8. Mai 2016 | Predigt

Lesen Sie hier die Predigt von Hans-Bernhard Ottmer gehalten im Gottesdienst am Sonntag EXAUDI 2016 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis Hannover.

HANS-BERNHARD OTTMER – SCHLEIERMACHERSTR. 28 – 30625 HANNOVER – O511 533 1993

Gottesdienst am Sonntag EXAUDI (8.05.2016) – Neustädter-Hof und Stadtkirche Hannover

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Rm. 15,26 – 16,4

Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich´s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen

Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist, denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.

Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.

Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

DER FRIEDE DES GOTTES VON ABRAHAM, ISAAK UND JACOB, DIE GEMEINSCHAFT DES AUFERSTANDENEN CHRITUS UND DIE GEMEINSCHAFT DES HEILIGEN GEISTES SEI MIT UNS ALLEN.

Liebe Schwestern und Brüder,

I

ein Widerspruch ist mir dieser Tage aufgefallen. Er hat mich gereizt, näher darüber nachzudenken: Der Widerspruch zwischen dem vergangenen Sonntag ROGATE – Betet! – und dem Sonntag heute: EXAUDI – hört – gut zu!.. Wer am vergangenen Sonntag einen Gottesdienst besucht hat, der wird sich vielleicht an´s Evangelium des Sonntags ROGATE erinnern:

Wahrlich wahrlich ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdetin meinem Namen, wird er´s euch geben…“ Bittet, so werdet ihr nehmen, auf dass eure Freude vollkommen sein“. (Joh. 15, 26 ff.)

Original –Ton Jesu – im Johannes-Evangelium.

Und da frage ich mich, wie es denn die heutige Epistel – Lesung unter die Predigt- Texte des Sonntags EXAUDI geschafft hat:

„Denn wir wissen nicht, w a s wir beten sollen , wie sich´s gebührt…“

Der eine Sonntag macht Mut zum beten – im Namen Jesu.

Und schon am nächsten Sonntag stellt der Apostel Paulus das alles wieder grundsätzlich in Frage: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen…“

Ja, was nun? – Wissen wir´s – oder wissen wir´s nicht? Ich denke eher: wir wissen´s ziemlich genau.

Wir wissen schon, um w a s und für w a s wir beten. Sie wissen das auch:

  • dass unsere Kinder eine gute Zukunft haben
  • dass unsere Enkel auf´s Gymnasium kommen…. dass ihnen vor allem auf ihrem Schulweg kein Unfall passiert..
  • dass unsere Kranken gesund werden
  • dass wir unseren Arbeitsplatz behalten
  • und – und – und…
  • und erst in unseren Gottesdiensten: für den Frieden der Welt, für die Bewahrung der Schöpfung – für die großen Konfliktfelder dieser Erde (und die sind ja fast unendlich…)
  • und für die kleinen Konfliktfelder unseres Alltags: „Mein Gott, passdoch auf…!“ wenn die teure Vase zu Bruch ging. – Oder der Verkehrs-Unfall gerade noch knapp verhindert wurde… Hat da G o t t womöglich nicht aufgepasst?…

Unsere Gebete und Gebets-Anliegen sind fast unendlich. Auch in unseren Gottesdiensten.

Unsere Gebete – sind sie mehr, als Ausdruck, Formulierung unserer täglichen Wünsche, Ängste und Besorgnisse?

Ich frage mal sehr direkt:

Was machen wir eigentlich, wenn wir beten? – Mit Gott ? Mit uns selbst?

Könnte es sein, dass wir Gott im Gebet sozusagen zu unserem „Komplizen“ machen möchten?

Er möge doch d e r sein, der unsere Sache vertritt, – aber möglichst so, wiewir die Sachesehen…

Er möge uns helfen, die Prüfung (der Kinder) zu bestehen, gesund zu werden, den Arbeitsplatz zu behalten, den Weltfrieden zu garantieren – es gibt inzwischen welche, die beten, Gott möge uns vor dem grundgesetzwidrigen Islam beschützen – usw. usw.

Also noch mal gefragt: was machen wir da eigentlich? – Mit uns selbst und mit Gott?

Jesu Gebet in Gethsemane fällt mir ein:

„Mein Vater, ist´s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt.26,39 f.) Merken Sie´s:

Der da betet in äußerster Lebensgefahr , der überlässt alles seinem Gott und Vater.

Und wieder hab ich mich gefragt: was Paulus wohl meinte, als er schrieb:

Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich´s gebühret“…

Das klingt irgendwie „moralisch“. Eben nach „ungebührlichem Verhalten“, – (Ich erinnere mich: wenn wir als Schüler damals nicht so waren, wie unsere Lehrer uns haben wollten. (Bei „ungebührlichem Verhalten“ mussten wir

womöglich zum Direktor…) Paulus mit einer Gebets- „Oberlehrer-Moral“? Ich kann´s mir nicht vorstellen.

Nachdenkend versuche ich, den Paulus zu verstehen:

Es „gebührt“ sich nicht, Gott zum Erfüllungs-Gehilfen unserer Wünsche und Pläne zu missbrauchen.

