7. Juli 2013 | Predigt

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

eigentlich ist alles gesagt! Die Kantate hat uns eine klare, umfassende Predigt gehalten über Gott und die Welt und das Leben an und für sich. Wenn wir den Text betrachten, dann lautet diese Predigt kurz gefasst – ohne all das, was Bachs wunderbare Musik uns sagen kann – etwa so:

  1. Der Christenmensch ist „vergnügt mit seinem Glücke“ und zufrieden mit seinem Schicksal

– so die Eingangsarie. Schließlich erhält ihn Gott unverdientermaßen, denn – so das erste Rezitativ – Gott ist uns „ja nichts schuldig“. Zwar sei der Mensch „ungeduldig“ und betrübe (sich) oft, „wenn ihm der liebe Gott nicht überflüssig gibt.“ Aber da gehöre es sich – so die Kantate – beherzt gegen anzugehen: Wir sollen mit Freuden unser „weniges Brot“ essen und

„dem Nächsten von Herzen das Seine gönnen“, das sei nicht nur recht und billig, sondern dazu auch noch praktisch für das eigene Seelenleben, denn – so die Summe der frohen, beschwingten erlösten zweiten Arie: „Ein dankbares Herze, das lobet und preist, vermehret den Segen, verzuckert die Not.“ Dieses dankbare Herz aber hat seinen Grund natürlich nicht allein im tapferen Essen des „wenigen Brot(s)“, sondern vielmehr in der fröhlichen Gewissheit des zweiten Rezitativs der Kantate:

Und wenn mein Lebenslauf, Mein Lebensabend wird beschließen, So teilt mir Gott den Groschen aus,

Da steht der Himmel drauf.

O! wenn ich diese Gabe

zu meinem Gnadenlohne habe, So brauch ich weiter nichts.

Liebe Gemeinde, wenn das so ist, dann ist in der Tat alles gut. Punkt. Ende. Schlusschoral.

  1. Gestatten Sie mir trotzdem einige Nachbemerkungen zu dieser Predigt der Kantate und zwar auf der Grundlage des Predigttextes für den heutigen 6. Sonntag nach Trinitatis.

Er steht beim Propheten Jesaja im 43. Kapitel und lautet:

Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;

ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen;

und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen!

Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.

Liebe Gemeinde, wenn wir das hören, dann scheint es, die Bachkantate 84 mit ihrer frohen Glückszufriedenheit sei die perfekte Antwort auf diese berühmte Verheißung des Propheten Jesaja. Dabei kann Ihnen ruhig verraten – viele Experten unter Ihnen wissen es sowieso – dass die Kantate 84 gar nicht die Kantate für diesen 6. Sonntag nach Trinitatis ist, sondern ursprünglich für den Sonntag Septuagesimae kurz vor der Passionszeit gedacht war.

Aber sie passt trotzdem ganz gut als Antwort auf unseren Predigttext. Die Zusage Gottes:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ ist umfassend und großartig. Da soll man doch wohl mit dem

Textdichter dieser Kantate ausrufen dürfen: „O! wenn ich diese Gabe zu meinem Gnadenlohne habe, so brauch ich weiter nichts“!

  1. Doch ganz so einfach ist es nicht: Angst und Not, Furcht und Sorge gehören zu unserem Leben, auch wenn wir uns häufig wünschen, wir könnten diese vier Reiter der inneren Apokalypse für allemal besiegen. Doch daraus wird nichts, solange diese Welt besteht. Wir müssen immer wieder neu um Furchtlosigkeit ringen. Wunderbare Worte wie aus Jesaja 43 können Kraft geben und Mut machen, aber sie können uns eben doch nicht in den Stand ständig währender Glücksvergnügtheit setzen. Wir brauchen wieder und wieder den Anruf und die Zusage: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dicherlöst!

Ja, wir Christenmenschen glauben, dass wir schon erlöst sind, denn schon in der Taufe hat sich Gott für uns entschieden, Gott sei Dank! Von Martin Luther ist überliefert, dass er in dunklen Stunden, wenn er nicht mehr weiterwusste, mit Kreide auf den Tisch schrieb:

„baptizatus sum“ – zu Deutsch: „Ich bin getauft!“ Und der heutige 6. Sonntag nach Trinitatis steht mit seinen Texten und Liedern ganz im Zeichen der Erinnerung an die Taufe. Eben haben wir den Tauf- und Missionsbefehl gehört, gleich werden wir singen „Ich bin getauft auf deinen Namen“, und immer wenn ich den berühmten „Fürchte-dich-nicht“-Satz höre, dann denke ich an meine Taufe vor über 47 Jahren, denn Jesaja 43, 1 ist mein Taufspruch.

  1. In der Bibel ist der Ruf „Fürchte dich nicht!“ eng verbunden mit dem Auftreten der Engel – am berühmtesten natürlich in der Weihnachtsgeschichte, dort im Plural: „Fürchtet euchnicht

– siehe, ich verkündige Euch eine große Freude“ – aber auch an vielen anderen Stellen, zum Beispiel in den Vätergeschichten des Alten Testaments oder als Maria erfährt, dass sie den Heiland gebären soll.

