26. Dezember 2017 | Predigt

Ich steh an deiner Krippen hier

Liedpredigt EG 37 von Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident im Landeskirchenamt am 2.Weihnachtstag, 26. Dezember 2017 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

kaum ein Fest ist so mit seinen Liedern verbunden wie Weihnachten. Manchmal nervt das gewaltig, wenn man sich im Supermarkt oder im Autoradio kaum retten kann vor White Christmas, Jingel bells oder Last Christmas.

Aber zugleich ist die Weihnachtsstimmung tief mit den Liedern und Melodien verbunden. Ohne Lieder und Musik ist Weihnachten schlicht undenkbar. Ein Professor für Musikpsychologie erläutert das: Die alten Lieder geben uns das Gefühl von Geborgenheit aus Kindertagen. In ihnen sind die Erfahrungen und Gefühle der Kindheit im Gehirn gespeichert. Wenn wir die Lieder wieder hören oder singen, wecken sie die positive Emotionen, die guten Gefühle der Kindheit wieder auf.

Ein besonders schönes und inniges Weihnachtslied haben wir eben gesungen. Ich steh an deiner Krippen hier, von Paul Gerhardt, neben Martin Luther dem wohl größten Liederdichter der evangelischen Kirche wohl. 139 Lieder von ihm sind erhalten, 26 stehen in der Stammausgabe des Evangelischen Gesangbuches, 289 Strophen sind es, damit führt er die Hitliste klar an. „In dem Liederdichter Paul Gerhardt kommt die lutherische geistliche Dichtung zu ihrem in die Dimension der Zeitlosigkeit reichenden Höhepunkt“, schreibt ein renommierter Historiker (Johannes Wallmann).

Ich steh an deiner Krippen hier. 1653 ist das Lied veröffentlicht, gerade fünf Jahre nach Ende des dreißigjährigen Krieges. Der Krieg hatte Paul Gerhardts Leben bisher geprägt. 1607 geboren, ist er elf Jahre, als der Krieg ausbricht. Vater und Mutter sterben, als Paul noch ein Kind ist. Der Krieg zieht brutal übers Land. Die Menschen leiden große Not. Nach Schule, Theologiestudium und einer Zeit als Hauslehrer, eine damals übliche Karriere, bekommt Gerhardt mit 44 Jahren seine erste Pfarrstelle in Mittenwalde bei Berlin. Die Verwüstungen des Krieges sind hier besonders schlimm, von einst 245 Haushalten gibt es noch 42, die Bevölkerung ist auf ein Viertel geschrumpft, die Menschen sind auch innerlich verwahrlost und verroht. Hier soll Paul Gerhardt tätig werden. Und er wird tätig, indem er sich um den inneren Halt der Menschen kümmert, um ihre Spiritualität. In dieser Zeit entstehen die meisten seiner Lieder, eben auch Ich steh an deiner Krippen hier.Lieder, die Trost bringen und neue Orientierung in einer Zeit tiefster Not.

Ich steh an deiner Krippen hier.

In großer Innigkeit beschreibt Paul Gerhardt, wie in dieser Krippe alles neu geworden ist.

Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne,

die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht‘, wie schön sind deine Strahlen!

Licht, Leben, Freud und Wonne– in einer Welt von Dunkelheit, Tod und Trauer. Paul Gerhardt feiert die Geburt Jesu als den Sieg des Lichtes gegen die Dunkelheit, den Sieg des Lebens gegen den Tod. Er glaubt an und vor allem singt er an gegen alle Traurigkeit und Mutlosigkeit.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Menschen in ähnlichen Lebenssituationen mit Paul Gerhardt dieselbe Erfahrung gemacht haben. Dietrich Bonhoeffer, der Theologe, war im April 1943 verhaftet worden wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen Hitler. An seine Eltern schreibt er aus dem Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Tegel: „Es ist gut, Paul-Gerhardt-Lieder zu lesen und auswendig zu lernen, wie ich es jetzt tue“. … „In den ersten zwölf Tagen, in denen ich hier als Schwerverbrecher abgesondert und

behandelt wurde–meine Nachbarzellen sind bis heute fast nur mit gefesselten Todeskandidaten belegt–hat sich Paul Gerhardt in ungeahnter Weise bewährt…Ich bin in diesen Tagen vor allen schweren Anfechtungen bewahrt worden.