Und da höre ich einen anderen, einen neuen, einen unbekannten Ron:

„Der Geist hilft unsererSchwachheitauf

Es könnte ja sein, dass Paulus gerade d a s unsere Schwachheit nennt: unser Bestreben, Gott im Gebet auf unsere Seite zu ziehen.

Und Paulus schreibt weiter: „Der aber dieHerzenerforscht “ der also weiß, wie

es um unsere furchtsamen Herzen bestellt ist – „Mein Gott! –  Pass doch auf…!“

Nein! so nicht ! – sondern:: – „der unsere Herzen erforscht, der weiß, längst bevor wir anfangen zu beten,, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist: „denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt“.

Da schaut schon jetzt  Pfingsten herüber (nächsten Sonntag ) – Jesu Verheißung:

Der Geist Gottes als Tröster der Menschen. So werden wir es am Pfingsten wieder hören:

„Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh. 14, 26 f.)

II

Ja, es ist  offenbar geradeumgekehrt…

Nicht w i r müssen Gott „belehren“ mit  unseren Gebeten. Nicht wir müssen ihn erinnern an Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung! Er weiß es doch längst was uns bewegt, beunruhigt, Angst macht in  all  unseren langen oder kurzen Stoß-Gebeten.

Darum „reden“ wir ja so viel in unseren Gebeten.

Was  zu den Zeiten des Paulus  übrigens nicht anders war Worauf er seinen

Römern sozusagen „argumetativ“ entgegen kommt:

All euer Beten ist doch Zeichen Eurer Liebe zu Gott! –

Aber ach ja: Liebe will immer auch Macht haben. Das kennen wir irgendwie… .

Aber „Macht über Gott“? – Das geht gar nicht! Sagt bzw. schreibt Paulus . Aber die Römer – und wir? –

Man kann´s  jamalversuchen Ganz intensiv beten mit allen Faserneines

christlich-liebenden Herzens –

Da muss dann doch  Gotteinfachzuhören ?

Aber dann erinnert Paulus – zuerst sich selbst – und dann die Römer:

„Wir wissen aber“ – das glaubt er nicht – das weiß er! – dass denen, die Gott lieben,

  • als die „Getrösteten Gottes

alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss – und nicht nach unserer Erkenntnis öder Frömmigkeit berufen sind“.

Es ist eben mit Gott ganz anders, als wir denken und glauben…

Der alte Karl Barth hat als junger Pfarrer darüber auch nachgedacht. Daraus ist dann ein berühmtes Bucht entstanden. Barths Römer-Brief (1922), das Theologie und Kirche revolutionierte. Da schreibt er:

Es kennt der Herr die Seinen. Er kennt die Gefangenen als frei. Die Sünder als gerecht, die Toten als lebendig Die Wahrheit der Liebe des Menschen zu Gott

ist in Gott – und nicht im Menschen “ (S.311)

Einfacher gesagt: Wir können Gott nur lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.

III

Der Sonntag heute heißt EXAUDI – zu gut deutsch: „HÖRT – HÖRT! – Kennen wir auch. Aus politischen Versammlungen. Wenn´s ums Ganze geht: Hört Hört! –

Dem Paulus geht´s hier um´s GANZE: Dem Karl Barth damals auch.

Nicht ganz leicht zu verstehen. Darum lese ich´s noch mal vor:

Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorher bestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.

Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht!.

Was für eine Ansage, welch große Zusage Gottes an seine Christen-Menschen! Die er berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht… Unglaublich!

Aber: Da geistert im Hintergrund die  alte „Prädestinations-Lehre“herum.

Schlicht gesagt: Wenn Gott eh´ vorherbestimmt hat, wer zu seinen Auserwählten gehört, dann kann ich machen, was ich will – oder auch nicht – wenn ich nicht dazu gehöre, dann bin nicht ICH schuld, sondern – wer denn sonst – Gott selber… „Gott, wenn es einen gibt, rette meine Seele, wenn ich eine habe!…“

Das alte altes Atheisten – Geschwätz! –

Als ob wir so einfach definieren könnten, wie das ist mit Gott und der Welt und der Macht und der Gerechtigkeit… – und der „Prädestination“???

Es ist ja nicht die Macht Gottes, die die Welt zugrunde richtet. Es sind die Machtansprüche der Menschen…Geld – Kapital – Rüstung – Verteidigung. Noch mal – ach ja: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Oder: „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern…“

Das war die „atheistischste“ Gottes-Anrufung, die sich je denken liess – Dagegen Paulus:

Der Geist – der Geist Gottes – wer denn sonst? – hilft unserer Schwachheit

auf…“ Seine Barmherzigkeit will uns – schon hier auf Erden – trotz allem und aller Schuld – zu Bürgern seines Himmelreichs machen.

EXAUDI – Lasst es uns hören und glauben…

Lasst uns einen Moment zuhören, wie der alte Joh. Seb. Bach darüber dachte…und glaubte … und Menschen zu musizieren lehrte….um sie damals und uns heute anzustiften, nach unseren menschlichen Möglichkeiten danach leben…

Einspielung des 1. Teil der Motette. (Niederländischer Kammerchor, Ton Koopmann)

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere herzen und Sinne in Christus Jesus zum Ewigen Leben. Amen.

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