16. Juni 2013 | Predigt

Kirchenfenster mit Blumenkranz von 1669

„Hast du denn ganz die Rosen ausempfunden vergangenen Sommers?“

Predigt von Pastorin Martina Trauschke am 16. Juni 2013 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Liebe Gemeinde!

Als Lesung haben wir einen Abschnitt ( Kap. 2, 1-7 ) aus dem Hohenlied Salomos gehört. In den Lesungen des Sonntags kommt diese Sammlung altorientalischer Liebeslieder nicht vor. Ich habe nach biblischen Texten gesucht, in denen die Rose vorkommt. Aber ich habe keine Stelle gefunden. Aber die Lilien und Blumen des Hohen Liedes sind mir gerade recht. Und die zweite Lesung aus dem Römerbrief des Paulus ( Kap. 8 ) Er spricht von der Schöpfung, die seufzt und mit uns auf Vollendung wartet, da sie der Vergänglichkeit unterworfen ist.

Das Erleben von Schönheit, die starke, bewusste Erfahrung von Schönheit hat eine Macht der Unvergänglichkeit und doch ist sie der Endlichkeit unterworfen. Wir sehen einen Rosenbusch in seiner Fülle der Knospen und ersten vollen Blüten; wir sehen das goldene Grün eines Buchenwaldes in der Abendsonne, das silberne Glitzern der Sonne auf dem Wasser. Ich sehe es und möchte es nicht vergessen. Im Ergriffensein durch Schönheit ist die Spannung erlebbar, in der wir stehen zwischen Vergänglichkeit und Momenten der unverlierbaren Erfahrungen, die sich tief einprägen.

Für den Dichter Rainer Maria Rilke ist die Rose zu einem Symbol, vielleicht dem wichtigsten, in seiner Dichtung geworden. In seiner frühen Zeit lebte er ein Worpswede mit anderen jungen Künstlern. Der Malerin Paula Modersohn-Becker und der Bildhauerin Clara Westhoff bringt er Rosen mit; eine Rose bei sich zu tragen wird zum Erkennungsmerkmal und in Briefen und Gedichten tauchen die Rosen wieder auf: ein Symbol für ein festlich gehobenes Lebensgefühl, wie es in dieser Künstlerwohngemeinschaft in Worpswede den Grundton und den Schwung gab. In den „Winterlichen Stanzen“ heißt es:

„Hast du denn ganz die Rosen ausempfunden vergangenen Sommers?“

Jetzt blühen die Rosen und wir haben dazu alle Gelegenheit die Rosen zu empfinden, Wilder Rosenbusch

Wie steht er da vor den Verdunkelungen des Regenabends, jung und rein;

in seinen Ranken schenkend ausgeschwungen und doch versunken in sein Rose-sein;

die flachen Blüten, da und dort schon offen, jegliche ungewollt und ungepflegt;

so, von sich selbst unendlich übertroffen und unbeschreiblich aus sich selbst erregt,

ruft er dem Wandrer, der in abendlicher Nachdenklichkeit den Weg vorüberkommt:

Oh sieh mich stehn, sieh her, was bin ich sicher und unbeschützt und habe was mir frommt.

Bei einem Abendspaziergang nach oder vor einem Regen sehe ich den Kontrast zwischen manchen dunklen Wolken und einem Rosenstrauch am Wegrand. Bei einem Spaziergang an der Leine oder Ihme haben wir das schon hundertfach erlebt. In dem Gedicht vom wilden Rosenbusch ergeht es dem Spaziergänger so, dass er plötzlich diesen Rosenbusch wahrnimmt, möglicherweise ist er schon viele Male vorbeispaziert, ohne auf diese wilde Rose aufmerksam geworden zu sein. Es gibt diese Momente, in denen wir mehr sehen und dessen gewahr werden, was ist.