  1. Ich habe Ihnen heute einen Engel mitgebracht, den ich vor gut zwei Wochen in der Hamburger Kunsthalle kennengelernt habe, als ich die Engel-Ausstellung mit Werken von Paul Klee besuchte. Paul Klee, einer der bedeutendsten Maler der klassischen Moderne, malte das Bild 1920 und gab ihm den Titel: „Angelus Novus“ – zu Deutsch: „neuer Engel“ oder auch „junger Engel“.

Die berühmteste Interpretation dieses Bildes stammt vom Philosophen Walter Benjamin. Über Walter Benjamin gäbe es viel zu sagen, er lebte von 1892 bis 1940, und ist ein faszinierender Denker des 20. Jahrhunderts. Heute aber soll uns nur seine Interpretation des Angelus Novus von Paul Klee interessieren. Sie findet sich in der neunten von Benjamins 18 Thesen „Über den Begriff der Geschichte“. Sie können sie auf der Rückseite des Bildes mitlesen:

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt.

Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.

Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

  1. Liebe Gemeinde, als ich vor gut zwei Wochen in der Hamburger Kunsthalle diese Worte gelesen hatte, da begann ich in dem Bild gleichsam den Sog zu erkennen, der die Flügel des Engels und den Engel selbst nach hinten treibt, im „Sturm vom Paradies“. Ich sah den Engel kämpfen mit seinen Flügeln, die er nicht mehr vor seinem Antlitz schließen kann.

Durch die Worte Walter Benjamins begann dieses Bild für mich zu leben. Und je länger ich vor dem Bild verweilte, da erkannte ich noch etwas. Ich erkannte in diesem Engel der traurig- komisch-rutschenden Gestalt auch die Geste des segnenden Christus und hörte die Worte:

„Fürchte dich nicht!“ Nun mag jeder eigene Assoziationen haben, aber vor meinem geistigen Augen stand über diesem Bild „Fürchte dich nicht!“. Und zwar gleichzeitig als Ausruf des Klee’schen Engels wie auch als Anruf an den Engel selbst. Paradox, aber so war’s.

  1. Fürchte dich nicht! Ein wichtiger, ein lebenswichtiger Anruf und Ausruf, denn es gibt ja so viele Gründe, dass wir uns fürchten. Es gibt auf dieser Welt tausend Plagen und große Jammerlast. Paul Klees Bild in der Deutung Walter Benjamins erinnert mich besonders an etwas, was wir alle kennen: An die Furcht vor Neuem, an die Schmerzen, wenn sich etwas Bahn bricht, von dem wir ahnen, dass es sein muss, auch wenn es weh tut. In jedem Menschenleben gibt es das – immer wieder und je und je neu. Ein weites Feld.

Nur ein Beispiel, das mich in meinem Dienst in den vergangenen Wochen diesen Geburtsschmerz des Neuen spüren ließ, möchte ich Ihnen zum Schluss kurz schildern:

Die Evangelische Kirche in Deutschland, die EKD, hat am 19. Juni eine Orientierungshilfe zur Familie veröffentlicht. Sie trägt den Titel „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit –

Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“. Der Text nimmt die heutige Wirklichkeit von Familien in Deutschland in den Blick und erkennt an, was schon lange Realität ist und eigentlich auch schon immer Realität war: nämlich dass Familie in vielfältigen Formen existiert – natürlich als die „traditionelle Familie“ mit Vater, Mutter, Kind, aber auch als Patchwork-Familie in verschiedenen Konstellationen, als Alleinerziehende mit Kindern und als gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften. Jeder weiß das, aber wenn die Kirche das so deutlich ausspricht, dann möchten das viele nicht so gerne hören. Insofern gibt es viel Kritik an dieser Schrift, wobei leider „der Clou“ des Textes häufig nicht gewürdigt wird, nämlich dass die tragenden Werte von Ehe und Familie, die da sind Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und gegenseitiges Vertrauen als ethischer Maßstab auch an andere Beziehungen angelegt werden.

Ich finde es überfällig und zutiefst evangelisch, wenn in dieser Schrift der evangelischen Kirche deutlich gesagt wird, dass auch diese erweiterten Formen der Familie unter dem Segen Gottes stehen und dass sie nicht abgewertet werden müssen gegenüber der traditionellen Ehe und Familie.

  1. Die heftige Diskussion darüber aber zeigt: Wenn sich etwas Bahn bricht, was sein muss, dann tut es weh. Denn wir möchten verweilen beim Vertrauten und das Zerschlagene wieder zusammenfügen – so wie es Walter Benjamin dem Angelus Novus von Paul Klee zuschreibt. Es sind Geburtsschmerzen des Neuen, und es sind wahrlich keine Phantomschmerzen, wenn wir Abschied nehmen müssen von Vertrautem und felsenfest sicher Geglaubtem oder auch nur irgendwie als sicher Gefühltem. Und das, was uns in die Zukunft treibt, mutet wie ein Sturm an.

Doch der Sturm, so Walter Benjamin, weht vom Paradiese her.

Damit ist nicht gesagt, dass alle Stürme, die uns in die Zukunft treiben, vom Paradiese her wehen. Aber so viel steht fest: In allen Stürmen, die uns antreiben, geht Gott mit, und er ruft uns zu:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;

ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Amen.

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