18. Juni 2017 | Predigt

Denkwege mit Luther – Das Vaterunser

Dorothea Höck: Predigt am 18. Juni 2017 in der Stadtkirche St. Johannis in Hannover zum musikalischen Abendgottesdienst „Denkwege mit Luther“ über das Dritte Hauptstück des Kleinen Katechismus: Das Vaterunser (I)

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus, Amen.

Liebe Gemeinde,

„Da die Jünger Christi baten, daß er sie beten lehrte, sagte er (Matth. 6, 7-9): »Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel Worte machen wie die Heiden tun, die da meinen, sie werden erhöret, wenn sie viel Worte machen. Darum sollt ihr euch denselben nicht gleichstellen. Denn euer Vater, der im Himmel ist, weiß wohl, was ihr bedürfet, ehe ihr ihn bittet. Darum sollt ihr also beten:

Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name«. Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

Seit der Antike kennen wir Merkworte, kürzeste Hauptsätze, die einprägsam sind, etwas We- sentliches ausdrücken und ihre Wirkung auf uns entfalten durch häufiges inneres oder lautes Zitieren. Wachsam soll man sie immer griffbereit halten, sie beim Schlafen, Aufwachen, Essen und Trinken dabei haben. Das Vaterunser ist so eine Reihe von Merkworten. Man hat sie schnell auswendig gelernt. Das Vaterunser, lesen wir bei Simone Weil, „enthält alle je möglichen Bitten: man kann kein Gebet ersinnen, das nicht schon darin beschlossenwäre.“

Martin Luther schreibt: „Wenn ich auch ein sogenannter großer Doktor bin, so bin ich doch über die Kinderlehre der Zehn Gebote, des Glaubensbekenntnisses und des Vaterunsersnoch nicht hinausgekommen, sondern ich lerne und bete sie bis heute täglich mit meinem Häns- chen und mit meinem Lenchen.“ „Denn ich sauge noch heutigen Tages an dem Paternoster wie ein Kind, trinke und esse (an ihm) wie ein alter Mensch, kann daran nicht sattwerden.“

Doch wie sprechen wir dieses Gebet? Vor einigen Jahren schenkte mir ein Freund eine Postkarte mit dem Satz „Denke, was du sagst.“ Seitdem versuche ich, diese Aufforderung ab und zu ernst zu nehmen und stelle fest: Das ist viel schwerer als das umgekehrte: „Sage, was Du denkst.“ „Denke, was du sagst“: Beim Vaterunser erfordert das Übung, täglich aufs Neue. Eigentlich ist es fast unmöglich heute, wo die Möglichkeiten zur Zerstreuung des Geistes unendlich sind.

Martin Luther kennt diese Gefahr: „Es ist Jammer über Jammer, daß solch Gebet .. so ohne alle Andacht in aller Welt zerplappert und zerklappert werden soll.“ Es braucht unsere ganze Aufmerksamkeit und Entschlusskraft: „Darum ists gut, daß man frühmorgens das Gebet das erste und des Abends das letzte Werk sein lasse, und sich mit Fleiß vor diesen falschen,betrü- gerischen Gedanken hüte, die da sagen: Warte ein wenig, in einer Stunde will ich beten, ich muß dies oder das zuvor fertig machen. Denn mit solchen Gedanken kommt man vom Gebet in die Geschäfte, die halten und umfangen einen dann, daß aus dem Gebet den Tag über nichtswird.“

Nicht nur die Zerstreuung hält uns davon ab, uns Gott im Gebet zu überlassen. Es sind auch unsere Zweifel. Die reden uns beispielsweise ein, schreibt Luther: „Ich bin nicht wert, daß michGotterhört Christen wissen, daß rechtes Beten das höchste, schwerste Werkauf

Erden, höchster Gottesdienst und Übung des Glaubens ist.“ Für solche Fälle verfasste Luther sehr kurze Texte, beispielsweise einen „Kurzen Trostzettel, für die Christen, daß sie sich im Gebet nicht beirren lassen“, für die Hosentasche, griffbereit, falls die Merkworte im Gedächtnis versagen. Diese Aufgabe hat auch der Kleine Katechismus mit seinen Merkwor- ten für alle Christen ab dem Alter, wo ein Kind auswendig lernen kann: Ich gehöre noch zu der Generation, die den kleinen Katechismus bei der Konfirmandenprüfung vor der versammelten Gemeinde memorieren musste.

