30. Juli 2017 | Predigt

Figur des Auferstandenen Christus

Ich bin das Brot des Lebens.

Predigt von Folker Thamm, P.i.R. in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis 7. So n. Trin. 30.07.2017/ 11 Uhr | Epistel: Apostelgeschichte 2, 41a.42-47 Evangelium und Predigtext: Joh.-Ev. 6,30-35

Liebe Gemeinde,

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten“, sagt Jesus im Johannesevangelium. Jesus Christus bietet sich an als Lebensmittel: als „Mittel zum Leben“ in einem ganz umfassenden Sinn.

„Wir lieben Lebensmittel“ – so empfängt mich immer der Laden, in dem ich fast täglich frische Dinge aus der Region einkaufe. Und auch immer mehr Produkte aus artgerechtem. biologischem und regionalem Anbau werden angeboten. Oft auch mit Bio- Siegel.

Lebensmittel: das sind zunächst Produkte, die wir zum Überleben benötigen: Essen und Trinken. Seit langem müssen wir in unserem Land nicht mehr hungern und dürsten, wie das in vielen anderen Ländern leider der Fall ist, oft ausgelöst durch Naturkatastrophen, Missernten, schlechte Regierung, Kriege und Bürgerkriege.

Nein: die Älteren unter uns erinnern sich noch an die Zeit kurz nach dem Krieg, die Jüngeren haben es erzählt bekommen: Hungern ist schrecklich!

Die Aktion der evangelischen Kirchen „Brot für die Welt“ war nach diesen Erfahrungen so eine Antwort auf diese eigenen Erfahrungen.

Aber Jesus geht es nicht nur um das leibliche Wohl. Ihm geht es um viel mehr. Es geht Jesus um Hungrig-Sein und Durstig-Sein in einem ganz umfassenden Sinne. Es geht um Leibsorge und Seelsorge, beides gehört zusammen.

Er erinnert an die Geschichte von der Befreiung des Volkes Israel. Sie waren unterdrückt in Ägypten. Mose hat sie herausgeführt. Es ging durchs Rote Meer, dann in die Wüste.

Nun hatten sie Freiheit, aber wenig zu essen und zu trinken. Keine Sicherheit, keine Versorgungssicherheit. Was nützt da die Freiheit? Und viele murrten: „Besser Unfreiheit und etwas zu essen, Essen und Trinken ist besser als Freiheit und Hunger und Durst“.

Da bittet Mose Gott um Hilfe: Und das Manna, das vom Himmel fällt, wird erfahren als

„Brot des Lebens“. In Psalm 78,24 heißt es dann zusammenfassend: “Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.“

Und das Besondere an dieser Geschichte: Man konnte Manna nur für einen Tag sammeln und essen, wer gierig raffte und sich Vorrat anlegen wollte, dem verdarb die Speise vom Himmel. Aber wer sammelte und selbst aß und zugleich verteilte und andere sättigte,   der tat wohl. Eine Gleichnisgeschichte für unser Leben auch heute.

Und später – als das Volk dürstet – schlägt Mose mit seinem Stab an einen Felsen und Wasser strömt heraus. In St. Nicolai Lüneburg, in der Kirche, in der ich 20 Jahre lang als Pastor Dienst tat, gibt es ein Bild aus der Reformationszeit, da schlägt Mose mit dem Stab an den Felsen und Wasser strömt heraus und über der Quelle erscheint eine Lichtgestalt: Jesus Christus der Auferstandene!

Hier geht es wie in unserem Predigttext um eine Verbindung vom Alten zum Neuen, vom Ersten zum Zweiten Testament. Manna vom Himmel und Wasser aus dem Felsen  werden zum „Brot des Lebens“ und „Wasser des Lebens“ – zu Symbolen für Jesus Christus und für die Sakramente: Taufe und Heiliges Abendmahl..

Lukas hat in der Apostelgeschichte sehr schön erzählt, wie die erste christliche Gemeinde sich verstanden hat und versucht hat zu leben.

Er schreibt: “Sie ließen sich taufen und blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“ (Lk 41a, 42). Hier wird das

„Brotbrechen“ zum Symbol für eine solidarische Gemeinschaft. Es geht nicht darum, immer mehr zu besitzen, immer reicher zu werden, nur an sich selbst zu denken, nein: wer sich hat taufen lassen und Christ geworden ist, der lebt in Gemeinschaft und teilt das Brot.

