2. November 2014 | Predigt

Historischer Altarraum der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Schmücke dich, o liebe Seele

Bach um Fünf Kantaten-Gottesdienst am 20. Sonntag nach Trinitatis (2. 11. 2014) mit der Bachkantate: BWV 180 Schmücke dich, o liebe Seele (St. Johannis Hannover)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Amen.

1

Schmücke dich, o liebe Seele, / Laß die dunkle Sündenh.hle,

Komm ans helle Licht gegangen, / Fange herrlich an zu prangen;

Denn der Herr voll Heil und Gnaden / Läßt dich itzt zu gaste laden.

Der den Himmel kann verwalten, / Will selbst Herberg in dir halten.

Liebe Schwestern und Brüder, wir hören eine fröhliche Bachkantate: „Schmücke dich, o meine Seele“. Diese Kantate antwortet auf das zentrale Ritual, auf die wohl wichtigste Ausdrucksform des Gottesgeheimnisses im christlichen Kult, auf das Abendmahl.

Daß die Anwesenheit Gottes in Brot und Wein mehr ist als ein Bild, mehr als theologische

Wortfelder fassen, hat sich mir einmal deutlich gezeigt in einem Dorf in der ländlichen und

abgeschiedenen Gegend am Erzgebirgshang, wo ich länger Pfarrer war. Ich beobachtete da bei

einem Gottesdienst, wie ein alter Bauer beim Abendmahl heimlich die Hostie in seiner

Hosentasche verschwinden ließ. Ich bat ihn, am Ausgang zu warten und fragte nach.

Ja, sein Hund war krank, todkrank, und die Hostie…

Ob er denn glaube, daß die Hostie den Hund gesund machen könne?

Nein, das ist Aberglaube, nein, er entschuldigte sich. Aber behielt die Hostie, und sagte dann im

Gehen: Nein, das ist wirklich Aberglaube. Aber Gott ist doch wohl darin, egal ob das nun

Aberglaube ist oder nicht.

Das war eine verblüffende Argumentation. Ich mußte rasch weiter zu einer Trauung und konnte

mich nicht einlassen auf Erklärungen zum rechten Abendmahlsverständnis. Ich forderte ihn auf,

die Hostie wieder zum Altar zu bringen, wo der Küster aufräumte.

Er hat es nicht gemacht. Drei Tage später war der Hund tot, und der Mann trat aus der Kirche

aus. Es sei alles Lüge: Das mit dem Abendmahl, und überhaupt, der Hund war doch so ein treues

Tier.

Damals habe ich verstanden, daß es Bezirke des Denkens gibt, die dem Einzelnen nicht

verfügbar sind. Die Wahrheit der Hostie ist nicht argumentativ verhandelbar. Hier geht es um

mehr – um viel mehr. Die Wahrheit der Wandlung von Brot und Wein im Abendmahl reicht

tiefer als unser Denken und Sprechen, sie reicht hinein in ein überindividuelles Gedächtnis und in

die tiefsten Schichten unserer Seele, wo Liebe und Tod sich berühren. Die Fröhlichkeit der

Kantate „Schmücke dich, oh meine Seele“ wirkt deshalb so überzeugend, weil sie nicht aufgesetzt

ist, sondern sich eben aus ganz tiefen und archaischen Bildern von Opfer und Opferung speist.

2

Ich denke, wenn ich über das Abendmahl nachdenke, unwillkürlich an die Zeit, als ich in

Jerusalem lebte. Durch die Gassen in der Altstadt Jerusalems wehte ein Geruch, der sich tief

eingebrannt hat in meine Erinnerungen. Und zu dem Geruch gehören Bilder: Fleisch liegt in der

Sonne, neben Gewürzst.nden. Ich sehe Rippenmuster, weißen Bahnen von Fett und Sehnen wie

Schaum auf rotem Kies, die Haarreste an einem Schwanz, abgesägte Beine, ein Beil hackt in das

Fleisch, und der Blick zuckt zurück und gleitet über getrocknete Kräuter, Safran und Rosmarin,

Salbei und Thymian, Zimtstangen und Muskatnüsse.

Die ausgeweideten Ziegen an den Haken im Fleischsuq Jerusalems wirkten grundsätzlich anders

als die zugeschnittenen, eingeschweißten oder portioniert in einer Theke ausgebreiteten

Fleischwaren in Mitteleuropa. Hier hingen tote Tiere – im Supermarkt waren es Nahrungsmittel.

