9. Juli 2017 | Predigt

Gnade sei mit Euch und Friede…

Predigt von Reinhard Mawick am 4. Sonntag nach Trinitatis (9.7. 2017) über 1. Mose 50, 15-21 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext ist ein Klassiker, obwohl er vielleicht gar nicht so bekannt ist wie andere Klassiker. Wie zum Beispiel der „Barmherzige Samariter“, der „Verlorene Sohn“ oder wie die Bergpredigt. Damit Sie unseren Predigttext aber richtig in den Zusammenhang ein- ordnen können, versuche ich in aller Kürze zu ihm hinzuführen. Aber der Begriff Kürze ist hier relativ, Sie werden es schon merken …

Also: Unser Predigttext befindet sich ganz am Ende des ersten Buches unserer Bibel, des Ersten Buches Mose, des Buches Genesis. Im Ersten Buch Mose steht am Anfang die Urge- schichte der Welt und der Menschheit: Schöpfung, Vertreibung aus dem Paradies, Turmbau zu Babel und dann das Schicksal Abrahams, Isaaks und Jakobs – der drei Erzväter Israels. Unser Predigttext setzt bei den Söhnen Jakobs an – es sind derer zwölf von vier verschiedenen Frauen. Wir schauen im Zusammenhang mit unserem Predigttext besonders auf den elften der zwölf, auf Joseph. Er wird von seinem Vater Jakob besonders geliebt – und warum? Das wird nicht ganz klar. Die Bibel sagt uns dazu nur:

Und dies ist die Geschichte von Jakobs Geschlecht: Josef war siebzehn Jahre alt und hütete mit seinen Brüdern die Schafe; er war Gehilfe bei den Söhnen Bilhas und Silpas, den Frauen seines Vaters, und er hinterbrachte ihrem Vater ihre üble Nachrede. (1. Mose 37,2)

Ach so, Joseph war also das, was man einen Spion nennt, oder banaler gesagt eine Petze. Er erzählte dem Vater treulich weiter, was die Brüder abträgliches erzählten. Kein Wunder, dass es in der Bibel weiter heißt:

Jakob (Israel) aber hatte Josef lieber als alle seine Söhne, weil er der Sohn seines Alters war, und machte ihm einen bunten Rock. (1. Mose 37,3)

Die Brüder ahnten sicher, dass Joseph sie ständig verpetzte, und dann gab ihm sein Vater auch noch bessere Klamotten – also dass die Brüder Joseph nicht besonders mochten, mag nicht verwundern, zumal er an mangelndem Selbstbewusstsein nicht zu leiden schien. Freimütig erzählte er seinen Brüdern von seinen Träumen. Die handelten davon, dass sich seine Brüder darin vor ihm verneigten. Na, solche kleinen Brüder hat man wirklich gern, oder?

Mit all dem zieht Joseph sich den Hass seiner Brüder zu. Sie versuchen, Josef in der Wüste einem Brunnen zu ertränken; als das misslingt verkaufen sie ihn in die Sklaverei und so ge- langt Joseph nach Ägypten gelangt. Und dort legt Joseph eine Karriere hin, die seinesglei-

chen sucht. Die Brüder erzählen dem Vater Jakob übrigens nach ihrer Rückkehr, dass Joseph wohl tot sei und zeigen den „bunten Rock“, den sie mit Tierblut verschmiert haben, als Be- weis – was für eine Story … Keinen Geringeren als den großen Thomas Mann hat die Ge- schichte von Joseph zu seinem epochalen Werk „Joseph und seine Brüder“ inspiriert – ein Werk bestehend aus über 2000 Seiten in vier Büchern.

Wie geht es nun weiter mit Joseph in Ägypten? Zunächst arbeitet er als Diener im Haus des Potifar – der ist als Befehlshaber der Leibgarde des Pharaos und als dessen Finanzchef ein mächtiger Mann. Trotz der zweifelhaften Charaktereigenschaften, von denen anfangs die Rede war – scheint Joseph ein gottesfürchtiger Mann gewesen zu sein, schenkt Gott ihm Ge- lingen in allem, was er tut – so erzählt es jedenfalls die Bibel.

