1. Mai 2016 | Predigt

Lesen Sie hier die Predigt von Landessuperintendentin i.R. Oda-Gebbine Holze-Stäblein gehalten am 1. Mai 2016 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis, Hannover

Predigt über das Himmelfahrtsoratorium BWV 11 – „Lobet Gott in seinen Reichen“ – mit Lukas 24, 50-53 und Apg. 1, 10-12 am 1. Mai 2016 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Reihe: „Bach um fünf“

Liebe Gemeinde!

In vier Tagen ist „Christi Himmelfahrt“. Wenn das Wetter schön ist, werden sie wieder losziehen mit ihren Bollerwagen voller Bierkästen: die real existierenden,  die Möchtegern- und die Lieber-noch-nicht- Väter, die an so etwas Spaß haben. Viele Gemeinden werden ihre Gottesdienste im Freien und Grünen feiern. „Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht sind sie alle ans Licht gebracht“, möchte man da mit dem alten Goethe sagen. Das ist schön, und nichts ist dagegen zu sagen. Es kann aber kaum darüber hinwegtäuschen, dass uns trotz der zeitlichen Nähe der Sinn des Himmelfahrtstages etwas fern gerückt ist.

Ist das Thema „Präsenz des auferstandenen Christus in der Welt“ nicht durch Ostern eigentlich abgegolten? So ist es. Christi Himmelfahrt taucht zum ersten Mal beim Evangelisten Lukas auf und wurde erst ab dem 4. Jahrhundert als Fest gefeiert. Es fügt der theologischen Bedeutung von Ostern nichts Neues hinzu. Dass es ein so populäres Fest wurde, hängt sicher auch damit zusammen, dass es an einem günstigen Platz im Naturkreis des Jahres steht: Maifeiertage, Hagelprozessionen, Bittgänge über die Felder, Fruchtbarkeitsriten: das alles hat sich um dieses eher unanschauliche Fest herumgelegt wie das saftige Fruchtfleisch um einen wichtigen, aber nicht sichtbaren Kern im Inneren einer Frucht.

Johann Sebastian Bach hat sich des  Themas „Christi Himmelfahrt“ insgesamt viermal angenommen. Die Kantate „Wer da gläubet und getauft wird“ von 1724 lässt allerdings kaum erkennen, dass sie zum Fest Christi Himmelfahrt geschrieben wurde. Da geht es eher um den

Zusammenhang von Glaube und Taufe und um den Glauben ohne des Gesetzes Werke als Voraussetzung für die Seligkeit: alles gut lutherisch.

Ein Jahr später, in der Choralkantate „Auf Christi Himmelfahrt allein ich meine Nachfahrt gründe“ von 1725, klingt es ganz anders: persönlicher und vor allem jubelnd und voll starker Bilder! Ja, diese Welt ist ein Ort des Jammers und der Angst und Pein, den man gerne hinter sich ließe. Aber der Jammer wird überstrahlt von der Freude darüber, dass Jesus Sieger geblieben ist.

Auf, auf mit hellem Schall verkündigt überall:

Mein Jesus sitzt zur Rechten! Wer sucht mich anzufechten? Ist er von mir genommen, ich wird einst dahin kommen, wo mein Erlöserlebt….

Und dann hebt sich der Blick bis zum Sternenhimmel:

„Ich sehe durch die Sterne, dass er sich schon von ferne zur Rechten Gottes zeigt.“

– Da würde einer, der mit dem Weltraum- Teleskop „Hubble“ ins Universum schaut, doch glatt neidisch! Die Augen des Glaubens sehen eben doch weiter … –

Die Kantate endet mit der hoffnungsvollen Gewissheit:

Alsdann so wirst du mich zu deiner Rechten stellen und mir als deinem Kind ein gnädig Urteil fällen, mich bringen zu der Lust, wo deine Herrlichkeit

ich werde schauen an in alle Ewigkeit.

Weltflüchtig ist diese Kantate schon, aber sie strahlt zugleich auch voller Zuversicht und Vorfreude! Über die Unbilden dieser Welt geht der Blick in die Ewigkeit, zum Sieger Christus hin und zu dem hin, was

den Gläubigen verheißen ist: das Schauen der Herrlichkeit Gottes!

