20. September 2015 | Predigt

Zur Freiheit berufen

Predigt über Matthäus 25, 14-30 | 20. 9. 2015 – 16. Sonntag nach Trinitatis in der Reihe „Zur Freiheit berufen“ in der Neustädter Kirche um 18 Uhr mit baltischer Musik

4 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;

15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.

[ 16 Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu.

  1. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu.
  2. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seinesHerrn.
  3. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft vonihnen.
  4. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentnergewonnen.
  5. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines HerrnFreude!
  6. Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weiteregewonnen.
  7. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines HerrnFreude!
  8. Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreuthast;
  9. und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du dasDeine.
  10. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreuthabe?
  11. Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.
  12. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, derzehn Zentnerhat.
  13. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
  14. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.]

Liebe Gemeinde!

Als Martina Trauschke mich Anfang des Jahres fragte, ob ich wohl einen Gottesdienst in der Reihe „Zur Freiheit berufen“ übernehmen könnte, da habe ich gerne und schnell ja gesagt. Und ich wäre keine lutherische Pastorin, wenn mir nicht sofort das Luther-Zitat schlechthin dazu eingefallen wäre, mit dem er seine grundlegende Reformationsschrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ in zwei große Teile und zugleich Thesen gliedert: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan“. So lautet die erste These. Und die zweite These lautet: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Ich lasse Luthers Thesen jetzt erst einmal so stehen.

Wenn man solch einen Predigtauftrag bekommt und noch einige Monate Zeit hat, dann vergisst man diesen Auftrag ja nicht. Im Gegenteil: er läuft immer mit und wird gewissermaßen zum Basso continuo für die ganze Predigtarbeit. Und als ich vor einigen Wochen über das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden oder auch Zentnern zu predigen hatte, das wir eben gehört haben, da meldete sich dieser Basso continuo wieder und machte mich auf etwas aufmerksam. Ich lese Ihnen die ersten beiden Verse des Predigttextes noch einmal vor:

4 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;

15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.

Ich habe das, worauf ich aufmerksam wurde, in meiner Predigt Anfang August nur ganz am Rande gestreift, habe mir aber nach dem Gottesdienst unter dem Datum 20. September einen

Vermerk in meinen Kalender gemacht: „Zur Freiheit berufen. Mt. 25, 14 -30. Freiheitsthema!!“

„Er rief seine Knechte, vertraute ihnen sein Vermögen an

– je nach ihrer Leistungsfähigkeit – und zog fort.“

Lapidarer geht es nicht. „Er vertraute ihnen sein Vermögen an“: ist übersetzt. Das ist richtig, denn es ist ein Akt des Vertrauens, um den es geht. Aber das griechische Wort sagt an der Stelle noch etwas mehr: er übergab ihnen sein Vermögen. Ja, er lieferte es auf Gedeih und Verderb in ihre Hände. Da merkt man, dass das ein Risiko für ihn ist. Er ist nicht vorher zu einer Bank gegangen und hat einen beträchtlichen Teil seines Vermögens in ein Safe gepackt. Banken und Geldwechsler, also Geldwirtschaft mit sehr hohen Zinsen, die gab es nämlich schon. Nein, dieser Mann macht es anders: er legt im Grunde seine eigene materielle Existenz in die Hände seiner Knechte. Ein enormes Vertrauen, ja, und ein enormes Risiko!

Aber das ist noch nicht alles. Nicht nur, dass er seinen Knechten sein gesamtes Vermögen übergibt. Nein, er tut das obendrein offenbar auch wortlos! Na ja, vielleicht hat er gesagt: ‚Hier habt ihr mein Vermögen. Du kriegst fünf Zentner, du zwei, du einen Zentner.“ Aber er sagt offenbar nicht: „Tut jetzt bitte das und das damit. Und seid vorsichtig, und wenn etwas schief geht, tut das und das, geht zu dem und dem…“ Nichts dergleichen. Keine Ausführungsbestimmungen, keine Ermahnungen, keine Ratschläge, auch keine Warnungen oder gar Drohungen, falls etwas schief läuft. Mit anderen Worten: er lässt seinen Knechten freie Hand. Er gibt ihnen vollkommene Freiheit und Verfügungsmacht über das, was ihm gehört. Was für ein Vertrauen! Was für eine Freiheit, die er ihnen zubilligt oder auch zumutet! Und noch einmal: was für ein Risiko geht er ein!