Das erste Wundern nimmt wahr wie dieser Busch im Schwung seiner Zweige sich hingibt. In dieser schenkenden Geste gleichzeitig bei sich bleibt. Die wilde Rose wird zum Bild einer erstrebten menschlichen Haltung: sich dem andern gebend und darin doch sich selber treu sein; bewahren und geben in einem einzigen Akt. Eine wilde Rose hat nicht die so bevorzugten Reize einer veredelten Rose: die üppig gefüllte Blüte. Niemand hat sich um sie gesorgt, nicht im Frühjahr beschnitten, nicht gedüngt, gegen Schädlinge gespritzt und dennoch bringt sie alles aus sich heraus. Niemand hat sich um sie bekümmert zu niemandes Zweck und Nutzen steht sie da. Keiner will an ihr seine Gärtnerkunst beweisen und vorzeigen. Die wilde Rose wird zum Symbol und Sinnbild einer Haltung zu leben. Sicher und unbeschützt. Wie kann einer sicher sein, wenn er unbeschützt ist? Mir fällt das Bild aus der Bergpredigt ein: Seht die Lilien auf dem Feld. Sie säen nicht, sie sorgen nicht und der himmlische Vater ernährt sie doch. Wir wissen nicht ob der Dichter an dies Bibelwort gedacht hat.

Im Frühjahr 1924 ist das Gedicht entstanden. Rainer Maria Rilke hielt sich in Muzot in der Schweiz auf. In der Walliser Bergwelt machte er seine Spaziergänge und entdeckte dies plötzlich Neue. Bislang waren es die vielblättrigen, zu üppiger Form und Farbe gezüchteten Rosen, die ihm zum Daseinssymbol geworden waren. In diesem wilden Rosenbusch sieht er eine Möglichkeit zu leben, die nicht vom Willen dominiert ist, die einer Selbstbewegung des Lebendigen von innen her sich verdankt.

Das zweite Gedicht „Die Rosenschale“ stammt aus einer früheren Epoche von 1907. ( Lesung des Gedichts ) Wenn wir de Bildern folgen im Gedicht, sehen wir die verschieden farbigen und unterschiedlich aufgeblühten in dieser Schale vor uns. Der Strauß wird immer reicher, vielfältiger. Bis die Vielfalt gefasst wird zu einem Strauß. Denn eins vor allem entdeckt er in der Farb-, Formen- und Duftvielfalt: Die Rosen enthalten nur sich, hingegeben dem eigenen Gesetz der Entfaltung; davon hat Rilke eine genaue Vorstellung, darauf läuft das Gedicht zu. Alle in dem langen Gedicht ausgeführten Bilder finden in den letzten acht Zeilen die Zuspitzung. Das erlebte Schicksal der äußeren Gegebenheiten in eigene Erfahrung zu verwandeln: in eine Hand voll Innres.

Wir sind den von außen kommenden verschiedenen Wettern und Jahreszeiten ausgesetzt wie den Empfindungen, die dadurch hervorgerufen werden. Wir handeln, ohne das Ganze zu kennen. „Vermummtes Schicksal“ nennt Rilke es, dies alles strömt auf uns ein, damit jeder es in sein Inneres verwandelt.

Die Rosen verlocken uns durch ihre Schönheit und diesem Dichter sind sie ein Gleichnis und Appell einer menschlichen Aufgabe. Das äußere Geschehen ist stark, überwältigt uns. Die Menschen, die der Überflutung ihrer Häuser in den letzten Wochen ausgesetzt waren, haben diese schlimme Erfahrung gemacht. Menschlich wird es erst ganz, wenn diese einströmenden, überwältigenden Widerfahrnisse uns zu innerer Arbeit anregen: sie in Eigenes und Inneres zu verwandeln. Das ist die These über das Glück: Das Geschehen, in dem ich mich befinde, in Inneres, Persönliches zu verwandeln.

Im Neuen Testament in der Bibel begegnen uns viele Menschen, die nicht mehr hören oder sprechen oder sich bewegen können. Jesus begegnet ihnen so, dass die gestörten Organe, die Austausch und Wechsel von Innen nach Außen, von Außen nach Innen wieder in Bewegung gesetzt werden. Glück und volles leben ist demnach, die Antwort, die wir mit unserer Person auf die Welt geben; die Verwandlung der Welt ins Persönliche.

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