Ein Jahr später, im Jahre 1726, schreibt Bach die Kantate, der der Psalm 47 zugrunde liegt, den wir eben gebetet haben: „Gott fähret auf mit Jauchzen und der Herr mit hellen Posaunen“. Da sehen wir einen triumphalen himmlischen Siegeszug, fast wie den eines antiken Sonnenkönigs, der in Frage und Antwort kommentiert wird, so als stände ein Reporter dabei und teilte dem staunenden Publikum mit, was er sieht. Gott selbst als

„Mister President“ sozusagen! Allerdings sind hier natürlich die Zuschauenden nicht weggesperrt, sondern sie dürfen sehen, was es zu sehen gibt:

Ja tausendmal tausend begleiten den Wagen,

dem König der Kön’ge lobsingend zu sagen, dass Erde und Himmel sich unter ihm schmiegt

Und was er bezwungen, nun gänzlich erliegt.

Der Blick des ‚Reporters’ richtet sich jetzt vor allem auf Jesus selbst:

Mein Jesus hat nunmehr Das Heilandswerk vollendet Und nimmt die Wiederkehr Zu dem, der ihn gesendet. Er schließt der Erde Lauf, ihr Himmel! Öffnet euch und nehmt ihn wiederauf!

Dann:

Es kommt der Helden Held,

des Satans Fürst und Schrecken…

Ihr Kräfte! Eilt herbei und nehmt den Siegerauf!

Und schließlich:

Ihr Throne! Mühet euch und setzt ihm Kränzeauf!

Dann schildert der ‚Reporter’ nicht mehr nur, was er sieht, sondern auch, wo er selber ist, während er dieses grandiose

himmlische Schauspiel, diese Sieges- prozession, kommentiert:

Der Vater hat ihm ja

Ein ewig Reich bestimmet; Nun ist die Stunde nah, da er die Krone nimmet vor tausendUngemach.

Ich stehe hier am Weg

und schau ihm freudig nach.

Dann:

Ich sehe schon im Geist, wie er zu Gottes Rechten auf seine Feinde schmeißt, zu helfen seinen Knechten

aus Jammer, Not und Schmach.

Ich stehe hier am Weg

und schau ihm sehnlich nach.

Und schließlich:

Er will mir neben sich Die Wohnung zubereiten, damit ichewiglich

ihm stehe an der Seiten, befreit von Weh und Ach! Ich stehe hier am Weg und ruf ihm dankbarnach.

Die Kantate endet mit der Bitte an Gott:

Zieh uns dir nach, so laufen wir, gib uns des Glaubens Flügel!

Hilf, dass wir fliehen weit von hier Auf Israelis Hügel!

Mein Gott, wenn fahr ich doch dahin, woselbst ich ewig fröhlich bin?

Wann werd ich vor dir stehen, dein Angesicht zu sehen?

Also: nicht nur am Weg stehen bleiben und dem Triumphzug nachschauen, sondern sich selbst einreihen in den Begleitzug des Glaubens: das heißt Nachfolge, und darum muss es gehen, solange wir auf Erden sind. Am Ende bleibt eine fröhliche Ungeduld, ja, fast eine Vorfreude auf das, was kommen wird: das Schauen von Gottes Angesicht!

Ein Blick in den Himmel ist diese Kantate! Musikalisch überschlägt es sich manchmal geradezu, weil so viel Fröhlichkeit hervorsprudelt. Da kommen die Sängerinnen und Sänger fast an ihre Grenzen!

Liebe Gemeinde, ich habe Sie teilhaben lassen an dem, was ich selbst entdeckt habe, weil mir selbst dadurch deutlich geworden ist, was die Besonderheit des Himmelfahrtsoratoriums ist, das wir eben gehört haben. 1735 hat Bach dieses Werk geschrieben. Es sind neun Jahre vergangen seit der Kantate „Gott fähret auf mit Jauchzen“. Der emotionale Gegensatz zwischen dieser Kantate von 1726 und dem Himmelfahrtsoratorium von 1735 könnte kaum größer sein. Haben wir eben noch einen Blick in den Himmel getan, so wird jetzt alles eher irdisch, erdenschwer und vor allem tränenreich!

Der Eingangschor kommt noch fröhlich, temperamentvoll und synkopenreich daher: Lobet Gott in seinen Reichen!Lobt! Preist!

Rühmt! – Den hat Bach übrigens aus einer Komposition von 1732 übernommen, in der der fertig gestellte Umbau des Schulgebäudes für die Thomaner besungen wurde. Der ursprüngliche Text lautete:

Froher Tag, verlangte Stunden, nun hat unsre Lust gefunden, was sie fest und ruhig macht.

