3. Dezember 2017 | Predigt

Regionalbischöfin Dr. Petra Bahr, Porträt

Predigt am 3. Dezember 2017 von Dr. Petra Bahr, Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover

Gottesdienst in der Reihe „Bach um Fünf“ in der Neustädter Hof- & Stadtkirche Hannover

Es gilt das gesprochene Wort.

„Morgen kommt der beste Tag von allen“. Das kleine Mädchen legt den Kopf schief und wippt mit den Stiefeln. „Oder der Tag nach dem besten Tag.“ Was den Erwar- tungsglanz in die blauen Augen treibt, ist ein schlichter Adventskalender. Lauter rote Stiefel mit weißem Plüsch, erfahren die Fahrgäste. Mit der Altersweisheit einer Fünfjährigen werden sie belehrt: man muss sich immer noch etwas Freude aufbewahren, damit für den nächsten Tag noch etwas da ist. Zwischendurch blickt sie düster. „Was wäre, wenn nur Lakritze drin wären?“ Sie schüttelt sich, als hätte der enttäuschte Blick in das Filzsäckchen an der Kinderzimmertür schon stattgefunden. „Ach egal, dann wird der nächste Tag der schönste.“ „Ach, so müsste man noch erwarten können“, seufzt ein älterer Herr. Da entgegnet eine Dame säu- erlich in den Pelzkragen-Besatz: „Das kleine Ding wird sich diese alberne Freude schon noch abgewöhnen.“

Nein, keine Sorge, nun kommt keine Ermunterung dazu, das innere Kind wieder zu entdecken, das mit seiner hubbeligen Energie den halben U-Bahn-Wagon zum Lächeln bringt und seine Großmutter in offenkundige Verlegenheit. Der 1. Advent ist nicht das sonntägliche Symbol für Sehnsüchte in einer Welt, die am Horizont eines Kinderzimmers endet. Eine Dezemberregression mit Punsch und Kerzen- schein. Die kulturkritische Geste wäre allerdings auch unangebracht. Ja, wer bringt dem Kind denn bei, worum es in der Zeit bis zum Weihnachtsfest wirklich geht? Es soll ja diese Erwachsenen geben, die vor lauter Verachtung gegenüber der eigenen Kitschanfälligkeit auf Geschenke jeder Art verzichten und vor allem darauf bedacht sind, selbst nicht beschenkt zu werden. Zur Not hilft die Flucht auf eine Südseeinsel, mit Plastikweihnachtsbaum im Gepäck, man weiß ja nie. Erwar- tungsarmut ist aber nicht erwachsen, sondern oft genug nur Ergebnis gesammel- ter Enttäuschungen. Keine Angst: An dieser Stelle kommt kein Aufruf zur Infanti- lisierung der Adventsbotschaft. Die U-Bahn-Episode der letzten Woche zwischen dem Kröpke und Döhrener Turm sagt allerdings einiges über Erwartungsknapp- heit und Erwartungssehnsucht.

Die innere Haltung, zu der das kleine Mädchen fähig ist, mag man beschmunzeln. Sie findet aber in der Bach-Kantate von heute eine Resonanz. Nicht, weil wir die Adventsbotschaft vom Kommen des Heils Gottes auf die Größe von Adventskalenderschokoladen und Plastikprinzessinnen verkürzen sollen, sondern weil es offenkundig so schwer ist, überhaupt noch etwas zu erwarten, was nicht mit den kurrenten Weltuntergangsreden zu tun hat. Beim Rotwein am Abend lässt sich trefflich die Welt eindunkeln. Und in schlaflosen Nächten mag der erwachsene Gegenpart des kleinen Mädchen denken: „Wehe dem morgigen Tag, er wird noch größeres Unglück bringen.“ Wenn in diesen Tagen überhaupt großzügig und intensiv erwartet wird, dann das Unheil kommender Tage. Grund genug gäbe es ja auch. Eine Zusammenfassung der Weltlage erübrigt sich. Nur ist es den Christen eben aufgegeben, diesen Fatalismus nicht noch zu befeuern. Oder die Erwartung wie in die Vergangenheit verlagert und nur noch als schöne Erinnerung akut. Die Sehnsucht nach diesem ominösen Früher, als alles noch besser war, die Lage der Kirche eingeschlossen, ist wie ein ansteckender Infekt. Nichts gegen klare Analysen und scharfsinnige Einreden gegen jede Form geistiger Bequemlichkeit, gegen unerbittliches Fragen nach der Zukunft dieser kleineren, ärmeren, anderen Kirche. Aber heute, am ersten Advent, ist der Kirche ein anderer Auftrag gegeben.

