurde. Und auf diesem Leinentuch befanden sich alle Vierfüßler und Kriechtiere, die es auf der Erde gab und alle Vögel des Himmels. Und eine Stimme sprach: „Steh auf, Petrus, schlachte und iss das.“ Petrus ganz entsetzt: „Aber nein, Herr, nie im Leben. Noch nie habe ich etwas Unheiliges oder Unreines gegessen.“

Petrus wollte so etwas nicht einmal denken. Seine Mutter, die ihm das Beten gelehrt hatte, hätte sich im Grab umgedreht bei solchen Gedanken. Er sah sie noch vor sich, diese gottesfürchtige Frau, die Tag für Tag im Haus damit beschäftigt war, das Essen so vorzubereiten, wie es die Speisegesetze vorgaben, koscher, wie in den Heiligen Schriften beschrieben.

Aber abermals hörte er diese Stimme:

„Was Gott rein macht, das darfst du nicht unheilig machen, Petrus.“

„Aber es gibt doch einen Unterschied zwischen rein und unrein?“ Woher kam die Stimme?

Kam sie aus der Küche von Simon dem Gerber oder aus der Küche des Herrn?

Denn dann kam die Stimme zum dritten Mal: „Steh auf, schlachte und iss!“ – Und dann wurde in der Vision das Leinentuch mit den Tieren wieder in den Himmel aufgenommen.

Petrus musste schon öfter in seinem Leben dreimal angesprochen werden. Dreimal hatte er Jesus verleugnet – dreimal wurde ihm aufgetragen, die Herde zu weiden. Dass auch Heiden zu dieser Herde gehörten, versuchte ihm der Himmel jetzt klarzumachen. Dafür brauchte es wohl drei Versuche.

Petrus fragte sich, was diese Vision zu bedeuten habe. Auf jeden Fall ging er davon aus, dass es die Stimme Gottes war, die er da gehört hatte.

Und dann hörte er Stimmen unten im Haus: „Wohnt hier vielleicht Simon der Gerber Und kann es sein, dass ein Simon Petrus hier zu Gast ist?“

Es waren die drei Männer, die Kornelius nach Joppe geschickt hatte. Sie waren eineinhalb Tage gereist und hatten nach der richtigen Adresse gesucht. Und zu gleichen Zeit, da Petrus ob auf dem Dach des Hauses war – noch verwirrt von seiner Vision – und unten am Tor die fremden Männer nach ihm fragten, zur gleichen Zeit erklang noch einmal eine Stimme aus der Höhe: „Es kommen drei Männer, Simon, die dich suchen. Steh auf, steig herab und geh ohne Bedenken mit ihnen, denn ich, der Herr, habe sie gesandt.“

Da stand Petrus auf und ging hinunter. „Ich bin es, den ihr sucht. Aus welchem Grund seid ihr hier?“

Und einer der Dreien antwortet: „Kornelius der Hauptmann, unser Herr, er ist ein Verehrer des Gottes Israel, ein Gerechter, der bei den Juden in gutem Ruf steht. Kornelius hat von einem Boten Gottes den Auftrag erhalten, dich in sein Haus kommen zu lassen und zu hören, was du ihm zu sagen hast.“

Petrus wusste nicht, wie ihm geschah. Wollte der Herr von ihm, dass er diese Heiden nach Cäserea begleitete, damit er mit ihnen zu einem römischen Hauptmann über eine Hundertschaft ging? Gestern hatte der Römer in Cäserea von Petrus geträumt und heute, kurz bevor diese Männer ankamen, hatte er aus der Höhe vernommen, dass er nicht unheilig machen dürfe, was Gott geheiligt hat. Da musste der Himmel im Spiel sein.

