1. März 2015 | Predigt

„Komm, Jesu, komm“

Predigt im Gottesdienst „Bach um Fünf“ am 1. März 2015 zur der Motette „Komm, Jesu, komm“ (BWV 229) in der Neustädter Hof- und Stadtkirche Hannover von Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident im Landeskirchenamt

„Weißt Du, mein Junge, lebensmüde dürfen nur wir Alten sein“, so sagte mein Großvater zu mir, natürlich auf Plattdeutsch. „Lebensmüde dürfen nur wir Alten sein, wenn wir unser Leben gelebt haben“. Er hatte allen Grund, lebensmüde zu sein, mein Großvater. Lebensmüde sein, das heißt ja nicht „riskant zu leben“, sondern „müde vom Leben“. Auf fast acht Jahrzehnte schaute er zurück. Als Kind den 1. Weltkrieg erlebt, als Bauer mit einer kleinen Landstelle sein Leben lang körperlich hart gearbeitet. In der Zeit des Nationalsozialismus hatte er auf der Diele auch dann noch Bibelstunden gehalten, als regelmäßig ein Gestapo-Mann zum Mitschreiben kam und er nur knapp der Verhaftung entging. Im Alter machen ihm und seine Familie die epileptischen Anfälle Angst, die von Zeit zu Zeit unvermittelt auftraten. Die Beine wollten nicht mehr richtig. Und er wurde zunehmend vergesslicher. Die Bezeichnung „Demenz“ kannte man damals noch nicht.

„Lebensmüde dürfen nur wir Alten sein“. Er war lebensmüde. Vielleicht auch lebenssatt. Und so konnte er auch die Lieder aus dem Gesangbuch singen, die zu dem Grundbestand dessen gehörten, was er auswendig gelernt hatte und die ihn ein Leben lang begleitet hatten: „O Welt, ich muss dich lassen… Mein Zeit ist nun vollendet, der Tod das Leben endet, Sterben ist mein Gewinn“ – Und aus dem Lied „Christus, der ist mein Leben: Mit Freund fahr ich von dannen, zu Christ dem Bruder mein, auf dass ich zu ihm komme und ewig bei ihm sei.“ Oder das Lied, dass damals in Ostfriesland stets am Grab gesungen wurde „Lass mich gehen, lass mich gehen, dass ich Jesum mögesehen“.

„Lebensmüde dürfen nur wir Alten sein.“ So sang er diese Lieder und ich habe gespürt, dass es ihm ernst war,,

„abzuscheiden und bei seinem Herrn zu sein“, wie Paulus es für sich beschreibt. Mir war das gar nicht recht, denn ich wollte ihn, den Großvater, dessen Name ich trug, nicht verlieren.

Nie – nie aber wäre er auf den Gedanken gekommen, dass er aktiv etwas zu seinem Sterben dazu tun könnte. Gott würde ihn rufen, wenn es so weit war…

Das ist auch die Haltung, die der Dichter des Liedes „Komm, Jesu, komm“ eingenommen hat: Der Leib ist müde – ich sehne mich nach deinem Friede – Ich will mich dir ergeben – schließe mich in deine Hände – mein Lebenslauf eilt gleich zu Ende“.

Darum: „Komm, Jesu, komm“.

Einen Moment zögere ich. Nicht: „Lass mich gehen, lass mich gehen“. Hier: „Komm, Jesu, komm“. Doch: es ist die gleiche Bitte: „Ich sehne mich nach deinem Friede – Ich sage Welt zu guter Nacht!“

Ein großes Sehnen, Verlangen. Sie werden es gleich hören. Die Bitte: „Komm!“ Dreimal. Drei einzelne, in den Raum gestellte Akkorde. Jeder für sich. Schmerzhaft. Sehnsuchtsvoll. Ein Seufzen. Wie am Beginn der Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“, wo Bach auch diese musikalische Figur des Seufzens wählt.

„Mein Leib ist müde“. Lebenssatt. In sattem Klang. Mit vielen Parallelen – Sexte und Terzen, dazu verminderte Akkorde, die etwas aufnehmen von dem: am Ende – aber noch nicht am Ziel.

„Die Kraft verschwindt je mehr und mehr“ – Noch einmal schwingt die Melodie sich auf zu dem Wort „Kraft“ – und dann sinkt sie kraftlos nieder. Lebensmüde.

Es ist zu viel geworden. Zu viel. Zu schlimm. Zu schmerzhaft. Zu quälend: „Der saure Weg wird mir zu schwer“. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr.“

Bei den Thomanern in Leipzig hieß diese Motette zeitweilig „Der saure Weg“. Wohl, weil diese Passage am markantesten ist in der Motette. Wohl auch am schwierigsten zu singen.

Ein geradezu bildhafter Klang, den Bach hier komponiert. Mit einem seltenen Tonsprung. Abbild der Beschwerlichkeit des Gehens auf einem mühevoll gewordenen Weg. „Ein saurer Weg….“

Und dann kommt eine Zäsur vor der Einwilligung. Nun nicht mehr seufzend „Komm“. Die Klage wandelt sich in Zuversicht, vom Sehnsüchtigen geht es fast ins Heitere: „Komm, ich will mich dir ergeben“. Und dann wird es gar beschwingt, wenn der Beter das Zitat aus dem Johannes-Evangelium aufnimmt: „Du bist der rechte Weg, die Wahrheit und das Leben“.

