7. Mai 2017 | Predigt

Kantaten-Gottesdienste an der Neustädter Hof- und Stadtkirche, Bachsiegel

Jauchzet Gott, alle Lande!

Begrüßung / Reflexion / Predigt Bach um Fünf – Sonntag, 7. Mai 2017 (Missa F-Dur, BWV 233) von Reinhard Mawick

I. Begrüßung 

Jauchzet Gott, alle Lande! / Lobsinget zur Ehre seines Namens; rühmet ihn herrlich! / Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke! (Ps. 66, 1-3) 

Liebe Gemeinde, 

mit Worten aus dem 66. Psalm heiße ich Sie herzlich willkommen zum Gottesdienst am Sonntag Jubilate und zu „Bach um Fünf“. Das lateinische Eingangswort des Psalms– Jubilate – hat unserem Sonntag seinen Namen gegeben hat und dieses „Jubilate!“( zu Deutsch: Jubelt!) erinnert uns daran, dass wir uns mitten in der österlichen Freudenzeit befinden, am 4. Sonntag der Osterzeit. In diesem Gottesdienst wird ein besonderes musikalisches Werk aufgeführt: Die Messe in F-Dur von Johann Sebastian Bach – eine der vier kleinen Messen Bachs. 

Die „kleinen Messen“ Bachs heißen „kleine Messen“, weil in ihnen „nur“ das Kyrie und das Gloria vertont sind. Eigentlich folgen dann in der Messe noch ausgedehnte Teile, nämlich Credo, Sanctus, Benedictus, Osanna und Dona nobis pacem. Die gibt es natürlich auch von Bach – wer kennt nicht die h-moll-Messe? Es sind aber auch diese vier kleinen Messen überliefert. Bach schrieb sie in seinen reiferen Schaffensjahren, wahrscheinlich in den Jahren vor 1740, da war er schon Anfang, Mitte Fünfzig und schrieb nur noch selten Kantaten. Das Besondere an diesen kleinen Messen ist, dass ein Großteil ihrer Musik aus Kantaten Bachs stammt. Bach hat Musik aus seinen Kantaten genommen und sie dem lateinischen Text der Messe anverwandelt. Warum Bach das gemacht hat, wissen wir nicht – es sind leider, wie bei so vielen Fragen, keine persönlichen Zeugnisse von ihm überliefert. Die Bachforscher vermuten, dass er damit der Musik aus seinen Kantaten, die ja jeweils nur an einem bestimmten Sonntag des Jahres passten, eine Texthülle beigeben wollte, die sie auch für andere Anlässe aufführbar machte. Und der Text der lateinischen Messe, der auch in vielen Gottesdiensten damals als Musik verwendet wurde, war insofern eine gute Lösung. 

Wir können uns auf jeden Fall freuen, dass wir diese Werke haben, denn die barocken Texte der Bachzeit sind für viele doch heute sehr gewöhnungs- und auslegungsbedürftig – das erleben wir hier ja an „normalen“ Bach-um-Fünf-Kantaten-Sonntagen immer wieder. Der Text der Messe aber gehört seit den frühen Tagen der Christenheit zu uns, an, in und unter ihm entfaltet sich unser Gottesdienst – bis auf den heutigen Tag und so ist die Messe ein Lebens- und Wärmestrom unseres Glaubens. Martin Luther selbst hat ja mit seiner Deutschen Messe von 1526 dieses Messformular unserer Sprache und damit unserem Gottesdienst anverwandelt. Wir 

wollen und sollen dabei bleiben. und so lasst uns diesen Gottesdienst feiern, im Namen des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen 

II. Reflexion (nach Kyrie – Christe – Kyrie) 

Liebe Gemeinde, 

Herr erbarme dich – Kyrie eleison / Christe, erbarme dich – Christe eleison / Herr erbarme dich – Kyrie eleison – das haben wir eben mit der Musik Johann Sebastian Bachs gehört, und Bachs Musik erscheint wie eine Würdigung der großen Alten Meister, die schon damals um 1740 für ihn, für Bach, Alte Meister waren, zum Beispiel Gabrieli, Palestrina oder Praetorius. Die drei Teile des Kyrie sind im Stilo Antico. Aber dabei keinesfalls einfach, sondern interessante Kontrapunktik, sehr kompliziert. Und in diesen komplizierten Satz, Sie haben es hoffentlich gehört, ist in allen drei Teilen die Melodie von „Christe, du Lamm Gottes“ aus Luthers deutscher Messe hinein komponiert, sie erklingt in den Bläsern. 

