17. September 2017 | Predigt

Historischer Altarraum der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Denkwege mit Luther – Das heilige Abendmahl

Predigt von Probst Dr. Christian Stäblein im musikalischen Abendgottesdienst „Denkwege mit Luther. Über den Kleinen Katechismus“ über „Das fünfte Hauptstück: Das Sakrament des Altars oder das heilige Abendmahl“ in der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Es gilt das gesprochene Wort!

Hannover, 17. September 2017

Liebe Gemeinde, was machen Sie, wenn Sie da stehen, bevor Sie sich hinsetzen. Im Gottesdienst, bevor Sie Platz nehmen. Was machen Sie da? Als mir die Konfirmanden diese Frage das erste Mal gestellt haben, habe ich gestutzt. Ich wusste wohl, was ich da tue, aber wie so vieles, war es mir nicht groß bewusst. An irgendwas denken, was gestern schön war? Überlegen, ob Sie was vergessen haben? Bis 10 zählen? Sich was für später vornehmen? Gar nix denken? Geht das? Was machen Sie da? Eine schöne Frage. Ein Versuch, die Tonspur für das zu finden, was an Bildern abläuft. Niemand will in die Köpfe oder gar ins Herz gucken. Gut reformatorisch wissen wir, dass wir das nicht können und in Glaubensdingen auch gar nicht wollen: ins Herz gucken. Um so schöner die Frage, das Experiment: Wie sieht der Ton zu einer Bild- oder Verhaltenssequenz aus? Was könnte gedacht werden?

Hingehen. Empfangen. Essen und trinken, wieder gehen. Das ist Abendmahl von außen betrach- tet. Im Großen und Ganzen eine Verhaltenssequenz in vier Schritten. Vier Fragen hat das fünfte Hauptstück des Kleinen Katechismus bei Martin Luther, mit vier Fragen schafft er es, alles Elemen- tare zum Abendmahl zu sagen. Und das will ich nutzen, diese Fragen und Antworten wie eine Art Tonspur über die vier Schritte des Abendmahls. Hingehen. Empfangen. Essen und trinken, hören und sehen. Wieder gehen. Die Bildspur und dazu der kleine Katechismus. Ein Experiment. Bevor Sie rätseln, ob und wie das jetzt gehen soll, fange ich lieber an. Der tiefere Sinn dieser Mixtur, so denn vorhanden, mag sich im Vollzug erschließen. Wie beim Abendmahl. Ende der Einleitung. Los geht‘s.

Hingehen. ZumErsten.WasistdasSakramentdesAltars?EsistderwahreLeibundBlutunseres HerrnJesusChristus,unterdemBrotundWeinunsChristenzuessenundzu trinkenvonChristus selbst eingesetzt. Mit diesen Worten im Ohr klärt sich auf dem Weg nach vorne, worum es über- haupt geht. Das klärt sich beim Essen, das klärt sich bei Tisch? Aber ja, möchte man sagen, wie sonst auch im Leben. Man kann viele freundliche Worte miteinander tauschen, man kann sich sehr

ständig im verbalen Perfekt. Ob man es aber miteinander aushält, das zeigt sich nicht nur für Paare bei Tisch. Ob fortschreitende Individualisierung und die Herausforderungen, ja auch die Zumutun- gen von Gemeinschaft in Balance zu kriegen sind, wird beim Essen sichtbar. Vegan, vegetarisch, glutenfrei, laktosefrei, viel Fleisch, kein Fisch, die Küchen in Tagungshäusern können allenfalls schmunzeln über angeblich schwierige Speisevorschriften in biblischer Zeit. Bei Essen und Trinken wird Gemeinschaftsfähigkeit wahr. Alle an einen Tisch kriegen, auch die Organisatoren von Fami- lienfesten wissen, wie schwer das sein kann. Es ist ein Allgemeinplatz, dass das auch in der Religion so ist.