Diese Zuversicht, auch die darin aufgehobene Leichtigkeit nimmt Bach mit in den zweiten Teil der Motette, der die Überschrift Aria trägt und ein vierstimmiger Liedsatz ist, keine Gemeindechoral, aber ein auskomponierter Choral, wie er auch am Ende einer Kantate stehen könnte.

Die Motette geht den Weg von der Sehnsucht nach dem Lebensende der Klage über den Zustand der Kraftlosigkeit, dem Aufgeben angesichts dessen, was das Leben fordert hin zur Einwilligung in den Weg, über den wir nicht mehr selbstbestimmen, wo wir uns nur noch anvertrauen können – anvertrauen im Vertrauen, dass er den Weg weiß und führt.

Hedwig von Redern hat es 1901 in ihre Worte gefasst:

„Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll…

Drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug, du weißt den Weg für mich, das ist genug.“

In diesem Wissen, in dieser Gewissheit ist mein Großvater gestorben. Selbst für Angehörige, die diese Gewissheit nicht empfinden, ist es tröstlich, einen Menschen so aus der Hand zu geben. Ein solches Sterben zu erleben, das ist ganz wertvoll. Und weckt den Wunsch, dass es so auch an meinem Ende einmal sein möchte.

Aber wir wissen, wir sehen, wir spüren: es gibt so viele Lebenswege, so viele Erfahrungen, die eine andere Sprache sprechen:

  • Soviel Leid, körperlicher, seelische Schmerz, der sich kaum aushalten lässt
  • Soviel Resignation, weil ein Ausweg sich nicht öffnet
  • Soviel Angst, weniger vor dem Tod als vielmehr vor dem Sterben, trotz Hospiz und Palliativmedizin.
  • Wie wird es mir gehen, wenn ich möglicherweise einmal erfahre, dass mein Bewusstsein langsam entschwinden wird, ich andere und mich selbst nicht mehr kenne, meine Persönlichkeit sich verändern wird, andere mich nicht mehr kennen, weil ich ein anderer geworden bin, ich ihnen zur Last fallen werde?

In den letzten Jahren setzt vielfach ein Umdenken ein. Der autonome, der selbstbestimmte Mensch, er gestaltet nicht nur sein Leben, sondern er nimmt auch sein Sterben, seinen Tod in die Hand.

Eine Mehrheit der Bevölkerung spricht sich nicht nur für das moralische Recht aus, am Ende auch den Tod selbst zu bestimmen, sondern auch dafür, dass bei diesem Freitod andere, auch Ärzte, assistieren sollten, sofern man selbst dazu nicht mehr in der Lage ist. Der Suizid zur Vermeidung von Leiden, Schmerzen, Qualen auf der letzten Strecke des Lebens wird zunehmend enttabuisiert. Und Menschen treffen ihre eigene, autonome Entscheidung. Vor wenigen Tagen Fritz J. Raddatz.

Was die individualethische Beurteilung des Suizids und der Suizidbeihilfe betrifft, so haben die Vorbehalte, die viele Menschen diesbezüglich haben, ihren Grund in der negativen Beurteilung des Suizids, die über lange Zeit in der christlichen Theologie vorherrschte. Unter dem Einfluss vor allem von Augustinus und Thomas von Aquin hat die christliche Tradition den Suizid lange Zeit als Todsünde verworfen. Leitend war dabei vor allem der Gedanke, dass das Leben eine Gabe Gottes ist. Indem ein Mensch seinem Leben ein Ende macht, vergreift er sich gewissermaßen an dieser Gabe. Und dies ist dann seine letzte Handlung, für die er keine Möglichkeit der Reue oder Buße mehr hat.

„Selbstmördern“ wurde daher die kirchliche Bestattung verweigert. Das gehört zu den dunklen Kapiteln in der Geschichte der Kirchen. Die Aussage, dass Leben Gottes Gabe ist, wurde einseitig im Sinne des Verbots verstanden, selbstmächtig über das eigene Leben und dessen Ende zu verfügen.

Wenn Menschen an Selbsttötung denken, dann hat das Gründe, die in tiefe existentielle Dimensionen reichen. Das können akute Leiderfahrungen sein, wie sie mit einer schweren Krankheit verbunden sind. Oder es kann die Angst sein, einmal in eine Situation schweren Leidens zu geraten, für die ein Suizid als möglicher Ausweg erscheint.

Gerade für Menschen, die ein bewusstes und selbstbestimmtes Leben führen, ist die Vorstellung schwer erträglich, einmal in einen Zustand zu geraten, der mit dem Verlust jeglicher Selbstbestimmung und Selbstkontrolle verbunden ist und sie weitgehend oder vollständig von anderen abhängig macht.

