26. Dezember 2018 | Predigt

„Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt“

Predigt von Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident im Landeskirchenamt am 2. Weihnachtstag 2018 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannnis

Liebe Gemeinde,

neulich im ICE. Ich bereite mich auf eine Sitzung in Dortmund vor. Aufsichtsrat für den nächsten Kirchentag. Bei dem Mann auf dem Platz direkt hinter mir klingelt ein Handy. Unwillig schaue ich auf, jetzt muss ich wieder ungewollt zuhören bei irgendwelchen persönlichen und meist banalen Sachen, die man gar nicht wissen will. „Ich sitze im Zug. Der ist ziemlich voll. Wir fahren gerade durch Bielefeld…“ Sie kennen das. Ich mag das nicht.

„Hallo“, meldet sich der Angerufene. Und dann: „Ach Mensch, das ist ja schön“. Zuhören.

„Und, ganz gesund?“ – „Großartig.“ „Und wie geht es Sabine?“ – „Wie schön!“ – „3850 Gramm?“ „Da freue ich mich mit Euch. Herzlichen Glückwunsch.“

Die Nachricht von der Geburt eines Kindes. Auf den Gesichtern der Mitreisenden ein lächeln. Der Ärger über die Störung ist weg. Man kann nicht anders, als angerührt sein und sich mitfreuen.

Die Nachricht von der Geburt eines Kindes ändert alles. Neues Leben. Jedes Kind ist ein kleines Wunder. Jedes Neugeborene hat eine Aura um sich, das wunderbare Versprechen, dass das Leben Zukunft hat. In jedem unserer Kinder liegt ein großes Versprechen – das Versprechen auf mehr Menschsein, auf mehr Menschlichkeit.

Die Nachricht von der Geburt eines Kindes ändert alles. „ … ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Auch da – ich bin mir sicher – hat sich ein Lächeln auf die Gesichter gelegt. Maria – erschöpft noch von der Reise und der Geburt – aber glücklich. Joseph – Noch immer irgendwie durcheinander – aber angerührt von dem kleinen Wurm, den er in die Krippe legt. Die Hirten – eher rauhe Gesellen von der Arbeit im Freien, verzaubert.

Sie alle haben einen weiten Weg hinter sich zum Stall. Aber sie alle werden von dem Kind angerührt, kommen zur Ruhe, werden verwandelt. Die Nachricht von der Geburt dieses Kindes ändert alles.

Für viele war der Weg bis zum Weihnachtsfest weit und oft auch anstrengend, vieles war zu bedenken und zu tun. Manche sind auch buchstäblich weite Wege gefahren, sind von fernen Wohnorten nach Hause gekommen.

Die Nachricht von der Geburt eines Kindes ändert alles. Gilt das schon für jedes Kind, so gilt es besonders für das Kind in der Krippe in Bethlehem. In einem Kind kommt Gott zur Welt.

Normalerweise haben wir ja ein klares Gefälle: Von oben nach unten, von den Erwachsenen zu den

Kindern. Von den Lehrenden zu den Lernenden. So läuft das Bildungsgefälle.

Gott kann aber auch anderes. Wer, wenn nicht Gott, sollte nicht auch anders können? Zu Weihnachten zeigt er uns diese andere Perspektive, diese andere Richtung – sie geht vom Kind zu uns, von einem Neugeborenen zu den Erwachsenen. Das Kind in der Krippe wird ja nicht zu den Hirten, den Königen, den Menschen gebracht, um von ihnen, den Erwachsenen, etwas mitzukriegen, mitzunehmen oder erzogen zu werden. Sondern umgekehrt: die Erwachsenen kommen zu dem Kind: die Hirten vom Feld, die drei weisen Könige. Und wir Menschen, die wir uns zur Krippe aufmachen – wir werden von dem Kind verwandelt, beschenkt, erzogen.

