16. August 2015 | Predigt

Altarraum der Hof- und Stadtkirche

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

Predigt von Pastorin Martina Trauschke am 16. August 2015 in der Reihe „Zur Freiheit berufen“ | Biblische Texte: Kolosser 2, 16 und 1. Petrus 5,5

Hochmut und Demut sind zwei gegensätzliche menschliche Verhaltensweisen, die uns zu betrachten der Wochenspruch auffordert.

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. (1. Petrus 5,5)

Hochmut ist eine Überheblichkeit. Jemand stellt sich über andere, wertet andere gering. Das verwandte Wort ‚hochgemut‘ hat einen ganz anderen Klang, obwohl nur die kleine Silbe ‚ge‘ eingefügt ist. Ein hochgemuter Mensch ist in gehobener Verfassung.

Was hat es mit der Demut auf sich? Dienstwillig bedeutet es vom Ursprung her. Dienstwillig ist nicht unterwürfig. Darum sollen wir eine demütige Haltung nicht verwechseln mit einem mangelnden Selbstgefühl oder einer geringen Meinung, die einer von sich hat. Denn dienstwillig ist ein Mensch, der mehr Kapazitäten hat, als nur an sich selbst zu denken. Diese freien Kräfte läßt er anderen zukommen, die seine Unterstützung brauchen. Demut ist auch nicht zu verwechseln mit Kleinmut, der vor zu vielen Sorgen nicht zum Handeln findet.

So beherzigenswert der Wochenspruch in seiner Gegenüberstellung von hochmütigem und demütigem Verhalten ist, so hat es doch Fehlauffassungen gegeben, die gerade in diesem Wort meinten, sich bestätigt fühlen zu können. Hier in der unmittelbaren Umgebung unserer Neustädter Hof- und Stadtkirche hat von 1763 bis 1768 ein Junge mit dem Namen Karl Philipp Moritz gewohnt. Unter erbärmlichen Bedingungen in der ehemaligen Bergstraße. Sein Vater hing einer religiösen Richtung, dem Quietismus an, die parallel zum Pietismus entstanden ist und in Frankreich sich entwickelt hat. Der Quietismus forderte eine Form der Hingabe an Gott durch völlige Versenkung in sich. Dies religiös bestimmte Seelenleben wurde dem siebenjährigen Jungen auf eine Weise vermittelt, die eine Verneinung seiner unbefangenen Lebensfreude und spontanen Lebensäußerungen gleichkam. Später nennt Karl Philipp Moritz diese Prägung seine Seelenlähmung und mangelndes Selbstgefühl, ja Mord des Selbstgefühls. „Alles Elend des Menschen entsteht aus in sich selbst zurückgedrängten Kräften.“ Ihm wird eine religiöse Haltung nahe gebracht, die Demut und Hingabe an Gott als Verneinung der kindlichen Person vermittelt. Später bekam der Junge Karl Philipp die Chance, die Lateinschule zu besuchen. Die Lateinschule war in der ehemaligen Marienkapelle untergebracht, als sie nicht mehr gebraucht wurde, da die Gottesdienste dann in der Neustädter Hof- und Stadtkirche gefeiert wurden. Es ist das Grundstück, auf dem sich heute der Spielplatz befindet. In der Schule und im Studium kann Karl Philipp Moritz seine geistige Begabung

entwickeln. Er schreibt den berühmt gewordenen Roman „Anton Reiser“. In dem autobiographischen Roman schildert er bewegend seine Kindheit, auch gerade die Jahre in Hannover. So wissen wir davon. Zu seinem und unserem Glück hat er sich von den niederdrückenden theologischen Vorstellungen seines Vaters freimachen können. Er ist nicht ein Gefangener der Selbstverachtung geblieben, zu dem er in seiner Erziehung gemacht worden war.

Im „Anton Reiser“ schreibt Karl Philipp Moritz: „ er betrachtete ihn ( den Turm der Neustädter Hof- und Stadtkirche ) mit Entzücken und beneidete oft die Stadtmusikanten, die oben auf der Galerie standen, um des Morgens und Abends hinunter zu blasen.

