22. Februar 2015 | Predigt

Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Predigt von HANS-BERNHARD OTTMER zu INVOCAVIT am 22. Februar 2015 – Neustädter Hof-und Stadtkirche – Matthäus 4, 1 – 11

Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach:

„Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden“. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“.

Da führte ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt und stellt ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: „Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt“. Da sprach Jesus zu ihm:

„Wiederum steht geschrieben: „Du sollst den Herren, deinen Gott, nicht versuchen“.

Darauf führte ich der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest“. Da sprach Jesus zu ihm:

„Weg mit Dir, Satan! Denn es steht geschrieben: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen“.

Da verlies ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

DER FRIEDE UND DIE WEISHEIT DES GOTTES VON ABRAHAM, ISAAK UND JAKOB, DIE GEGENWART DES AUFERSTANDENEN CHRISTUS UND DIE GEMEINSCHAFT DES HEILIGEN GEISTES SEI MIT UNS ALLEN.

Liebe Schwestern und Brüder,

I

Brot und Spiele – öffentliche Wunder und die Macht im Staat.

Das sind die Steine, aus denen die „Versuchungsgeschichte“ zusammengesetzt ist. Vordergründig. – Dahinter steckt mehr. Es geht um die Gottesfrage. Und darum, wie eng diese Frage – jedenfalls im Neuen Testament – mit der verstörenden Gegenwart des Teufels verbunden ist. Eine Zumutung für fromme Leser und Hörer aller Zeiten…Vielleicht auch für uns heute morgen,,,?

Die „Versuchungsgeschichte“ ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie hat eine Geschichte. Genauer gesagt: eine Entwicklungs-Geschichte.

Darum zuerst eine kurze „Rückblende“ in´s Markus Evangelium. Die professionellen Neutestamentler sind sich einigermaßen einig: das Mk.-Evangelium ist ungefähr Ende der 50-ziger, Anfang der 60ige Jahre nach unserer Zeitrechnung entstanden. Es fängt so an: Nachdem sich Jesus von Johannes hatte taufen lassen, geschieht eine Stimme vom Himmel:

II

Die überlebenden Juden der Katastrophe unseres vergangenen Jahrhunderts fragen: Wo war unser Gott?

Die Überlebenden messianischen Juden der Jerusalem Katastrophe 70 nach unserer Zeitrechnung haben sich gefragt:

Wer war Jesus? War er der Messias? War er Gottes Sohn? So bekommt das Wüsten- und Versuchungs-Motiv aus der guten alten Zeit des Markus seine dramatische Zuspitzung beim Evangelisten Matthäus: Die Gott-Suche in der Wüste ist nicht ungefährlich. Die Nähe Gottes und die Nähe des Teufels liegen ziemlich nah beieinander.

40 Tage und Nächte: Fasten in der Wüste. Eine bewusste biblische Aktualisierung: 40 Jahre Wüstenwanderung Israels: Wie oft waren die am Ende. Wie oft haben sie gezweifelt? Aus purer religiöser Verzweiflung der Versuchung eines Goldenen Kalbs erlegen? Und wurden doch immer wieder von ihrem Gott gerettet.

Jetzt ist Jesus am Ende. Nach 40 Tagen und Nächten. Er muss entsetzlichen Hunger haben.

Und der Teufel sagt:

Wenn du Gottes Sohn bist, denk an die Wüstenwanderung deines Volkes. Gott hat sie gerettet. Damals. Er wird auch dich retten, Jetzt: Sieh her – die vielen Steine hier: mach daraus Brot – und deine Not ist zuEnde.

Die Überlebenden mögen sich gefragt haben: Hat er nicht recht…? Wäre es nicht sinnvoll gewesen, den Armen nicht nur das Evangelium zu verkünden, sondern ihnen Brot zu geben? „Unser tägliches Brot für den morgigen Tag gib uns h e u t e“ – Vielleicht wäre es gar nicht erst zum Aufstand gegen die Römer gekommen…?

