23. Juni 2013 | Predigt

Altarraum der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Haltet euch nicht selbst für klug.

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4. Sonntag nach Trinitatis – Predigttext: Röm. 12, 17 – 21 – Hans-Bernhard Ottmer 

NEUSTÄDTER HOF – UND STADTKIRCHE HANNOVER – 23. JUNI 2013 – 11.00 UHR 

Haltet euch nicht selbst für klug. (16) 

Vergeltet niemand Böses mit Bösem. (17) 

Befleißigt euch der Ehrbarkeit gegen jedermann. 

Ist´s möglich, so viel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden. 

Rächt euch selber nicht, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35) „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr“. 

Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn. 

Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. 

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (21) 

Liebe Gemeinde, 

Jesus und Paulus heute in seltener Eintracht: 

Jesu Rede haben wir gerade im Evangelium gehört: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt“. 

Und Paulus in seinem Brief an die Gemeinde zu Rom ist der Predigt-Text heute: 

„Haltet euch nicht für klug. Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Ist´s möglich, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selber, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes…“ 

Wer von uns wollte dem im Ernst widersprechen? 

Es ist ja alles richtig und total einsichtig, mehrheitsfähig vermutlich sogar zwischen Protestanten und Katholiken, sozusagen „aufgeklärte Ethik“ im Sinne des großen Philosophen Leibniz. Und der bedeutendste Katholik unserer Tage, Hans Küng, hat diese beiden Stellen aus dem Neuen Testament vermutlich längst für sein „Welt-Ethos der Religionen“ reklamiert. 

Was sollen wir also noch dazu sagen? 

Ernsthafte Christenmenschen sind seit Jahrhunderten für Barmherzigkeit, für Frieden, und gegen vorschnelle Richtersprüche über andere; wir sind für BROT FÜR DIE WELT, für MISEREOR , für die Bewahrung der Schöpfung – und Rache war doch unsere Sache eigentlich nie. 

Also: lasst uns die Bibel zuschlagen. Die Predigt beenden. Und alle kommen heute zwanzig Minuten früher nach Haus´… 2 

II 

Na ja, Sie merken – das war eben nicht so ganz ernst gemeint. 

Die Stelle aus dem Römer-Brief ist immerhin der „vorgeschlagene“ Predig-Text für den 4. Sonntag nach Trinitatis. In früheren Zeiten war es der „verordnete“ Predigt-Text. Da musste laut landeskirchlicher „Verordnung“ drüber gepredigt werden. 

Welch eine Einladung, welch eine Versuchung für die Prediger, für d e n Prediger, für die Predigerin. 

Beide kennen natürlich die Konflikte in ihren Gemeinden. Es gibt keine christliche Gemeinde – sei sie evangelisch oder katholisch – ohne Konflikte. Das war zur Zeit des Apostels Paulus nicht anders. Selbst in den kurzen Jahren der Wirksamkeit Jesu gab´s Streit unter den Jüngern. 

Was also liegt näher, als dem Streit mit entsprechenden „christlichen Ermahnungen“ zu begegnen. 

Ich lese nochmal aus Römer 12: 

„Haltet euch nicht selbst für klug. – Vergeltet niemand Böses mit Bösem. – Befleißigt euch der Ehrbarkeit gegen jedermann und jede Frau – Ist´s möglich-so viel an euch ist – so habt mit allen Menschen Frieden. – Rächt euch nicht selber… 

Dann kommt der diakonische Auftrag: 

„…wenn deinen Feind hungert, so speise ihn… so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln… (Darüber müssten wir noch mal gesondert nachdenken…) 

Summa: „Lass dich vom Bösen nicht überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“. 

Nun ja… 

Ich bin Jahrzehnte lang Pfarrer in ländlichen Gemeinden gewesen. Ich kenne mich da einigermaßen aus. Ich weiß wie man sich selber für klug hält – besonders als Pastor oder Pastorin, aber nicht nur wir. – Es gibt da viele kluge Leute. Und die melden sich besonders im Streit. 

Viele zitieren dann gern die Bibel. Und wissen genau, wie im Streit zu entscheiden ist. Jemand, der in einer solchen Konfliktsituation fast aus der Kirche ausgetreten wäre, sagte mir mal: „Das Schlimmste ist: wer bei uns zuerst Jesus sagt, hat gewonnen. – Meint er jedenfalls…“ 

Wie gesagt: ich kenne mich auf meinen Dörfern aus. 

