26. Februar 2017 | Predigt

Antependien, Detail, Neustädter Hof- und Stadtkirche

„Das hohe Lied der Liebe“

Predigt von HANS-BERNHARD OTTMER an 26.02.2017 – ESTOMIHI – NEUSTÄDTER HOF- und STADTKIRCHE – 1.  KOR. 13 IM GEGENÜBER   ZU   MARKUS 8, 31 –39

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Der Gottes – Friede Abrahams, Isaaks und Jacobs – Die Gegenwart des auferstandenen Christus – Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

unterschiedlicher, ja gegensätzlicher könnten die Lesungen des heutigen Sonntags nicht sein:

„Das hohe Lied der Liebe“ – das der Apostel Paulus singt im 13. Kapitel seines 1. Korinther -Briefs. Und die Rede Jesu im 8. Kapitel des Markus –Evangeliums:

„Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

Denn wer sein Leben erhalten will, der wird´s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangelium willen, der wird´s erhalten.

Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?“

Der Apostel Paulus redet in einem großen Kapitel seines Briefs an die Gemeinde zu Korinth von der Liebe:

„Nun aber bleiben Glaube – Hoffnung – Liebe – diese drei. – Aber die Liebe ist die größte unter ihnen…“ Wunderbar – eindrucksvoll – zu schön, um wahr zu sein?

Und – in der Lesung des gleichen Sonntags nennt Jesus den  Petrus im Mk.-Evg. einen „Satan“ – „denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist“… Weil Petrus das nicht hinnehmen will, was Jesus da gerade gesagt hatte von der Gefahr der „religiösen Eliten“ Israels – Älteste, Hohenpriester und Schriftgelehrte – die für das Leben Jesu ausgeht: sie werden ihn verwerfen, auf dass er getötet werde

.Er aber werde auferstehen nach drei Tagen.

Wie ist es Ihnen eben ergangen, als Sie diese beiden Lesungen so unvermittelt hintereinander gehört haben?

Da passt etwas nicht zusammen – oder vielleicht irgendwie doch…?

Petrus jedenfalls hat schlicht Angst um das Leben Jesu. Angst ist menschlich.

Da hat Jesus recht.

Es gibt aber auch eine Angst aus Liebe. – Und da hat Petrus recht.

Petrus – wenn er diesen Paulus gekannt hätte – sie haben einander nicht gekannt – Petrus hätte ihm zugestimmt – jedenfalls zum großen Teil:

„Die Liebe ist langmütig und freundlich. Die Liebe eifert nicht. Die liebe treibt nicht Mutwillen. Sie bläht sich nicht auf. Sie verhält sich nicht ungehörig. Sie sucht nicht das ihre. Sie lässt sich nicht erbittern. Sie rechnete das Böse nicht zu. Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit. Sie freut sich aber an der Wahrheit.

Das hätte Petrus unterschrieben.

Sie erträgt alles. Sie glaubt alles. Sie hofft alles. Sie duldet alles…“ Das sicher nicht!

Je länger ich darüber nachdenke, um so mehr spüre ich den Konflikt zwischen Petrus, – Paulus und Jesus. Ein Konflikt, der unsere christliche Theologie-Geschichte von ihrem Anfang an durchzieht.

Jesus – wie vor ihm Johannes der Täufer – sieht und glaubt die unmittelbare Nähe des Reiches Gottes: Es ist nahe herbeigekommen. Ja mehr: „Es ist schon mitten unter euch“…

Und der Evangelist, der damals das Markus-Evangelium schrieb – das älteste der vier Evangelien – der wusste: Dieses Reich Gottes hat einen hohen Preis: den Tod Jesu am Kreuz. .- Diesen Preis auch nur zu denken – wäre dem Petrus zu hoch.

Ich kann das verstehen. – Und Jesus sagt mir: Dein Verstehen ist menschlich. Und ich frage mich: Ja, was denn sonst…?

II

Ich versuche einen anderen Zugang.

Ich hab mal überlegt, wie viele Traupredigten ich über 1. Korinther 13 gehalten habe…

Da gibt es einen Satz im 1. Korinther-Brief neben all den wunderbaren Beschreibungen der Liebe, der lautet: „Die Liebe hört niemals auf“.

Das wünschen sich alle Braut-Paare der Welt, wenn sie heiraten… Na klar…

Und dann hab ich in meinen Traupredigten versucht, um das „Hohe Lied der Liebe“ ein wenig zu erden. Und habe gesagt – immer wieder:

„Nicht überall wo Liebe drauf steht, ist auch Liebe drin…“ Paulus beschreibt das selber sehr eindrucksvoll – aber es geht so oft unter im „Hohen Lied der Liebe“:

„… Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen – und hätte der Liebe nicht – so wäre mir´s nicht nütze…

Die Liebe eifert nicht. Sie bläht sich nicht auf. Sie verhält sich nicht ungehörig – sie sucht nicht das ihre – sie lässt sich nicht erbittern – sie rechnet das Böse nicht zu. Sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit – sie freut sich aber der Wahrheit. Sie erträgt alles – sie glaubt alles – sie hofft alles –sie duldet alles“…

Und dann habe ich „meinen Brautpaaren“ mit freundlich pastoraler „Bosheit“ immer wieder gesagt: S o ist unsere Liebe nicht: Wir wissen das alle:

Ich gebe – trotz aller christlich diakonischer Verantwortung bei „Brot für die Welt“

„alle meine Habe den Armen nicht“ – Und dass Liebe „eifern“ kann, erfahren Liebes- wie Ehepaare nur zu gut – und natürlich sucht jede Liebe unter uns auch

„das ihre“ – was denn sonst… – und dass die Liebe unter uns sich nicht erbittern lässt, ist, wenn wir die Scheidungs-Raten sehen – vermutlich eine fromme Illusion.