Hier steht unser Schulgebäude, hier erblicket Aug und Freude Kunst und Ordnung,

Zier und Pracht.“

Ich fühle mich an unsere Schulchor- Aufführungen erinnert, wenn irgend ein illustrer Anlass im Leben unserer Schule zu feiern war. Was haben wir meistens gesungen? Ein Freimaurerlied, das Mozart zugeschrieben wird:

„Brüder, reicht die Hand zum Bunde, diese schöne Freundschaftsstunde führ uns hin zu lichten Höhn.

Lasst, was irdisch ist, entfliehen, unsrer Freundschaft Harmonien

dauern ewig, fest und schön.“ –

– Es dürfte heute wohl keine Schule mehr geben, in der der Schulchor so etwas noch singt! –

Nach einem so erhabenen Chor erwartet man, dass es jubelnd weitergeht. Aber das tut es nicht. Bach hat hier wie beim Weihnachtsoratorium dem erzählenden Evangelisten einen zentralen Part zugeschrieben, aber der Part des Evangelisten und die Rezitative und Arien passen nicht immer bruchlos zueinander. Ein Beispiel: Jesus segnet zum Abschied seine Jünger. In der Musik wird die Geste des Segnens bildhaft deutlich in einer Aufwärts- und Abwärtsbewegung, so, als teile sich der Segen Jesu auch dem Hörenden mit. Dann heißt es: …“ er schied er von ihnen.“ Im unmittelbar folgenden Rezitativ steht der Abschied Jesu aber noch nah bevor: „Ach, weiche doch noch nicht!“ heißt es. Die dann folgende Alt-Arie ist mit Abstand das längste Stück des ganzen Oratoriums. Aber nicht nur die Länge

macht’s. Diese Arie ist das emotionale Herzstück. Selten wurden der Schmerz eines Abschieds und der sehnliche Wunsch, den drohenden Verlust eines geliebten Menschen noch abwenden zu können, ausführlicher und intensiver besungen als in dieser Arie. Dabei spielt für uns, die das Stück heute hören, sicher auch eine Rolle, dass diese Arie an das ‚Agnus Dei’ aus der h-moll-Messe erinnert – was natürlich kein Zufall ist. So läuft gewissermaßen als Subtext unter dem Text „Ach bleibe doch, mein liebstes Leben“ der Text des Agnus Dei mit: Agnus Dei qui tollis peccata mundi, miserere nobis. Lamm Gottes, der du die Sünden der Welt trägst, erbarme dich unser.

Im theologischen Zentrum des Oratoriums steht der folgende Choral:

Nun lieget alles unter dir,

Dich selbst nur ausgenommen; die Engel müssen für und für Dir aufzuwarten kommen.

Die Fürsten stehn auch auf der Bahn

Und sind dir willig untertan; Luft, Wasser, Feuer, Erden Muss Dir zu Dienste werden.

Christus sitzt als Sieger und Herrscher zur Rechten Gottes. Das ist die Aussage. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (Mt. 28). Aber im Gegensatz zur Kantate „Gott fährt auf mit Jauchzen“, wo wir den Siegeszug als himmlische Prozession vorgeführt bekamen, strahlt und jubelt hier nichts. Im Gegenteil: Bach hat den Choral „Du Lebensfürst, Herr Jesu Christ“ von J. Rist aus dem Jahre 1641, der stark an das „Brich an, du schönes Morgenlicht“ aus dem Weihnachtsoratorium erinnert, sehr tief gelegt, sodass er gemessen und feierlich daher kommt, ja, fast gravitätisch klingt, eher ein Grabgesang als ein Siegeslied!

Bach nimmt dann den Text aus der Apostelgeschichte 1 auf, das Gespräch zwischen den zwei Männern in weißen Kleidern und den Jüngern: Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet gen

Himmel? Dieser Jesus … wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.“ Wäre das nun nicht die Freudenbotschaft, die der Traurigkeit der Jünger endlich ein Ende machen könnte?

Das folgende Rezitativ klingt anders:

Ach ja! so komme bald zurück: Tilg einst mein traurigesGebärden.

Sonst wird mir jeder Augenblick verhasst und Jahren ähnlich werden.

Das klingt nicht danach, als ob die gläubige Seele sich nun endlich von ihrer Trauer lösen könnte. Eher im Gegenteil: ‚Komm doch bitte sofort, sonst wird mir jeder Augenblick zu einer entsetzlich langen Ewigkeit.’ Wie ein ungeduldig quengelndes Kind klingt das!