Stundenlang konnte er diese Galerie betrachten, die ihm von unten so klein schien, daß sie ihm nicht bis an die Knie reichen würde, und über welche doch kaum die Köpfe der blasenden Stadtmusikanten hervorragten; und vollends das Zifferblatt, welches nach der Versicherung verschiedner Leute, die oben gewesen waren, so groß seyn sollte, wie ein Wagenrade, und ihm doch unten nicht größer, als irgend ein Rad in einem Schiebkarren vorkam. – Dies alles erregte seine Neugierde im höchsten Grade, so daß er oft ganze Tage lang mit nichts, als dem Gedanken und dem Wunsch umging, diese Galerie und diß Zifferblatt einmal in der Nähe betrachten zu können.

Nun konnte man auf dem Thurme in H. durch die Schallöcher, welche über der Galerie offen standen, auch die Glocken treten sehen; und Anton verschlang beinahe mit seinen Augen dieses ihm ganz neue Schauspiel, da er die große metallne Maschine, die den alles erschütternden Klang verursachte, unter den Füßen der ganz klein scheinenden Leute, die in dieser Höhe standen und auf die Balken traten, wechselsweise in die Höhe steigen sahe. Es war ihm, als habe er in das innerste Eingeweide des Thurms geblicket, und als habe sich ihm das geheimnißvolle Triebwerk, des wunderbaren Schalles, den er so oft mit Rührung vernommen hatte, nun in der Ferne enthüllt – Allein seine Neugierde wurde hierdurch nur noch mehr erregt, statt befriedigt zu werden – er hatte nur die eine Hälfte der Glocke, die sich mit ihrer ungeheuren Wölbung empor hub, und nicht ihren ganzen Umfang gesehen – von der Größe dieser Glocke hatte er von Kindheit an gehört, und seine Einbildungskraft vergrößerte das Bild in seiner Seele noch zu unzähligenmalen, so daß er sich davon die romanhaftesten und ausschweifendsten Ideen machte.

Bei seinen Schmerzen nun, die er am Fuße erduldete; bei aller Bedrückung von seinen Eltern, worunter er seufzte; was war sein Trost? Was war der angenehmste Traum seiner Kindheit? Was sein sehnlichster Wunsch, über den er oft alles vergaß? – Was anders, als die nahe Beschauung des Zifferblatts und der Galerie am neustädtischen Thurme in H…, und der Glocken, die darinn hingen.

Länger als ein Jahr hindurch versüßte ihm diß Spiel seiner Phantasie die trübsten Stunden seines Lebens – aber ach, er mußte H… verlassen, ohne seines sehnlichsten Wunsches gewährt zu werden. – Doch das Bild vom neustädtischen Thurme wich nie aus seinen Gedanken, es verfolgte ihn nach B…, und schwebte ihm dort oft in nächtlichen träumen auf hohen Treppen in tausend labyrinthischen Krümmungen vor, wo er den Thurm hinauf stieg, auf der Galerie stand, und mit unaussprechlichem Vergnügen das Zifferblatt am Thurme betastete, und dann inwendig nicht nur die große Glocke, sondern noch unzählige andre kleinere, nebst mehr wunderbaren Dingen dicht vor Augen sahe, bis er etwa mit dem Kopfe an den unübersehbaren Rand der großen Glocke stieß, und erwachte.“

Wenn für Karl Philipp Moritz der Turm der Neustädter Hof- und Stadtkirche in seiner Kindheit ein Bild der Schönheit und des Trostes, ja ein Bild der Überwindung seines Elends wurde, so kann uns heute unser Turm und dieser Roman „Anton Reiser“ die Unterscheidungskraft stärken, um Demut und Selbstverachtung genau zu sondern. Die Kräfte, die unser Selbstgefühl drosseln, die uns hindern, das zu entwickeln, was uns gegeben ist, sind wohl andere, als zu Moritz‘ Zeiten.

Die Aufforderung zur Demut im Wochenspruch aber ist keine Anleitung zur moralischen Zerknirschung. Laßt euch von niemandem ein schlechtes Gewissen machen, wenn ihr anders denkt als der Mainstream es fordert. Laßt euch den Siegespreis von niemandem nehmen, der sich in falscher Demut gefällt. Laßt uns mit dieser Ermutigung aus dem Kolosserbrief in die neue Woche gehen. Demut ist der Mut, weiter zu sehen als nur auf sich selbst, aber keine Anleitung zu ängstlichem Selbstgefühl. Möge unser Kirchturm auch uns daran erinnern wie er es für den kleinen Jungen 1764 getan hat.

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