29. November 2015 | Predigt

Pn Trauschke vor der Neustädter Hof- und Stadtkirche

So laßt uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Predigt von Pastorin Martina Trauschke am 1. Advent, 29. November 2015 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche | Biblischer Text: Römer 13, 8-12

Liebe adventliche Gemeinde!

Zu warten kennt jeder. Man wartet auf den Bus, die Bahn; man wartet auf Gäste, die sich verspäten; man wartet auf das Gelingen eines gesetzten Zieles. Warten kann ungeduldig, ja ungnädig machen. Warten kann süß und träumerisch sein. Man kann verzweifeln, weil das zu Erwartende nicht in der vorgestellten Frist kommt. Im Warten wird man quasi gezogen. Ich habe mir für die Zukunft ein Ziel gesetzt und dieses in die Zukunft vorgeworfene Ziel hält mich wie an einem Gummiband in Spannung. Das Kind, das geboren werden soll; das Haus, das neu bezogen werden soll; die Prüfung, die bestanden werden soll.

Die Erwartung kann Kräfte freisetzen, kann glücklich machen als ob das zu Erwartende schon da sei. Die freudige Anspannung des Wartens zeigen die Zeitgenossen Jesu, die ihm zutrauen ihr Elend zu wandeln und ihn darum bei seinem Einzug in die Hauptstadt feiern wie wir es in der Evangeliumslesung gehört haben. Die freudige Anspannung auf das Kommende liegt uns nicht nah. Eher im Moment die sorgende Anspannung. Gesellige Vergnügen wie der Weihnachtsmarkt sind von der Sorge um unsere Sicherheit überschattet. Andererseits sind viele Menschen in einer eifrigen Erwartungsspannung es mit den vielen Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen sind, gut zu machen. Die Stimmung hat ein außergewöhnliches Maß an ehrenamtlichen Kräften mobilisiert. Aber wir wissen wie schnell sogar die freudige Erwartungsspannung kippen kann. Die Begeisterten wollen Taten sehen, nach Möglichkeit gleich. Da Jesus sich nicht als politischer Kämpfer gegen die römische Herrschaft einspannen läßt, wird er fallen gelassen. Die Erwartung einer besseren Gesellschaft, es einmal richtig zu machen, nachdem die Jahre des fast gänzlichen Versagens siebzig Jahre hinter uns liegen, mobilisiert Tatkraft, gibt Elan. Aber die Erwartung des Reiches Gottes, die Ankunft des unsichtbaren Gottes in unserer Welt – berührt uns das im Innersten, in unserem existentiellen Kern?

Als Christus vor 2000 Jahren in Galiläa und Jerusalem seine Wege ging und Menschen begegnete, waren sie durch seine Erwartungsspannung angesteckt. Der hat etwas, wonach wir suchen. Je mehr er sich zeigte, erkannten die einen, daß er sich dem gezielten Kampf zum Sturz der römischen Fremdherrschaft verweigerte. Immer hat er unterschieden zwischen der unbeirrbaren Liebe zu Gott und zu dem Einzelnen, dem er gerade gegenüber war; seine Leidenschaft wurzelte nicht in der Hoffnung, die Welt zu verbessern. Ohne diese Unterscheidung können wir den Glauben, den Christus in die Welt gebracht hat, nicht verstehen.

Gestern mußte ich mit einem Bekannten in einem kurzen Telefongespräch eine Sache klären und er beendete das Gespräch mit dem Satz: „Es ist ja leider kein adventliches Wetter heute.“ Wie man das eben so sagt. Es kann aber kein adventliches Wetter geben, da der Advent eben gerade nicht vom Wetter kommt. Wir leben mitten in den Bedingungen der Welt und der Natur, sind dem Wetter und allem möglichen anderen mehr oder weniger ausgesetzt. Ja, der Mensch ist selber Natur, aber nicht nur. Und wenn wir auf uns selber sehen, wissen wir das. Das Wetter kann ganz schlecht und ungemütlich sein und in mir kann alles leuchten. Diese Unterscheidung macht der Advent. Mein Leben kann eingeengt sein in den unerwünschtesten Bedingungen, aber sie haben nicht die Kraft, mich ganz zu bestimmen.

Paulus sagt das so: „Und das tut ( diese Unterscheidung ), weil ihr die Zeit erkennt, nämlich, daß die stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber ist nahe herbei gekommen. So laßt uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“

So schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom im letzten Drittel seines großen Römerbriefs, der den Glauben in einem Abriß zeigen will. In seinen Worten hören wir die enorme Erwartungsspannung, daß die Welt nicht so bleiben wird wie sie ist; aber eben nicht durch unsere Hände herstellbar. Wie aber hat denn Paulus diese Spannung ausgehalten? Das Gefühl, es muß etwas passieren, und doch nicht zu den Waffen zu greifen. Paulus kannte eine Kraft, in der ein Mensch nicht zwischen äußerer und innerer Welt zerrissen wird, oder an die eine oder andere verfällt. Sein römerbrief und sein ersster Korintherbrief haben einen bemerkenswerten Aufbau. Über zweidrittel des Briefes behandelt er die wichtigen Themen: Gerechtigkeit Gottes, Leben mit Andersdenkenden und Andersglaubenden, die Taufe, Auferstehung, Abendmahl, Gemeinschaft in der Gemeinde. Dann folgt die Kraft, die den anderen überlegen ist. Das ist die Liebe. Das Wort Liebe ist unendlich strapaziert und überfrachtet und verkitscht, aber wir haben kein anderes. Im ersten Korintherbrief folgt dann sein 13. Kapitel, das hohe Lied auf die Liebe. Im Römerbrief heißt es in einem Satz: So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Der Glaube kann sich isolieren, um mit der Welt nicht mehr zu tun zu haben. Die Hoffnung können wir allein auf die Verbesserung der Lebensumstände setzen. Die einende Kraft ist die Liebe, zu der einer fähig ist. Die Liebe stammt aus dem unsichtbaren Gottesreich und will doch wirklich werden unter unseren vertrackten Bedingungen. Warum ist Paulus sich so sicher? Die Liebe entzündet sich leicht am Liebenswerten. Aber sie ist umfassender und kann das nicht Liebenswerte liebenswert machen. Darin zeigt sich ihre übermenschliche Herkunft aus dem unsichtbaren Gottesreich.

Gleich wie das Wetter in diesen Adventstagen werden wird: Advent wird es in der Liebe, die jeder tut, um das eigenen Leben und das unserer Nächsten liebenswerter zu machen. So möge Gott uns die kommenden Wochen segnen.

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