Wie das bei Ihnen in der Stadt ist, weiß ich nicht. Ich ahne allerdings Ähnliches, weil es in der Stadtgemeinde Roms damals nicht anders war. 

Paulus hat es versucht mit christlich-moralischen Appellen. So weit wir wissen, ist er damit meist gescheitert, besonders in Korinth. 3 

Ich habe in langen Jahren pastoraler Konfliktbegleitung gelernt, dass die hehren christlich-biblischen Weisungen zum Frieden untereinander es am Ende eher verhindern, unsere Konflikte offen angehen. Weil es sich unter ordentlichen Christenmenschen ja nicht gehört, miteinander im Streit zu leben. Also schlucken wir unsere Enttäuschungen lieber herunter, als sie offen an- oder auszusprechen. 

Bis irgendwann der Topf überkocht. 

Und dann soll der Superintendent schlichten. Oder die Ehe- und Lebens- und Gemeindeberatung. Wenn das alles nicht hilft, kommt am Ende das Landeskirchenamt… und kriegt´s auch nicht hin, sondern organisiert eine „amtliche Lösung“ – wie immer die aussehen mag… 

Aber wenn´s in unseren Familien so richtig kracht oder in der Nachbarschaft – da gibt´s keine „Institution“, die man sozusagen „amtlich“ zu Rate ziehen kann. Wer sich dann professionelle Hilfe sucht, wird irgendwann merken, dass Konflikte nicht einfach mit biblischen Sprüchen zu lösen sind. 

III 

Mit Paulus – denke ich – kommen wir aus unseren meist sehr komplizierten Konfliktlagen kaum heraus. Sein Vorschlag, dem Widersacher durch gute Zuwendung auch noch „feurige Kohlen aufs Haupt“ zu sammeln, ist nicht ohne hintergründiges „Siegesgefühl“: S o siegen Christenmenschen über ihre Widersacher… Glaubt er. – Ich weiß nicht, wie es mir ginge, (oder Ihnen..)wenn ich – oder wenn Sie – mit einem solchen Christenmenschen Streit hätte… 

Ich merke, mit Paulus komme ich hier nicht so recht weiter. Und darum behaupte ich schlicht: 

Ich halte Jesus für klüger. 

Der konnte aber auch „leichter“ oder „offener“ an die Konflikte seine Mitmenschen herangehen, weil er keine Christengemeinde friedlich zusammenhüten musste, wie Paulus. 

Bei Jesus hört sich das so an. Ich komme zurück auf die Evangelien-Lesung heute. 

“Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.. Denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird man euch wieder messen.“ 

Da gibt es offenbar einen Zusammenhang zwischen dem, was ich über andere wertend sage – und mit mir selber. Es sind ja nicht gleich die „Richtersprüche“, die ich über andere äußere, es sind zunächst „nur“ die „Wertungen“, mit denen ich andere Menschen „ab-werte“. In der Seelsorge-Ausbildung lernen wir es sehr mühsam, auf alle „Wertungen“ zu verzichten und stattdessen einfach „wertfrei“ ein Problem zu beschreiben. Das muss man übrigens richtig üben! 

Es gibt da allerdings eine Stelle im Römer-Brief, da hat Paulus genau dieses Problem – oder besser dieses „Phänomen“ – im Sinne Jesu verstanden: 

„Denn worin du den anderen richtest – wertest – , verdammst du dich selbst, weil du eben dasselbe tust, was du richtest…“ (Rm. 2,1). 4 

Diesen Zusammenhang hat Jesus – so weit ich es sehen kann – als erster gesehen, erkannt, formuliert – v o r aller modernen Psychologie und Seelsorge: Was du über andere sagst, sagst du – ohne es zu ahnen – über dich selbst. 

Es gibt dieses berühmte Beispiel: Wenn einer mit seinem Zeigefinger auf andere zeigt, zeigen d r e i F i n g e r auf ihn zurück. 

Dazu ein ganz harmlos-unverfängliches Beispiel weil im September z.B. Bundestagswahl. Ist. Da sagt der Vertreter der einen Partei etwas und einer von der anderen Partei reagiert sofort empört und meint: das sei doch alles nur Wahlkampfgetöse. Weil er selber weiß, was man im Wahlkampf sagen muss, um Wähler zu gewinnen, unterstellt er dem Widersacher eben genau d a s , was er selber sagen würde… 

Das ist zunächst und für alle relativ leicht durchschaubar. 