Erst das folgende „… sie kehreten wieder gen Jerusalem mit großer Freude“ des Evangelisten (Apg. 1,12) bringt in der folgenden Sopranarie eine Aufhellung. Diese Arie ist fast genau so lang wie die

große Abschiedsschmerz-Arie und ist wohl als ihr emotionales Pendant zu begreifen. Wo der Alt in ganz tiefen Lagen dem Schmerz expressiven Ausdruck verlieh, da steigt in dieser Arie der Sopran in immer höhere Höhen, fast wie eine Lerche, die sich in den Himmel hebt, so, als hätte hier einer endlich Trost gefunden. Worin besteht dieser Trost?

Jesu, deine Gnadenblicke Kann ich doch beständig sehn. Deine Liebe bleibt zurücke, dass ich mich hier in der Zeit an der künftgenHerrlichkeit

schon voraus im Geist erquicke, wenn wir einst dort vor dir stehn.

Da ist also eine Verbindung zwischen dem Christus im Himmel, zur Rechten Gottes, und dem gläubigen Menschen auf der Erde geschaffen: ‚Jesus sieht mich gnädig an. Ich bin ihm nicht gleichgültig. Ich liege ihm am Herzen. Seine Liebe ist wie ein Unterpfand, das er mir hier gelassen hat.’ Das Vertrauen in die Gnade und Liebe Jesu

weckt nun doch so etwas wie Vorfreude auf die ewige Gemeinschaft mit ihm, auf die wir zugehen. Der ganz große Jubel ist das immer noch nicht, aber wenigstens ein heller Schein und ein Klang der Freude am Ende dieses Oratoriums. Die bringt der Schlusschoral zum Ausdruck: vor allem die den Cantus firmus im Sopran umspielenden unteren Stimmen und die Trompeten geben dem Schlusschoral eine freudig drängende, temperamentvolle Note und greifen auf diese Weise den jubelnden Eingangschor wieder auf.

Wie unterschiedlich kann man doch dieses Fest Christi Himmelfahrt musikalisch und textlich gestalten! Dort der Blick in einen Himmel, in dem bereits der Sieg gefeiert wird; ein Sieg, der hier die Glaubenden beflügeln kann und soll. Hier eine fast unerschöpfliche Traurigkeit über den Abschied Jesu und der sehnsüchtige Wunsch ihn hier zu halten!

Woher kommt diese seltsame Traurigkeit? Gab es im Jahr 1735, dem Entstehungsjahr

des Oratoriums, irgend einen Anlass, einen Konflikt, einen Misserfolg, einen persönlichen Verlust, der Bach erlitten hat und der sie erklären könnte? Ich habe nichts gefunden. Vielleicht ist die Erklärung viel schlichter und in gewisser Weise auch – auf den ersten Blick jedenfalls – ernüchternd. Bach hat sich immer wieder des sogenannten Parodieverfahrens bedient; d.h. er hat Chöre und Arien, die  er für einen bestimmten Zweck geschrieben hatte, später noch einmal bearbeitet und mit einem neuen Text wieder verwendet. Im Jahre 1725 hatte er für einen guten Freund eine Hochzeitskantate geschrieben. Diese Hochzeitskantate – sie trug den Titel

„Auf! süß entzückende Gewalt!“ – ist verloren gegangen. Aber aus dieser Hochzeitskantate hatte er die beiden großen Arien übernommen, die auf diese Weise erhalten geblieben sind, und wesentliche Teile dieser Musik hat er im Jahre 1749 auch für das Agnus Dei der

h-moll-Messe verwendet.

Der Originaltext aus der Hochzeitskantate lautete:

Entfernet euch, ihr kalten Herzen, entfernet euch, ich bin euch feind. Wer nicht der Liebe Platz willgeben.

Der flieht sein Glück, der hasst das Leben Und ist der ärgsten ThorheitFreund.

Ihr wählt euch selber nichts als Schmerzen; Entfernet euch, ihr kalten Herzen,

entfernet euch, ich bin euch feind.

Möglicherweise hat Bach sich also von dieser barocken Liebes- und Hochzeitslyrik inspirieren lassen! Offenbar war es ihm wichtig, die Beziehung zu Jesus als eine Beziehung der Liebe deutlich zu machen. Wo aber wirkliche, lebendige Liebe ist, da ist auch tiefer Schmerz, wenn eine solche Liebe durch Abschied an ihr Ende kommt! Der Glaube an Gott und die Liebe zu Gott sind eigentlich dasselbe, wie wir nicht zuletzt von Paul Gerhardt wissen. Der dichtet:

Mein Lebetage will ich dich Aus meinem Sinn nichtlassen,

dich will ich stets, gleich wie du mich, mit Liebesarmen fassen.