„Die Anrede:

Vater unser im Himmel. Was ist das?

Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollten wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.“

Schon bei diesem ersten Satz regt sich vielleicht manchen ein Widerstand: Es ist nichts Selbstverständliches, Gott mit dem leiblichen Vater auf Erden vergleichen zu können. Martin Luther war ein hingebungsvoller Vater, der über sich selbst staunte, wie ein schreiendes kleines Wesen in dreckigen Windeln seine Theologie und seinen Glauben noch einmal umkrempelte: Angesichts seines kleinen Sohnes Martin schreibt er einmal: „Warum soll ich dich liebhaben [ ]? Mit Scheißen, Pinkeln, Weinen erfüllst Du das ganze Haus, mitSchreien

– dass ich doch so sorgfältig voller Fürsorge für dich sein muss?“ „Ach, unser HerrGott muss gar viel größerenGestankleiden Obwohl wir Sünder sind, verlieren wirdarum

unsere Kindschaft nicht wegen unseres Drecks, noch fallen wir aus der Gnade.“ Einer, der sich selbst so als Vater erlebt, kann auch schreiben: dass wir Gott bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.

Wenn aber ein Vater nie anwesend war oder seine Kinder misshandelt – können wir dann das Vaterunser noch so sprechen? Da lehrt uns die Gottsucherin Simone Weil, die sich im 20.

Jahrhundert bewusst den Übeln und Konflikten ihrer Zeit aussetzte, um diesem etwas entge- gen zu halten: „Gott ist unser Vater. Alles, was wir an Wirklichkeit haben, geht von ihmaus. Wir sind sein. Er liebt uns. Aber er ist der Vater, der in den Himmeln ist. Nichtanderswo.

Wenn wir hienieden einen Vater zu haben glauben, dann ist nicht er es.“

Kommen wir zur ersten Bitte:

„Geheiligt werde dein Name.“ Was ist das?

Gottes Name ist zwar an sich selbst heilig; aber wir bitten in diesem Gebet, daß er auch bei uns heilig werde.

Wie geschieht das?

Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes, danach leben. Dazu hilf uns, lieber Vater im Himmel! Wer aber anders lehrt und lebt, als das Wort Gottes lehrt, der entheiligt unter uns den Namen Gottes. Davor behüte uns, himmlischer Vater!

Diese Erklärung erinnert uns an die Heiligkeit des Wortes und der Sprache. Nach biblischem Verständnis ist es die Sprache, die ins Leben ruft: Und Gott sprach: Es werde! Dann wurde es.

„Im Anfang war das Wort“ beginnt das Johannesevangelium – und wurde Fleisch. Oft begegnen wir in der hebräischen Bibel der Formel: Gottes Name, oder einfach nur: der Name. Der Name und Gott sind Eins.

Wer die Sprache, den heiligen Namen verunreinigt, beschädigt das Benannte. Der achtsame und respektvolle Umgang mit Worten heiligt auch die, die diese Worte in Mund, Kopf und Herz bewegen. Wir heiligen oder misshandeln den Namen Gottes durch unser Denken und Handeln. Indem wir den Namen heiligen, werden wir geheiligt. Oder, mit Worten von Simone Weil: „Wir Menschen haben einen Zugang zu diesem Namen. Er erstrahlt in der Schönheit und Ordnung der Welt und in dem inneren Licht der menschlichen Seele.“

Nun fragt Luther:

Ist Gottes Name nicht auch ohne uns heilig, kommt sein Reich nicht auch ohne unser Gebet, geschieht Gottes Wille nicht auch, ohne dass wir darum bitten?

Ja, antwortet er. Gottes Name ist heilig, aber wir müssen darum bitten, dass er auch bei uns heilig sei. Auch sein Reich kommt von selbst – wir aber bitten, dass es unter uns im Schwange sein soll. Und wir müssen bitten, dass Gott uns schützt, indem wir uns seinem Willen unterstellen. Wie einen Schutzmantel sieht Luther die ersten drei Vaterunserbitten.

Die Zweite Bitte Dein Reich komme. Was ist das?

Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von selbst, aber wir bitten in diesem Gebet, daß es auch zu uns komme.

Wie geschieht das?

Wenn der himmlische Vater uns seinen Heiligen Geist gibt, daß wir seinem heiligen Wort durch seine Gnade glauben und danach leben, hier zeitlich und dort ewiglich.

Diese Sätze kommen uns vielleicht am leichtesten von den Lippen und sind am schwersten zu glauben: Wo in unserer Welt ist denn dieses Reich? Man möchte daran verzweifeln. Luther hat eine Erklärung dafür: „Der Mensch kann von Haus aus nicht wollen, dass Gott GOTT sei; im Gegenteil, er will lieber, dass er selbst Gott sei und dass Gott nicht sei.“

Bitten wir da nicht vergeblich um das Reich Gottes? Simone Weil schreibt: Das Reich Gottes ist die Erfüllung der menschlichen Seele durch den Heiligen Geist. Man kann den Heiligen Geist nur rufen. Der Gedanke an ihn ist ein Ruf und ein Schrei. So wie der Verschmachtende nach Wasser ruft. Wir sollen trotz des Zustandes der Welt nicht resignieren, sondern nach dem Reich Gottes rufen. Damit stellen wir uns diesem Reich in den Dienst.

Kommen wir zur dritten Bitte:

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Was ist das?

Gottes guter, gnädiger Wille geschieht auch ohne unser Gebet; aber wir bitten in diesem Gebet, daß er auch bei uns geschehe.

Wie geschieht das?

Wenn Gott allen bösen Rat und Willen bricht und hindert, die uns den Namen Gottes nicht heiligen und sein Reich nicht kommen lassen wollen, wie der Teufel, die Welt und unsres Fleisches Wille; sondern stärkt und behält uns fest in seinem Wort und Glauben bis an unser Ende. Das ist sein gnädiger, guter Wille.

Diese Bitte fällt mir am schwersten. „Denke, was Du sagst.“ Ich gehe noch weiter: „Meine, was du sagst!“ Noch weiter: „Glaube, was du sagst.“ Ich bin ein äußerst freiheitsliebender Mensch. Deshalb mag ich eigentlich gar nicht beten: „Dein Wille geschehe.“

Weil das so ist, bin ich schon seit einiger Zeit auf der Suche danach, wie ich diese Bitte verstehen kann.

Vielleicht haben Sie den jüngsten Bericht in der ZEIT gelesen, der ein 56 Jahre zurück liegendes Ereignis wieder in Erinnerung ruft:

Am 17. September 1961 stürzte ein Flugzeug der Vereinten Nationen über dem damaligen Kongo unter bis heute ungeklärten Umständen ab. Seine Insassen waren auf dem Weg zu Friedensverhandlungen mit dem Präsidenten der abtrünnigen Provinz Katanga. Zu den Toten gehörte der UN-Generalsekretär Dag Hammerskjöld. In seiner NewYorker Wohnung fand man sein Tagebuch, in dem der Lutheraner und Mystiker seine Gespräche mit Gott aufgezeichnet hatte. In ihm lesen wir:

„Nicht ich, sondern Gott in mir.“

„’Dein Wille geschehe-,’ Lass dem Inneren den Vorrang vor dem Äußeren, der Seele vor der Welt – wohin es auch führt..“

„Dein Wille ist mein Geschick … gebraucht und verbraucht zu werden, nach deinem Willen.“

Wie geht das zusammen? Da trägt ein Mensch eine riesige Verantwortung und Entschei- dungsbefugnis. Hammarskjöld gab damals den Vereinten Nationen eine neue Bedeutung. Wie kann einer mit so viel weltlicher Vollmacht sprechen: „Nicht ich, sondern Gott in mir?“ Hammerskjöld bezog seine Freiheit im politischen Handeln aus seiner Bindung an den Willen Gottes. Das tat er als Protestant.

Indem wir uns Gott überlassen, werden wir frei. Frei von der Gefangenschaft in uns selbst. Martin Luther nennt diese Gefangenschaft den Eigenwillen, der in mir fest eingewurzelt ist. Der muss „ausgewurzelt“ werden und Platz für Gottes Willen machen. Gottes Wille ist der freie Wille.