Dieses Kyrie bildet in den sogenannten „kleinen Messen“ Bachs insofern eine Ausnahme, dass die Vorlage dafür auch schon ein Kyrie war, dass Bach in jungen Jahren in seiner Weimarer Zeit geschrieben hatte mit dem einzigen Unterschied, dass das deutsche „Christe, du Lamm Gottes“ von Martin Luther nicht wie hier in der F-Dur-Messe von den Bläsern gespielt, sondern von einer fünften Singstimme auf Deutsch gesungen wurde. 

Die Altertümlichkeit der Musik Bachs korrespondiert mit dem Choral Erhalt uns Herr in Deinem Wort von Martin Luther– dem Lied, das wir eben gesungen haben. Eine altertümliche, archaische Weise, die ich schon als Kind sehr geliebt habe. In den drei Strophen ruft der Textdichter Martin Luther Gott als dreieinigen Gott an: 

1. Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort 

2. Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, (und schließlich) 

3. Gott Heilger Geist, du Tröster wert

Zu diesem Lied habe ich eine Geschichte und die hängt für mich mit Bach zusammen, denn Johann Sebastian Bach hat 1725 eine Kantate über dieses Lutherlied geschrieben. Als ich diese Kantate vor vielen Jahren das erste Mal erlebte, da traute ich meinen Ohren nicht, hörte ich doch im Eingangschor die erste Strophe klar und deutlich so: Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort, / und steur‘ des Papsts und Türken Mord, /Die Jesum Christum, deinen Sohn, / stürzen wollen von seinem Thron.“ 

Geht gar nicht, dachte ich damals! Ich kannte es bis damals natürlich nur mit der „neutralen“ Zeile: „… und steure deiner Feinde Mord“, die wir auch eben gesungen haben und die seit etwa 200 Jahren üblich ist. Ich fand dann heraus, dass dieses Lutherlied 1541 veröffentlicht worden war als – Zitat – „Ein Kinderlied, zu singen wider die zween Ertzfeinde Christi und seiner heiligen Kirchen, den Bapst und Türcken“. 

Luther ein Hassprediger oder Hassdichter? Sicherlich, zuweilen war er das, da wurde sich zur Kampfzeit der Reformation nichts geschenkt. Andererseits: Luthers Welt mit päpstlichem Bann und den Türken vor Wien war eine andere als unsere. 

Später lernte ich, dass das Lied ab der Gegenreformation zu den meistverfolgten evangelischen Gesängen in katholischen Territorien wurde – wen wundert’s? Und das Imperium schlug zurück. Es sind katholische Parodien überliefert, zum Beispiel: „Erhalt uns, Herr, bei deiner Wurst / Sechs Maß, die löschen ein’m den Durst“. 

Das alles ist zum Glück dead and gone, das Reformationsjubiläum 2017 begeht die Evangelische Kirche in Deutschland mit der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz als Christusfest und auch wenn manchen diese „Kuschelökumene“ zu weit geht, so ist es doch alle Male besser als im 16. Jahrhundert zur Zeit der Glaubenskriege! 

Zurück Bachs F-Dur-Messe: Das Kyrie macht in seinen drei Teilen eine Entwicklung durch: Das erste Kyrie-Satz ist verhalten, Liturgie eben, könnte man sagen. Aber der zweite Teil, das Christe eleison, da wird es persönlicher, die Musik entfaltet mehr Emotionen, die Melodien entwickeln sich nach oben. 

Der bekannte Bachdirigent Hans-Christoph Rademann hat einmal zu diesem Christe eleison aus der F-Dur-Messe gesagt, man höre, dass sich Bach mit Christus sehr verbunden gefühlt haben muss, dass Christus sein „Bezugspunkt sei“ und Rademann vermutete, das könne daran liegen, dass Bach schon so früh mit zehn Jahren seine Eltern verloren hat. Eine berührende Assoziation, wie ich finde. Vergessen wir nicht: Bach war zehn Jahre alt, als 1695 innerhalb weniger Monate Mutter und Vater starben. 