Am 1. November 1539 nimmt Kurfürst Joachim II. in der Spandauer Nikokaikirche das Abendmahl nach neuem Ritus ein, unter beiderlei Gestalt, Brot und Kelch. Mit diesem Tag gilt die Reformation im Kurfürstentum Brandenburg eingeführt. Am Tag darauf wiederholt er selbiges in Berlin-Cölln. Mit der geteilten Wahrheit am Tisch des Herrn wird die Reformation realisiert, das war nicht nur in Brandenburg und Berlin so. Beiderlei Gestalt, Kelch für alle, das ist die sichtbare Seite der Re- formation. Am 31. Oktober diesen Jahres gehen wir in der Evangelischen Kirche Berlin-Branden- burg-schlesische Oberlausitz wieder nach Spandau, der große landeskirchliche Festgottesdienst zu 500 Jahren Reformation dort. Mit Abendmahl? Das Abendmahl ist ja seltsam ausgespart in diesem Jahr der Reformationsfeierlichkeiten. Die Gemeinschaft bei Tisch hat sich ökumenisch nicht durchgesetzt, nicht mal im Ansatz. Was das für die Ökumene, für die Gemeinschaft der Chris- tinnen und Christen heißt, wird sich zeigen, wenn die wertschätzenden Worte des Jahres verklun- gen sind.

Beim Hingehen, auf dem Weg gehen mir also die Worte Luthers durch den Kopf: Es ist der wahre LeibundBlutunseresHerrnJesusChristus,unterdemBrotundWeinunsChristinnenundChristen zu essen und zu trinken von Christus selbst eingesetzt. So muss man erstmal formulieren, um jedes Aktiv auch sprachlich zu vermeiden. Wir „machen“ nicht Abendmahl. Wir sind eingeladen. Wir wandeln da nichts, wir bringen kein Opfer, wir stimmen nicht gnädig. Unter Brot und Wein zu essen und zu trinken der wahre Leib und Blut Christi – nicht in der Substanz an sich, im Tun, performativ würden wir heute sagen, im Vollzug. Auf dem Weg nach vorne denke ich unter diesen Katechismusworten zum Ersten, dass nicht ich losgegangen bin, dass da zuerst das Hören, die Einladung war, dass nicht ich meinen Glauben gemacht habe, dass er zu mir gekommen ist. Ein passives Aktiv, ein aktives Passiv, oder mit welch schönen paradoxen Worten ich den Glauben auch beschreiben will.

In den früheren Zeiten, in denen bei Bewerbern auf eine Stelle nicht nur ihre Fachkompetenz ge- prüft wurde, sondern heimlich oder offen auch getestet, ob sie wohl mit Messer und Gabel essen können, sprich: Gesellschaftsfähigkeit, in diesen früheren Zeiten war der Eintritt in die Kirche rea- lisiert, wenn das Abendmahl eingenommen war. Was gibt es Schöneres als Essen und Trinken

teilen? Was gibt es Schöneres als das am Tisch Gottes? Es ist Genuss. Versprechen. Verheißung. Kein Werk. Passiv. Hingegangen also. Angekommen.