Zunächst aber nimmt ein Unglück seinen Lauf, denn Potifars Frau wirft ein Auge auf Josef. Thomas Mann schildert in seinem gigantischen Josephroman die Geschichte dieser miss- glückten Liaison in einzigartiger Weise. Allerdings würde es hier wirklich den Rahmen sprengen, dies auch nur in Auszügen vorzutragen. Deshalb biete ich ihnen eine Alternative, die diesen Stoff literarisch behandelt. Auf diese Alternative bin ich gestern zufällig gestoßen bin und ich möchte sie Ihnen nicht vorenthalten. Es ist das Gedicht des heute nahezu völlig vergessenen Dichters Georg Weerth, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte und leider mit 34 Jahren schon früh verstarb. Er hinterließ nicht viele Gedichte, aber unter ihnen ist eines, was unseren Stoff behandelt. Es heißt

Herr Joseph und Frau Potiphar

Eine biblische Romanze Lieblich zu lesen

  • ich werde mich bemühen und Ihnen nun zumindest die letzten fünf der insgesamt vierzehn Strophen dieser biblischen Romanze ganz lieblich vortragen … Potifars Frau gesteht Joseph ihre Liebe und zwar mit diesen Worten:
    1. Sei mir gegrüßt! Ich liebedich,

Du bräunlicher Hebräer.

O sieh mich an, sieh her und sprich: Kann Dichter oder Seher

Ein schöner Weib im Traume sehn, Als du zu deinen Füßen

Sich winden siehst mit brünst’gem Flehn Um deinen Kuß, den süßen?

  • Sieh meine Schultern weiß und rund

Von dunklem Haar umflossen; Sieh wie die Ros auf meinen Mund All ihren Glanz ergossen,

Wie diese Brust sich wallend hebt, Von Tränen sanft befeuchtet,

Wie dir mein Herz entgegenbebt, Wie dir mein Auge leuchtet!

  • Mein Lied erklingt soSehnsucht-schwer

Wie Murmeln einer Quelle; Ich eile flüchtiger daher

Als Panther und Gazelle.

Und wilder meine Küsse glühn Als Sonn- und Wettergluten,

Wenn zischend sie herniedersprühn Und durch die Wolken fluten.

  • Ich wiege dich an meinerBrust

Zu wundersamen Träumen; Ich lasse dir zu höchster Lust Den vollen Becher schäumen;

Und rollt dein Blut und pocht dein Herz In immer wildern Schlägen:

Sanft will ich dann den süßen Schmerz Mit neuen Küssen pflegen!«

  • So sprach Madame Potiphar Und konnt ihn nicht erweichen. Der Stockphilister Joseph war

Ein Esel sondergleichen.

Er schritt wohl auf die Hausvogtei Und hat sich sehr verwundert:

Wie alsosehr verderbet sei Sein lasterhaft Jahrhundert.1

Soweit aus Georg Weerths biblischer Romanze. Er bezeichnet Joseph am Ende seines Gedich- tes als „Stockphilister“. Was haben wir uns darunter vorzustellen? Im „Wörterbuch der deut- schen Umgangssprache steht „Ein Stockphilister ist ein unbelehrbarer Mensch kleinbürgerli- chen Denkens“. Keine charmante Charakterisierung. Der Dichter Weerth hätte sich wohl durchaus mit Frau Potifar eingelassen, aber nein, die Bibel will es anders, und die Geschichte nimmt einen Ausgang, den Weerth uns in seinem Gedicht verschweigt: Joseph kommt ins Gefängnis, denn die verschmähten Frau des Potifar zeigt ihn wegen angeblicher Vergewalti- gung an.

Aber Joseph muss nicht im Gefängnis bleiben, denn seine Fähigkeit, Träume zu deuten, kommt dem Pharao zugute, der mit Josephs Träumen vorhersieht, dass sieben Jahre des Über- flusses und sieben Jahre der Hungersnot werden kommen. Josef wird zum Vizekönig erhoben, der die Krise bewältigen soll, und er baut Vorratshäuser und sammelt Getreide darin in den sieben fetten Jahren. Als dann die Hungersnot kommt, sind genug Vorräte vorhanden. Vor- räte, die auch Hungrige aus dem Ausland anlocken – zum Beispiel die Brüder des Joseph, die ihn vor langer Zeit verschachert hatten. Die Brüder ziehen zum Getreidekauf nach Ägypten, treffen auf Joseph, erkennen ihn zunächst nicht, aber dann gibt er sich zu erkennen, und er sagt – so schildert es die Bibel – :

„Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch? Und seine Brüder konnten ihm nicht antworten, so erschraken sie vor seinem Angesicht.

1 Vollständiges Gedicht siehe ganz unten, Seite 6-8

Er aber sprach zu seinen Brüdern: Tretet doch her zu mir! Und sie traten herzu. Und er sprach: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt.

Und nun bekümmert euch nicht und lasst es euch nicht leid sein, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch hergesandt.“ (1. Mose 45, 3-5)“

Nun sind wir schnell beim vermeintlichen Happy End der Josephsgeschichte angelangt: Die Brüder holen ihre Sippen, das damalige Volk Israel, samt dem alten Vater Jakob aus dem Lande Kanaan nach Ägypten, sie leben in Frieden und bewahrt vor der Hungersnot lange Jahre dort. Dann stirbt Jakob im biblischen Alter von 147 Jahren. Er wird neben seinen Vätern Abraham und Isaak in Israel begraben. Ende gut, alles gut?

