7. Oktober 2018 | Predigt

„Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“

Predigt von Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident im Landeskirchenamt, am 19. Sonntag nach Trinitatis 7. Oktober 2018 im Gottesdienst in der Reihe „Bach um Fünf“ mit der Kantate BWV 117 „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“ in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis 60jähriges Jubiläum der Kantorei St. Johannis

KANTATE von Johann Sebastian Bach (BWV 117)

„Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“

Coro

Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, dem Vater aller Güte, Dem Gott, der alle Wunder tut, dem Gott, der mein Gemüte

Mit seinem reichen Trost erfüllt, dem Gott, der allen Jammer stillt.

Gebt unserm Gott die Ehre!

Recitativo B

Es danken dir die Himmelsheer, o Herrscher aller Thronen, Und die auf Erden, Luft und Meer in deinem Schatten wohnen, Die preisen deine Schöpfermacht, die alles also wohl bedacht.

Gebt unserm Gott die Ehre!

Aria T

Was unser Gott geschaffen hat, das will er auch erhalten; Darüber will er früh und spat mit seiner Gnade walten.

In seinem ganzen Königreich ist alles recht und alles gleich.

Gebt unserm Gott die Ehre!

Choral

Ich rief dem Herrn in meiner Not: Ach Gott, vernimm mein Schreien!

Da half mein Helfer mir vom Tod und ließ mir Trost gedeihen.

Drum dank, ach Gott, drum dank ich dir; ach danket, danket Gott mit mir!

Gebt unserm Gott die Ehre!

Recitativo A

Der Herr ist noch und nimmer nicht von seinem Volk geschieden, Er bleibet ihre Zuversicht, ihr Segen, Heil und Frieden;

Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her.

Gebt unserm Gott die Ehre!

Aria B

Wenn Trost und Hülf ermangeln muss, die alle Welt erzeiget, So kommt, so hilft der Überfluss,der Schöpfer selbst, und neiget Die Vateraugen denen zu, die sonsten nirgend finden Ruh.

Gebt unserm Gott die Ehre!

„Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens.“

Liebe Gemeinde,

schon am vergangenen Sonntag wurde hier in dieser Kirche Erntedank gefeiert. Niemand kann uns daran hindern, wenn wir ganz ungeniert heute ein zweites Mal Erntedankfest feiern. Heute weniger im Blick auf die eingebrachte Ernte dieses Jahres. Die war ja zu großen Teilen gefährdet und es hat große Einbußen gegeben.

Erntedank heute: mit geweitetem Blick auf all das, was in uns Dankbarkeit erweckt und uns anstiftet, unserem Gott die Ehre zu geben.

„Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens.“

Lassen wir uns erinnern und anstiften zur Dankbarkeit heute.

Alles Wesentliche in meinem Leben habe ich empfangen. Vor mir gab es Menschen. Sie haben mir ihre Schätze und Ruinen hinterlassen, ihre Erfahrungen und ihr Wissen, Symbole und Bilder, Geschichten, Lieder und Überlieferungen. Weil all das vor mir schon da war, bin ich geworden, der ich bin. Es hat mich geprägt.

Das Brot, das ich heute Morgen gegessen habe: ich habe es nicht selbst gebacken; den Weizen habe ich nicht gesät und nicht geerntet.

Alle Fürsorge, von der ich lebe, habe ich nicht gemacht. Dass da Eltern waren, die, alles daran gesetzt haben, dass ihre Kinder es besser haben – es ist geschenkt.

Dass mir Menschen begegnet sind auf meinem bisherigen Weg, die mich gesehen haben, sich auf ein Stück des Weges mit mir eingelassen haben, mich begleitet, manchmal gestützt haben.

Geschenkt und unverdient.

Dass da Menschen sind, die mich mögen, denen ich nicht gleichgültig bleibe – ich habe es nicht gemacht und kann es nicht erzwingen.

Das ich geliebt werde, unverdient, trotz aller Schwächen und Schwachstellen – geschenkt und unverdient.

Dass ich lieben darf und Menschen sich meine Liebe gefallen lassen, trotz aller Unzulänglichkeiten und Unvollkommenheiten – unverdient und geschenkt.

Leben empfangen und Leben weitergeben, in Kindern und Enkelkindern, sie in diese Welt hinein entlassen und immer noch begleiten, etwas vom eigenen Ich weiterleben lassen und doch keine Kopien schaffen – geschenkt, wenn auch manchmal schwer.

Ich bin in diese Welt hinein geboren, die ich nicht selber geschaffen habe, und in einen Zusammenhang hineingestellt, den ich nicht miteigener Kraft hergestellt habe, aber ich lebe darin und lebe davon – bin hinein genommen in einen Lebensstrom.-

Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens.