Jesus antwortet mit einem Wort der Tradition Israels:

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes geht“(5.Buch Mose,8,3)

Was den Teufel auf die Idee bringt, es nun seinerseits auch mit der Heiligen Schrift zu versuchen.

Merke: Der Teufel war schon immer ein Schrift -gelehrter Mann..

Er sagt: „ Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab von der Zinne des Tempels…“ (ach ja, damals, als Jesus lebte, stand der Tempel noch…), denn es steht geschrieben: ( Der Teufel ist ein biblischer Fundamentalist…) Er zitiert mit Autorität eben jenen 91. Psalm, den wir zu Eingang im Wechsel gebetet haben:

Er wird seinen Engeln über dir Befehl tun, und sie werden dich auf den Händen tragen, auf dass du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest“. „Wort des lebendigen Gottes“.

Aber Jesus erwidert mit der guten Tradition seines Volkes: Kein Wunder, sondern:

„Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen“ (5. Mose 6,16) Der Teufel versucht´s trotzdem.

Er führt Jesus auf einen sehr hohen Berg. Er zeigt ihm alle Reiche und alle Herrlichkeit der Welt. ( Wir sind im 4. Kapitel des Matthäus. Im 5. Kapitel wird Matthäus die Bergpredigt Jesu aufschreiben. Vielleicht derselbe Berg…?)

Es wird jetzt politisch-gefährlich: Der Teufel schlägt Jesus einen religiös-korrupten Vertrag vor:

Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest“.

Und die Überlebenden der Jerusalem-Katastrophe mögen bei sich gedacht haben: Wenn er der Herr der Welt geworden wäre, der Messias, wie wir ihn erhofften, wenn er den Gottes- Staat errichtet hätte, den wir erwarteten – wir wären nicht so erbärmlich von den Römern erniedrigt und vernichtet worden….

So dachten einige der Überlebenden.

Aber die Versuchungs-Geschichte geht anders aus:

Hebe dich weg von mir, Satan! Denn es steht geschrieben: „Du sollst anbeten Gotte, deinen Herrn, und ihm allein dienen“ (5.Mose6,13).

So hat er einst in einer kritischen Situation seinen Freund Petrus angefahren: „Hebe dich, Satan, von mir! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist“ (Mt.16,23).

„Dies ist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen“. (Mk.1,11) Im 12. Vers schließt sich ein kurzer Vermerk an. Man überliest seinen „verstörenden“ Inhalt leicht:

Und alsbald trieb ihn der Geist in die Wüste; und er war in der Wüste vierzig Tage und ward versucht von dem Satan…“

Das ist erstaunlich. Die Wüste gilt im alten Israel als Ort der Gottesbegegnung und Selbstfindung. Viele prophetische Menschen suchen in jenen Zeiten darum bewusst die Wüste auf. Jesus tut nach seiner Taufe etwas sozusagen „ganz Normales“. Der Sohn sucht die Begegnung mit seinem Vater – und begegnet dem Teufel…

Man mochte damals über diesen „Widerspruch“ rasch hinweg gelesen haben. Die Welt war sozusagen noch „einigermaßen“ in Ordnung. Zwar erwarteten Johannes und Jesus die bald anbrechende Gottesherrschaft. Aber Jerusalem stand fest in seinen Mauern. Und der Tempel war unangefochten das Zentrum jüdischer Frömmigkeit.

Das änderte sich ungefähr 12 Jahre später. Wir wissen in Deutschland, dass man in 12 Jahren ein ganzes Land, ja ganz Europa zerstören kann.