Und im Advent desselben Jahres 1943 schreibt Bonhoeffer wieder aus der Zelle: „Außerdem habe ich zum ersten Mal in diesen Tagen das Lied‚ Ich steh an Deiner Krippe hier‘ für mich entdeckt. Ich hatte mir bisher nicht viel daraus gemacht. Man muss wohl lange allein sein und es meditierend lesen, um es aufnehmen zu können. Es ist in jedem Worte ganz außerordentlich gefüllt und schön. Ein klein wenig mönchisch-mystischistes, aber doch gerade nur soviel, wie es berechtigt ist; es gibt eben neben dem Wir doch auch ein Ich und Christus, und was das bedeutet, kann gar nicht besser gesagt werden als in diesem Lied…

Ein klein wenig mönchisch-mystisch. Ja, das ist es wohl. Ein Lied von einer großen Innerlichkeit, von einer Intimität der Frömmigkeit, der Beziehung zu dem Jesus-Kind. Eine stille, staunende Freude, ein überwältigendes Glück klingt auf. Es geht um das Wunder der liebenden Beziehung zwischen dem Kind und dem Ich. Mit diesem Kind wird meine Geschichte mit der Geschichte Gottes verbunden.

Besonders in der 4. Strophe:

Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen;

und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.

O dass mein Sinne in Abgrund wär und meine Seele in weites Meer, dass ich dich möchte fassen!

Ein Lied des Staunens und der Freude. Das staunende Innehalten an der Krippe bringen wir in der Regel zuerst mit Kindern in Verbindung. Sie verfügen über die große Begabung, sich überraschen zu lassen. Doch Staunen und Neugier sind mehr als Kindertugenden. Sie zählen zu unserem besten Teil. Sind nicht auch Erwachsene in den Augenblicken besonders glücklich, in denen sie vom Wunderbaren überwältigt werden?

Ein klein wenig mystisch, sagt Bonhoeffer. Glaube hat etwas mit einem inneren-berührt-werden zu tun, mit einer inneren Verbindung mit Gott. Die Mystiker sprechen von einem inneren Licht, von einer stillen inneren Freude, Paul Gerhardt von der Sonne, die es in mir hell sein lässt, auch wenn außen vieles dunkel ist.

Christlicher Glaube, das ist mehr als Anständigkeit, mehr als Ethik, mehr als soziale Verantwortung, so wichtig das ist. Christlicher Glaube ist auch mehr als das, was die Vernunft erfassen, was die Sprache ausdrücken kann, mehr als Denken und Theologie durchdringen kann. Gott ist ein unaussprechliches Geheimnis. Und dass dieser Gott in einem Kind in der Krippe an unsere Seite kommt – das ist noch unaussprechlicher. „Wovon man nicht reden kann, davon muss man schweigen“ sagt der Philosoph Wittgenstein.

Oder Singen. Paul Gerhardt nimmt uns mit in ein betrachtendes, ein anbetendes Singen und Schweigen. … und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.

Orgelmeditation

In diesem Lied nimmt uns Paul Gerhardt mit in den Stall und an die Krippe. Gemeinsam mit den Hirten und den Weisen aus dem Morgenland:

Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben;

ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir’s wohl gefallen.

So wir die Hirten zur Krippe kommen, so wie die Weisen dem Jesuskind Gold, Weihrauch und Myrrhe gebracht haben, so stehen wir vor der Krippe, und geben was wir zu geben haben:

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin.