Welcher Mitteleuropäer hat schon einmal erlebt, wie ein Tier geschlachtet wird?

Ich wurde in Israel einmal unter Beduinen Zeuge der Schlachtung eines Schafes am Straßenrand.

Beduinen haben kein ausgeprägtes Gefühl für das Tier – Kamele vielleicht ausgenommen. Tiere

sind ihnen Gebrauchsgegenstände, die leider nicht immer reibungsfrei funktionieren. Die Würde

jedoch, mit der sie dort an der Böschung einer Betonpiste durch den westlichen Negev, nahe

Gaza, dem Lamm in der Tötung begegneten, hatte den Charakter einer Epiphanie. Was ich sah,

durchbrach die Muster meiner Wirklichkeit, war archaisch und prophetisch zugleich. Ich tauchte

für Momente zurück in eine Zeit, da Mensch und Tier in der Opferung voneinander abhängig

und mit einer Gottheit verbunden waren, als das pulsende Blut eines verlöschenden Lebens die

Einheit der Welt formte.

Dem Tier, gebunden an den Läufen, war mit zwei schnellen Schnitten die Kehle durchtrennt

worden. Es sah erschrocken auf, seine Blick wurde rasch trüber, innerlicher. Die Pupillen

verloren ihren schwarzen Glanz, wurden glasig und leer. Die Beduinen hockten um das Tier und

sahen es schweigend an. Sie beobachteten wohl genau, was geschah, und warteten auf den

Moment, bis der Blutstrom verebbte. In den Blicken lag dabei eine hypnotisch-reglose

Ergriffenheit, die ich von ihnen so noch nicht kannte. Sie starrten gebannt auf die Wunde,

sichtbar voll Ehrfrucht vor dem Blut, das sich in den Staub ergoß. Sie verfolgten ein Sterben, und

es war darin wohl etwas von ihrem eigenen Sterben, als bezeugte das, was sie sahen, ihr eigenes

sterbliches Wesen.

Das christliche Abendmahl wurzelt in seiner Bildlichkeit in solchem archaischen Grund. Als Jesus

lebte, war der Opfergedanke sowohl im Judentum als auch unter allen anderen Völkern um ihn

herum lebendig. Fleisch gehörte meist nur darum auf den Tisch der Menschen, weil ein

bestimmter Teil, der Fettschwanz, die Organe, verbrannt wurde für die Götter und so eine

Malgemeinschaft entstanden war, die in die Transzendenz hinüberreichte. Der Verzehr des

Opferfleisches verband Kreatur, Mensch und Gott. Ein geopfertes Schaf gewährleistete die

Stabilität der geschaffenen Welt. Was ist seitdem passiert?

Sah der Mensch einst auf zu den Göttern und in der gleichen Bewegung herab auf das Tier, elend

wie er, wenig mehr als Staub, aber geheiligt durch das Blut in den Adern, so ist die Fleischtheke

im Supermarkt auch der Ausweis eines menschlichen Selbstverlustes. Sich zu ernähren wird

augenscheinlich zu einer technischen Notwenigkeit, eingetaktet in den Tageslauf wie das Checken

von E-Mails oder die Abfahrtzeiten der S-Bahn. Das Tier wird zum Material mit einem

bestimmten Energiewert und einer Kosten-Nutzen-Bilanz. Aber was ist dann der Mensch?

3

Das Abendmahl führt uns in eine andere Dimension von Essen und Nahrung: Gott und Mensch

essen und trinken gemeinsam und verbinden sich im Mahl. Viel läßt sich dazu theologisch sagen.

Für sich selbst spricht das Ritual: In Brot und Wein, in Fleisch und Blut ist Gott gegenwärtig.

Das reicht tiefer als die Sprache, tiefer als das Verstehen. Das hat die Kraft von Träumen und

von Urerinnerungen. Das sitzt so tief wie in mir etwa die Erinnerungen an die Schlachtung jenes

Schafes an einer Wüstenstra.e.