Dann das zweite Kyrie: Hier hat nicht nur die Stimmung gewechselt, hier weitet sich der Raum, ja, man kann den Eindruck gewinnen, hier komme zu Gott Vater und Jesus Christus der Heilige Geist ins Spiel – jedenfalls wenn wir dem Gottesbild der Dreieinigkeit, der Trinität, folgen, das ja auch Luther im Text in seinem Choral Erhalt uns Herr bei deinem Wort entfaltet. Aber hören wir nun weiter, wohin uns Bachs musikalischer Geist und der Text der Messe führen … 

Gloria aus der Messe F-Dur (BWV 233) 

III. Predigt 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! (Amen) 

Liebe Gemeinde, 

mit der Musik Johann Sebastian Bachs bin ich an einem Ort vertraut geworden, den man – anders als Hannover – nicht besonders mit der Bachpflege in Verbindung bringt. Ich wuchs in Wilhelmshaven an der Nordseeküste auf und sang dort in der Kantorei mit zehn Jahren zum ersten Mal das Weihnachtsoratorium von Bach, wenig später die Johannespassion und lernte als Knabe im Alt die Motette „Jesu, meine Freude“ kennen. Dann, als ich endlich Tenor geworden war, folgten irgendwann auch die Matthäuspassion und schließlich die h-moll-Messe. Aber auch jenseits dieser Achttausender- Gipfel Bach’scher Musik gibt es ja so viel zu entdecken – das wissen wir, die Konzertgemeinde von Bach um Fünf, ja nur allzu gut. Eines meiner größten Bach-Entdeckungen außerhalb dieser vier Achttausender-Gipfel ist 

immerhin auch schon fast dreißig Jahre her: Als Student in Hamburg fragte mich ein Kantor aus einem Vorort, ob ich nicht eine Bachkantate bei ihm mitsingen könnte, einen Tenor könne er wohl noch gebrauchen. Und schon in der ersten Probe traf es mich wie ein Blitz, denn der erste Chor dieser Kantate, die Bach eigentlich für den zweiten Weihnachtstag komponiert hatte, beglückte mich in so tiefer Weise, wie ich es zuvor selten erlebt hatte, selbst bei Bach nicht. Der Text des Chores besteht aus nur einem Satz, aber den werde ich nie vergessen, er lautet: 

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstören werde. 

Diesen Satz hat Bach in herausragender Weise vertont: Beginnend mit einem signalhaften Hörnerruf, einem Quartsprung, der höchste Achtung und Wachheit verheißt, dem dann ein sehr lebhafter Chorsatz folgt, der einen dann über mehrere Minuten in den Bann schlägt mit wunderbaren melodischen Bögen und Harmonien. 

Leider habe ich diese Kantate nur einmal mitgesungen und auch nie wieder „live“ gehört und deswegen habe ich mich so auf den heutigen Tag gefreut, denn die Musik dieses herrlichen Chores ist mir gerade eben endlich wieder „live“ begegnet, im letzten „cum sancto spiritu“ der F-Dur-Messe. Bach hat die Musik wiederverwendet, auch er als Komponist fand sie wohl so hörenswert, dass er sie auf eine Ebene heben wollte, die ihre Aufführung nicht nur am Zweiten Weihnachtstag ermöglichte, sondern et ogni tempo, zu allen Zeiten möglich machte. Und so durften wir uns eben am Sonntag Jubilate daran erfreuen – und freuen Sie sich weiter: Am Ende des Gottesdienstes hören wir diesen letzten Chor noch einmal! 

Der Schlusschor der Messe F-Dur hat also die Musik des Eingangschores einer Weihnachtskantate bewahrt. Wie sieht es mit den anderen Gloria-Stücken aus? Zu dem wunderbaren, mit Hörnern gezierten Eingangschor hat die Forschung bisher keine Vorlage sicher feststellen können. Möglicherweise gibt es eine, aber leider sind ja viele Kantaten, wahrscheinlich sogar ein ganzer Kantatenjahrgang Bachs verschollen. 

