16. April 2017 | Predigt

Pastorin Martina Trauschke, Porträt

Denkwege mit Luther – Von der Erlösung

Predigt am Ostersonntag 16. April 2017 in der Reihe ‚Denkwege mit Luther‘ Zur Erklärung des zweiten Artikels des Glaubensbekenntnisses: Von der Erlösung von Pastorin Martina Trauschke

Die Gnade des Auferstandenen sein mit euch! Liebe österliche Gemeinde!

Manchmal und möglicherweise gerade in den bedeutendsten Momenten im Leben liegen Erleben und Verstehen weit auseinander. Die Erschütterung durch eine Erfahrung ist ganz evident, aber wie kann ich sie begreifen, in Worte fassen? Wie kann ich anderen mitteilen, was mir zugestoßen ist? Es hat sich etwas ereignet, von dem ich nicht weiß wie ich es fassen soll. So geht es den Frauen am Ostermorgen. Maria von Magdala, Maria, der Mutter des Jakobus und Salome. Gegen alle Erwartung und ihr Fassungsvermögen stehen sie am Grab Jesu. Noch ist es dämmrig dunkel, gerade zur aufsteigenden Frühsonne. Die an die Dunkelheit gewöhnten Augen sehen anstelle der erwarteten Felsplatte ein helles blendendes Licht. Zu sehen ist eigentlich nichts, wenn man geblendet ist. Aber zu hören gibt es eine Stimme, die zu den drei Frauen spricht. Die Stimme ist klar und deutlich und doch können sie es nicht auffassen; vereinigen sich in ihrem Schrecken und laufen davon. Sie sagten niemandem etwas. Wie sollen sie sprechen von dem, was sie nicht verstehen? Wir wissen, nach diesem Schrecken, später, haben sie doch weitergegeben und Worte für das gefunden, was ihnen zugestoßen ist.

Wir haben ihnen nichts voraus. Unser Verstehen und Begreifen des Auferstandenen, und seine Bedeutung für uns, ist nicht leichter geworden. Immer beginnt der Glaube mit dem ergriffenen Schrecken, ein neues unerwartetes Licht zu sehen.

An diesem Ostersonntag bemühen wir uns um die Osterbotschaft in einem besonderen Zusammenhang. Es ist die Erklärung des zweiten Artikels des Glaubensbekenntnisses von der Erlösung durch Jesus Christus, den Auferstandenen. Wie lautet die Erklärung, die Martin Luther im Kleinen Katechismus gibt?

„Ich glaube, daß Jesus Christus wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der der Jungfrau Maria geboren,

sei mein Herr,

der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat,

erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber,

sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei

und in seinem Reich unter ihm lebe und diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebt und regiert in Ewigkeit.

Das ist gewißlich wahr.“

Ich möchte an eine Deutungslinie erinnern, die Pastor Reinhard Mawick in seiner Predigt zur Erklärung des ersten Artikels aufgezeigt hat. Im ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses bekennen wir Gott als den Schöpfer von allem. Luther in seiner Erklärung spitzt das Bekenntnis zu: „Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat…“ Luther ist nicht an einer allgemeinen Theorie zur Erklärung der Entstehung des Weltalls interessiert. Die bestimmte Wendung, die er vornimmt, zielt darauf wie der

Einzelne, der Glaubende sich in der Welt gründet. Ob er das Produkt seiner Eltern, Erzieher, der gesellschaftlichen Sozialisierung ist, oder ob er in einem grundlegenden Sinn sich als von Gott geschaffen glaubt. Theorien über die Erschaffung der Welt, die uns heute durchaus interessieren, lagen nicht in seinem Interesse. Ihn bewegte die Frage auf welche Weise ein Mensch erlöst sein kann; wie ein Mensch Frieden findet.

