12. Februar 2017 | Predigt

Pastorin Martina Trauschke, Porträt

Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit

Predigt von Pastorin Martina Trauschke am 12. Februar 2017 Septuagesimae in der Neustädter Hof- und Stadtkirche | Text: Jeremia 9, 22 -23

Liebe Gemeinde,

an diesem Sonntag Septuagesimae ist in den beiden Lesungen, die wir gehört haben, die Frage umspielt, in welcher Haltung ein Mensch handelt. Wie bereitet sich ein Mensch vor, der beschlossen hat im Sommer an einem Marathonlauf teilzunehmen? Wie bereitet ein Mensch sich vor, der sich um eine neue Aufgabe bewerben möchte? Der erste Text von Paulus aus dem Korintherbrief greift ein plastisches Bild auf: den Wettkampf. Wie geht ein Mensch in den Wettkampf? Er trainiert, bereitet sich vor und bringt den Willen mit, der Erste zu sein und im Wettkampf zu siegen. Ja, das ist vertraut, klingt vernünftig. Ein zielstrebiges Handeln.

In der Lesung des Evangeliums ist ein anderer Aspekt angesprochen: der Lohn des Handelns. Was erwartet sich ein Mensch von seinem Einsatz: gerechten Lohn. Den Lohn für den Lebensunterhalt oder einen Lohn auf ganz anderer Ebene wie im Gleichnis. Da werden wir an die Unterscheidung von irdischem und himmlischem Lohn, von materiellem und geistigem Lohn aufmerksam gemacht. Der geistige Lohn ist ein Geschenk Gottes, ein Leben in voller Genüge unabhängig von weltlichen Gütern. Lohn und Anerkennung sind wichtige Elemente in unserem seelischen Gleichgewicht. Anerkennung macht einen Menschen glücklich und motiviert zu weiterer Anstrengung. Wir sagen: diese Mühe hat sich gelohnt.

Mit dem Predigttext haben wir einen dritten Aspekt, um unser Verhältnis zum Handeln zu verstehen und zu bestimmen. Es ist ein kurzer Abschnitt aus dem Propheten Jeremia.

„So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne, daß ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“

Ich nehme es mit wohlwollendem Ohr auf, weil es ein biblisches Wort ist, aber es klingt sehr fremd: ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke. Es steht den Gesetzen, nach denen unsere Welt funktioniert, ganz entgegengesetzt. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Bewerbungsgespräch und vermeiden es, Ihre Stärken hervorzuheben und sie zu präsentieren. Damit kommt man nicht weit. Der marktartige Wettbewerb in vielen Teilen unserer gesellschaftlichen Ordnung erzieht uns dazu, die Stärken, das, was jeder zu bieten hat, lauthals herauszustreichen. Wer das nicht beherrscht, bekommt nicht das Erstrebte.

Was sollen wir also mit dem Wort des Jeremia machen? Passt es nicht in unsere Zeit? Wie wurde denn Jeremia der wirkungsmächtige Prophet? Wie hat er sich um dieses Amt, um seine Aufgabe beworben? Wie hat er sich als Prophet behauptet, daß er nicht von den

Gesetzen der Welt weggefegt wurde? Wenn wir an den Anfang des Buches von Jeremia gehen, finden wir ein Pendant zur Bewerbung; eine Art Negativbewerbung könnte man sagen. Jeremia berichtet hinreißend eindrucksvoll davon.

“Gottes Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest und bestellt dich zum Propheten für die Völker. Ich antwortete: Ach Herr, ich tauge nicht zu predigen; ich bin viel zu jung. Gott sprach wieder: Sage nicht, ich bin zu jung; sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende.

Fürchte dich nicht vor ihnen. Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“

Ja, das ist eine Negativbewerbung. Jeremia erklärt sich für ganz ungeeignet. Erschrocken hält er Gott seine Schwäche vor. Aber Gott hält ihn dennoch für den Richtigen. Hier wirbt der Auftraggeber und nicht der Bewerber, wie ein Headhunter nach der geeigneten Person sucht.

Die Bewerbung – Berufung des Jeremia zeigt ein anderes Muster, als wir es erleben auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Oder bei einer Selbstbehauptung im Wettbewerb mit anderen. Wenn wir jetzt einen Coach unter uns hätten, der Leistungssportler trainiert, könnten wir ihn fragen, welche seelische Haltung am geeignetsten ist, um im harten Kampf um den ersten Platz erfolgreich zu sein. Ein gutes Gefühl für das eigene Können ist sicher eine Voraussetzung, aber das Rühmen der eigenen Stärke verführt möglicherweise zu einer Sicherheit, die dann gerade die beste Leistung verhindert.

Aber bei Jeremia ist noch etwas anderes als ein besonders raffiniertes Coaching zu entdecken. Seine Bemühung sich über seine Lebensaufgabe klar zu werden, ereignet sich in einem inneren Gespräch. Wir wissen, daß Gott nicht so zu uns spricht wie ein anderer Mensch. Das innere Gespräch mit Gott ereignet sich im Raum des Unsichtbaren, aber ist hörbar, vernehmbar. Jeremia öffnet sein Inneres so weit, daß darin nicht nur seine eigene Stimme zu hören ist; eine andere Stimme, die ihn fordert, die ihn ergreift, hört er in diesem inneren Raum und ihm wird angst und bange. Diese andere Stimme Gottes wiederum bleibt nicht unberührt von der Angst, die sich in Jeremia auslöst. So endet das Zwiegespräch mit den Worten: Ich lege meine Worte in deinen Mund.

Jeremia findet seine Aufgabe in der Welt durch zwei ganz verschiedene Fähigkeiten. Er kann genau hören, erlässt sich ergreifen, er ist bereit diese Stimme zu empfangen und wahrzunehmen. Empfangenkönnen ist seine erste Fähigkeit und die zweite ist: selber zu gestalten. Das heißt als Prophet zu seinem Volk zu sprechen, die Richtung zu weisen, Entscheidungen zu treffen.

Diese beiden verschiedenartigen Fähigkeiten, das Empfangenkönnen und das gestaltenwollen brauchen wir, wenn wir uns in unserem Handeln und Streben nicht ständig überfordern wollen. Darauf zielt die Ermahnung, die Jeremia in unserem Predigttext gibt: Behalte die doppelte Richtung im Auge. Handle kraft deiner Stärke und deiner Klugheit, aber behalte im Auge, daß dein Wollen und Streben und Handeln eingewoben ist in das größere ganze, das du weder überschaust noch beherrscht. Darum soll ein Mensch sich rühmen so klug zu sein mit Gott zu rechnen und auf Gott zu vertrauen. Es gibt vielleicht ein Wort, das die beiden Fähigkeiten des Empfangenkönnens und Gestaltenwollens zusammenfasst: die

Begeisterung. Wenn einer begeistert ist, ist er ergriffen. Wenn mir plötzlich eine Idee kommt, die mich begeistert, setzt es in mir Kräfte frei etwas ins Werk zu setzen, etwas zu gestalten und neu in die Welt zu bringen.

So können wir Jeremia übersetzen: Empfänglichkeit zu Gott hin und im Selbstbewußtsein der eigenen Kräfte gestalten, was vor mir liegt. So wie wir die Welt eingerichtet haben, ist der Focus viel mehr auf die Mächtigkeit unserer Taten gerichtet. Auf einem Bein aber stehen wir schlecht. Das zweite Bein ist die Wahrnehmung der göttlichen Wirkungsmacht, die uns umgreift und ergreifen kann. Auf diesen zwei Beinen können gelassener durchs Leben gehen.

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