Aber keine Sorge, für alles gibt es in der Bachforschung Hypothesen und Vermutungen. So natürlich auch für diesen Gloria-Chor aus der F-Dur-Messe: Möglicherweise geht die Musik auf einen weltlichen Chor zurück, den Bach 1723 für eine »prächtigen Abend-Music« zur Begrüßung desJura-Professors Rivinus in Leipzig komponierte. Leider ist nur die Anfangstextzeile dieser vermeintlichen Vorlage überliefert. Sie lautet Murmelt nur, ihr heitern Bäche... Das ist doch durchaus charmant! Lieber Chor, stellen Sie sich vor, Sie sängen die Koloraturen statt auf „Gloria“ auf „Murmelt“ – ich höre schon einen Bienenschwarm nahen … 

Auch für die Bass-Arie Domine Deus lässt sich nicht mit Sicherheit eine Vorlage ermitteln, aber haben Sie das Ende dieses Stückes noch in Erinnerung? Die Arie im heiteren 3/8-Takt mündet ziemlich unvermittelt im kleinen Sextsprung der Oboe, die dann mit mit vielen chromatischen Wendungen die Arie „Qui tollis“ einleitet: Der Text des Qui tollis erinnert daran, dass Christus als Lamm Gottes die Sünde der Welt hinwegnimmt. Zu diesem Stück kennen wir nun wieder die Vorlage. Es ist eine Arie aus der Bachkantate Nummer 102 „Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben“. Der Text der entsprechenden Arie dort lautet so: 

Weh der Seele, die den Schaden/ Nicht mehr kennt Und, die Straf auf sich zu laden, Störrig rennt, Ja von ihres Gottes Gnaden / Selbst sich trennt 

Verglichen mit dem Messtext Qui tollis haben diese Worte eines nicht zweifelsfrei identifizierbaren Barockdichters durchaus eine bedrohliche Komponente. Hier wird ausgemalt, dass derjenige, der nicht bußfertig ist, durch störriges Rennen Strafe auf sich lädt und sich von Gottes Gnade trennt. Aber: Durch den anderen Text und auch erhebliche Umarbeitungen der Musik transformiert Bach in der F-Dur-Messe seine ehemalige „Weh-der-Seele-Arie“ aus der Kantate in einen milden, bußfertigen „Erbarme dich unser“-Ruf, der die Gnade Gottes in Anspruch nimmt und damit ins Leben führt und nicht mehr – wie die Vorlage – mit Verdammnis droht. Ich sage: Danke, Bach … 

Auch die Vorlage der darauf folgenden Altarie „Quoniam tu solus sanctus“ stammt aus der Kantate 102. Dort hat die Arie folgenden Text: 

Erschrecke doch, Du allzu sichre Seele! Denk, was dich würdig zähle, Der Sünden Joch. Die Gotteslangmut geht auf einem Fuß von Blei, Damit der Zorn hernach dir desto schwerer sei. 

Haben Sie verstanden was das bedeutet? Ich habe beim ersten Lesen gar nichts verstanden, konnte aber im Vorfeld etwas mehr Zeit mit diesem – hier passt das Verdikt Carl Friedrich Zelters wirklich – verruchten deutschen Kirchentext verbringen, und ich kann Ihnen sagen: Dieser sperrige Text bedeutet nichts Gutes! In Kürze kann man seine Intention so zusammenfassen: Dem Sünder wird vor Augen geführt, dass sich in seinem Falle die Langmut Gottes fatal auswirken könnte, da diese Langmut wie mit einem Fuß aus Blei so schwer die Sünden dauerhaft toleriert und sich so aber der Zorn Gottes im Endgericht steigert. Vergessen Sie’s – so etwas glaubt heute kein Mensch mehr, und ich habe sehr stark den Eindruck, dass es auch Bach sehr recht war, wichtige Elemente der Musik für die Vertonung eines Quoniams zu retten, denn das heißt ja auf Deutsch: 

Denn du, Jesus Christus, bist allein der Heilige, du allein (bist) der Herr, du allein (bist) der Höchste