Dieser Mensch beruft und entlässt gleichzeitig seine Knechte in eine Freiheit, die sie bis dahin nicht gekannt und nicht gehabt haben, denn sie waren Knechte, und Knechte haben keine Vollmacht, selbständig zu handeln. Sie tun das, was ihnen befohlen wird. Was aber sind sie jetzt? Noch immer Knechte? Nein, denn es ist niemand da, der ihnen einen Befehl erteilen

könnte. Und doch bleiben sie, wie der sehr ausführliche Schluss des Gleichnisses zeigt, Knechte, denn sie sind dem, der sie in eine ungeahnte Freiheit entlassen hat, am Ende doch für ihr Tun und Lassen Rechenschaft schuldig und müssen sich vor ihm verantworten. Also: nicht mehr Knechte – und doch verantwortlich. Oder so: schon frei – und doch gebunden, weil rechenschaftspflichtig. Wie sagt Luther: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Das finden wir durchaus in unserem Gleichnis wieder, jedenfalls in dem Zeitraum, in dem die Knechte ganz auf sich gestellt sind und aus dem, was ihnen anvertraut ist, etwas machen können. Und natürlich enthält dieses „…und niemandem untertan“ auch die Freiheit, aus dem Anvertrauten – nichts zu machen. Ob das wirklich eine Freiheit ist oder etwas ganz anderes, darauf komme ich noch zurück.

Wovon handelt das Gleichnis? Vordergründig von einem vermögenden Mann und seinen Knechten, hintergründig natürlich von Gott und uns Menschen. Ich lasse jetzt einmal außer Acht, dass dies ein Gleichnis über das Reich Gottes ist. Man müsste sich am Anfang ja etwa folgende Einleitung denken: Mit dem Himmelreich verhält es sich folgendermaßen

… Ich nehme dieses Gleichnis als ein Gleichnis, das uns etwas erzählt über das grundlegende Verhältnis zwischen Gott und Mensch.

Nicht wir sind es, die diese Welt ins Dasein gerufen und geschaffen haben. Wir sind nicht das Gegenüber dieser Welt; wir sind ein Teil von ihr, denn wir sind selbst von Gott ins Dasein gerufen, von ihm geschaffen, von ihm beatmet und belebt. Knechte? Vielleicht gefällt uns das nicht, kommt uns zu subaltern vor. Es trifft auch die Sache nicht, denn wir empfangen nicht ständig Befehle und Anordnungen, die wir nur auszuführen haben. Aber beauftragte, mit einem riesigen Vermögen beschenkte und einer großen Verantwortung betraute Knechte, das sind wir schon. Oder sagen wir: nicht mehr Knechte, d.h. Befehlsempfänger. Wohl aber Statthalter, Stellvertreter, Platzhalter, die den Platz des abwesenden Herrn freizuhalten haben. In der priesterschriftlichen Schöpfungs- geschichte Genesis 1 heißt es: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn (Gen.1, 27). Da ist

ja nicht an ein gemaltes Bild à la Picasso oder Chagall gedacht, sondern an eine Statue, eine Art Stele – selem auf hebräisch – die den abwesenden Herrn re-präsentieren, ihn also vergegenwärtigen soll, so das er zwar abwesend, dennoch in dieser Stele auch anwesend ist. Das ist gemeint mit dem Bild Gottes, zu dem der Mensch geschaffen ist. Wo also der Mensch auf dieser Erde lebt und handelt, da soll es so sein, als handelte Gott selbst. Das ist eine geradezu unermessliche Freiheit, eine besondere Würde und nicht zuletzt eine gewaltige Verpflichtung! Nicht ganz zu Unrecht wird in Haydns

„Schöpfung“ deshalb gesagt:

Mit Würd und Hoheit angetan,

mit Schönheit, Stärk und Mut begabt,

gen Himmel aufgerichtet steht der Mensch, ein Mann und König der Natur.