Eigentlich ist das die ganze Weihnachtsbotschaft: Geht da hin zur Krippe, lernt etwas, begreift etwas, nehmt etwas von ihm mit, lasst euch von ihm verwandeln.

Denn Kinder haben ein Talent, uns Erwachsene zu erziehen. Fangen wir bei den Manieren an. Kinder bringen sie uns bei, weil sie uns so wunderbar kopieren. Zum Beispiel bei den Tischmanieren: Kinder machen beim Essen nach, was wir ihnen vormachen. Deshalb benehmen wir uns bei Tisch besser, wenn Kinder dabei sind. Und an der Ampel. Wenn Kinder in der Nähe sind, gehen wir nicht bei Rot, selbst wenn kein Verkehr weit und breit ist.

Kinder lassen uns erwachsen werden. Sie nötigen uns zu sorgen, zu planen, verantwortlich zu sein. Sie bewegen uns, immer wieder über Gut und Böse nachzudenken, sie halten uns den Spiegel unserer erwachsenen Unarten vor.

Wie wir mit unseren alt gewordenen Eltern umgehen, so werden unsere Kinder es sich merken, wie man sich zu Eltern verhält. Ob wir Respekt haben vor der Einzigartigkeit des anderen, ob wir das Fremde für gleichwertig achten oder ob wir fremdeln aus Unsicherheit, das gucken sie von uns ab und halten es uns vor.

Schließlich auch: Kinder machen uns Erwachsene fromm. Bei ihrer Geburt staunen wir über die Schöpfung. Bei ihren Fragen müssen wir nachdenken über Gott und den Himmel… Es steckt ein großes Talent in den Kindern, uns Erwachsene zu erziehen!

Die Nachricht von der Geburt eines Kindes ändert alles. Gilt das schon für jedes Kind, so gilt es besonders für das Kind in der Krippe in Bethlehem. In einem Kind kommt Gott zur Welt.

Ausgerechnet in einem Kind. Dieses der Liebe bedürftige und Liebe erweckende Kind ist der Gott, in dessen Anblick die Engel vom Frieden auf Erden singen. Eine Revolution im Gottesbild.

Ernst Bloch, der marxistische Philosoph, hat gesagt: „Der christliche Glaube lebt vom Geheimnis der Kleinheit.“ Gott kommt an unsere Seite nicht im Mächtigen und Bedrohlichen, sondern im Wunder des Kindes. In ihm kommt uns die Liebe Gottes nahe.

Und in ihm ist begründet, dass Christen leben in der Liebe zum Kleinen, zum bedrohten und

bedrängten Leben. Im Licht von Weihnachten kann es nicht anders sein, als dass wir für schutzbedürftiges Leben besonders einstehen.

„Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt.“ Was für ein Adel für alle Windeln, die an und für sich alles andere als adelig sind. Aber wenn die Gottheit in Windeln gewickelt war, dann liegt über der Pflege aller Menschen am Anfang ihres Lebens und auch an seinem Ende das Licht der Liebe Gottes.

Davon berichtet auch die kleine Geschichte, dies sich so oder so ähnlich abgespielt haben mag: Im Himmel waren sie ratlos.

Kein Himmlischer wusste mehr, was man mit den Menschen noch machen sollte.

Die Irdischen waren für die Geheimnisse des Himmels taub und blind geworden, sie vergaßen, dass sie sterblich waren und ihre Lebensreise einen Anfang und ein Ende hatte. Sie hatten längst schon keine Sprache mehr für die himmlischen Dinge.

Da traten die Engel im Himmel zusammen, bildeten Arbeitsgruppen und berieten. Im Plenum stellten sie ihre Ergebnisse vor. Eine Gruppe empfahl eine Wiederauflage der Sintflut mit modernen Mitteln.