Wer wollte darüber urteilen? Jede moralische Einmischung kann an dieser Stelle nur zu kurz greifen. Es kann demnach nicht darum gehen, sich in moralischen Bewertungen zu ergehen, ob der Suizid und die Suizidbeihilfe als gut, schlecht, richtig, falsch, legitim oder verwerflich zu betrachten sind.

Dies ist darum außerordentlich zu betonen, weil es in der öffentlichen Debatte eine Tendenz gibt, den assistierten Suizid vor allem als ein moralisches Problem zu betrachten. Allerdings verkürzen derartige Urteile die individuelle

Problematik der Betroffenen: Wenn ein Mensch sein Leben beenden möchte und dafür andere um Hilfe bittet, dann ist dies für alle Beteiligten konfliktreich, spannungsvoll und belastend.

Das Leben als eine Gabe Gottes – das kann aber auch noch einmal anders verstanden werden als ein Verbot, sich selber dieses Leben zu nehmen. Verstanden im Sinne einer Ermutigung, als Gabe, die ich mit der Vielfalt der mit ihm verbundenen Erfahrungen annehme. Wird das Leben in diesem Sinne begriffen, dann heißt „Führung des eigenen Lebens“: sich führen lassen – durch den, dem es sich verdankt. Das betrifft insbesondere solche Erfahrungen, die dem eigenen Leben eine andere Richtung geben als ich das geplant oder erwartet habe, z. B. der Verlust eines geliebten Menschen, die Geburt eines behinderten Kindes oder eine schwere Erkrankung.

Sich führen zu lassen bedeutet hier: solche Erfahrungen nicht bloß als Störungen des eigenen Lebensentwurfs zu begreifen, sondern sie anzunehmen und nach Möglichkeit in das eigene Leben zu integrieren. Das ist etwas anderes als ein bloß passives Hinnehmen. Es nimmt dem Menschen die eigene Verantwortung für notwendig gewordene Entscheidungen nicht ab, sondern ist seinerseits ein Akt der Selbstbestimmung. Sich führen zu lassen schließt vielmehr ein, solche Verantwortung bewusst zu übernehmen und die Entscheidungen zu treffen, die die eingetretene Situation erfordert. Am Ende des Lebens kann dazu zum Beispiel der bewusste Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen gehören.

Kann aber dazu auch angesichts einer leidvollen, tödlichen Krankheit die Beendigung des eigenen Lebens durch Suizid gehören? Wer sein Leben so versteht, dass er sich darin führen lässt, für den wird sich hier die Frage stellen, ob dazu nicht auch das Annehmen einer solchen Krankheit gehört mit allem, was sie an Einschränkungen, Schmerzen, Leiden oder Belastungen für Dritte bedeutet. Die Beendigung des eigenen Lebens erscheint in dieser Sicht wie eine Abkehr von jener Grundeinstellung gegenüber dem Leben.

Damit wird aber kein Urteil gesprochen über diejenigen, die eine andere Einstellung zu Leben und Sterben haben. Das Evangelium wirbt dafür, dass Menschen sich durch es bestimmen lassen in der eigenen Lebensführung, aber es zwingt nicht und hindert sie nicht daran, ihr Leben anders zu begreifen und zu gestalten.

Es beansprucht den Menschen in der Freiheit des eigenen Gewissens. Und man wird nicht die Augen verschließen dürfen davor, dass es verzweifelte Situationen und Lebenslagen gibt, die ein Außenstehender nicht ermessen kann. Ein Urteil darüber steht niemandem zu.

Was bedeutet dies für die Suizidbeihilfe? Kann man Beihilfe zu einer Handlung leisten oder die Beihilfe Dritter zu einer Handlung befürworten, die man selbst aufgrund der eigenen Lebensauffassung für keine mögliche Option hält? Dies erscheint schwer vorstellbar.

Aber wer Situationen schweren Leidens erlebt hat, der wird sich hier jedes Urteils enthalten.

Und vielleicht weiß er auch um den tiefen Gewissenskonflikt, der in solchen Situationen aus der eindringlichen Bitte um Beistand bei der Beendigung des eigenen Lebens erwachsen kann.

Und muss er es nicht auch respektieren, wenn ein anderer für sich sagt: „Ich habe meine Leben aus Gottes Hand genommen – ich gebe es ihm zurück.“

Ja, es mag Grenzfälle geben, in denen Menschen sich um eines anderen willen genötigt sehen können, etwas zu tun, das ihrer eigenen Überzeugung und Lebensauffassung entgegensteht.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir weder im Blick auf uns selbst noch für andere in solche Entscheidungssituationen kommen.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir uns anvertrauen können und uns die Gewissheit geschenkt wird, dass der Weg, den wir geführt werden, der für uns rechte Weg ist – und uns die Kraft geschenkt wird, ihn auch zu gehen.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir einstimmen können, so wie es gleich erklingen wird. Vertrauensvoll auf den schauen, der all diese Wege schon gegangen ist und darum Begleiter sein kann. Und dann sagen und singen:„Du bist der rechte Weg, die Wahrheit und das Leben“.

Amen.

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