Von unten, aus der Perspektive der Schöpfung gesehen, empfindet sich der Mensch als etwas ganz Großes. Er ist in der Tat zu einer unvergleichlichen Freiheit berufen, mit „Würd’ und Hoheit angetan“, wie es bei Haydn heißt. Von oben, aus der Sicht Gottes betrachtet hebt sich der Mensch allerdings nur unwesentlich, wenn überhaupt, aus der Gesamtheit aller geschaffenen Wesen heraus. Dennoch: das Gleichnis beschreibt zutreffend die besondere Stellung und Aufgabe des Menschen: Gott hat ihm sein gesamtes Vermögen übergeben. Der Mensch hat vollkommene Freiheit, damit zu tun, was er für richtig hält. Allerdings ist das eine Freiheit auf Zeit, nicht für die Ewigkeit. Da wir über die Gesamtdauer dieser Schöpfung keine Aussage machen können, ist es wichtig, den Zeitraum unserer Freiheit als den Zeitraum meiner und deiner ganz persönlichen Lebenszeit zu konkretisieren. Solange ich lebe, habe ich die vollkommene Freiheit. Am Ende meines Lebens aber steht der, der mir diese Freiheit gegeben hat. Er wird mich dann fragen: Was hast du mit der Freiheit, mit dem Vermögen, das ich dir übergeben und anvertraut habe, gemacht?

Und wenn jetzt jemandem der Name Wilhelm Vogt, der Hauptmann von Köpenick, einfällt, dann ist das ein sehr passender Einfall. Wilhelm Vogt stellt sich vor, wie er am Ende seines Lebens vor Gott tritt und von Gott gefragt wird: Was

haste jemacht, Willem? Und dann wird er sagen müssen: Fußmatten. Weil er lange im Zuchthaus gesessen und Fußmatten gemacht hat. Keine Stelle im ganzen „Hauptmann von Köpenick geht einem wohl mehr an die Nieren als diese. –

„Was haste jemacht, Willem?“ Damit sind wir bei dem, was die drei Knechte im Gleichnis aus dem ihnen anvertrauten Vermögen und mit ihrer Freiheit machen. Im Gleichnis heißt es:

„Sogleich ging der, die fünf Zentner empfangen hatte, hin und gewann fünf weitere hinzu.“ Dieses „Sogleich“ ist bemerkenswert. Da sehen wir ihn doch förmlich vor uns, wie er voller Freude und Wagemut und im Eiltempo losmarschiert. Das Vertrauen seines Herrn setzt etwas bei ihm frei: nämlich Entdeckerfreude, Wagemut und Kreativität. Das „Sogleich“ bezieht sich übrigens nur auf die Schnelligkeit seines Losgehens, nicht darauf, dass ihm sogleich auch alles gelingt, was er anpackt. Ich kann mir gut vorstellen, dass er auch Misserfolge zu verkraften hat; dass er manche Investition in den Sand setzt, vielleicht sogar mal zwischendurch eine Insolvenz zu verkraften hat. Freiheit bedeutet nicht automatisch Gelingen. Wer zur Freiheit berufen ist, hat den Erfolg nicht mit gepachtet. Freiheit ist auch die Möglichkeit zu scheitern. Was aber am Ende, vor Gott also, offenbar zählt, ist nicht nur der messbare Erfolg, also die Verdoppelung des anvertrauten Vermögens. Was zählt, ist das, was der Herr dem Knecht am Ende bescheinigt: Du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen; ich will dich über viel setzen. Und dann folgt dieser schöne Satz: Geh hinein zu deines Herrn Freude. Da schimmert etwas durch von der Wirklichkeit, die hinter dem Gleichnis steht: Wer sich bewährt hat und Treue bewiesen hat, darf der Nähe Gottes am Ende gewiss sein. Das Reich Gottes beginnt mit einem Fest ohne Ende, und ihm wird der Festsaal offen stehen.