Empfangen. Der zweite Schritt in der Abfolge. Zumzweiten.WasnütztdennsolchEssenundTrin- ken? Das zeigen uns diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden; wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit. Ich stehe da und empfange. Ver- gebung der Schuld. Der Sünden. All dessen, was ich nicht wollte und doch getan habe, wo ich nicht aus meiner Haut kam und wo ich gerne ein anderer gewesen wäre, aber nicht war, wo ich den Strukturen nicht entkommen bin, der ständigen Hetze auf den Straßen und dann die Fußgänger übersehen – ich konnte nichts dafür? Von wegen. Oder die Lähmung, das ewige Meinen, ich könnte ja doch nichts tun, das Phlegma, mein Eingerichtet Sein, und ich komme da nicht raus aus diesem Gefängnis. Ich stehe da und empfange. Empfange, weil es in meinem Leben, in der per- manenten Verstrickung von Schuld und Menschen, die meinen, es sei aber nicht ihre, sondern das System und die Gene und die anderen und die da oben, weil es da gar kein Heraus gibt, als dass das jemand unterbricht. Und wir sind‘s nicht, die das unterbrechen, können es nicht aus uns. Ich stehe da und empfange. Mancher kniet. Eine in der evangelischen Kirche etwas verloren gegan- gene Praxis. Auch das hat seinen Grund. Zur Schau gestellte Demut im Knien kann mühsam sein, verordnete Demutsgesten erst recht. Nun, Knien beim Abendmahl meinte wohl eigentlich nur das: Ich empfange. Das ist der Kern. Im Kleinen Katechismus, wo nicht viel Platz für alles mögliche auch noch Richtige ist, beschränkt sich Luther auf den Kern. Sicher, man kann, man soll dem Abendmahl noch viele andere Aspekte abgewinnen. Hoffnungsmahl. So wird es sein, dereinst: Wir essen und trinken bei Gott, jetzt schon ein Vorgeschmack. Oder Gemeinschaftszeichen, auch das ist Abendmahl. Alle gehören zusammen. Bernd und Andrea, obwohl sie sich echt nicht abkönnen. Gemeinschaft im Mahl ist nicht Sympathie. In einen großen Katechismus gehört das alles rein. Im kleinen reicht das Eine für den Moment des Dastehens: Ich empfange Vergebung. Wo das ist, ist Leben und Seligkeit. Das nützt es uns? Nutzen klingt ja sehr instrumentell, funktional, modern auch: Was habe ich davon? Nutzen – das ist ein starkes Stück und weil Luther diese Worte nicht erst hier im vierten Hauptstück gebraucht, haben Sie über die Formulierung in der Predigtreihe gewiss schon öfter nachgedacht. Ein starkes Stück, dass Luther diesen Gang durch das einzig vorhandene Nadelöhr Subjekt nicht scheut, ja ganz modern zum Gradmesser macht. Was nutzt es mir, was ist es für mich? Entweder Glaube hat dieses für mich, pro me, oder er hat schon verloren. Unser säkulares Zeitalter kann davon mehr berichten. Eh, was habe ich davon, wenn ich zu Euch komme? So sind wir vielleicht jetzt endlich so weit, endlich bereit für Luthers kluge Einsicht. Weg von den großen Türmen der Tradition, die als blitzblanke Vorgaben ja nutzlos sind, wenn sie sich nicht mit dem Leben versprechen. Was nützt solch Essen und Trinken? Ich stehe, empfange, werde unter- brochen in meinem Kreislauf des Um-mich-selbst-Drehens. Eine lange zweite Tonspur über dem Empfangen, das gebe ich zu. Und trotzdem mache ich noch einen Schlenker hier. Was nützt denn solch Essen und Trinken? Eine innerevangelische Anfechtung, diese Frage. Reicht es nicht, dass

wir es hören, predigen, sagen? Wozu essen? Zumal, wenn ich es mit Luther von der Verheißung her begreife, ganz vom Wort, ganz vom Versprechen Gottes, nicht von den Elementen an und für sich. Das Wort – also Abendmahl als andere Form der Verkündigung, der gleiche Zuspruch, nur noch mal anders, aber kein anderer Zuspruch. Wozu dann Essen und Trinken? Schon Luther musste auf die Schwärmer antworten, die auf die Sakramente verzichten wollen. Morgen darf ich die Erinnerungsstele für Harald und Dorothee Poelchau einweihen, in Marzahn, tief im Osten Ber- lins. Harald Poelchau war Gefängnisseelsorger in Tegel, von 1933 bis 1945. 1000 Menschen etwa hat er zur Hinrichtung begleitet, darunter waren viele Widerstandskämpfer, Rote Kapelle, 20. Juli, Moltke, Bonhoeffer. Außerdem hat er Juden versteckt, er und seine Frau Dorothee, in ihrer Woh- nung im Wedding. Womit war Poelchau als Gefängnispfarrer ausgerüstet? Mit dem Glauben, dass er da, genau da, wo die Unfreiheit am größten ist, von der Freiheit zeugen muss. Nicht nur reden. Sie in Momenten der Begleitung erspüren. Poelchau war ausgerüstet mit Abendmahlsgeschirr. Vor dem letzten Weg jene Unterbrechung, die in sich trägt: Freiheit. Anfang durch Gott. Ewigkeit bei ihm. Sicher, das ist jetzt eine Situation, die nicht unseren Alltag bestimmt. Aber hören wir aus den Krankenhäusern, aus den Heimen, von den Jugendfreizeiten, aus dem Kindergottesdienst, aus dem manchmal übervollen verworteten Alltag. Die Sakramente sind kein „auch noch“. Sie sind ganz Evangelium, das „nützt“, genau so. Ich stehe und empfange. Leiblich bindet sich Gott und teilt er sich mit.