Du sollst sein meines Herzens Licht, und wenn mein Herz in Stücke bricht, sollst du mein Herze bleiben ….

Wer, wenn er es nicht weiß, würde erwarten, dass diese Zeilen aus dem Passionslied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ von Paul Gerhardt stammen – und nicht etwa aus einem barocken Liebeslied!?

„Entfernet euch, ihr kalten Herzen!“: ja, es gibt auch kaltherzigen Glauben, an dem alles dogmatisch korrekt ist, der aber unpersönlich, leidenschaftslos, papieren und langweilig, kurz: weit weg vom richtigen Leben ist. Mit dem wollte Bach nichts zu tun haben. Und er weist uns, denen das Fest Christi Himmelfahrt oft kaum mehr als das Datum im Kalender bedeutet, eben genau darauf hin, dass Glaube und Liebe eigentlich ein und

dasselbe sind! Insofern ist es vielleicht doch nicht ernüchternd, sondern erhellend und sogar herzerwärmend, dass aus einer Hochzeitsarie ein Lied des Schmerzes über den vermeintlich verlorenen Jesus geworden ist! Bach hat nicht nur die Noten, sondern die Seele der Hochzeitsarie in sein Oratorium übernommen.

Irgendwann muss sich die Wandlung vollziehen: aus dem sehnsüchtigen, auf Weltflucht angelegten Blick der Jünger in den leeren Himmel wird die getroste, ja, freudige Rückkehr nach Jerusalem und der Aufbruch in die Welt hinein, in die Jesus die Seinen sendet. Die Sehnsucht wandelt sich in die Gewissheit, dass wir am Ende bei Gott willkommen sind und ein Zuhause haben; das Schauen von Angesicht zu Angesicht wartet auf uns. Der Schmerz wandelt sich in Tatkraft: es gibt hier so viel zu tun bis zur Wiederkunft Christi, dass die Christen eigentlich gar keine Zeit haben, sehnsüchtig in den Himmel zu starren.

Liebe Gemeinde, es ist eher unwahrscheinlich, aber sollte heute jemand auf die Idee kommen, ein Himmel- fahrtsoratorium zu schreiben: was könnte er oder sie schreiben?

Vom drei- oder mehrstöckigen Weltbild, wo Gott irgendwo oben thront, dürfen wir uns wohl verabschieden. Und so sehr die Abschiedslyrik über den drohenden Verlust Jesu uns auf der menschlichen Ebene berühren mag: das Fest Christi Himmelfahrt wird sie uns nicht mehr erschließen. Wofür steht der Himmel? Für einen Sehnsuchtsort. Für das, was unsere Welt überschreitet und sie zugleich umschließt; ja, umarmt. Himmelfahrt ist keine Chiffre für Abwendung und Entzug, gar Liebesentzug. Himmelfahrt ist die Metapher für ein Da- Sein, für eine Gegenart, die niemals mehr zur Vergangenheit wird. Christus ist den Mächten der Welt entzogen. Er ist unerreichbar für alle Versuche von Menschen und Mächten, den Menschen zu entwerten und zu instrumentalisieren. Zugleich ist er aber zugegen. Nah wie der

Himmel, der uns umgibt, und erreichbar für alle, die sich an ihn wenden.

Himmel ist das Wort für den Vorbehalt. „Es kommt alles noch einmal zur Sprache,“ hat Helmut Gollwitzer im vorigen Jahrhundert formuliert. Dies hier auf der Erde ist nicht alles, was möglich ist. Wir sind für mehr gedacht. Der neue Himmel und die neue Erde, von denen die Bibel redet, ist der Horizont, der diese Welt begrenzt: der Kontrapunkt Gottes zu dem, was war und ist. Ja, ein Ort des Trostes und der Vor- Schein künftiger Freude. –

Die Sklaven auf den Baumwollfeldern Mississippis haben von diesem Himmel gesungen, und er hat sie in ihren Leiden getröstet und aufgerichtet. Im Singen ihrer Gospels sind sie schon mal probeweise in diesen Himmel einmarschiert: „O when the saints go marching in“ haben sie gesungen, und: „O Lord, I want to be in that number!“ Der Vorgeschmack des Himmels war für sie die Würze, die die oft ungenießbare Erde für sie erträglicher

machte. Vielleicht hätte der alte Bach seine Freude daran gehabt!

Und der Friede Gottes Amen

Landessuperintendentin i.R. Oda-Gebbine Holze-Stäblein, Quedlinburger Weg 13, 30419 Hannover, Tel. 0511-7636530

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