17. November 2019 | Predigt

Lieder predigen | „Tears in heaven“

Predigt „Tears in heaven“ von Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident im Landeskirchenamt am 17. November 2019 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis in der Reihe „Lieder predigen“

Liebe Gemeinde,

es gibt für Eltern wohl kaum Schlimmeres, als wenn das eigene Kind stirbt. Jeder Tod trennt, scheidet, reißt eine Lücke in Familien, in Freundeskreise, in das soziale Umfeld eines Menschen. Aber wenn ein Kind stirbt, dann stirbt – um es in der archaischen Sprache der Schöpfungsgeschichte zu sagen – „Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch“. Ob Krank- heit, plötzlicher Kindstod oder Unfall – große Hoffnung findet ein jähes Ende. Und immer ist da auch die ausgesprochene oder unausgesprochene Frage nach eigener Schuld. „Hätten wir es verhindern können, durch mehr Fürsorge, mehr Achtsamkeit, mehr Liebe?“

Am 20. März 1991 verunglückt Eric Claptons fünfjähriger Sohn Connor, als dieser im 53. Stock eines Hochhauses aus dem Fenster fällt. Ein Jahr später schreibt der Bluessänger und Gitarrist Eric Clapton das Lied Tears in Heaven. Dieses Lied wird zu dem bekanntesten Lied des Gitarristen.

Zu dieser Zeit hat Clapton ein Leben voller Höhen und Tiefen hinter sich. Neben den Erfolgen stand immer wieder auch der Bruch mit seinen Kollegen in den verschiedensten Band und Formationen wegen musikalischer Differenzen. Beim dem von Georg Harrison veranstalteten Konzert für Bangladesch 1971 brach Eric Clapton – schwer heroinabhängig – auf der Bühne zusammen. Therapiert von der Drogenabhängigkeit wurde er nur wenig später alkoholabhängig. 1976 äußerte er sich bei einem Konzert furchtbar rassistisch und wurde von seinen Musikerkollegen geschnitten.

Trotz all der Abstürze hielt seine Frau Patti Boyd-Harrison in diesen schweren Zeiten, in denen er immer wieder die Kontrolle über sich verlor, zu ihm. 1989 aber lässt er sich von ihr scheiden. Er war in den Jahren vorher Vater von zwei Kindern geworden, beide aus eher losen Beziehungen. Mit der Italienerin Lori hatte er den Sohn Connor.

In seiner Autobiographie, die 2007 veröffentlicht wurde, erzählt Eric Clapton von der schweren Geburt und von seinen Gefühlen, als er das erste Mal seinen Sohn Connor auf dem Arm hält:

„Irgendwie hatte ich das unglaubliche Gefühl, zum ersten Mal etwas wirklich Reales zu erleben. So langsam wurde mir bewusst, dass ich jetzt Vater war und allmählich mal erwachsen werden sollte. Zwar schien mir mein ganzes bisheriges Verhalten, ob- wohl irrational, doch einigermaßen entschuldbar, weil ich es immer nur mit Erwach- senen zu tun gehabt hatte, aber dieses winzige, so ungeheuer verletzliche Kind machte mir plötzlich klar, dass ich endlich aufhören musste, dauernd nur Mist zu bauen.

Fragte sich bloß: wie?“

Auch wenn er noch mehrfach abstürzt in seiner Alkoholabhängigkeit: dieses Kind und seine Suche nach der Vaterrolle motivieren ihn dazu, Hilfe anzunehmen und sich aus seiner Abhängigkeit zu lösen. Er selbst beschreibt den entscheidenden Moment so:

Der Lärm in meinem Kopf war betäubend, alles in mir schrie nach Alkohol. In diesem Augenblick gaben meine Beine fast wie von selbst nach, und ich sank auf die Knie. In der Abgeschiedenheit meines Zimmers flehte ich um Hilfe. Ich hatte keinen Begriff davon, mit wem ich da redete, ich wusste nur, dass ich mit meiner Kraft am Ende war und den Kampf verloren gegeben hatte.