Das erscheint uns paradox. Zum Verständnis hilft uns ein von Luther verwendetes Bild: Vielleicht hat ihn die Geschichte von der Heilung der verkrümmten Frau in den Evangelien auf diese Idee gebracht. Der Mensch ist von seiner Grundbeschaffenheit, von seiner Natur her

„ein in sich selbst verkrümmtes Wesen, das in allem allein sich selbst sucht. […] Alle Dinge in seiner Welt, einschließlich der Menschen, die ihn umgeben, behandelt er so, daß sie ihm selbst nützen.“ Deshalb ist er ein Gefangener seiner Selbst. „Wenn ich mich so in mich kehre und überlege, was ich für einer bin oder sein muss, und was ich zu tun habe, verliere ich Christus aus den Augen, der allein meine Gerechtigkeit und mein Leben ist.“

Einer, der seinen Eigenwillen aufgibt – der es ernst meint mit dem Satz „Dein Wille geschehe“, wie Dag Hammarskjöld – der lässt sich aufrichten. Wir können das Bild weiter denken: Wer nicht mehr nur sich selbst anschaut, bekommt überhaupt erst anderes in den Blick, auch die Not der anderen und wo er gebraucht wird. Das ist der tiefe Sinn der scheinbar paradoxen Sätze aus Luthers Freiheits-Schrift „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Niemand sagt uns, dass das alles leicht und einfach ist. Doch es scheint ein Weg zu mehr Freiheit und weniger Angst zu sein. Martin Luther betont immer wieder, dass man den Christenmenschen an der Heiterkeit und Gelassenheit des Gemüts erkennt.

Ich möchte schließen mit einem ermutigenden Gedanken. Simone Weil schreibt:

„Ich habe mir als einzige Übung die Verpflichtung auferlegt, das Vaterunser jeden Morgen einmal mit unbedingter Aufmerksamkeitzusprechen. Dann kommt es .. mitunter vor,dass

ich es aus reinem Vergnügen noch einmal von vorne aufsage, aber nur, wenn das Verlangen mich treibt. Die Kraft dieser Übung ist außerordentlich und überrascht mich jedes Mal, denn, obgleich ich sie jeden Tag erfahre, übertrifft sie jedes Mal meine Erwartung.“ Es ist „un- möglich, .. auf jedes Wort die Fülle der Aufmerksamkeit zu richten, ohne dass in der Seele eine vielleicht unendlich kleine, aber wirkliche Veränderung bewirkt wird.“

Wir beten: (mit Worten von Dag Hammarskjöld) Geheiligt werde Dein Name nicht der meine, Dein Reich komme nicht das meine,

Dein Wille geschehe nicht der meine, Gib uns Frieden mit Dir,

Frieden mit den Menschen, Frieden mit uns selbst,

Und befreie uns von Angst. (29.11.1956, S. 78) Amen.

Zitierte Literatur:

Dag Hammerskjöld: Zeichen am Weg, München 1965

Birgit Stolt: Martin Luthers Rhetorik des Herzens, Tübingen 2000

Christiane Tietz: Aufstand des Gewissens am Beispiel von Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer, www.ev-akademie-boll.de/fileadmin/res/otg/520507-Tietz.pdf

Simone Weil: Betrachtungen über das Vaterunser, in: Dies.; Friedhelm Kemp (Hg) : Zeugnis für das Gute. Traktate, Briefe, Aufzeichnungen, München 1990, S. 54-62; sowie: http://www.kath.de/zentrum/texte/per%20annum/TEXT3/text3_weil.htm

Fast alle Luthertexte finden sich auf: www.digitale-bibliothek.de/band63.htm: Martin Luther: Gesammelte Werke, (vgl. Luther-Werke von Aland herausgegeben, Bd. 1-10, Vandenhoeck und Ruprecht, daraus:

Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519) Disputation gegen die scholastische Theologie (1517)

Ein kurzer Trostzettel für die Christen, daß sie sich im Gebet nicht beirren lassen (1540) Eine einfältige Weise zu beten, für einen guten Freund (1535)

sowie:

Martin Luther: Der Galaterbrief, Epistel-Auslegung, Bd. 4. Hrsg. Herrmann Kleinknecht, Göttingen 1987, S. 110.

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