Der ganze Mensch ist also gemeint, mit allen seinen Dimensionen, mit allen Affekten und Emotionen. Deine Traurigkeit und dein Lachen, deine Tränen und Erfolge, dein Mut und deine Angst – es hat alles Raum an der

Krippe. Bei Gott darf es sein. Und so, vor der Krippe, hat Paul Gerhardt die Erwartung, selbst zur Krippe zu werden, selbst zu dem Ort, an dem Gott zur Welt kommt:

Solassm 

ich doch dein Kripplein sein;

komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.

Mit den Weisen aus dem Morgenland hat auch Johann Sebastian Bach den Choral verbunden. In der 6. Kantate des Weihnachtsoratoriums lässt er ihn da singen, wo die Männer aus dem Morgenland an der Krippe angekommen sind und ihre Gaben bringen. Und von Bach stammt auch die Melodie, mit der wir das Lied heute singen.

Allerdings sind eine ganze Reihe von Strophen heute in unserem Gesangbuch auch weggelassen, weil sie uns vielleicht doch zu süßlich klingen. Mündlein, Händlein und Äuglein des Jesuskindes werden in einzelnen Versen besungen. Das Staunen geht ins Einzelne, und natürlich, nicht alles dieser Sprache und Gefühlswelt des Barock ist mit unserem Lebensgefühl vermittelbar.

Eines aber ist bleibend wichtig:

Wie sagt Bonhoeffer, es gibt eben neben dem Wir doch auch ein Ich und Christus.

Ja, Paul Gerhardt sagt „Ich“. Weder Maria und Josef, weder Engel noch Hirten noch Weise spielen eine Rolle. Das Ich und das Kind in der Krippe. Ein zentraler Gedanke für uns Protestanten seit der Reformation: Es geht um jeden einzelnen. Jeder und jede ist unmittelbar zu Gott, da braucht es keine Zwischeninstanz mehr, keinen Priester, auch keine Kirche als Heilsmittlerin.

Seit Paul Gerhardt steht in den Liedern das Ich, ein wirkliches Individuum, vor Gott. Und das heißt: Nicht kommt es darauf an, Traditionen zu übernehmen. Nicht zu sagen, was alle sagen oder gar was „die Kirche“sagt

– die spricht oft genug bei uns ja auch gar nicht mit einer Stimme. Du brauchst nicht sagen, was andere von Dir erwarten, die Familie, die Kollegen. Nicht glauben, was alle glauben.

Aber auch nicht den Glauben ablehnen, weil andere das tun. Jeder einzelne, jede einzelne ist gefragt, mit dem eigenen Leben, mit den eigenen Überzeugungen, dem eigenen Glauben.

Weihnachten ist ein Ort, I  ch zu sagen. Ichsteh an deiner Krippen hier. Und dichsieht Gott liebevoll an. Du bist ihm wichtig.

Ach, gleich mehrere Weihnachtspredigten stecken in diesem Lied. Man kann und muss lange an ihm entlang gehen, mit Zeit und Muße. Eine Strophe noch zum Schluss, die wunderbar die Weihnachtsbotschaft zusammenfasst.

Das Jesuskind wird angesprochen:

Du fragest nicht nach Lust der Welt noch nach des Leibes Freuden;

du hast dich bei uns eingestellt, an unsrer Statt zu leiden, suchst meiner Seele Herrlichkeit durch Elend und Armseligkeit; das will ich dir nicht wehren.

Wie gut für uns, wenn wir es ihm nicht wehren, die Herrlichkeit unserer Seele zu suchen. Gott will ihre Gesundheit, ihre Schönheit, ihre Freiheit, die immer wieder gefährdet ist. Gott nimmt in dem Kind in der Krippe Elend und Armseligkeit auf sich, damit wir reich werden, innerlich reich, innerlich herrlich.

Dafür sind alle Worte zu wenig. Lasst uns zum Abschluss noch drei Strophen gemeinsam singen. Evangelisches Gesangbuch NR 37, die Strophen 4, 8 und 9.

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