Lukas, der Schriftsteller und Verfasser der Apostelgeschichte, erzählt diese Geschichte voller Witz und Gespür für die Situation. Er ist hoch und heilig davon überzeugt, dass die Zuwendung Gottes, in Israel geschehen, an die Völker der ganzen Welt ausgerichtet ist. Was auf Erden geschehen ist, dass muss der Himmel sich ausgedacht haben – für Juden und Heiden.

„Kommt herein“, sagte Petrus. Und so hatte Simon der Gerber nicht nur einen, sondern drei weitere Gäste. Und sie aßen, was in der Küche des Gerbers zubereitet worden war und füllten die Gläser und wussten sich verbunden.

Am nächsten Morgen trat Petrus die Reise nach Cäserea an, begleitet von sechs Brüdern aus Joppe. Während die zwölf Jünger für die zwölf Stämme Israels standen, stehen diese Sieben, die sich auf die Reise machen, offensichtlich für die Kirche, die kurz davor ist, in alle Welt aufzubrechen.

Einen Tag später kamen sie in Cäserea an. Kornelius erwartete sie bereits. Er hatte seine Verwandten und einige Freunde eingeladen. Und als Petrus sich seinem Haus näherte, fiel Kormelius vor ihm auf die Knie, so, als sei er Gott höchstpersönlich.

Dieser brave Römer stand noch mit einem Bein im Heidentum. Wie kein anderes Volk aber weiß Israel, wie gefährlich es ist, einen Menschen zu vergöttern oder gar anzubeten. „Du sollst nicht vor mir knien“, sagte Petrus zu ihm und half ihm wieder auf die Beine. „Ich bin auch nur ein Mensch.“

Der Apostel trat ins Haus und sah die vielen Leute dort, die Kornelius bei sich versammelt hatte. „Kornelius, du weißt, dass es einem Juden verboten ist, das Haus eines Heiden zu betreten. Aber Gott selbst hat mich wissen lassen, man dürfe keinen Menschen unheilig oder unrein nennen. Deshalb habe ich deine Einladung angenommen. Aber sag: warum hast du mich kommen lassen?“

Kornelius sagte: „Vor vier Tagen war’s, dass ich genau zu dieser Zeit, der neunten Stunde, in mein Haus im Gebet vertieft war. Ich sah einen Engel in weißem Gewand, und der sagte zu mir: ‚Kornelius, dein Gebet wurde erhört.‘ Und im Auftrag des Engels habe ich meine Knechte nach Joppe geschickt, um dich kommen zu lassen.“ Ich bin dir sehr dankbar, dass du gekommen bist. So sind wir nun hier vor Gottes Angesicht versammelt und möchten von dir hören, was dir vom Herrn aufgetragen wurde.“

Und Petrus sagte: „Vor Gott sind alle Menschen gleich. Davon bin ich nun überzeugt. Der Ewige liebt jeden Menschen, der mit Ehrfurcht vor Gott erfüllt ist und der die Gerechtigkeit liebt, ganz ungeachtet, zu welchem Volk er gehört.“

Und Petrus sagte noch viel mehr. Er sprach von Israels Gott und über das Leben und das Sterben des Christus und dessen Auferweckung am dritten Tag. Und noch während er redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die seine Worte hörten. Es war, als würde es noch einmal Pfingsten. Die sechs Brüder, die aus Joppe mitgekommen waren, staunten ganz ungläubig darüber, dass die Gabe des Heiligen Geistes nun auch auf diese Heiden in Cäsera ausgegossen wurde, denn sie hörten, dass sie in Zungenrede sprachen und Gott lobten.

Der Heilige Geist ist dort, wo Gott erhoben wird. Maria hatte davon schon gesungen in ihrem Lied: „Meine Seele erhebt den Herrn“. Für Kornelius, den römischen Hauptmann, war das nicht ganz ungefährlich, in das Lied Marias einzustimmen, denn indem er Gott erhob, erniedrigte er den Kaiser in Rom.