Dann fiel mir ein, was ich über Kapitulation gehört hatte. Nie hätte ich gedacht, dass ich dazu fähig wäre, weil mein Stolz das einfach nicht zulassen würde, aber jetzt wusste ich, allein würde ich es nicht schaffen. Also bat ich um Hilfe, sank auf die Knie und kapitulierte.

Von diesem Tag an bis zum heutigen habe ich jeden einzelnen Morgen gebetet, auf den Knien gelegen und um Hilfe gefleht, und jeden einzelnen Abend habe ich für mein Leben und, vor allen Dingen, für meine Nüchternheit gedankt. Auf den Knien, weil ich spüre, dass ich mich beim Beten erniedrigen muss.

Von da an erlebt Eric Clapton nach eigener Aussage die besten Jahre seines Lebens. Er verbringt immer wieder Zeiten mit seinem Sohn Conor und dessen Mutter, die ihn sehr erfüllen. Der Alkohol hat seine Anziehungskraft verloren, nie zuvor hatte er stärker das Gefühl, ein normales Leben zu führen. Und er schreibt, dass die Nüchternheit ihn selbst seinem Sohn ganz nahegebracht hat.

„Ich beobachtete Conor auf Schritt und Tritt, und da ich nicht wusste, wie man sich als Vater verhält, spielte ich mit ihm wie ein Bruder, kickte stundenlang Bälle auf der Terrasse oder spazierte mit ihm im Garten herum… Je länger meine Nüchternheit anhielt, desto wohler fühlte ich mich bei Conor und freute mich jedes Mal, wenn ich ihn sehen konnte“.

Am 30 März 1991 – Lori und ihr gemeinsamer Sohn Connor sind in New York – will Eric Clapton mit Sohn und Mutter in den Central Park Zoo gehen und anschließend bei seinem Lieblingsitaliener essen. Da erreicht ihn am Morgen der Anruf, dass sein Sohn tot ist. Der Hausmeister hatte in dem Wohnzimmer mit den bodentiefen Fenstern geputzt und das Fenster offengelassen. Conor spielte mit dem Kindermädchen Versteck und rannte durch das offene Fenster…

Ein Jahr später veröffentlicht Eric Clapton sein Lied Tears in Heaven. Wann genau er es geschrieben hat ist nicht bekannt.

Video-Einspielung „Tears in heaven“

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siehe:https://www.youtube.com/watch?v=ueXtbIQ3shY

Kann man nach einem so schrecklichen Unglück davon singen, seine Gefühle öffentlich machen? Und was geschieht eigentlich mit uns, in uns, wenn wir von diesen Gefühlen hören?

Ähnlich und doch anders als Herbert Grönemeyer, der in seinem Lied Der Weg von seinen Gefühlen nach dem Tod seiner Frau Anna schreibt, kann Eric Clapton auf leise, unaufdringliche Weise von seinen Gefühlen, seiner Trauer singen. Und er findet dabei Worte, eine Sprache, die für uns als Hörerin, als Hörer offen ist. Ja, der Text lädt Menschen in gleicher Situati- on, nach vergleichbarem Erleben ein, sich diese Worte zu eigen zu machen. Darin hat dieses Lied eine Ähnlichkeit mit manchen Psalmen, die in der Form, in der Sprache, in den Bildern immer auch eine Situation, ein persönliches Erleben so transzendieren, dass andere sich da- rin nicht nur wiederfinden, sondern auch bergen können.

Was veranlasst Sängerinnen und Sänger von diesen so existentiellen Erfahrungen, die an den Rand dessen führen, was ein Mensch aushalten kann, zu singen? Kann man da überhaupt noch singen? Oder werden da die eigenen Gefühle kommerzialisiert?

Herbert Grönemeyer sagt vier Jahre nach dem Tod seiner Frau Anna in einem Interview im Magazin STERN:

Herr Grönemeyer, vor vier Jahren starben binnen einer Woche Ihre Frau Anna Henkel und Ihr Bruder an Krebs. Fürchteten Sie, nie wieder Musik machen zu können?