Schlimm wird es, wenn sich eine sog. „kritische Öffentlichkeit“ aus Politikern, Medien, Einzelpersonen zusammenrauft, um einen Mann fertig zu machen, der immerhin ein nicht ganz erfolgloser Ministerpräsident war und in unser höchstes Staatsamt gewählt wurde. Den sie alle gemeinsam Abend für Abend in ihren talk-shows aus dem Amt mobbten, weil er Fehler gemacht hatte; auf dessen Kosten sich jeder gefahrlos in Interwies und Leserbriefen profilieren konnte, dem die Staatsanwälte monatelang hinterher ermittelten – um am Ende bei einer ungeklärten Summe von ca. 700 Euro anzukommen. 

Die da geredet, argumentiert, gewertet und gerichtet haben, haben m e h r über sich selbst gesagt, als über das Opfer ihrer öffentlichen Empörung. 

Und das in einem Land, das sich so viel zugute hält auf seine „jüdisch-christliche Tradition“… 

Ach ja: besonders die christliche Tradition: wussten Sie, dass nach der Reformation das lutherische Hannover 1533 den Katholiken das Wohnrecht in der Altstadt entzogen hat…? 

Erst nach dem 30-igjährigen Krieg konnten hier diese Hof- und Stadtkirche, die kath. Clemenskirche, die reformierte Kirche und im 19. Jahrhundert dann die Synagoge gebaut werden, die dann zusammen zur „Straße der Toleranz“ wurden – bis zum November 1938… 

Im Evangelium des heutigen Sonntags heißt es: 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. 

Wie schwierig das ist und war, lehrt uns nicht nur unsere deutsche Geschichte. Auch unsere persönliche Lebensgeschichte weiß davon zu berichten, wenn wir uns denn selbstkritisch erinnern. 

IV 

Um nicht nur von anderen zu reden, will ich Ihnen zum Schluss mal erzählen, wie es mir selbst mit meiner eigenen Unbarmherzigkeit ergangen ist im letzten Jahr meiner Dienstzeit. 

Da mussten wir einen Mitarbeiter fristlos entlassen, weil er sich an einem Jugendlichen vergangen hatte. Das kommt eben nicht nur in der katholischen Kirche vor. Dieser Mann war begabt, beliebt, erfolgreich in seiner Arbeit. Ich hatte absolutes Vertrauen in diesen Menschen. Ich habe ihn sehr geschätzt und gefördert. 5 

Ich war nun entsetzt, verstört, verletzt, tief enttäuscht – das „ganze Programm“ missbrauchten Vertrauens. 

Einige Jahre später hat er sich in Berlin das Leben genommen. 

Mein alter Landessuperintendent Hartmut Badenhop rief mich an und fragte, ob ich Näheres wüsste. Ich wusste nichts Näheres, aber ich fing sogleich an, ihm am Telefon meine ganze Enttäuschung nochmal „vorzusingen“. 

Hartmut Badenhop hörte nicht lange zu. Er sagte nur kurz: „Der steht jetzt vor einem anderen Richter“. 

Und ich spürte sofort: das war „zurechtweisende“ Seelsorge: „Rächt euch selber nicht, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes. Denn es steht geschrieben: die Rache ist mein, spricht der Herr. Ich will vergelten…“ 

Und ich erinnerte mich an das Ende der Josefs-Geschichte, wo die Brüder die Rache Josefs fürchten um all der Dinge willen, die sie ihm angetan hatten. Da tröstet er sie mit dem Satz: 

„Stehe i c h den an Gottes Statt?“ 

„Die Rache ist mein, spricht der Herr“. – Und Gottes Rache ist hoffentlich anders, als unsere Rache-Gefühle. 

„Der steht jetzt vor einem anderen Richter…“ 

Das war ein befreiender Satz. Ein Satz der Barmherzigkeit. Ich konnte danach zur Trauerfeier gehen ohne die alten bösen Gedanken in meiner Seele. 

Manchmal ist es eben doch gut, wenn wir uns gelegentlich mit Sätzen der Bibel trösten lassen, uns gegenseitig ermutigen und – wenn Gott Gnade gibt – einander vergeben. 

Darum ist es gut, sinnvoll und hilfreich, 

dass jede Predigt unter uns mit den Worten schließt: 

„Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus“. – Amen. 6 

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