Dritter Schritt: Essen und Trinken, Hören und Sehen. Zum Dritten: Wie kann leiblich Essen und Trinken solch große Dinge tun? Essen und Trinken tut’s freilich nicht, sondern die Worte, die da stehen.WerdiesenWortenglaubt,derhat,wassiesagenundwiesielauten,nämlich:Vergebung der Sünden. – Wie kann leiblich essen und trinken solch große Dinge tun? Und doch ist es keine Magie. Und mehr als nur Hinweis auf Vergangenes. Präsent. Real präsent. Wenn ich da stehe und esse und trinke und die Worte sind dazu, darüber gesagt – ach, ist doch alles schon gesagt. Und also will ich jetzt lieber nicht ins Essen quatschen. Schmeckt‘s? Kennen Sie noch diesen alten Loriot-Sketch? Ein Mensch will in Ruhe im Restaurant essen. Aber er kommt nicht dazu? Immerzu fragt der Ober: Schmeckt‘s? Es gibt die Zeit zum Reden, Reflektieren, Bedenken, Theologisieren. Und dann gibt es die Zeit zum Genuss. Auch in der Religion, auch im Glauben. Essen und trinken, hören und sehen. Niemals allein, nur geteilt, weil zugesagt. Der dritte Schritt. Die Tonspur. Jesu Worte. Und der Genuss der Ewigkeit.

Wieder gehen. Nach Hingegangen, empfangen und hören, essen und trinken: wieder gehen. Der vierte Schritt. ZumVierten.WerempfängtdenndiesesSakramentwürdig?Deristrechtwürdigund wohl geschickt, wer den Glauben hat an diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Ver- gebung der Sünden. Wer aber diesen Worten nicht glaubt oder zweifelt, der ist unwürdig und un- geschickt;denndasWortFüreuchfordertnichtsalsgläubigeHerzen.– Nichts als gläubige Herzen. Wer also gehört dazu, wenn wir in diese Herzen gar nicht schauen können? Die Antwort auf diese

Frage verändert sich rasant. Noch bei meinem Großvater wurde sich zum Abendmahl angemeldet, vorher, die Tochter notierte die Namen. Unangemeldet unmöglich. Noch in meiner Jugend galten Kinder als unwürdig. Heute sagen wir: Abendmahl ohne Kinder? Wie wollt ihr das begründen? Sie sind doch getauft. Glaube wirkt der Geist. Sie verstehen nicht alles? Sie verstehen viel. Nennen Sie mir den, der alles verstanden hat beim Abendmahl, und ich denke: Der hat gewiss nichts ver- standen. Abendmahl mit Kindern, natürlich eingeführt, Mahl und Mahl zu unterscheiden, auch das schon Konsens. Und nun? Wer auf dem Weg zum Glauben ist, ist der unwürdig? Ist es nicht denk- bar, dass die Dynamik des Glaubens seine Reihenfolge umkehrt? Erst Abendmahl, dann Taufe? Nichts als gläubige Herzen. Ein radikaler Katechismus, unglaublich modern, radikaler als zu Lu- thers Zeiten selbst je praktiziert, keine Frage. Für Luther galt noch: Man sollte den Katechismus auswendig können, wenn man zum Mahl geht. Da falle ich dann auch nicht drunter, jedenfalls nicht mehr beim fünften Hauptstück. Leider.

Was machen Sie da, bevor Sie sich hinsetzen? Was sprechen Sie? Die Antwort. Ich spreche ein kurzes Gebet. Gott, schenk Segen für die Stunde. Oder ich spreche eine kurze Fürbitte für die, die jetzt nicht da sind. Oder ich murmele meinen Taufspruch. Am Anfang des Gottesdienstes eine gute Erinnerung. Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten.

Was denken Sie, wenn Sie zum Abendmahl gehen? Das hat keiner gefragt und das ist ja auch gar nicht nötig, weil, warum soll man da so viel denken. Hingehen. Empfangen, was gehört und gesagt ist. Essen und trinken. Sehen. Wieder gehen. Und das weiter geben. Den Zuspruch. Das Brot. Die Vergebung. Vielleicht denkt der eine oder die andere: Nur Protestanten können meinen, dabei solle man immerzu denken. Soll man gar nicht. Oder den Gedanken freien Lauf lassen. Und wenn der mal mühsam ist? Dann wünsche ich, ja, dann wünsche ich mir, den kleinen Katechismus jetzt auswendig zu können. Als Tonspur, innerlich. Das fünfte Hauptstück. Was ist das Sakrament des Altars?EsistderwahreLeibundBlutunseresHerrnJesusChristus,unterdemBrotundWeinuns ChristenzuessenundzutrinkenvonChristusselbsteingesetzt.Die Tonspur zum Bild. Jetzt ist sie einmal abgelaufen. Ich setze mich wieder hin. Verharre einen Moment. Gott, schenk mir Glauben, schenk Worte fürs Herz. Amen.

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