Nein, denn jetzt – als Vater Jakob tot ist – überkommt die Brüder Josephs doch die Angst:

„Wird sich Joseph nun an uns rächen? Dafür rächen, dass wir ihn damals erst töten wollten und dann in die Sklaverei gegeben haben? O weh, er ist ja ein so mächtiger Mann, gleich un- ter dem Pharao, wird er sich rächen, jetzt, wo unser Vater Jakob uns nicht mehr schützt?“

Liebe Gemeinde, und nun, am Ende der Predigt, sind wir endlich bei unserem Predigttext angelangt. Er steht im 1. Buch Mose im 50. Kapitel, die Verse 15-21 und lautet so:

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.

16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:

17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!

Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.

18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.

19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?

  1. Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großesVolk.
  2. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Soweit der Predigttext am Ende der gigantischen Geschichte von Joseph und seinen Brüdern. Sein Kern und seine Hinterlassenschaft sind dieser wunderbare Satz: Ihr gedachtet es böse (mit mir) zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.

Ja, liebe Gemeinde, so ist es oft, wenn wir ehrlich sind: Wir gedenken oft, es böse zu machen, und dann wird es doch gut. So ist es oft, nicht immer. Das bleibt das Beunruhigende. Und: Macht Gott das, oder ist es nur Zufall? Diese große Frage werden wir nicht heute, nicht mor- gen, ja, wir werden sie nie beantworten können. Aber irgendwie wissen wir darum, dass wir

oft im Nachhinein denken: „Oh weh, ich habe doch alles falsch gemacht, ich habe es doch wirklich anders gewollt und anders gedacht und dann hat es sich doch so wunderbar gefügt. So ist es oft, nicht immer. Das bleibt das Beunruhigende. Aber wenn es so ist, nährt es unsere Hoffnung.

Liebe Gemeinde!

Zum Schluss, zu allerletzt, möchte ich Ihnen meine persönliche „Josephsgeschichte“ erzählen: Die ist ziemlich genau zwölf Jahre her, da fuhr ich in meine Heimatstadt Wilhelmshaven an der Nordsee, um mit meinem ehemaligen Schulkameraden „20 Jahre Abitur“ zu feiern. Zu dieser Feier kam auch meine ehemalige Mitschülerin Anja. Anja war immer freundlich gewe- sen früher, sie gehörte stets zu den besten Schülerinnen, sie war hilfsbereit, man durfte bei ihr Hausaufgaben abschreiben, wenn es nötig war – aber sie war ehrlich gesagt damals nicht be- sonders hübsch, sie trug keine Wrangler- oder Levis-Jeans, sondern die von C&A, und sie wurde drüber verspottet, sie hatte keine Freunde. Kinder können so grausam sein!

Als wir „10 Jahre Abitur“ gefeiert hatten, zehn Jahre zuvor, war sie nicht dagewesen und nie- mand wusste, was aus ihr geworden war. Aber jetzt, zwanzig Jahre später, war sie da. Wir haben sie zuerst kaum erkannt: chic gekleidet, eine sehr schöne Frau, freundlich wie früher, aber durchaus deutlich selbstbewusster. Sie war in einem ziemlich teuren Auto gekommen. Viele mieden sie, aber ich kam mit ihr ins Gespräch. Sie erinnerte daran, dass sie im Alphabet ja immer genau vor mir gewesen sei, wir lachten, hielten Smalltalk, ich erfuhr, dass sie ver- heiratet war und einen guten Job in Köln hatte. Wir tranken dies und das und irgendwann siegte in mir das Gewissen, oder die Neugier, oder eine Mischung aus beidem, und ich sagte so oder so ähnlich: „Anja, wir waren doch früher immer total gemein zu Dir, oder? Ich weiß gar nicht, warum. Hast Du damals nicht gelitten?

Ich weiß leider nicht mehr genau, was sie antwortete, ich weiß nur, dass es mich total über- raschte. Sie sagte schon, dass es manchmal schwer gewesen wäre, aber dass sie sich eigentlich gar nicht mehr daran erinnere, sondern seit einiger Zeit sogar gerne an manches in der Schule zurückdenke, und überhaupt, an mich hätte sie eigentlich sehr gute Erinnerungen. Wie gesagt, ich weiß nicht mehr genau, was sie gesagt hat, aber eigentlich war es – mit anderen Worten – so etwas wie „Ihr gedachtet es böse (mit mir) zu machen, aber Gott gedachte es gut zu ma- chen.“

In einem, liebe Gemeinde, bin ich mir sicher: Ich war damals – Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre bestimmt nicht viel netter bzw. weniger nett zu Anja als die anderen. Wie nett von ihr, das anders zu erinnern, was für eine Güte, was für ein Geschenk.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, liebe Gemeinde, dass Sie ähnliche Geschichten kennen, erlebt haben und noch erleben, denn ich fürchte, ohne solche Geschichten können wir nicht leben. Amen.