Da sagte Petrus zu den Männern, die mit ihm aus Joppe gekommen waren und die immer noch nicht so recht glauben konnten, was sie da erlebten: „Seht, sie haben wie wir den Heiligen Geist empfangen. Wer von uns wollte ihnen verwehren, dass sie getauft werden, so wie wir?“

An jenem Tag empfingen der römische Hauptmann Kornelius und die, die bei ihm waren, die heilige Taufe. Sie baten Petrus, er möge doch einige Tage bei ihnen bleiben, damit er sie unterweisen könne im Evangelium von Jesus Christus. Und sie brachen das Brot und teilten den Kelch.

In der Kirche bleibt selten etwas verborgen, damals wie heute. Alles spricht sich schnell herum. So auch diese Nachricht: den Aposteln und Brüdern in Jerusalem kam zu Ohren, was dort in Cäserea passierte, dass auch die Heiden das Wort Gottes angenommen hatten – und dass Simon Petrus dabei gewesen war.

Als er nun wieder in Jerusalem eintraf, erwarteten sie ihn schon: „Was mussten wir da hören, Petrus? Du bist bei den Unbeschnittenen eingekehrt und hast mit ihnen Tischgemeinschaft gehabt?“

Da erzählte Petrus von seiner Vision auf dem Dach bei Simon dem Gerber, und von den drei Männern, die im Auftrag des Engels nach Joppe gekommen waren, um ihn zu holen. Und dass die Sieben, die aus Joppe mitgereist waren nach Cäserea, die im Haus des Kornelius Zeuge geworden waren, wie der Heilige Geist auf die Heiden kam, „wie auf uns, am Anfang.“

Damit bringt Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, diese Geschichte nun zum dritten Mal zu Gehör, so wie er auch auf dreifache Weise von der Bekehrung des Schriftgelehrten Paulus erzählt hat, nun die dreimalige Erzählung von Petrus‘ Umkehr zu Heiden:

„In Joppe und unterwegs nach Cäserea und im Haus des Kornelius spürte ich in allem, dass Gott am Werk war. Wie hätte ich denen in Cäserea die Taufe verweigern können? Das Wasser der Taufe tritt über die Ufer Israels, es drängt in die Welt hinein, Brüder – und das ist gut so. Das Evangelium ist für alle Welt!“

Die Brüder in Jerusalem, vorhin noch entsetzt und empört, waren ganz still geworden. Und begannen, Gott zu loben. „Nun gibt der Ewige auch den Heiden das Evangelium.“

So ist es auch bei uns angekommen. Vor hunderten von Jahren. Bei uns, die wir Heiden waren – und sind.

Nun ist es an uns weiterzudenken, was dies alte Geschichte aus den Anfängen der christlichen Kirche von der Öffnung des Evangeliums für alle Menschen zu bedeuten hat. Das wäre eine zweite Predigt wert. Darum nur ein Gedanke am Ende:

So wie die Bedeutung und die Aktualität des Evangeliums damals nicht auf das Volk der Juden beschränkt und begrenzt werden konnte, so darf die Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen nicht in die sichtbaren und unsichtbaren Mauern der Kirche eingesperrt werden und nur an Sonntagen laut werden. Die Botschaft ist schon damals entgrenzt worden – und sie gilt allen Menschen und aller Welt. Daran muss sich unsere Arbeit als Kirche, auch dieser Gemeinde, ausrichten. Sie darf sich nicht damit begnügen, dass bei bestimmten Gottesdiensten und Veranstaltungen Menschen von überall hierherkommen, weil es hier schöne Musik gibt. Alle Menschen, die hier leben hier in der Calenberger Neustadt, Christen und Heiden: sie sind im Blick Gottes.

Aber wer sollte Ihnen die gute Nachricht, das Evangelium sagen, wenn nicht die Kirche, die hier mitten unter ihnen steht und präsent ist, wenn nicht wir?

Amen.

(Nach einer Idee und Vorlage von Nico ter Linden, Uns wird erzählt Bd. 6)

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