Eine andere Arbeitsgruppe machte eine Feldanalyse auf Erden und berichtete: „Seit die Irdischen ohne Aufblick zu uns leben, wenden sie den Blick nur noch zur Erde. Sie arbeiten immer gegen den eigenen Schatten. Das gibt ihrer Arbeit etwas Dunkles und Endloses. Sie können sich nicht mehr recht freuen und sehnen sich doch danach. Wir wollen ihnen ein Fest bereiten und ihnen so auf Jahre hinaus Erinnerungen der Freude und Freiheit schenken.“

Eine dritte Gruppe hatte eine Langzeitstudie angefertigt und empfahl die Erziehung des Menschengeschlechts durch ausgewählte Vorbilder, die wie Leuchttürme unter ihnen sein und ihnen moralische Orientierung geben sollten.

Plötzlich wurde es still. Oberengel Gabriel war zu ihnen getreten. Er sagte nur zwei Worte: „Ein Kind!“ Und als ihn alle sprachlos anschauten, wiederholte er: „Er gibt ihnen ein Kind. Das ist seine Antwort auf ihre Entfremdung.“

Die Engel blieben aus Respekt vor dieser Entscheidung eine Weile still. Aber dann hagelte es Proteste. „Die wollen doch kaum noch Kinder. Kinder sind unerwünscht, stören, hindern die eigene Entfaltung. Durch ein Kind werden sie nicht verwandelt.“ Besonders die Mitglieder der Leuchtturm-Gruppe und die der Sintflut-Gruppe waren empört. Gabriel sagte: „Es soll diesmal anders sein. Er will den Himmel verlassen und als dieses heranwachsende Kind ihnen nahe sein.“

Ein älterer Engel stand kerzengerade und murmelte nur: „Sie werden ihn töten, dann wird er tot sein.“ Gabriel sagte leise: „Er will da durch.“ Laut aber sagte er: „Seht zu, dass das Experiment gelingt, es ist das letzte. Der größte Teil von euch bildet jetzt den Chor der himmlischen Heerscharen. Einige müssen los, um die Herzen einiger Menschen zu erreichen.“ So kam es, dass Maria ein wenig begriff und die Hirten etwas ahnten, dass Joseph sich wie ein Träumer vorkam und später mancher verstand, dass Gott unser Bruder geworden ist.

Gott ist unser Bruder geworden in diesem Kind. Das ist die Botschaft von Weihnachten. In jedem Kind

liegt ein Versprechen. In diesem Kind liegt ein besonderes, ein göttliches Versprechen: Gott selbst will an eurer Seite sein. Gerade da, wo ihr schwach seid, wo ihr verwundbar und verletzt seid. Martin Luther sagt darüber: „Dieses Kind will geben, nicht empfangen. Es will eine leere und gelassene Seele, der menschlicher Rat nicht hilft. Wer viel Unglück und Leid hat, der ist würdig dieses Kindes. Wer mit Sünden und bösem Gewissen beschwert ist, der verlangt nach diesem Kind. Dies Kind ist für den, der fühlt, dass ihm etwas fehlt“.

Jedes Kind bietet unverbrauchte Lebensmöglichkeit, birgt einen Neuanfang des Lebens. In diesem Kind in der Krippe liegt der Neuanfang Gottes, der Dir sagt: Im Licht Gottes, im Licht von Weihnachten gibt es immer noch einen Weg nach vorn.

Dieses Kind will uns reich machen. Wenn die alten Maler Bethlehems Stall gemalt haben und wie die Hirten sich über die Krippe zu dem Kind beugen, dann haben sie den Hirten ein Leuchten, einen Lichtschein auf’s Gesicht gemalt. Sie wollten damit sagen: Wer dieses Kind ansieht, der bekommt etwas ab von dem Glanz, der fängt an zu leuchten, der empfängt einen Gottesschimmer.

Etwas von diesem Glanz, von diesem Leuchten, etwas von diesem Gottesschimmer wünsche ich uns allen zu diesem Weihnachtsfest.

Amen

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