Wir dürfen annehmen, dass auch der zweite Knecht so hochmotiviert wie der erste an die Arbeit gegangen ist, dass er Erfolge und Misserfolge verbucht hat , dass er aber die eihm gegebene Freiheit genutzt hat, um im Sinne seines Herrn zu wirken. Und so wird ihm wortwörtlich dasselbe gesagt wie dem ersten Knecht: auch er wird als tüchtig und treu bezeichnet und erhält die Einladung zum Fest ohne Ende.

Was aber ist mit dem dritten Knecht? Der dritte begräbt symbolisch die ihm gegebene Freiheit, indem er das ihm anvertraute Vermögen des Herrn vergräbt. Er macht sich ein Zerrbild seines Herrn zurecht und benutzt dieses Zerrbild als Rechtfertigung für seine eigene Passivität. Es ist die Angst vor der eigenen Freiheit, die ihn an eben dieser Freiheit scheitern lässt. Ich bin sicher: hätte er seinen einen Zentner nicht vergraben, sondern mit ihm gehandelt und wäre er damit gescheitert: ihm wäre trotzdem ein Lob als treuer Knecht und die Einladung zum Fest des Herrn zuteil geworden. Er hat aber das Geschenk der Freiheit ungebraucht zurück gegeben.

Ich kann es auch mit Luthers Thesen sagen: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Gott hat uns in seiner Schöpfung zur Freiheit berufen und uns zugetraut, dass wir in seinem Sinne an und in dieser Schöpfung handeln. Grenzenlos allerdings ist diese Freiheit nicht; grenzenlos ist keine Freiheit der Welt. Die eine Begrenzung erfährt unsere Freiheit dadurch, dass wir uns gegenüber dem Geber des Lebens und dem Schöpfer der Welt verantworten müssen. Diese Verantwortung taucht nicht erst am Ende unserer Lebenszeit auf wie Ziethen aus dem Busch. Die Frage: Was ist vor Gott richtig? Was ist in seinem Sinne? Was re-präsentiert den Willen Gottes für mein Leben und für diese Welt? Diese Frage läuft wie der Basso continuo in der Musik immer mit. Sie ist der Grundton des Lebens, und wer das Wort „Freiheit“ sagt, hört diese Grundschwingung, diesen Grundton immer mit.

Die zweite Begrenzung ist in der zweiten These Martin Luthers benannt: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Freiheit muss in einem weiten Sinn lebensdienlich sein. Wenn sie das nicht ist, dann dient sie der Zerstörung, der Destruktion und letztlich dem Tod. Christenmenschen haben kein Problem damit, der Schöpfung und anderen Menschen mit ihren Gaben zu dienen. Der dritte Knecht vergräbt das anvertraute Vermögen und damit auch seine Gaben, seine Kreativität. Und was ist das Ergebnis? Er hat nichts und schafft nichts, womit er dienen könnte. Und so ist er am Ende ein armer Tropf. Das Fest der Nähe Gottes, das Fest ohne Ende wird vor allem ein Fest ohne ihn sein.

Wir sind also aufgerufen und eingeladen zu einer Freiheit, deren Charme darin besteht, dass sie uns zur Gestaltung der Welt im Sinne des lebensfreundlichen Gottes befähigen will. Eine Hängematten-Freiheit, eine ewige Freizeit ist das nicht. Wie wäre die auch auf Dauer auszuhalten?! Da könnte man doch nur mit Loriot sagen: Ein Leben in solcher Hängematten- Freiheit ist möglich, aber sinnlos.

Lassen Sie uns das Lied 394 singen: Nun aufwärts froh den Blick gewandt.

Verfasser des Textes ist August Hermann Franke, nicht zu verwechseln mit dem großen Pietisten und Gründer der Franckeschen Stiftungen in Halle. Der lebte etwa zwei Jahrhunderte früher und schreibt sich mit -ck.

Danach kommt der zweite Teil meiner Predigt. Ich kann Sie beruhigen: Er ist eigentlich eher ein Nachwort und darum wesentlich kürzer als der erste Teil.