Ja, denn wenn man so eine Katastrophe erlebt, ist man völlig hysterisch, zerrüttet und ängstlich. Musik ist für mich eine Form von Begeisterung und ein Ventil, das mein Leben in Balance hält. Sie ist mein privater Hochsicherheitstrakt. Mein Geheimnis, das mich überallhin begleitet und das mir keiner nehmen kann. Ich dachte: Wenn du dieses Zentrum deines Lebens auch noch verlierst, ist Schluss.

Die Eingangsfragen des Liedes Tears in Heaven nehmen die nur zu verständliche Frage auf, ob es nach dem Tod ein Wiedersehen, ein

Wiedererkennen gibt: Would you know my name if I saw you in heaven?“

Es wird nicht von der Auferstehung der Toten gesprochen, nicht von einem Weiterleben. Aber ganz unhinterfragt, fast naiv oder doch ganz fromm glaubend wird eine Existenz nach dem Tod vorausgesetzt. Gefragt wird nach der personalen Identität über den Tod hinaus gefragt: „Would you be the same if I saw you in heaven?“

Wirst du der gleich sein dort im Himmel, der, den ich hier auf der Erde gekannt habe?

Theologisch stellt sich hier die Frage nach der Kontinuität oder Diskontinuität des Menschen, seines Körpers, seiner Person und Persönlichkeit durch Tod und Auferstehung hindurch. Diese Frage wird schon in der Bibel und seitdem in der Theologie unterschiedlich beantwortet. So spricht auch Paulus einerseits von der Auferstehung eines „geistlichen Leibes“ (1.Kor.15,44), andererseits aber auch davon, dass der sterbliche Leib wieder lebendig wird (Röm. 8,11). Die Frage „Sehen wir uns wieder?“ ist nur zu verständlich angesichts von Trennungsschmerz und Verlusterfahrung. Für viele Menschen ist es tröstlich darauf zu hoffen, dem geliebten Menschen in der Ewigkeit wiederzusehen.

Als ich vor wenigen Wochen einen alten Mann in den letzten Tagen seines Lebens begleitet habe, musste ich mich am letzten Abend von ihm verabschieden – und wir beide wussten in dem Moment wohl, dass wir uns nicht wiedersehen werden. Ich habe es ausgesprochen:

„Ich glaube, wie sehen uns nicht wieder. Vielleicht im Himmel?“

Er richtet sich noch einmal auf, schaute mich eindrücklich und ein bisschen Schalk in den Augen an und sagte auf plattdeutsch zu mir: „Dor kannst du di up verlaaten!“ – Darauf kannst du dich verlassen.

Der große Theologe Karl Barth pflegte auf die Frage: „Werde ich in der Ewigkeit meine Lieben wiedersehen?“ zu antworten: „Ja. Aber die anderen auch…“

Die Antwort auf die Frage, ob wir uns in der Ewigkeit wiedererkennen werden, ob wir die sein werden, die wir hier sind – sie kann und muss wohl „in der Schwebe“ bleiben.

In dem Lied „Tears in Heaven“ gibt es auch keine abschließende Antwort – sie kann es hier auf Erden wohl gar nicht geben. Der Sänger stellt ganz realistisch fest: „I must be strong and carry on, ‚cause I know I dont’t belong here in heaven“ – ich gehöre hier nicht her im Himmel“. Auch wenn er andeutet, dass er zeitweilig in seinem Schmerz und seiner Sehnsucht kaum noch unterscheiden kann, wo er gerade ist und sich dem verlorenen Kind so nahe weiß, als wäre er bei und mit seinem Sohn im Himmel. Aber: „I just can’t stay here in heaven“.