Lukas schreibt: „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter allen, je nachdem es einer nötig hatte“ (Apg. 2,44f).

Dieser Gedanke, dieses Konzept im Geist Christi zu leben, hat in der Kirchengeschichte immer wieder fasziniert und zu Aufbrüchen geführt. Die Klöster und Orden sind solche Versuche. Franz von Assisi hat sich daran orientiert. Wer Mitglied eines Konventes wurde, brachte seine Habe ein, sein Erbe, seine Mitgift und teilte. Und in der Gemeinschaft des Konventes waren alle gleich. Und jeder und jede sorgte für den anderen, teilte das Brot, beteiligte sich am wirtschaftlichen Leben der Gemeinschaft:

„Bete und arbeite“ war die Devise.

Heute leben wir in einer Gesellschaft, die sehr stark vom Individualismus geprägt ist. Viele Menschen leben allein und haben im täglichen Leben wenig Chance, mit anderen Menschen zu teilen. Gewiss, wir können andere Menschen zum gemeinsamen Kochen und Essen einladen. Und einige tun das auch, um ihre Einsamkeit zu überwinden. Aber viele sind das nicht mehr gewohnt und bleiben einsam. Wäre doch toll, wenn man sich so verabreden würde. Einmal komme ich zu Dir zum gemeinsamen Essen, ein anderes Mal kommst Du. Es lohnt sich, das einmal auszuprobieren. Und man teilt dann ja nicht nur Essen und Trinken, sondern auch Erfahrungen, Lebenserfahrungen, Gedanken und Glauben.

Und dieser Gedanke des gemeinsamen Teilens aus diesem Text aus der Apostelgeschichte war ja zunächst ein Markenzeichen der frühen Christengemeinden. Dann wanderte diese Idee hinein in die Gesellschaftsordnung. Wenn wir heute von Sozialstaat sprechen, dann spielt Solidarität eine große Rolle. Solidarität ist das moderne Wort für Teilen im Sinne des Lastenausgleichs. Da sind dann nicht nur Glaubensgeschwister betroffen, sondern Solidarität gilt allen. Der Lastenausgleich nach dem Krieg zwischen denen, die ihre Heimat verloren hatten oder deren Häuser ausgebombt waren und denen, die alles behalten konnten, war so eine große Angelegenheit. Und auch der Solidarpakt nach der Wiedervereinigung. Und jede Krankenkassen, Arbeitslosen- oder Pflegeversicherung einschließlich der Rentenversicherung ist so ein Teilen der Lasten. Das habe ich neulich Geflüchteten aus Afrika erzählt. Die haben gestaunt, dass es diese Solidarität über die Grenzen der Familie hinaus gibt.

Das ist alles überhaupt nicht selbstverständlich, sondern speist sich aus diesen alten biblischen Texten. Es hat etwas mit dieser alten Geschichte zu tun, die so etwas wie eine Beispielgeschichte für die christliche Existenz geworden ist. Der Apostel Paulus hat das einmal treffend zusammengefasst: „Einer trage des anderen Last, so werdet Ihr das Gesetzt Christi erfüllen“ (Gal 6,2). Johannes geht noch weiter. In seinem Evangelium spricht Jesus Christus: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, wird nimmermehr dürsten“.

Hier wird nun Hunger und Durst, Essen und Trinken d.h. Hungersättigen und Durststillen auch in übertragendem Sinne gebraucht. Es gibt auch einen Hunger und Durst nach Leben, nach Liebe, nach Gutes tun, nach Gemeinschaft, kurz: nach Sinn des Lebens. Und dieser Hunger wird durch den christlichen Glauben gestillt. Und christlicher Glaube meint: In Jesus Christus ist Gott selbst in unserer Welt erschienen und wenn ich ihm nachfolge, erfüllt sich mein Leben mit tiefem Sinn. Dann denke ich nicht mehr nur an mich, sondern auch an das Wohl der anderen Menschen, dann beginne ich zu teilen und mache die Erfahrung: Ich teile und gewinne zugleich: „Teilen und

dazugewinnen“ hieß einmal eine Parole auf dem Kirchentag. Wie richtig!

Viele Menschen haben das in den vergangenen Jahren in der Flüchtlingsarbeit erlebt. Sie teilen Zeit, auch Geld, besonders Aufmerksamkeit und Liebe und haben erfahren und mit Leben gefüllt, was Jesus Christus gemeint hat:

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, wird nimmermehr dürsten“.

Amen

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