Teil II: Getauft: in die Freiheit entlassen

Am 31. August erschien in der HAZ ein Artikel des HAZ- Redakteurs Simon Benne mit der Überschrift „Gott hat keine Hautfarbe.“ Simon Benne hat sich in einigen evangelischen Kirchengemeinden umgesehen und hat mit Flüchtlingen gesprochen, die ganz bewusst den Kontakt zu einer christlichen Gemeinde gesucht haben und inzwischen in diesen Gemeinden angekommen sind. Ich will nicht behaupten: integriert, denn das ist sicher ein längerer Prozess; aber die ersten Schritte in diese Richtung sind gemacht worden. Und da passiert Erstaunliches, was wir Christen uns vielleicht selber gar nicht zugetraut haben: Flüchtlinge absolvieren Taufkurse bei Stephan Lackner, dem Pastor der Wiedereintrittsstelle in der Marktkirchenbuchhandlung. Afrikanische Kinder werden getauft, und die 82jährige Brigitte Jenkner – mancher hier wird sie kennen – stellt sich als Taufpatin zur Verfügung. Die Kirchen gehen ausdrücklich nicht auf „Seelenfang“. Es geht darum, den Flüchtlingen das Einleben hier zu erleichtern. Und die Flüchtlinge spekulieren auch nicht darauf, durch eine Christianisierung Pluspunkte in ihren Asylverfahren zu erlangen.

Das Gegenteil ist sogar gelegentlich der Fall: besonders kirchenkritische Richter im Asylverfahren führen scharfe Glaubensverhöre durch und fragen kirchliches Wissen ab, u.a. lassen sie auch mal einen Asylbewerber alle Apostel aufsagen. Ich glaube, da würde mancher Christenmensch in unserer wissensarmen Volkskirche nach Strich und Fasen baden gehen!

Nicht wenige Asylbewerber muslimischen Glaubens haben angefangen, sich für den christlichen Glauben zu interessieren und lassen sich am Ende taufen, weil sie plötzlich den Unterschied sehen. „Den islamischen Kulturkreis haben sie als repressiv erlebt,“ sagt ein Pastor der Gartenkirche, der seit 2003 in der Iran-Seelsorge tätig ist. „Die Taufe verbinden sie mit einem Gefühl der Freiheit.“

„Die Taufe verbinden sie mit einem Gefühl der Freiheit“: den Satz muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Da wird durch Fremdlinge, die zum ersten Mal mit dem Christentum in Berührung kommen, etwas wieder ans Licht geholt, was uns in unserer volkskirchlichen Taufpraxis, – für die es gute Gründe gibt, keine Frage! – weitgehend abhanden gekommen ist: ein emotionales Erlebnis, eine existenzielle Neuausrichtung, über die nicht nur wohlgesetzte Worte gemacht werden, sondern die tatsächlich so erlebt wird. „Ich bin durch die Taufe ein freier Mensch geworden. Jesus Christus hat mich befreit; der heilige Geist Gottes, „das Gesetz des Geistes“, sagt Paulus, „hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“

Ich will hier kein „Islam-Bashing“ betreiben; das liegt mir fern. Und man kann nur hoffen, dass die neugetauften Christen dieses Gefühl der Freiheit noch lange hinüberretten in einen christlichen Alltag und nicht dem verbreiteten Irrtum aufsitzen, christliche Freiheit sei im Wesentlichen eine Freiheit von etwas: von der guten Sitte etwa, sonntags einen Gottesdienst zu besuchen. So buchstabieren ja viele Christen ihre christliche Freiheit: „Ich muss nichts. Ich muss nicht in die Kirche gehen; ja, ich muss nicht einmal einer Kirche angehören, denn glauben kann ich auch ohne Kirche. Ich muss nichts als verbindlich anerkennen, denn ich bin ja ein Christenmensch, und Christenmenschen sind freie Menschen.“ Heißt das nicht, die anvertraute Freiheit in ein Erdloch stecken und sie begraben

und verbuddeln, damit nur ja niemand, und am wenigsten ich selbst, etwas aus ihr machen kann?

Das Gefühl der Freiheit bewahren oder wieder entdecken; diese Gottesgabe Freiheit ausgraben und blank putzen wie eine Laterne und diese Laterne so benutzen, wie es im Psalm 119 steht: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege“; darum könnte es gehen. Wer weiß: vielleicht können wir in Zukunft von den Flüchtlingen lernen!

Und der Friede Gottes Amen

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