Was löst in Ihnen Dankbarkeit aus? Die Eindrücke einer zurückliegenden Reise, die Schönheit einer Landschaft, ein gutes Essen, das unverwechselbare Gesicht eines Menschen, die Wärme der Haut, eine Musik, die Strahlen der Sonne an einem Herbsttag wie heute, ein gelungenes Fest…

Das Danken kann zu einer Lebenshaltung werden und zu einer grundlegenden Wesensäußerung unseres Glaubens. Alles was ich habe, habe ich von einem anderen, so wie es Paulus zum Ausdruck bringt, wenn er sagt:

Dennalles,wasGottgeschaffenhat,istgut,undnichtsistverwerflich,wasmitDanksagung empfangenwird;denneswirdgeheiligtdurchdasWortGottesundGebet.(1.Tim4,4f)

Es ist nicht bekannt, zu welchem Anlass Johann Sebastian Bach die Kantate, die heute erklingt, komponiert hat. Darum kann sie zu verschiedenen Anlässen und Festen erklingen – zum Erntedank und auch zum Jubiläum einer Kantorei.

Es ist jubelnde Festfreude, die mit den ersten Klängen des Orchesters und dann im Eingangschor erklingt. Ein Fest. Und zum Fest gehört Gesang und Tanz. Mit der Aufforderung zu Gesang und Tanz werden wir am Ende auch entlassen, wenn es im Schlusschor heißt:

„mit jauchzenvollem Springen – lasst uns fröhlich singen…“. Überhaupt: der Tanz.

In den Jahren 1729-31, als diese Kantate wohl entstanden ist, beschäftigte Bach sich mit dem so genannten „galanten Stil“, eine Richtung in der Kunst und in der Musik, die sich vom höfischen Stil ableitete. Musik im galantenStilwarspielerisch und zugleich geistreicht, aber nicht zu kompliziert, eine Mischung aus Leichtigkeit und Freiheit, die mit Esprit und Eleganz daherkommt.

Die Kantate heute ist musikalisch ein freudiger Tanzreigen:

  • Im Eingangschor ein Passepied, ein französischer Rundtanz
  • Eine italienische Gigue in der Tenor-Arie.
  • Einen Rigaudon, ein altfranzösischer Hoftanz, in der Baß-Arie.
  • Und eine Polonaise in der Alt-Arie.

Eigentlich hätten Sie diese Kantate heute auch tanzen können: das Orchester bleibt sitzen, die Jubiläumskantorei im Rundtanz hier um die Gemeinde herum, die Solisten mit ihren eigenen Tänzen hier in der Mitte.

„Johann Bach reiht in dieser Kantate hemmungslos galante Tanzcharaktere aneinander“, so schreibt ein Musikwissenschaftler ganz trocken. Aber wie soll es auch anders sein bei einem ununterbrochenen Gotteslob in neun Strophen?

Das Lied des Advokaten und Dichters Johann Jacob Schütz, 1673 zum ersten Mal veröffentlicht, ist ein einziges Gotteslob, das neunmal einmündet in die Aufforderung „Gebt unserm Gott die Ehre“. Das Lied auf die Melodie, die auch Martin Luther für einen seiner ersten Choräle gewählt hatte: „Es ist das Heil uns kommen her“ – übrigens auch ein Tanzlied.

Bach übernimmt alle neun Strophen dieses Liedes und gestaltet sie: als Rezitativ, als Arie, als Choral und als konzertanten Eingangschor. Und jede Strophe endet mit der Aufforderung „Gebt unserm Gott die Ehre“. Und für jede Strophe komponiert Bach diese Aufforderung auf eigene Weise aus. Das scheint dem Komponisten sichtlich Freude bereitet zu haben. Auf diese Weise bekommen die beiden Rezitative von Baß und Alt gewissermaßen ein „Sahnehäubchen“: die Rezitative erhalten einen Arioso-Anhang, wo das „Gebt unserm Gott die Ehre gleich viermal wiederholt wird. Beim Tenor- Rezitativ vor dem Schlusschoral enden alle Zeilen der Strophe mit dieser Aufforderung.

Für gewöhnlich findet sich bei Bachs Kantaten am Ende ein schlichter Schlusschoral. Nicht so hier: Bach setzt diesen für ihn typischen Schluss-Choralvers in die Mitte, um beim letzten Vers den jubelnden Eingangschor musikalisch noch einmal aufzunehmen. Diese Anordnung entspricht der dritten Kantate im Weihnachtsoratorium, wo der Chor am Ende den Eingangschor „Herrscher des Himmels“ noch einmal schmettern darf.

Bei allem Jubel, bei allem überschwänglichen Dank verschweigen das Lied und die Kantate nicht die Schattenseiten des Lebens.