Eine der Fragen an das verstorbene Kind lässt aufhorchen. „Would you hold my hand if I saw you in heaven?“ In der Sterbebegleitung ist es umgekehrt: der Begleiter, die Begleiterin hält die Hand des sterbenden Menschen. Und wir sprechen beim Abschiednehmen davon, dass wir einen verstorbenen Menschen nun aus unserer Hand geben. Hier ist es der Zurückgebliebene, der danach fragt, ob auch seine Hand gehalten wird.

Ganz im Sinne der großen Worte und starken Bilder von Offenbarung 21 klingt in „Tears in Heaven“ Trost und Gewissheit auf: „Beyond the door there’s peace I’m sure. And I know there’ll be no more tears in heaven.“

Der Tod wird in dieser kurzen Passage als Durchgang verstanden: aus dem Leben durch den Tod hindurch ins Leben. Noch stehen wir auf dieser Seite – aber „beyond the door“, jenseits der Tür, auf der anderen Seite, da wird Friede sein. Und keine Tränen im Himmel. No more tears in heaven.

Orgel und Saxophon: Tears in heaven

Wenn die Bibel von einem Jenseits, von einem Sein in Ewigkeit spricht, dann gibt es dafür Bilder wie das vom neuen Jerusalem oder vom großen Festmahl. Aber ansonsten bleiben die Aussagen der Bibel eher unkonkret. Am deutlichsten und stärksten sind sie in der Negation, in der Verneinung dessen, was nicht mehr sein wird: kein Tod, kein Leid, keine Wehklage, kein Schmerz (Offenbarung 21,4). Und: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ I know there’ll be no more tears in heaven“.

Ob es diese Aussicht war, die Eric Clapton dazu verholfen hat, den Schmerz zu ertragen – und wieder Musik zu machen?

In älteren Gesangbüchern stand ein Lied für das Begräbnis von Kindern:

Wenn kleine Himmelserben / in ihrer Unschuld sterben, so büßt man sie nicht ein, / sie werden nur dort oben vom Vater aufgehoben, / damit sie unverloren sein.

In meinem ersten Berufsjahr als Pastor in Ostfriesland hatte ich drei Kinder zu beerdigen, die an Plötzlichem Kindstod gestorben waren.

Eines dieser Kinder war Ines. Ines hatte vier ältere Geschwister.

Im Angesicht des kleinen weißes Sarges, in dem das winzige tote Kind lag, habe ich die Traueransprache für die vier Geschwister gehalten, denn was wir Kindern in einer solchen Situation sagen, muss auch für Erwachsene glaubwürdig sein. Ein Abschnitt aus dieser Kinderpredigt:

Nun liegt eure Schwester, liegt eure Ines hier in diesem Sarg.

Nachher werden wir diesen Sarg in die Erde legen und mit Erde zudecken. Aber die Ines, die in diesem Sarg liegt,

das ist nicht die Ines, die ihr kennt.

Sie lacht nicht mehr, wenn ihr Spaß gemacht habt mit ihr,

sie schreit nicht mehr, wenn sie Hunger hat oder ihr etwas weh tut. Sie fasst nicht mehr mit ihrer kleinen Hand nach eurem Finger.

Diese Ines ist tot.

Aber wo ist die Ines, die ihr gekannt habt? Eure Eltern haben gesagt: „Sie ist im Himmel“. Wo der Himmel ist? – Ich weiß es nicht.

Ich weiß: Im Himmel ist Gott.

Wenn Ines im Himmel ist, dann ist sie nun bei Gott. Wie es da aussieht? – Ich weiß es nicht.

Aber was ich weiß:

Im Himmel gibt es keine Schmerzen mehr, da tut nichts mehr weh. Im Himmel muss keiner mehr sterben.

Und im Himmel wird keiner mehr weinen, so wie wir das heute tun, weil Ines nicht mehr bei uns ist. Heute müssen wir weinen. Ihr, eure Eltern, auch wir anderen. Im Himmel muss keiner mehr weinen.

Und wenn da noch eine kleine Träne in unseren Augen ist, dann wird Gott sie abwischen.

Amen.

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