Wie kann ich mir heute verständlich machen, was das Abendmahl ist? Ohne nur auf dürre

theologische Deutungen zurückzugreifen? Ich will einen Versuch wagen, der auch den alten

Opfergedanken aufnimmt:

Das Christentum spricht seit seinen Anfängen vom „fleischgewordenen Wort“, vom logos. Der

logos, das alles durchdringende und schaffende Wort, ist in Christus Fleisch geworden. Wenn

dieser logos also am Kreuz starb, und darauf verweist ja das Abendmahl, dann floß da ein anderer

Lebenssaft noch als Blut. Es starb da ja nicht nur ein Mensch, es starb der Sinn und die

Verständlichkeit der Welt. Es starb die Sprache. Das Opfer Christi ist ein radikaler Sprachverlust.

Als der logos tot am Kreuz hing, klaffte ein Abgrund in der bewohnbaren Welt, war sie sprachlos

geworden. Sprachlos – wie wir es auch immer wieder sind, wenn wir mit abgrundtiefem Leid

konfrontiert werden.

Jene Menschen, die dieses Opfer Christi rituell in einem Mahl feierten, die ersten Christen, sie

opferten im Ritual ihren eigenen sicheren Ort. Sie gaben es auf, nach einem letzten

vergewissernden Sinn zu fragen, nach einem sicheren Ort in dieser Welt. In ihrer Wirklichkeit

klaffte eine Lücke, ein Riß. Sie waren sprachlos geworden. Und aus diesem Verlust kam ihnen, in

der Logik des Opfers, der Gott entgegen, er nahm das Opfer an und stiftete neuen Sinn, jenseits

allen Sinns, als Gnade des Glaubens.

Für viele Christen heute ist der Opfergedanken im Abendmahl zum Problem geworden: Warum

braucht Gott ein Opfer? Wie läßt sich das erklären? Warum braucht Gott den Tod seines Sohnes,

um den Menschen zu heilen und in die Versöhnung zu führen? Was ist das für ein verquerer,

grausamer Gott?

Diese Fragen verkennen, glaube ich, den wesentlichen Gehalt des christlichen Opfergedankens:

Geopfert am Kreuz wird ja nicht jemand oder etwas. Am Kreuz hängt, geopfert, der logos, aller

Sinn, alles Verstehen, geopfert wird die Religion, geopfert wird Gott selbst. Und diese Leerstelle,

das Grauen eines leeren Alls, der fehlende Gott – liegt da wie damals das Schaf am Straßenrand

im Negev. Leergeblutet, bewußtlos, sterbend. So blutet die Sprache aus, und es stirbt Gott selbst

als vorstellbarer, als sagbarer, als zu glaubender Gott.

Und so treten wir im Abendmahl an den Altar: als Menschen, denen immer wieder der Sinn ihres

Lebens, ja, die eigene Geschichte und das eigene Wesen entgleitet, brüchige Seelen, windige

Geschöpfe, wie fallendes Laub. Wir haben nichts in der Hand. Wir treten leer und bloß und ohne

alles an den Tisch. Wir haben alles verloren: allen sicheren Glauben, alles Glaubenswissen, alle

Gewißheit in dieser Welt …

Und es geschieht das Wunder: unverfügbar, nicht in Menschenhand. Daß Gott das Opfer seiner

selbst in uns und für uns zur Auferstehung wandelt. Keine denkbare Möglichkeit ist das. Keine

Logik führt dahin. Es ist Gnade. Das Christentum hat den alten Opfergedanken bewahrt und

vertieft hin auf seinen Kern: auf das unverfügbare Ereignis der Gottesnähe, auf das

„unerschöpfliche Opfer“ Gottes selbst, eben weil es „nichts“ enthält und alles gibt.

So feiern wir im Abendmahl im Grunde die Offenbarung selbst, wir feiern einen Gott, der sich

uns völlig entzieht und sich zugleich selbst in tiefster Nähe gibt. Wir feiern einen Gott, der allem

menschlichen Denken und auch allen rituellen Formen, aller Magie und aller Dogmatik

entschwunden ist, tot, und uns doch näher kommt, als wir uns selbst sind.

Ach, wie hungert mein Gemüte, / Menschenfreund, nach deiner Güte!

Ach, wie pfleg ich oft mit Tränen / Mich nach dieser Kost zu sehnen!

Ach, wie pfleget mich zu dürsten / Nach dem Trank des Lebensfürsten!

Wünsche stets, daß mein Gebeine / Mich durch Gott mit Gott vereine.

Und der Frieder Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unseres Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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