12. Januar 2014 | Predigt

„So spricht der Herr: Siehe, das ist mein Knecht…“

Predigt von Pastorin Martina Trauschke am 12. Januar 2014 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche | Predigttext: Jesaja 42, 1-4

„So spricht der Herr: Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Re hat hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.“

Liebe Gemeinde!

In zwei starken Bildern spricht der Predigttext, die sich so leicht, wenn man sie aufgenommen hat, nicht vergessen lassen. Der allererste Klang: ein starker Trost, eine kräftige Ermutigung für den, der danach sucht. So wird uns der Gottesknecht durch Jesaja vorgestellt; eine Gestalt, die wie ein Vermittler Gottes unter die Menschen tritt und ein Zwiegespräch zwischen Gott und seinem Volk initiiert. Gott gibt den Menschen eine Hoffnungsgestalt.; denn er gibt ihm seinen Geist und er wird das Recht bringen. Nennen wir den einen Hoffnungsträger, der das Recht bringt? Ja, ich denke schon. Denn das Recht ist eine der Grundfesten unserer Gesellschaft. Wir sind froh und stolz auf die Errungenschaft des Grundgesetzes und der anderen Rechte, die die verschiedenen Fälle und Lagen des Miteinanders in einer Gesellschaft ordnen und klären. Die Geltung des Rechts, die Anerkennung des Rechts durch die Bürger und Bürgerinnen schafft innergesellschaftlichen Frieden.

Die Emphase des Prophetenwortes, das mit großer Geste denjenigen einführt, der einer Menschgemeinschaft das Recht bringt, ist gut nachzuvollziehen. Wir müssen uns nur erinnern an die Väter und Mütter des Grundgesetzes, die nach dem Terror der Hitlerzeit eine Gesellschaft etabliert haben und durch eine verlässliche Rechtsgrundlage inneren Frieden geschaffen haben.

Und doch unterscheidet sich der Friedensbringer des Propheten Jesaja von den Begründern des Grundgesetzes. Denn der Knecht Gottes ist nicht ein besonders kluger Staatsmann gewesen. Er wirkt nicht als politischer Held. Er ist ein Friedensbringer, der eine menschliche Haltung aufzeigt, in der der einzelne Mensch sein Leben zum Ziel bringen kann; der zeigt wie einer sein Leben gut gestalten kann. Dieser Gottesknecht hat heute eine große Konkurrenz. In den Buchhandlungen finden wir eine Flut von Büchern, die dies anbieten: Bücher zur Lebenskunst, zum gelingenden Leben, zur Gelassenheit, zur Lebenskönnerschaft; wie man zum Glück findet und sein Glück machen kann; wie man gesund und ökologisch gut leben kann. Sie kennen das alles. Der Knecht Gottes auf dem Markt der Möglichkeiten? Wie nimmt er sich da aus? Zu seiner Charakterisierung ist weiter gesagt: Er wird weder rufen noch schreien; seine Stimme wird man nicht in den Straßen hören. Vielleicht mögen wir denken, er hat den falschen Öffentlichkeitsberater gehabt. Wer wahrgenommen werden will, muß sich bemerkbar machen. Am besten in allen Medien.

Liegt es möglicherweise daran, dass in der vergangenen Woche in der Zeitung zu lesen war, über 2000 Menschen in Hannover sind im vergangenen Jahr aus der evangelischen Kirche ausgetreten? Sicher, da kommen viele Gründe zusammen, wenn meistens junge Menschen am Beginn ihres Berufslebens ihren Austritt aus der Kirche erklären.

Warum heißt es, dass der Friedensbringer-Knecht Gottes mit leiser Stimme spricht? Warum ruft er nicht laut? Warum räumt er nicht mit allem falschen Wesen lärmend auf? Lassen Sie uns einen Augenblick überlegen wie es bei uns ist. Wann, in welchen Situationen werde ich laut? Was bringt mich dazu aufgebracht zu reden, zu schreien? Oder in welchen Situationen war ich damit konfrontiert, dass mein Gegenüber laut wurde? Immer wieder können wir beobachten, wenn einer seiner Sache nicht ganz sicher ist, und die möglicherweise ihm selber verborgene Unsicherheit mit aufgeregter Lautstärke überspielt werden soll. Oder wenn einer seine Überzeugung unter allen Umständen dem anderen aufdrücken will und nicht gesprächsbereit ist, wird einer laut.

Wer aber seiner Sache gewiß ist, muß nicht auftrumpfen; bestimmt und klar kann er sagen, was er zu sagen hat. Damit könnte es zusammenhängen, wenn der Knecht Gottes mit dem Recht, das er unter Menschen stark machen will, nicht mir aufgeregter Stimme spricht. Denn so heißt es ausdrücklich. Er spricht im Geist Gottes. Er verkündigt nicht seine eigene unsichere Meinung, er hat etwas zu sagen, was aus größeren Weiten zu uns spricht. Aus der Gottesweite, die die ganze Welt umfasst.

Die leise, gewisse Stimme des Gottesknechtes wird noch in einer Hinsicht in zwei Bildern uns näher vor die Augen gestellt. Wenn er spricht, wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und der glimmende Docht nicht ausgelöscht. So kommt jetzt der Zuhörer, die Angeredete in den Blick. Das Recht, das der Knecht Gottes vermittelt, wird so in die Welt gebracht, dass die Geknickten, die Zweifelnden, die Entmutigten, die Erniedrigten einen Schub neuer Energie bekommen; sie dem Leben wieder aufgeschlossen werden.

Mit der leisen, gewissen Stimme wendet der Gottesbote sich an das Innere, das heißt wie ein Mensch über sich selber denkt und sich zu sich selber verhält. Das Recht, das er bringt, ist keine abstrakte Theorie; er spricht je in das Innere eines Menschen und räumt da auf. Schafft da eine neue Ordnung, so dass aus den Geknickten, Entmutigten, Gedemütigten Gottes Kinder werden, die neuen Geist beseelt sind. Wie gut tut diese Nachricht: Unser Inneres Fühlen und Denken, die Spiralen der Angst, die Sackgassen des Trübsinns, die Sümpfe der Kleinlichkeit, die Niederungen des Selbstbetrugs können und sollen aufgeräumt werden.

Gute Nachricht zum neuen Jahr: Es gibt den Geist von Gott, der eine neue Ordnung in uns schafft, in der das Leben, unsere Seele sich von den Schlacken der dunklen Befürchtungen befreit, und erholt und erfrischt tief aufatmet – zu neuen Taten und Schritten.

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