In der Erklärung des zweiten Artikels verfolgt er diese Linie entschieden weiter. Ich glaube, daß Jesus Christus wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch… sein mein Herr. Keine allgemeine Theorie über die beiden Naturen Christi, seine menschliche und seine göttliche. Der Bogen, der mit ‚ich glaube‘ beginnt, reicht bis ’sei mein Herr‘. Als Christ bin ich nicht mein eigener Herr, sondern ich trete die Herrschaft an Christus ab. Für Martin Luther ist das der Kern des christlichen Glaubens. In unserer Zeit klingt das sehr fremd. Aber wenn ich ihn richtig verstehe, hat es auch in seiner eigenen Zeit nicht weniger fremd geklungen.

„Ein wahrer Christ, schreibt er an anderer Stelle, soll überhaupt so gar nichts Eigenes haben, soll sich so völlig aller Dinge entäußert haben, sein Herz soll frei sein, daß er in Ehre und Schmach immer der gleiche bleibt. Aber zu dieser Art von Vollkommenheit bedarf es, abgesehen von der geistlichen Gnade, vieler Erfahrung.“

Auf den ersten Blick klingt das wie eine absurde Zumutung: Das Herz soll gleich sein in Ehre und in Schmach. Wenn wir nur einen kurzen Augenblick bei den vollkommen verschiedenen Gefühlen und Stimmungen verweilen, die das Lebensgefühl ausmachen, wenn wir öffentlich oder in privatem Zusammenhang geehrt werden oder einer Demütigung ausgesetzt sind. Bei einer Ehrung lassen wir uns tragen von der Woge der guten über uns ausgesprochenen Meinungen, fühlen uns erhoben, und glauben an die guten Meinungen zumindest solange der Moment dauert. Stellen wir uns eine Schmach, eine Demütigung, eine Beleidigung, eine krasse Niederlage, und schon halten wir uns selber nicht mehr wert. So schwankend ist unser Herz, so wechselhaft sind die Situationen, in die wir hinein geraten. Die Gefühle und die Gedanken, die solche Situationen im menschlichen Gemüt auslösen, werden nicht verneint oder unterdrückt. In der Wirkungsgeschichte dieser Haltung Luthers hat es durchaus dies Mißverständnis gegeben, indem die menschlichen Regungen selber unter einen moralischen Verdacht gerieten. Luther wollte die Menschen nicht ihrem schwankenden Gemüt überlassen, das sich ganz dem wechselhaften Gang der Dinge ausliefert.

Luther ist mit einer Unbefangenheit in der Welt und in den Ereignissen, die uns staunen läßt. Diese Unbefangenheit gehört zum Auffallendsten bei ihm und ist der Grund seines Mutes. Es ist der Mut dessen, der von der Welt nichts fürchtet. Er hat diese Unbefangeheit zu den Ereignissen seines Lebens gewonnen, in dem er Christus seinen Herrn sein ließ. So seine Worte. Unabhängig aber von der Gnade sagt er, braucht diese Unbefangenheit viel Erfahrung. Denn wie haften wir an den Gefühlen, die durch die Ereignisse ausgelöst werden. Ja, wie klammert sich unser Herz an die Gefühle. Das wußte Luther. Darum sprach er so radikal über die Sünde des Menschen. Er sah, nur wenn ein Mensch die Hoffnung, sein schwankendes Herz besser zu machen, aufgibt, gewinnt er die Unbefangenheit und Freiheit.

Der Redakteur der FAZ, Reinhard Bingener, hat in seiner Betrachtung zum Karfreitag das Prinzip radikaler Verunsicherung genannt. Darum redet Luther vom verlorenen Menschen, von seiner Sünde, um ihn für die Gnade Gottes zu gewinnen, die Freiheit und Mut zur Folge hat. Diese Erlösung ist eine österliche Botschaft. Sie gibt uns in den Zufällen des Lebens, dem Erwünschten und dem Unerwünschten der Lebensereignisse ein Gegenüber, eine Gewißheit, eine Festigkeit.

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