Und Bach hat auch musikalisch einiges dafür getan, damit diese Verwandlung einer „Zitterarie des armen Sünders“ zur innigen Anrufung Jesu Christi funktioniert: Erst mal ist das Stück im Vergleich zur Kantate um eine Quinte nach oben transponiert. Das Solo singt kein Tenor mehr, sondern ein Alt, und das – da wird mir Frau Krödel zustimmen – beendet ja per se jede Zitterpartie. Und dann hat das Soloinstrument gewechselt: Was wir eben als zupackendes, warmes Violinen-Solo erlebt haben, war zuvor in der Arme-Sünder-Arie der Kantate 102 der Traversflöte anvertraut – und die Partie war eine scheue und sprunghafte Spiegelung der im Tenor-Gesangspart herausgeforderten „erschrockenen Seele“. Bach hat für unsere Messe sowohl die Solo- wie die Singstimme umgearbeitet und geerdet – und trotzdem, wenn auch abgemildert, erkennt man doch noch die Vorlage. Vielleicht soll man das auch, vielleicht war das durchaus Bachs Intention. Denn so sehr Bach Jesus Christus liebte und ihm vertraute, so sehr war ihm und überhaupt den Menschen damals bewusst, dass Jesus Christus zwar der liebende Heiland, aber eben nicht ein kuscheliger 

Kumpel ist, sondern der Herr der Welt und ihr Richter ist, vor dem wir dermaleinst bestehen müssen. Aber abgemildert und umgelenkt ist dieser Gerichtsgedanke in der F-Dur-Messe in eine kräftige Lebenszuversicht. Deshalb nochmal: Danke, Bach. 

Schon sind wir wieder beim Schlusschor der Messe angekommen, dessen musikalische Vorlage in mir einst so frohe Gefühle auslöste. „Mein Text“ aus der Vorlage der Weihnachtskantate (BWV 40) stammt übrigens direkt aus der Bibel, er steht im Ersten Johannesbrief im dritten Kapitel und lautet im größeren Zusammenhang so: Kinder, lasst euch von niemandem verführen! Wer die Gerechtigkeit tut, der ist gerecht, wie auch Jesus Christus gerecht ist. Wer Sünde tut, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. Wer aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde; denn Gottes Same bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen; denn er ist aus Gott geboren. Daran wird offenbar, welche die Kinder Gottes und welche die Kinder des Teufels sind: Wer die Gerechtigkeit nicht tut, der ist nicht von Gott, und auch, wer seinen Bruder nicht lieb hat. (1. Johannes 3, 7-10) 

Liebe Gemeinde, 

das ist ziemlich eindeutig, ziemlich rigoros, und ich gebe zu: Mit so einer klaren Scheidung zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Dunkel, tue ich mich schwer, denn ich erlebe häufig, dass gerade die, die rigoros für etwas eifern – und sei es das (scheinbar) Gute, mit diesem Eifer, oder unter dem Deckmantel dieses Eifers, viel Rechthaberei, viel Heuchelei und viel Hass verbreiten. In Bachs F-Dur Messe sind am Ende dieser Musik, die einst den Satz umkleidete: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre“ nur drei Worte unterlegt: cum sancto Spiritu – „mit dem Heiligen Geist“. Und diese Worte führen weg von einem so dualistischen Schwarz-Weiß-Denken, wie wir es im 1.Johannesbrief im dritten Kapitel lesen, und führen hin zu dem Evangelium des heutigen Tages, das wir vorhin gehört haben. Jesus sagt: 

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 

Liebe Gemeinde, ich glaube, dass Johann Sebastian Bach sich diesem Jesus verbunden fühlte, so wie eine Rebe am Weinstock, allezeit in seinem Leben. Das spüren wir in seiner Musik. Gott ist für Bach eine wunderbare Kraft, die vielfältig und segensreich in der Welt webt und lebt und die Menschen liebt. Seine Gestaltung des Kyries der F-Dur-Messe ist dafür ein klingendes Zeugnis. Und sein Gloria der F-Dur-Messe drückt zweierlei aus: Einmal das fröhliche Vertrauen, dass uns Gott durch den Heiligen Geist im Leben leitet – cum Sancto Spiritu – und die tiefe Zuversicht, dass wir erlöst werden und dermaleinst mit den Engeln im himmlischen Chor singen – Gloria in excelsis Deo. 

Ich wünsche uns allen, dass wir uns an diesem Sonntag Jubilate von dem Vertrauen und der tiefen Zuversicht, die uns heute von Bachs Musik herüberweht, stärken lassen – komme, was da wolle … 

Amen. 

Reinhard Mawick, Limmerstraße 4c, 30451 Hannover, mawick@zeitzeichen.net / Tel: 0160/5877349 

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