1. März 2015 | Predigt

„Weißt Du, mein Junge, lebensmüde dürfen nur wir Alten sein“, so sagte mein Großvater zu mir, natürlich auf Plattdeutsch. „Lebensmüde dürfen nur wir Alten sein, wenn wir unser Leben gelebt haben“. Er hatte allen Grund, lebensmüde zu sein, mein Großvater. Lebensmüde sein, das heißt ja nicht „riskant zu leben“, sondern „müde vom Leben“. Auf fast acht Jahrzehnte schaute er zurück. Als Kind den 1. Weltkrieg erlebt, als Bauer mit einer kleinen Landstelle sein Leben lang körperlich hart gearbeitet. In der Zeit des Nationalsozialismus hatte er auf der Diele auch dann noch Bibelstunden gehalten, als regelmäßig ein Gestapo-Mann zum Mitschreiben kam und er nur knapp der Verhaftung entging. Im Alter machen ihm und seine Familie die epileptischen Anfälle Angst, die von Zeit zu Zeit unvermittelt auftraten. Die Beine wollten nicht mehr richtig. Und er wurde zunehmend vergesslicher. Die Bezeichnung „Demenz“ kannte man damals noch nicht.