Dass Liebe unter uns alles glaubt, hofft und duldet – ist die Erfahrung unserer ersten Liebe. – Gott sei Dank! – Wir haben sie alle ganz tief im Erfahrungs-Schatz unserer Seele gespeichert. Wir wissen: „Liebe will Ewigkeit“.

Wir wissen aber auch:

„Ewigkeit“ ist uns auf Erden nicht beschieden.

Ewigkeit – ist eine „Zusage“ aus einer ganz anderen Welt. Wir sind endlich. Und unsere Liebe auch.

III

Es gibt aber eine Verheißung – oder eine Zusage – seit Jahrtausenden:

Wir sind in Ewigkeit von Gott geliebte Kinder – Söhne und Töchter unseres ewigen Vaters. Jesus von Nazareth wusste davon. Sein ganzes Leben, Reden und Handeln zeugte von nichts Anderem.

Petrus hatte Probleme damit. Das Mk.-Evg. erzählt davon. Markus hat die Probleme des Petrus nicht aus falsch verstandener Liebe zu Jesus „unterschlagen“.

Paulus hatte eine sehr persönliche Erfahrung, die aus einem Christenverfolger einen der ganz großen Christus-Zeugen machte. In der Apostelgeschichte im 9. Kapitel kann man das nachlesen. Das war bei Damaskus – in Syrien. Da machen Menschen heute ganz andere Erfahrungen…

Es gibt bis heute Menschen, die haben Erfahrungen mit Gott gemacht. Manchmal erzählen sie davon.

Und es gibt Menschen, die haben Problem mit Gott und der Kirche. Oder umgekehrt. Auch die erzählen davon. ( Nur etwas lauter…)

Ich weiß nicht, ob Sie´s bestätigen können: Bei Familienfeiern zur Konfirmation ist das unter Erwachsenen ab einer bestimmten Zeit einfach „dran“. Falls der Pfarrer dabei ist, sollte er gut zuhören…

Da fangen die „Zweifler“ zu fragen an, ob man denn 14-jährigen Jugendlichen schon jenes Bekenntnis „abverlangen“ kann, das einst Eltern und Paten bei der Taufe stellvertretend für das unmündige Kind abgegeben oder bekannt haben…

Und dann erzählen – nicht immer aber manchmal – die Erwachsenen von ihren Erfahrungen mit Kirche, Gott und den Menschen.

Und das klingt dann bisweilen so unterschiedlich, wie bei Petrus und Paulus.

Da erzählt dann einer von der liebevollen Zuwendung einer Diakonie-Schwester nach dem schweren Unfall damals – und dass diese Freundlichkeit mindestens so wichtig war für´s Gesundwerden, wie die Kunst der Ärzte…

„Die Liebe ist langmütig und freundlich…“ (Pls.)

Und ein anderer lässt seinen Zorn aus darüber, dass „die Kirche“ vor einigen Jahren das kirchliche Begräbnis des Vaters verweigert hat. Wegen seines Kirchenaustritts vor 20 Jahren…

„Wie ist das mit der Liebe der Kirche zu ihren „verlorenen Schafen“…? so klang das damals. Da hat man als Pfarrer keinen leichten Stand… Die rein „rechtliche Seite“ leuchtet ja noch ein: Wer nicht Mitglied der Kirche ist, hat kein Anrecht auf kirchliche „Dienst-Leistung“. Das ist wie bei der Gewerkschaft.

Ich habe das immer anders gesehen. Weil: wir sind keine Gewerkschaft. Wir sind Kirche!

Und der Jesus aus Markus Kapitel 8 hat mich bei allen Diskussionen immer wieder bestärkt und getröstet

Wer sein Leben als Kirche mit rechtlichen Mitteln erhalten will, der wird´s verlieren . Und wer dabei sein rechtlich-öffentliches „Ansehen“ verliert um Christi willen, der wird auch die Zukunft der Kirche erhalten.

„Denn was hülfe es der Kirche, wenn sie die ganze Welt gewönne, und nähme an ihrer Seele Schaden“?

Als die Nazi-Schergen Dietrich Bonhoeffer abholten, um ihn zu ermorden, ist als letzter Satz seines Lebens verlässlich überliefert:

„Dies ist das Ende. Für mich der Anfang eines neuen Labens“.

„Denn wer sein Leben erhalten will, der wird´s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet willen und um des Evangeliums willen, der wird`s erhalten“. Grund für uns alle, noch eine Weile darüber nachzudenken. Heute – und wenn dieser Tage bedrohliche Nachrichten uns unsicher, ja Angst machen…

.Friedenswunsch. – Amen.

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