Im Jahre 70 nach unserer Zeitrechnung wurde Jerusalem von den Römern in einem unglaublich brutalen Feldzug bis auf die Grundmauern zerstört. Der Tempel dem Erdboden gleich gemacht. Die Heiligen Gerätschaften aus dem Tempel geraubt, nach Rom überführt und öffentlich ausgestellt. Bis auf den heutigen Tag bewundern Rom-Touristen den Titus- Bogen mit dem Sieben-Armigen Leuchter aus Jerusalems Tempel. Sieger-Mentalität einer Weltmacht. Es soll mehrere hundert tausend Tote gegeben haben. Das steht meistens nicht dran an den „Siegessäulen“ der Mächtigen…

Die Überlebenden, Juden, messianische Juden – wir nennen sie auch die ur-christliche Gemeinde Jerusalems – sie sind geflohen in alle Himmels-Richtungen. Kriegsflüchtlinge, Asylanten in Gegenden, wo man sie nicht mag.

In dieser Situation, unter diesen Bedingungen wird das kurze Versuchungs-Motiv aus dem MK.-Evangelium wieder aufgenommen und ganz neu erzählt. Matthäus schreibt sein Evangelium nach der Zerstörung Jerusalems…

III

Jahrhunderte später, im 19. Jahrhundert, wird die Versuchungsgeschichte von einem der ganz großen russischen Dichter noch einmal erzählt. Fjodor Dostojewski 1.) schreibt gegen Ende seines Lebens (1881) einen seiner bedeutendsten Romane: „Die Brüder Karamasow

Der eine ein Atheist. Der andere ein frommer Mönch. Es geht um den mittelalterlichen Gottes-Staat

Der Atheist erzählt seine Version:

„In seiner unendlichen Barmherzigkeit zeigt ER sich noch einmal den Menschen in derselben Gestalt, in welcher ER vor fünfzehn Jahrhunderten drei Jahre unter ihnen gewandelt ist. Er lässt sich herab auf die brennenden Plätze der südlichen Stadt, in der noch am Vorabend in Gegenwart des Königs, des gesamten Hofstaats, der Ritterschaft, der Kardinäle und entzückender Frauen vor der ganzen Einwohnerschaft Sevillas durch den Kardinal-Großinquisitor ein volles Hundert Ketzer auf einmal ad majorem die gloriam verbrannt worden war..

Leise und unauffällig erscheint ER unter den Menschen, und siehe, es erkennen ihn alle. Das Volk drängt sich an IHN heran mit unbezwinglicher Gewalt … und folgt IHM… Die Sonne der Liebe brennt in Seinem Herzen, Strahlen des Lichts, der Erleuchtung und Kraft strömen aus seinen Augen und gießen sich über die Menge und wecken die Herzen der Menschen“.

Und wie in den alten Zeiten der Bibel tut er wieder Wunder. Macht Kranke gesund und rufteinkleines,gestorbenesMädchenwiederzurückin´sLeben,erzähltDostojewskiund erzählt auch, dass der Großinqusitor „ein Greis von bald neunzig Jahren, hoch und aufrecht, mit vertrocknetem Gesicht und tief liegenden Augen, in welchen noch verborgen das Feuer glüht…- dabeizuschaut.

Er hat alles gesehen und sein Blick verkündet Unheil und er heißt die Wächter, IHN zu ergreifen. –

Das Volk aber macht den Wächtern Platz und ihre Köpfe neigen sich vor dem greisen Inquisitor zu Boden. „Er segnet schweigend die Menschen und setzt seinen Weg fort“.

Der Gefangene verschwindet im dunklen Gewölbe des heiligen Tribunals.

In der Nacht aber macht sich der Großinquisitor auf zu IHM, wie weiland Nikodemus, undstelltihnzurRede:„Bistdues?“UnddaderGefangeneschweigt,stellterIHMdie entscheidendeFrage:

„Warum bist du gekommen, uns zu stören?“ – Morgen werde ich dich richten und verurteilenunddichaufdemScheiterhaufenverbrennenalsdengefährlichstenKetzer..“

Was als „Vernehmung“ gedacht war, gerät zum Monolog des Großinquisitors über die Versuchungsgeschichte.ER habe damals alles falsch gemacht, doziert der mächtige alte Mann.„Entscheide selbst, wer damals recht hatte. Du – oder der dich fragte!“