Anhang:

Georg Weerth (1822-1856):

Herr Joseph und Frau Potiphar

Eine biblische Romanze Lieblich zu lesen

Als dazumal Herr Potiphar Im schönen Land Ägypten

Noch königlicher Kämmrer war: Da bot man den betrübten,

Den Joseph, ihm als Sklave an Und kam nach vielem Schwatzen Drin überein, der fremde Mann Sei wert ein Zwanzig Batzen.

Und Potiphar war schlau genung, Ihn balde zu erstehen,

Denn schön war Joseph, rasch und jung Und freundlich anzusehen.

»Du sollst«, so sprach der Kämmerling,

»In meinem Haus regieren

Ob Brot und Fleisch und ander Ding Und mir die Wirtschaft führen.«

Und übel war’s nicht, was er tat. Es folgte aller Wegen

Dem jungen Joseph früh und spat Nur Gottes eitler Segen.

Er war beliebt bei seinem Herrn Wie bei der gnäd’gen Frauen,

Und wie man sagt, sie mochte gern Den Judenjungen schauen.

Er war so frisch, er war so rot, Er hatte schlanke Glieder.

Sie schlug, wenn guten Tag er bot, Auch stets die Augen nieder;

Und träumrisch sah man oft sie gehn Am schönen Nilesstrande,

Allwo die Pyramiden stehn – Kirchtürme jener Lande.

Wenn drauf der kühle Nachttau fiel Auf Palmen und auf Tannen

Und Vogel Strauß und Krokodil Ihr Abendlied begannen:

Da setzte sich die Königin, Geschmückt mit goldnen Franzen, An ein idyllisch Plätzchen hin Und dichtete Romanzen.

Von Liebe sang sie, das ist wahr, Von Rosen und von Küssen,

Von schwarzen Augen, lock’gem Haar, In glühenden Ergüssen.

Den Redakteur des Wochenblatts Ließ morgens sie zitieren,

Der mußte den poet’schen Schatz In Eile publizieren.

Doch wie’s der Liebe wundersam Im Leben pflegt zu gehen,

Der Joseph wollte ihren Gram Noch immer nicht verstehen. Von Liebe lag sein Herz so fern Wie Rom von Flachsenfingen,

Auch wollte er den gnäd’gen Herrn Nicht gern in Schande bringen.

Da tobte die Ägypterin,

Sie rang die weißen Hände. Schwarz flutete ihr Haupthaar hin, Und los um Brust und Lende

Flog wild ihr purpurnes Gewand – So trat sie liebedürstend

Herein, wo unser Joseph stand, Den Sonntagsrock sich bürstend.

Das Auge Glut, die Lippe Brand, Die Wangen wie im Fieber,

Wie eine Bombe hergesandt Aus größestem Kaliber.

Im Wonnerausch zu Füßen sank Sie Jakobs edlem Sohne,

Und ächzend ihre Stimme klang:

»Bei Gott, du bist nicht ohne!

Sei mir gegrüßt! Ich liebe dich, Du bräunlicher Hebräer.

O sieh mich an, sieh her und sprich: Kann Dichter oder Seher

Ein schöner Weib im Traume sehn, Als du zu deinen Füßen

Sich winden siehst mit brünst’gem Flehn Um deinen Kuß, den süßen?

Sieh meine Schultern weiß und rund Von dunklem Haar umflossen;

Sieh wie die Ros auf meinen Mund All ihren Glanz ergossen,

Wie diese Brust sich wallend hebt,

Von Tränen sanft befeuchtet, Wie dir mein Herz entgegenbebt, Wie dir mein Auge leuchtet!

Mein Lied erklingt so sehnsuchtschwer Wie Murmeln einer Quelle;

Ich eile flüchtiger daher Als Panther und Gazelle.

Und wilder meine Küsse glühn Als Sonn- und Wettergluten,

Wenn zischend sie herniedersprühn Und durch die Wolken fluten.

Ich wiege dich an meiner Brust Zu wundersamen Träumen; Ich lasse dir zu höchster Lust Den vollen Becher schäumen;

Und rollt dein Blut und pocht dein Herz In immer wildern Schlägen:

Sanft will ich dann den süßen Schmerz Mit neuen Küssen pflegen!«

So sprach Madame Potiphar Und konnt ihn nicht erweichen. Der Stockphilister Joseph war Ein Esel sondergleichen.

Er schritt wohl auf die Hausvogtei Und hat sich sehr verwundert: Wie alsosehr verderbet sei

Sein lasterhaft Jahrhundert.

Schreibe einen Kommentar