Wir erwarten das Heil der Welt, das im kommenden Christus liegt. Wir sollen uns dieser Erwartung vergewissern, uns ihr aussetzen und davon singen und sagen. Die Kantate, deren erster Teil schon erklungen ist, hat genau diese Erwartung zum Thema. Niemand kann der Musik Johann Sebastian Bachs Weltnaivität vorwerfen. Niemand kann so ordentlich die Welt eindunkeln, niemand kann so sehr wie der Thomaskantor die Sehnsucht nach ausbleibendem Trost in Musik ver- wandeln, niemand das Wüten der ganzen Welt so gekonnt zum Klingen bringen, das Ach und das Wehe. Doch heute singt es in Erwartung. Ursprünglich ist die Kantate für den Johannestag geschrieben, Johannes der Täufer, der „adventlichs- te“ Charakter der Bibel, der die alten heiligen Texte mit den Zeichen der Gegen- wart in Verbindung bringt. In der Kantate ist der Bußrufer aus der Wüste seltsam milde; die Musik leicht und getragen davon, dass die Erwartung auf das kom- mende Heil nicht enttäuschbar ist. Freue Dich, erlöste Schar – fast kindlich leicht klingt dieser Aufruf. Diese Aufforderung kommt nicht im Gestus moralischer Auf- forderung daher, doch ein wenig erlöster auszusehen. Sie ist aber auch nicht das Ergebnis von Werbeagenturen, endlich etwas selbstbegeisterter aufzutreten und die protestantische Miesepetrigkeit zu lassen. Mit dem barocken Stilmittel der Überredung durch Töne und Affekte werden die Hörer in den Zustand der Vor- freude gezogen, der ganz auf den Gehalt der Botschaft setzt, etwa so wie das klei- ne Mädchen die umsitzenden Passagiere an seinem Zustand hat Anteil nehmen lassen. Wer sich da noch entziehen kann, muss ziemlich viel Kraft aufbringen – oder sich die Ohren zuhalten. Wie das kleine Mädchen drängt die Sopranarie durch einen schnellen Lauf nach vorne, ins Offene, in eine Zukunft, wo alles gut ist. Die Ruhe der Erlösung wird zwischendurch so vorweggenommen, dass man sie spüren kann. „Wir haben Rast, und des Gesetzes Last ist abgetan.“

Es ist die Einbildungskraft der Erwartungsbegabten, die mit Johannes auf das kommende Heil sehen wie auf einen Horizont. Ein Horizont ist eigentlich gar nicht da. Er lässt sich nicht abschreiten, es ist nicht möglich, ihn zu greifen. Und doch läuft er mit und ordnet das Bild der Welt. Ohne Horizont dagegen wurde der große Schwindel einsetzen, Größenverhältnisse sind außer Kraft, was vorne und was hinten, was wichtig und was nur vordergründig ist, wird ununterscheidbar. „Säumet nicht, macht Euch auf mit schnellem Lauf, der Zukunft entgegen.“ Was für ein Kontrastprogramm zu kurrenten Zukunftsreden, so verlegen sie auch sein mögen. Gott als Heil der Welt, diese adventliche Nachricht war schon zu ein Zei- ten des Johannes eine Zumutung und zu Zeiten Bachs sicher nicht leichter zu glauben. Und doch zieht die Musik mit der leichten Lyrik des Picander, diesen kongenialen Dichter, genau in diese unglaubliche, helle Zukunft. Die Anfechtun- gen, die Fragen, das Zögern und das Zweifeln, sonst von Bach genüsslich aus- komponiert, werden zwar ernst, aber nicht zu ernst genommen. Es ist, als risse die Musik die Zögernden mit: „Kommt, ihr angefochtenen Sünder, eilt und lauft, ihr Adamskinder, euer Heiland ruft und schreit, kommt ihr verirrten Schafe, steht auf vom Sündenschlafe, denn jetzt ist Gnadenzeit.“

Folgt man der Logik dieser Worte, so ist Erwartungsarmut die Sünde des Tages, eine Art Glaubensschläfrigkeit, die sich vom Leben geläutert gibt, in Wahrheit aber zu feige ist, sich auf eine andere Haltung einzulassen: was wäre, wenn das Heil Gottes wirklich anbricht? Christen tun sich dieser Tage schwer, dieses kom- mende Heil zu verkünden. Ist diese Botschaft nicht zu groß, zu vollmundig und so aberwitzig schroff gegen den Zeitgeist gesprochen? Sind nicht ein paar morali- sche Hinweise zu mehr Zusammenhalt und etwas weniger Hass passender? Diese Botschaft passt dann auch in kleine rote Filzstiefelchen mit Plüschbesatz. Doch der 1. Advent mit seiner johanneischen Adventbotschaft zwingt uns, ins Weite zu sehen und länger auf das, was vor Augen ist. Lasst uns auf den Horizont sehen, der uns an diesem Tag mitgesetzt ist und den Blick auf die Welt neu ordnet. Unglaublich ist die Botschaft vom kommenden Heil, in jedem Falle zu groß und zu schwer, aber wir müssen diese Hoffnung ja nicht beglaubigen, wir müssen uns nur auf sie einlassen. Wir dürfen uns mitreißen lassen von der Musik, wir kön- nen, zögernd und vorsichtig erst, aber dann kräftiger, einstimmen in die hof- fungssatten Lieder dieses Gottesdienstes, und wie das kleine Mädchen uns gegen- seitig zurufen: bald, bald ist der beste Tag. Denn das Heil der Welt ist nahe. Freu Dich, geheiligte Schar.

Amen

Schreibe einen Kommentar