Die erste Frage: „Du willst unter die Menschen treten und gehst zu ihnen mit leeren Händen?“ – Verwandle die Steine in Brot, und die Menschheit wird dir folgen, dankbar und gehorsam und ewig zitternd, du könntest ihnen das Brot entziehen…

Tue ein Wunder – denn der Mensch hat ohne Wunder zu leben nicht die Kraft. Er wird sich eigene Wunder schaffen und den Wundern von Zauberern glauben. „Du dachtest zu hoch von den Menschen, denn sie sind Sklaven,,, Und wen hast du in 1.500 Jahren zu dir empor gezogen? Die Menschen sind schwächer, als du dachtest… Bist du nur zu den Auserwählten vom Himmel herabgestiegen?„Wir haben deine Taten verbessert und sie auf Wunder, auf dem Geheimnis und auf der Autorität aufgebaut“ . -Warum bist du also gekommen, uns zu stören?

Soll ich dir unser Geheimnis enthüllen? Wir sind nicht mir dir, sondern mit IHM (Satan)

Hättest du das Reich und den Purpur Caesars angenommen, so würdest du das Weltreich als „Gottes-Reich“ gegründet und der Welt ewigen Frieden gegeben haben“ (34.)Warum bist du gekommen, uns zu stören?(41) – Morgen werde ich dich verbrennen.

IV

So ist aus einer kleinen Notiz des Markus ein Stück Welt-Literatur geworden. Ich lese Ihnen jetzt nur noch den Schluss:

Da der Großinquisitor seine Rede beendet hatte, wartete er, dass der Gefangene ihm antworte, denn dass dieser schweigt, bedrückt ihn. Er sieht, wie der Gefangene ihm die ganze Zeit aufmerksam zuhört und ihm dabei gerade ins Auge sieht…Der Greis möchte dass er ihm e i n Wort nur sagte, ein stolzes meinetwegen, ein furchtbares.

Doch ER steht plötzlich auf, geht an den Greis heran und küsst ihn sanft auf dessen blutleere Lippen. Das war seine Antwort. Der Greis erbebt. Er geht zur Tür, öffnet sie und spricht zu ihm: Geh hinaus und kehre nicht wieder – kehre nie wieder –nie, nie! Er lässt ihn hinaus auf die dunklen schweigenden Plätze der Stadt. Der Gefangene geht hinaus“.

Der Kuss eines Verräters übergibt IHN damals in die Hände der römischen Mörder. Sein Kuss für den greisen Großinquisitor : Akzeptiert er dennoch liebend den machtvollen

„Verräter“ SEINER Sache…? Die katholische Kirche? Unsere evangelische Kirche? – Die Antwort bleibt offen…

V

Im Glaubensbekenntnis unserer Kirche sagen wir einen Satz in jedem Gottesdient:

ER sitzt zur Rechten des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“.

Wie werden wir ihn begrüßen, wenn er kommt? – Mit schlechtem Gewissen? – Mit Furcht und Zittern? – Oder vielleicht doch lieber mit einem Lied voller Hoffnung und Urvertrauen

z.B. der 68-iger christlichen Studentenbewegung:„Komm in unsere stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben. Überwinde Macht und Geld. Lass die Völker nicht verderben. Wende Hass und Feindes-Sinn auf den Weg des Friedens hin“ (428). Lasst es uns hier miteinander singen. Und lasst uns jeden Tag unseres Lebens darum beten – allen Konflikten und Gefahren unserer schwierigen Zeiten zum Trotz und zum Frieden..

Friedenswunsch. – Amen

So nahe liegen beide beieinander: Petrus und Satan, diee Frömmigkeit der Menschen und die Versuchung, Frömmigkeit und Glauben zum eigenem Vorteil zu nutzen…Oder einen

„Gottes-Staat“ zu proklamieren. Die Gefahr jeder Religion…

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1.) Dostojewski, Der Großinquisitor, Insel Bücherei Nr. 149

HANS-BERNHARD OTTMER + SCHLEIERMACHERSTR. 28 + 30625 HANNOVER + 0511-533 1993

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