Im Choral des Chores ist es eben angeklungen: „Ich rief zum Herrn in meiner Not: Ach Gott, vernimm mein Schreien!“ Und in der Baßarie klang es ebenso an: „Wenn Trost und Hülf ermangeln muss“. In schlichter, fast inniger Weise der Baß im Duett mit der Solovioline. Aber das Leid, die Not, der ausgebliebene Trost – sie werden im Rückblick erinnert. Hilfe vom Tod, Trost ist geschehen. Waren es im Alt-Rezitativ die Mutterhände, so sind es in der Baß-Arie die Vateraugen, die herausgeholfen haben. Und so münden auch diese beiden Strophen ein in die Aufforderung: „Gebt unserm Gott die Ehre!“

In der gleich nach der Predigt folgenden Alt-Arie kommt es zum Versprechen des dankbaren Menschen: „Ich will dich, all mein Leben lang, o Gott, von nun an ehren“. Mein Lobgesang soll an allen Orten zu hören sein – mein Herz, mein Geist, mein Leib: alles stimmt ein.

Aber noch nicht genug: im vorletzten Vers wird der Tenor in seinem Rezitativ gewissermaßen zum Prediger, der die Gemeinde anspricht: „Ihr, die ihr Christi Namen nennt, ihr, die ihr Gottes Macht bekennt“, also: Ihr Christenmenschen, gebt Gott die Ehre!

Macht die falschen Götzen, die Euch in Anspruch nehmen wollen, die euch einreden wollen, dass ihr euch euer Leben selber verdienen müsst, dass ihr selbst eures Glückes Schmied sein müsst – macht diese Götter zu Spott. Und das geschieht am allerbesten, indem ihr Gott die Ehre gebt!

„Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens.“

Das in Ge-denken und Ge-danken halten dessen, was uns an Gutem widerfahren ist. Diese Dankbarkeit bewahrt uns davor, bei uns selbst zu verharren. Der dankbare Mensch will weitergeben. Wer hinter den Gaben den Schöpfer erblickt und dankbar hinter seinem eigenen Leben den Schöpfer alles Seins, der spürt: Das Leben geht auch durch mich hindurch zu anderen. Ich bin ein Teil allen Lebens und trage selber zu einer wahrhaftigen Lebendigkeit bei.

„Wenn man uns fragt,“ so hat der Theologe Eugen Drewermann einmal gesagt, „was es war bisher war mit unserem Dasein, was wir getan haben und wofür wir gewesen sind, werden wir gewisslich aufzählen müssen, wo wir versagt haben, aus Schwäche, Feigheit, Unwissenheit, Bequemlichkeit. Und wohinter wir häufig auch zurückgeblieben sind. Kein Zweifel. Und oft genug macht uns dies beim Blick auf unser bisheriges Leben auch zu schaffen.

Aber: Wir können auch antworten mit Geschichten, wo es uns gelingt, etwas von dem weiterzugeben, was wir ohne unser Zutun dankbar erfahren haben. Wo es uns gelingt, andere zu ermutigen; wo es uns gelingt, ein Stück unserer Lebensfreude und unserer Dankbarkeit weiterzugeben.“

Wo denn wären wir, wenn wir nicht immer wieder auf Menschen gestoßen wären, die für uns zu einem Abglanz Gottes wurden. Wo denn wären wir, wenn wir nicht hin und wieder, wie wir dann sagen, Glück gehabt hätten, wo jemand Ja zu uns sagte, obwohl wir noch nicht einmal JA zu uns selber sagen konnten; wenn wir nicht Liebe erfahren hätten, ohne dass es hierfür irgendeinen bestimmten Grund gab – einfach so.

Daran, dass wir immer wieder auf Menschen gestoßen sind, die für uns zu einem Abglanz Gottes wurden, möchte ich uns an diesem Erntedankfest erinnern. Und wir werden ermutigt, von dem, was uns widerfahren ist, was wir empfangen haben, weiterzugeben – und so selber zu einem Abglanz dessen zu werden, der uns erst ins Leben gerufen hat. So geben wir Gott die Ehre.

Amen.

Aria A

Ich will dich all mein Leben lang, o Gott, von nun an ehren; Man soll, o Gott, den Lobgesang an allen Orten hören.

Mein ganzes Herz ermuntre sich, mein Geist und Leib erfreue sich.

Gebt unserm Gott die Ehre!

Recitativo T

Ihr, die ihr Christi Namen nennt, gebt unserm Gott die Ehre! Ihr, die ihr Gottes Macht bekennt, gebt unserm Gott die Ehre!

Die falschen Götzen macht zu Spott, der Herr ist Gott, der Herr ist Gott: Gebt unserm Gott die Ehre!

Coro

So kommet vor sein Angesicht mit jauchzenvollem Springen; Bezahlet die gelobte Pflicht und lasst uns fröhlich singen: Gott hat es alles wohl bedacht und alles, alles recht gemacht.

Gebt unserm Gott die Ehre!

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